Wie ich nicht Agent wurde

Hätte ich doch unterschrieben! Ach, hätte ich doch bloß unterschrieben! Aber wer zu spät straft, dem bekommt das Leben oder so ähnlich.

Ich würde allzu gern herausbekommen wollen, ob die das damals durchdacht inszeniert haben oder ob der Typ nur eben einmal so operativ vorlaufend vorbeigekommen ist. Der Ablauf erschien unlogisch, da wir, meine Eltern und ich, vom aktivem zum passiven Part wechselten. Zunächst waren wir die Besucher. Meine Eltern hatten nur ganz wenige Bekannte oder gar Freunde. Die Hälfte von denen arbeitete irgendwann bei denen. Diese hohe Abwanderungsrate war bereits merkwürdig. Aber ich frage mich, ob mit diesen Einladungen nicht auch schon etwas beabsichtigt wurde. Es steckte eine Werbebotschaft darin. „Das und noch viel mehr erwartet Jeden, der bei uns mitmacht!“…

Der Eine war ein Kraftfahrer. Das war besonders beeindruckend. Der fuhr jetzt irgendeinen Oberagenten zur und von der Arbeit. Dazu hatte man ihm und seiner Familie ein Haus zugewiesen, das mit drei anderen weitab von der nächsten Ortschaft direkt an der Straße stand. Aber was für ein Haus!

Ich hatte mich schon des Öfteren gefragt, was diese merkwürdigen Kleinstsiedlungen sollten. Während meiner stundenlangen Radfahrten über die Dörfer rund um meine Heimatstadt war ich oft auf solche Häusergrüppchen gestoßen. Es waren keine alten Bauerngüter oder Vorwerke oder dergleichen, sondern meist neue Eigenheime. Zu deren Errichtung war die werktätige Bevölkerung damals ausdrücklich ermuntert worden, um den Engpass des industriellen Wohnungsbaus zu entlasten. Aber irgendwo auf freiem Feld und kilometerweit von den nächsten Ortschaften entfernt? Wer wohnte denn da?

Eben zum Beispiel Kraftfahrer, wie wir jetzt erfuhren. Um die vier Häuser da draußen, wo sich Fuchs und Hase schon infolge autistischer Fehlentwicklung gar nicht mehr „Gute Nacht!“ sagen konnten, lief ein Posten in Uniform und mit MPi Streife. Ich begriff viel besser als im Unterricht, dass der Klassenfeind überall war. Auch einige Details der Uniform waren seltsam. Polizei war es nicht, Armee auch nicht. Da kannte ich mich aus. Ich pubertierte schließlich in einem uniformierten Aufgang. Na ja, eben die.

Der Natschalnik, den der Familienbekannte chauffierte, ein Oberst oder gar Einer mit goldenen Gehirnwindungen auf der kaum getragenen Uniformjacke, grüßte freundlich über den Gartenzaun, nachdem der Posten unsere Ausweise kontrolliert hatte. Ich fiel von einer außergewöhnlichen Empfindung in die andere. Es war ja nun nicht so, dass ich etwa im Unterholz nach Scharfschützen der „Green Baretts“ geforscht hätte, aber ich war schon unheimlich angerührt. Jetzt grüßte der freundlich! Eine Großfamilie neuen Typus…

Dann begann die Lehrvorführung des sozialistischen Leibkutschers. Das Haus hatte nicht nur etliche Zimmerchen mehr als ein gewöhnliches Eigenheim, sondern auch eine Tiefgarage, eine Werkstatt und eine Keller-Bar. Alle diese Bonusbauten waren auf Wunsch errichtet worden. Auf Wunsch eines Kraftfahrers…

Der nächste war ein Koch. Er vermochte uns auch glaubhaft zu versichern, dass er immer noch nur kochte. Der lud uns in ein Erholungsheim ein.

Mitten in einer paradiesischen Landschaft, die selbst mich beeindruckte, der ich Dutzende Kilometer von unserer Stadt entfernt wirkliche Landschaftsperlen gefunden hatte, stießen wir auf abgeriegeltes Terrain. Die nämliche dämliche Ausweiskontrolle fand statt. Dienstgrad und Name, oder ich schreib‘ Sie auf. Dann betraten wir ein riesiges Gelände, das parkartig gestaltet war und so sorgfältig gepflegt, als wolle man sich damit bei der europäischen Gartenbauausstellung bewerben. Der Koch und seine Frau und seine Tochter reproduzierten ihre Arbeitskraft in einem Ferienbungalow, der von außen wie eine Blockhütte aussah und innen ausgestattet war wie ein Appartement im Interhotel. Meine Eltern waren vor allem beeindruckt von der Kaffeemaschine. Dergleichen sah man nur im Intershop oder bestenfalls auf der Leipziger Messe, wo sich so mancher Bürger des kleinen Landes wunderte, was in seinem Land alles Großes produziert wurde.

