Wird nichts mit großer Fahrt

Immerhin – ein Schiff! Zwar kein Segelschiff und auch nur für die Binnenschiffahrt bestimmt und mit Sicherheit nie wieder fahrtüchtig, aber noch sind wir nicht so alt, dass wir diese Ersatzlösung nicht abenteuerlich verklären könnten.

Wir spielen unter anderem Szenen aus „Der Seewolf“ nach. Vor allem die berühmten Kartoffelquetschübungen nach Kapitän Larsen führen wir aus, die natürlich kläglich enden. Allerdings wissen wir zu dieser Zeit noch nicht, dass die Kartoffel für den grandiosen Larsen-Darsteller Harmstorf vorgekocht ist.

Das kleine Schiff ist einer der sogenannten Schubprahme, mit dem Lastkähne vor allem mit Erz, Kohle und Zuschlagstoffen für das große Werk über den Kanal geschoben werden. Er ist auf der sandigen Böschung zwischen der westlichen der beiden Brücken am alten Abstieg und dem nördlichem Becken der ehemaligen Unterschleuse abgestellt. Die Bezeichnung „Insel“ für das Naherholungsgebiet, an dessen östlichem Rand wir den Kahn finden, ist keineswegs nur ein Euphemismus. Der südliche, nicht mehr befahrene alte Kanal ist allerdings zur Hälfte unterirdisch verlaufend bzw. durch ein sumpfiges Dickicht, das eher liebevoll als abwertend „Modderkanal“ genannt wird.

Wir gelangen jedoch mühelos in eine Art Wohn- und Schlafraum. Die wie Einbauschränke installierten Gestelle der Doppelstockbetten sind deutlich zu erkennen. Leider verfügen sie nicht mehr über Lattenroste und Matratzen.

Das wäre es! Ein Versteck, in dem man zur Not übernachten oder sogar einige Zeit zusätzliche Ferien machen könnte. Aber es bleibt alles, wie immer, in Ansätzen und Ahnungen stecken.

Immerhin ist der Herd mit Backröhre noch vorhanden. Aber natürlich ist er nicht angeschlossen. Man kann jedoch ein Feuerchen machen. Natürlich machen wir ein Feuerchen, die obere Metallplatte bietet sich dazu an.

D. h., ich mache kein Feuer. Ich bin mehrfach allein auf dem Kahn, dann mit verschiedenen Mitschülern meiner Klasse. An diesem Tag sind wir zu dritt. Einer der „Ghost“-Imitatoren trollt sich nach kurzer Zeit, nachdem wir auf den Prahm geklettert sind, weil ihm langweilig ist. Das hat aber nichts zu sagen, denn ihm ist oft langweilig. Er entwickelt häufig, was hier allerdings passen würde, das Gebaren eines brummigen alten Seebären, den jede große Fahrt nervt, weil sie nur noch aus der routinemäßigen Abfolge der immer gleichen Alltagshandlungen besteht, denen man noch weniger ausweichen kann als an Land.

Ich bleibe zurück mit dem Jungen, der mich über ein halbes Dutzend Jahre hinweg immer wieder zu rocken versucht, was mir wieder einmal erst lange Zeit später klar wird. Der macht ein Feuer – natürlich! Ich will ihm das ausreden, natürlich. Dies jedoch nicht, weil ich Schiss habe, sondern weil ich mich gewissermaßen gegen den Sog zu wehren versuche, der von den Bemühungen des Jungen ausgeht, mich raus aus der Spur zu bringen. Dieses Motiv meiner Beschwichtigungsversuche ist mir nicht bewusst und daher umso dringlicher.

Es hat dann jedoch in der Tat etwas Anheimelndes, das Feuerchen, wie es auf der obersten Metallplatte wie in einer flachen Wanne knistert. Holzspäne- und Stücke lassen sich mit wenig Mühe aus der Holzverkleidung der Wohn-Kombüse lösen. Das Rohr des Rauchabzugs ist zwar demontiert, aber durch das kreisrunde Loch über dem Herd müsste eine kleine Rauchfahne zu sehen sein.

Ich will das prüfen und steige vom Kahn. In der Tat steht eine dünne, fast durchsichtige Rauchsäule über dem Prahm. Der Feuerleger folgt mir nach und ist begeistert. Kaum etwas erzeugt mehr das Empfinden des Häuslichen oder gar Heimeligen als ein Feuer, und das gilt gerade in zerbrechlichen Unterkünften wie denen auf Schiffen.

Dann gibt es eine Art gedämpften Knall. Wir ahnen, dass etwas außer Kontrolle geraten ist und klettern hastig auf den Kahn zurück. Die Ahnung trügt nicht. Das Feuer ist auf die Wand neben dem Herd übergesprungen. Es knackt immer lauter und der Rauch steigt immer schneller auf, während sich die Rauchfahne immer mehr verbreitert.

