Wieder einmal rettet mich mein Körper

Dieses Ferienlager ist das schönste aller mir bekannten. Aber das trifft für mich leider nur auf das Äußerliche zu. In geradezu wildem Mischwald steht ein solider Altbau, ein ehemaliges Herrenhaus oder dergleichen. Zum Anwesen gehören etliche Nebengebäude und Gärten. Buchstäblich auf der grünen Wiese befinden sich ein kleines Schwimmbecken und zwei Armee-Zelte für die Jungengruppen. In dem Wald trifft man immer wieder auf kleine Lichtungen mit bunten Wiesen. Sie sind für mich eine Art besonnte Inseln froher Erwartung. Auch das kann und will ich nicht ausdrücken, aber ich spüre es deutlich. Immer noch ist da etwas jenseits der alltäglichen Peinlichkeiten und Plagen, denen man als sogenannter Erwachsener in einer Art ewigem Kreislauf nicht zu entkommen scheint.

Dieser ist mein letzter Aufenthalt in einem Ferienlager. Ich bin gezwungen, ihn wenige Tage vor meinem 14. Geburtstag zu bewältigen. Weil ich nie fahren will, aber alljährlich in den Sommerferien fahren muss, kenne ich mittlerweile viele Ferienlager. Meine Stiefmutter organisiert das. Ich bin nicht normal. Ich hocke nur zu Hause mit der Nase im Buch und verkalke. Meine Mutter kann und will nicht bemerken, dass dieses zu Hause Hocken Ergebnis meines tragikomischen Versuchs des Widerstands ist. Ich versage mir Gruppenerlebnisse mit Gleichaltrigen selbst, um damit Interventionen und Verboten sogenannter Erwachsener zuvor zu kommen. Ich habe diese Art inneren Schwur zur Verweigerung selbst gewissermaßen vergessen, zumal ich ihn unbewusst oder zumindest unausgesprochen getätigt habe. Dies vor allem bereits einige Jahre vor diesem im mehrfachem Sinne abschließendem Ferienlager.

Jetzt habe ich Stress. Es gelingt mir nicht, mich in meine Schutzblase der nur körperlichen Anwesenheit in der üblichen teilweisen Trance mit der Nase im Buch zurückzuziehen. Ich werde provoziert, mich einzugliedern und mitzumachen vor allem bei sportlichen und kulturellen Unternehmungen. Dies zuerst von den zwei Wortführern der etwa 15köpfigen Jungengruppe. Auf diese schon sehr oft erlebte schwer erklärbare und mich immer wieder verblüffende Weise bin ich jedoch kein Sündenbock im üblichem Sinne. Ich muss aber aus diesem innerem Schutzraum heraus. Hier erlebe ich mehrere sozusagen übliche Episoden auf überraschende oder gar bedrohliche Weise anders als gewohnt.

Zunächst wird eine meiner erotischen Vorlieben bemerkt. Ein etwa gleichaltriges Mädchen im kurzem buntem Sommerkleid hockt vor mir auf der Erde und unter ihrem rosa Höschen zeichnen sich ihre bereits fraulich prallen Pobacken ab. Ich stiere nicht nur wie immer bei solchen Höschenblitzern auf das Mädchen, sondern werde dabei wahrgenommen. Ausgerechnet der Bruder des Mädchens, der zu allem Übel auch noch in meiner Gruppe ist, ertappt mich beim Glotzen. Der Junge sagt nichts, sieht mich jedoch mit einem Blick an, der mich zwingt, mich von der unfreiwilligen erotischen Präsentation abzuwenden. Er hält auch im Weiterem dicht. Nicht auszudenken, was geschehen könnte, wenn er seine Beobachtung den anderen Jungen der Gruppe steckt oder gar den beiden Anführern. Ich wäre mit einiger Sicherheit auf weitaus üblere Weise dran als bisher erlebt.

Mir ist durchaus klar, dass ich weniger beschämt bin von der Entdeckung einer meiner diese seltsamen Wesen Mädchen betreffenden Vorlieben. Ich bin jedoch weit entfernt davon wahrzunehmen oder gar aussprechen zu können, dass es eigentlich um das sozusagen übergeordnete Thema „Sich zeigen und sichtbar werden“ geht.