Ich aber war leider ein bisschen beeindruckt von der Tochter. Sie schlug ein Leitmotiv meines Lebens an. Sie war rothaarig. Ich hatte es andauernd mit rothaarigen Töchtern von Geheimnisträgern. Die aber nicht mir. Es konnte nichts aus mir werden.

Auch trug die Kochtochter ein Röckchen, das nicht länger war als die Pionierzeitung hoch. Es muss kritisch eingeschätzt werden, Nossinunnossen, dass bereits hier mit der systematischen Kaderentwicklung hätte angesetzt werden sollen.

Möglicherweise aber war genau das beabsichtigt und ich hatte nur wieder einmal gepennt. Anstatt nach dem heißem Höschen zu schielen, hätte ich die rote Kochtochter lieber konspirativ zu einem Waldsee geleiten sollen, wo sie es vielleicht ausgezogen hätte. Das hätte natürlich an einen Archetyp des bürgerlichen C. G. Jung erinnert, der den Weg zur siegreichen Arbeiterklasse nicht gefunden hatte. Es wäre aber zugleich proletarisch zupackend gewesen in der Weise, in der aufzutreten mein Vater ebenso hartnäckig wie erfolglos von mir erwartete. So wurde ich leider immer noch nicht aufgenommen in den Bund der Schwert-und-Schildträger der Partei.

Nach all dem war das leibhaftige Erscheinen dieses smarten Boys eigentlich zu erwarten. Bei der Stasi konnte man sich nicht selbst bewerben, wenigstens das wusste ich schon. Die suchten sich ihre Leute aus. Ich gehörte zur potentiellen Zielgruppe. Beide Eltern bei den bewaffneten Organen, beide Parteimitglied und als solche gesellschaftlich aktiv, keine Westverwandten- und Beziehungen, Wohnung ohne Westfernsehantenne in einem Hausaufgang voller Berufssoldaten in der ersten sozialistischen Stadt. Kaderoffizier, was wolltest Du mehr!

Ich war zu der Zeit immer noch ein guter Schüler, wenn ich auch unter meinen Möglichkeiten blieb. Man attestierte mir überdurchschnittliche Intelligenz, die mir nichts nützte, da es mir an emotionaler Intelligenz deutlich gebrach. Im Fach „Staatsbürgerkunde“ erreichte ich glänzende Einser aus wirklichem Interesse. Vor allem hatte ich genau jene Ghettomacke, die mich besonders anfällig machen musste für die Verlockung, in einen geheimen Bund von Verschworenen mittun zu dürfen.

Eigentlich hätte ich ihn also erwarten müssen, den mittelgroßen Unbekannten, der so gar nichts an sich hatte von dem miefigen Beamtenflair, das die Genossen an der unsichtbaren Front oft verströmten. Die erfüllten alle auch nur ihre Pflicht und führten nur Befehle aus, pünktlich, zuverlässig, gewissenhaft, fleißig und im Bewusstsein, ein hundertprozentig funktionstüchtiges Rädchen in einer vorwärts stürmenden Maschine zu sein.

In einer der durch Printmedienwerktätige getätigten Enthüllungen, die von jetzt bei übrig gebliebenen Geheimdiensten liegenden Informationen ablenkten, las ich gar, unter den berufsmäßigen Berufenen der Stasi hätten sich von Anfang an überdurchschnittlich viele Leute mit jüdischer Abstammung befunden. Natürlich hatten die das unter dem bedeutendem Frühgestörtem Stalin tunlichst für sich behalten. Das ist echt tragikomisch. Die hatten in grotesk zweideutigem Sinne geglaubt, nun endlich in Sicherheit zu sein.

Aber zurück in meine kleine Lebenswelt! Jack London hätte mich schon lange und nur allzu berechtigt zu schriftstellerischer Disziplin ermahnt. „Lamentieren Sie nicht“, hätte er gesagt, „lassen Sie starke Bilder vor der geistigen Brille des Lesers erstehen!“ Aber der gute alte Jack ist nun auch schon lange da oben in der ewigen Schreibstube und kann mir nicht mehr helfen. Außerdem war die „Ghost“ auch ein „Zauberberg“.