Nach einigem hysterischem Geschrei und Geschnatter sehen wir ein, dass wir nichts machen können und klettern wieder vom Schiff. Kaum unten angekommen, will sich mein Mitschüler- und Täter ausschütten vor Lachen, als kurz zischend eine grüngraue Rauchfahne aufflattert. „Dein Anorak – das war Dein Anorak!“ ruft er, und kichert heftig.

Ich habe inzwischen eine Art abwartende Grundstellung eingenommen. Ich bin verärgert, wütend und weinerlich. Dies wiederum nicht, weil ich Angst vor den jetzt mit Sicherheit zu erwartenden Folgen des offensichtlich nicht mehr zu kontrollierenden Brandes habe, sondern weil ich ahne, dass ich gleich heftig und nachhaltig aus meinem Trott und meiner Trance gerissen werde.

Die Befürchtung bestätigt sich schnell. Es knackt und knallt immer lauter im Schiff und schließlich wird die Rauchfahne zu einer dicken, schwarzen und einige Meter hohen Rauchwolke. Offensichtlich haben die Flammen die Holzverkleidung der Kombüse durchbrochen und neue Nahrung gefunden. Zum Glück kann das Feuer das Schiff nicht verlassen, da ringsherum nur nasser Sand ist und das nächste brennbare Material etwa fünfzig Meter entfernt.

Ein Motorradfahrer sieht die Rauchwolke von der Brücke, fährt heran, scheuert uns Eine, dass es uns umreißt, und brüllt uns an, dass wir an Ort und Stelle zu bleiben hätten. Dann rast er zum nächsten Telefon, um die Feuerwehr zu alarmieren.

Bereits wenige Minuten später werden wir von einem Streifenwagen aufgelesen, mit dem man uns ins Volkspolizeikreisamt fährt und der K übergibt. Auf der Fahrt durch den zum Teil noch im Bau befindlichen sechsten Wohnkomplex fällt uns auf, dass auf der Baustelle ungewöhnlich hektisches Treiben herrscht. Wir erfahren nachher, dass es einen Übermittlungsfehler gibt. Ein Diensthabender versteht statt „Kahn brennt“ „Kran brennt“ und löst auf der Baustelle Alarm aus.

Die Vernehmung dauert, mit Pausen, einige Stunden, in denen der mich bearbeitende Beamte immer entspannter wird. Er zündet sich schließlich eine Zigarette an, was mich an Fernsehkrimis erinnert. Ich schäme mich dieser Assoziation, denn sie erscheint mir völlig unangemessen. Am Ende fragt mich der Mann, ob ich auch, wie mein Kumpel ausgesagt hätte, das Feuer anfangs hätte eindämmen wollen, indem ich durch das Loch für den Rauchabzug auf den Herd gepinkelt hätte. Der Kriminalist sagt, das wären mildernde Umstände und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ich verneine erschrocken, und wahrheitsgemäß, denn ich kann mich an derartige Löschversuche nicht erinnern.

Ich muss das Protokoll der Vernehmung durchlesen, das er mit einiger Mühe getippt hat. Jetzt fühle ich mich wie ein Verbrecher. Dies jedoch nicht der fahrlässigen Brandstiftung wegen, sondern weil das Protokoll von Tipp- und Rechtschreibfehlern strotzt. Ich komme mir ungeheuerlich überheblich vor, dies auch nur wahrzunehmen. Aber ich sage nichts dazu und unterschreibe das Protokoll.

Der Dritte im Bunde, der sich abgesetzt hat, und wie sich nun zeigt, rechtzeitig, erscheint mit einem verbundenem Arm. Er gibt vor, beim Arzt gewesen zu sein. Das verblüfft mich weniger als die Tatsache, dass seine Eltern ihn begleiten und hinter ihm stehen. Dass ich neidisch und eifersüchtig bin, weil ich derartige Rückendeckung auch gern einmal erlebt hätte, vermag ich nicht wahrzunehmen.

Noch verblüffender ist, dass meine Eltern mich gar nicht bestrafen. Dies scheint jedoch auf das Ausmaß zu verweisen, in dem ich die Grenzen des Vorstellbaren überschritten habe.

Und dann – die Atmosphäre! Natürlich kann ich die erst recht nicht in Worte fassen. Es gibt auch hier keine Ebene, auf der ich das tun könnte, wäre ich dazu in der Lage. Aber ich bemerke bereits bei der Fahrt mit dem Toniwagen, dass ich auf schwer zu beschreibende Weise anwesend bin, ganz da. Mein häufiger Trancezustand, in den ich mich selbst bei Unternehmungen mit Anderen zurückziehe, ist aufgehoben. Ich sehe jetzt die Welt in gewissem Sinn und Maß, wie sie wirklich ist. Es steigt eine Art Sehnsucht in mir auf, gewissermaßen an dieser Welt teilhaben zu können, wie sie für ein paar Momente aufscheint. Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass diese Sehnsucht nicht erfüllbar ist.