Die beiden Anführer der Gruppe sind kräftig gebaute, laute und im wörtlichem wie im übertragenem Sinne zupackende Burschen. Der eigentliche Boss hat geradezu markante, scharfe Gesichtszüge. Er wirkt wie achtzehn, ist aber höchstens einige Monate älter als ich. Er hat mich besonders auf dem Kieker. Er befürchtet nicht zu Unrecht, dass ich ihm und der Gruppe den natürlich auch hier unter den Gruppen stattfindenden Wettbewerb vermasseln könnte.

Es kommt jedoch ganz anders und der am meisten darüber verblüfft ist, bin ich. Das leuchtet zumindest bei der Geschichte mit der Schwimmübung ein. Alle Mitglieder der Gruppe sollen und wollen ein Sportabzeichen erwerben. Dazu muss unter anderem eine festgelegte Zeit lang geschwommen werden. Wer wie ich nicht schwimmen kann, ist angewiesen, sich zumindest über den vorgeschriebenen Zeitraum hinweg im Wasser zu bewegen und sich dabei möglichst immer nur mit einem Bein vom Boden des Schwimmbeckens abzustoßen. Das tue ich, verbissen um Korrektheit bemüht, um nicht zur Zielscheibe zu werden. Nach wenigen Augenblicken jedoch vollführe ich instinktiv die richtigen Bewegungen und beherrsche damit zumindest das Brustschwimmen. Wieder einmal springe ich über meinen Schatten und wieder gelingt es mir aus Angst.

Dann aber müssen weitere sportliche Übungen absolviert werden, unter anderem Liegestütze. Die Zeit des „Seewolf Spielens“ liegt noch nicht lange zurück, in der ich nach wenigen Monaten Training bis auf vierzig Liegestütze komme. Ganz so viele schaffe ich jetzt nicht. Ich bin aber deutlich über dem Durchschnitt. Einige Gruppenmitglieder werden aufmerksam. Nicht nur zu ihrer, sondern auch zu meiner Verblüffung äußert sich der Anführer anerkennend und zwar ehrlich und nicht spöttisch. Er klopft mir nicht auf die Schulter, aber es ist, als würde er etwas sagen wie: „Bist ja doch keine Flasche, kannst mitmachen, Mann!“

Die Pointe im mehrfachem Sinne ist dann die übliche kulturelle Umrahmung des Lagerfestes, bei der es wertvolle Punkte im Wettbewerb zu erringen gilt. Mir wird als kleiner Teilbeitrag die Rezitation kurzer lustiger Sprüche zugewiesen. Ich stehe schließlich allein auf der Bühne. Alle anderen Beiträge meiner Gruppe werden von mehreren Jungen vorgeführt. Ich deklamiere im übertrieben pathetischem Ton und mit komisch ruckartig abgebrochenen großen Gebärden eines Tragöden Ulk-Verse wie „Im Schnee, da liegt ein Ofenrohr, nun stellt Euch mal die Hitze vor!“ oder „Ein Kumpel fiel ins Kellerloch, na, lass ’n doch!“ Diese Verschen hat mir einer der Anführer zugewiesen, der sie aus einer ähnlichen Veranstaltung kennt. Ich bin beschämt. Was für ein alberner Quatsch! Ich will so schnell wie möglich wieder zu meiner aktuellen Lektüre zurück. Die besteht aus richtiger Literatur. Aber ich beuge mich dem Gruppendruck, zumal die berüchtigten Klassenkeile hier vermutlich im wörtlichem Sinne verabfolgt werden würden.

Zu meiner Verblüffung lachen nicht nur Kinder, sondern auch einige Erwachsene begeistert über meine dürftigen Sperenzchen und spenden heftig Beifall. Auch hier verblüfft mich am meisten das gewissermaßen unausgesprochen im Hinter- oder Untergrund Mitgeteilte. In Worten ausgedrückt könnte es etwa lauten: „Der kann ja was; ein bisschen, aber doch – er kann!“

Ich bin fassungslos. Offensichtlich sind die Jungen bis zu diesen Wettbewerbsübungen überzeugt, dass ich nichts drauf habe. Für mich jedoch ist selbstverständlich, dass alles von mir sichtbar ist. Das ist es jedoch nicht. Bis zu diesen Augenblicken unerwarteter Erfolge ist mir das nicht einmal in Ansätzen bewusst.

Auch jetzt werde ich wieder mit anerkennenden Rückmeldungen von Gruppenmitgliedern bedacht. Der Wortführer äußert sich begeistert über meine kleinen Darbietungen. Dies auch jetzt zu meiner Überraschung völlig aufrichtig, ohne den auch wiederum vor allem von mir erwarteten Hohn und Spott.

Was geschieht hier? Ich merke deutlich, dass ich einigen jetzt unheimlich bin. Ich habe offensichtlich etwas in petto. Aber es ist alles geheim.

Ich vermag es kaum zu genießen, dass ich nach diesen kleinen Erfolgen zwar nicht beliebt bin, aber in Ruhe gelassen werde. Vielmehr werde ich unfreiwillig zur Sensation des Lagers. Kurz nach meinem Bühnenauftritt stellt man fest, dass meine komischen Pickel keineswegs solche sind und schon gar keine spätpubertären Hautunreinheiten.

Beim Frühsport wird mir schlecht und ich klappe ab. Der Gruppenleiter bemerkt zu meiner Überraschung sofort, dass ich nicht simuliere, wie mir immer einmal wieder unterstellt wird. Er bringt mich zum Arzt und der stellt fest, dass ich Windpocken habe. Ich werde isoliert in einem Zimmer des beinahe malerischen alten Hauptgebäudes untergebracht. Jetzt bin ich der Star. Das ist mir, natürlich, sehr unangenehm. Schon bei der Untersuchung deutet der Arzt an, dass ich vielleicht zur unfreiwilligen Verlängerung des Ferienlagers beitrage. Sollte ich jemanden anstecken, müsse Quarantäne angeordnet werden.

Diese Befürchtung bestätigt sich nicht. Zum Glück, wie ich denke, der ich nach dieser Ankündigung erst recht von Schuldgefühlen gepeinigt werde. Die meisten Kinder sind natürlich im Gegensatz zu den Erwachsenen begeistert von der Aussicht auf unerwartet verlängerte Ferien. Bei angeordneter Quarantäne würden die ersten Schultage ausfallen, da das Ferienlager in der zweiten Augusthälfte stattfindet.

Zu dieser Zeit weiß ich noch nichts über Psychosomatik. Ich kenne nicht einmal den Begriff. Zudem überrascht mich diese Erkrankung und das muss sie auch. Seit einigen Jahren übergieße oder dusche ich jeden Morgen mindestens den Oberkörper mit kaltem Wasser und frottiere mich anschließend geradezu wütend kraftvoll ab. Mein Vater hat diese Übung kurz nach dem Umzug in die neue Wohnung befohlen. Seitdem habe ich nicht einmal einen leichten Schnupfen. Die Erkrankungen an Masern und Mumps sind auch nach Aussagen von Ärzten offenbar Folgen der entsprechenden Impfungen. Gegen Windpocken bin ich nicht geimpft worden. Obwohl man immer noch die Rippen zählen kann, bin ich zudem in gutem körperlichem Allgemeinzustand.

Nun ist mir schon zum Zeitpunkt des Geschehens klar, dass eine Infektionskrankheit nicht unmittelbar von psychischem Stress ausgelöst werden kann. Aber auch hier wieder scheint sich das System Körper-Psyche-Energiefeld den Schwachpunkt mit dem geringstem Widerstand zu suchen. Wäre ich etwa in einem der Ferienlager für Naturwissenschaft und Technik, würde ich in dieser Situation sehr wahrscheinlich einen Unfall bzw. „Unfall“ erleben usw.

Ich ahne zumindest, dass mit dieser plötzlichen Erkrankung mein Körper die Notbremse gezogen hat. Es scheint einer Art psychischem Tod gleich zu kommen, wenn ich aus meiner Schutzblase dauernd heraus zu kommen gezwungen werde.

Später lese ich bei Freud über Klienten, für die eine Neurose weniger ein Syndrom im Sinne körperlicher, psychischer oder körperlicher und psychischer Beschwerden wäre als vielmehr eine Art sie überhaupt lebensfähig machender goldener Kompromiss. In Literatur und Film gibt es unzählige Darstellungen solcher Menschen. Sie wirken auf viele Leute irgendwie komisch. Aber durch diesen quasi virtuellen Schutzraum scheinen sie den Anforderungen des Lebens wenigstens halbwegs gewachsen.

Ich bin auch hier weit entfernt davon, diese Zusammenhänge in Worte fassen zu können und zu wollen. Auch hier sehe ich keine Ebene, kein Forum, keinen Platz usw., diese Wahrnehmungen, Empfindungen und Überlegungen anzubringen.

Aber alles ist noch einmal gut gegangen. Ich bin noch einmal davongekommen. Es geht alles seinen Gang!

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