Jetzt, wo ich mich für einige Momente gewissermaßen ganz weit nach draußen geschleudert habe, spüre ich das geradezu schmerzhafte Verlangen, an dieser kleinen Welt teilzuhaben. Vor allem bin ich verblüfft, ja, entsetzt, dass ich das Verlangen nie zu haben scheine. Es hat den Anschein, als ob dieses kriminelle Delikt mich in einen geistigen Zustand versetzt hat, den auf konstruktiven Wegen zu erreichen anstrebenswert sein könnte. Aber auf welchen?

In den folgenden Wochen erfahren wir nach und nach, dass man mit dem Abstellen des Prahms etliche Vorschriften verletzt oder missachtet. Der Schubprahm hätte eigentlich demontiert werden müssen. Hätte man ihn, vorübergehend, abgestellt, hätte er nicht an dieser Stelle abgestellt werden dürfen, an der er jedoch bereits viele Monate steht. Man hätte ihn, wäre er vorschriftsmäßig abgestellt, korrekt sichern müssen und den Zugang absperren zumindest durch Bänder und Warn- bzw. Verbotsschilder. Schließlich hätten die Zugänge zu den Innenräumen des Prahms sicher verriegelt werden müssen und vor allem der Kohlenbunker geleert. Dass der Bunker noch zu etwa einem Drittel gefüllt ist, führt offenbar zu einem Brand dieses Ausmaßes.

Es müssten etliche Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden, würde man der Sache wirklich nachgehen. Stattdessen bewahrt man Stillschweigen. Wir erhalten einen Verweis vor dem Schulkollektiv durch den Direktor und im Abschlusszeugnis des Schuljahres in „Gesamtverhalten“ die Note 4. Zudem beendet mein Klassenleiter die Beurteilung in diesem Zeugnis mit dem gewichtigem Satz: „Überprüfen muss er seine Einstellung zum sozialistischem Volkseigentum.“ Mit diesem Satz werden alle voran getroffenen Aussagen relativiert, insbesondere die positiven Aussagen über meine Entwicklung im zurückliegendem Schuljahr.

Natürlich bin ich Mathe-Fan, weil der Klassenlehrer Mathematiklehrer ist. Die nächste Klassenleiterin ist Deutsch- und Russischlehrerin und ich beginne, gelobte Aufsätze zu schreiben und will schließlich Schriftsteller werden. Der offensichtlich chamäleonhafte Zusammenhang ist mir nicht bewusst.

Mein immer einmal wieder ins Gespräch gebrachter Wechsel auf eine Spezial-Schule vorwiegend mathematisch-physikalischer Ausrichtung hat sich jedoch nach dieser Brandstiftung natürlich erledigt.

Aber das berührt mich nicht wirklich. Ich habe es aufgegeben, und auch das ist mir nicht bewusst, daran zu glauben, dass ich für irgend eine erwachsene Tätigkeit, insbesondere Werktätigkeit, in Frage komme. Ich habe diesbezüglich keine Pläne, keine Ziele, keine Ambitionen, keinen Ehrgeiz. Das wird sich ergeben, ganz selbstverständlich – es geht alles seinen Gang

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2 Antworten zu Wird nichts mit großer Fahrt

  1. Gisela Schall sagt:

    …schöne Geschichten sind das… filmreif!

    „Noch verblüffender ist, dass meine Eltern mich gar nicht bestrafen. Dies scheint jedoch vor allem auf das Ausmaß zu verweisen, in dem ich die Grenzen des Vorstellbaren überschritten habe.“
    (Vielleicht – waren Deine Eltern dabei, etwas zu lernen?)

    „Mein immer einmal wieder ins Gespräch gebrachter Wechsel auf eine Spezial-Schule vorwiegend mathematisch-physikalischer Ausrichtung hat sich jedoch nach dieser Brandstiftung natürlich erledigt.“
    Wieso eigentlich? Was hat das eine mit dem anderen zu tun???

    „Jetzt fühle ich mir wie ein Verbrecher“ (18. Absatz von oben…)
    …und jetzt komme ich mir auch außerordentlich überheblich vor… Dich darauf hinzuweisen… Quark… -> „mich“…

    Wünsche Dir einen freundlichen Sonntag

    • Herr Koske sagt:

      Gnihi. – Das mit dem „mir“ habe ich schon bemerkt, dass hier tatsächlich jemand kommentiert, jetzt erst (ich klappere doch nach dem Posten noch elend lange hinterher).

      Das is‘ echt ’ne Wessifrage, was das Eine mit dem Anderen zu tun hätte… überprüfen muss er seine Einstellung zum sozialistischem Volkseigentum… und so…

      Ich glaube eher, meine Genossen Erziehungsberechtigten waren in Schockstarre…

      Vielen Dank (überhaupt und insgesamt)

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