Der Mann kam nicht irgendwann. Der kam genau an dem Tag und zu der Stunde, als meine Stiefmutter den alle ein, zwei Wochen vollzogenen Akt der Wohnungsreinigung beendet hatte, der in anderen Haushalten der jährlichen Grundreinigung entsprochen hätte. Sie strebte zu jener Zeit die absolute Wahrheit in Form der absoluten Keimfreiheit an. Das ging soweit, dass wir das sozialistische WC nicht benutzen sollten, wenn darin dieses spätkapitalistische Reinigungsparfüm edel vor sich hin dünstete. Dieses bläuliche Zeug gibt es heute noch. Meine Stiefmutter war aber zu Recht stolz darauf, damals in den Besitz einer Flasche dieses Hausfrauenelixiers gekommen zu sein. Insofern stimmte es nicht ganz, dass wir nicht feindlich-negativ beeinflussbar waren. Im Gegenteil wurden wir von einer Genossin dazu angehalten, auf Produkte des Klassenfeinds eben nicht zu scheißen.

Ich bekam erst gar nichts mit von dem hohem Besuch. Das war bereits typisch. Auch, dass der Mann erst im Wohnzimmer mit meinen Eltern über mich sprach, bekümmerte mich nicht. Ich war es gewohnt, bei Gesprächen, in denen es um mich ging, grundsätzlich nicht dabei zu sein. Zu jener Zeit strickte ich bereits an meiner Tarnkappe, um irgendwann schließlich völlig unsichtbar werden zu können.

Dann wurde ich ins Wohnzimmer gerufen. Am Gebaren meines Vaters merkte ich, dass etwas ganz Außerordentliches anstand. Er kriegte sich gar nicht mehr ein ob des Rufes, der da an mich ergehen sollte.

Zuerst bemerkte ich, dass der Mann im Flur deutliche Tapse auf der Auslegeware hinterlassen hatte. Normalerweise wäre meine Mutter gegen die auf Hochglanz polierte Decke gesprungen angesichts dieser blasphemischen Fehltritte. Offenbar aber hatte der berüchtigte Klappausweis, den der Mann vorgewiesen haben musste, sie nicht nur zum Schweigen, sondern zum Schmelzen gebracht.

Außer den vor Schmutz starrenden Schuhen, mit denen er sich zum Entsetzen meiner Mutter behaglich in einem unserer Sessel rekelte, hatte der Mann aber nichts unangenehm Auffälliges an sich. Er wirkte im Gegenteil sehr korrekt. Dies aber eben nicht im Sinne der Assoziation von weißem Hemd und Ärmelschonern. Er trug ein buntes, aber nicht auffälliges Hemd ohne Binder und dazu ein Jackett sowie wohl gar Jeans. Das waren aber, sorry, mit Sicherheit welche aus einheimischer Produktion. Sie wiesen allerdings keine Bügelfalten auf, mit denen Etliche seiner Genossen in besonders auffälliger Weise unauffällig aufzutreten versuchten. Seine Haare waren natürlich kurz. Das ließ ihn aber nicht als einen Offizier erscheinen, der unpassender Weise Zivil trug, sondern wie einen Mannschaftstrainer, der von seinen Jungs geliebt worden wäre. Vor allem hatte der Mann diese sehr häufig literarisch verwandte verschmitzte Jungenhaftigkeit, die mit Big Mac’s und Coca-Cola erfolgreich groß gewordene junge Männer angeblich an sich haben.

Kurzum, ein Jugendoffizier im mehrfachem Sinne. Seine ersten Worte aber waren Klischee. Er erklärte, er hätte eben schon mit meinen Eltern über bestimmte Dinge gesprochen.

„Und nun, junger Mann, würde ich mich gern einmal ein bisschen mit Ihnen unterhalten…“ fügte er hinzu und lächelte.

Es war nichts Drohendes in diesem Satz und auch nicht in dem Ton, in dem er gesprochen wurde. Das Lächeln vor allem war überaus echt und sympathisch. Aber wahrscheinlich stammte der Satz aus dem Paragraphen 1 der Dienstanweisung für den Kontakt mit der ohne Klappkarte werktätigen Bevölkerung. Die wollten sich immer und grundsätzlich einmal ein bisschen unterhalten. Außerdem ärgerte mich die Anrede „junger Mann“ seit dem Einsetzen meiner Samenproduktion. Ich war nie ein junger Mann. Damals war ich ein Kind und heute bin ich ein Kind mit grauen Haaren.

Während meine Stiefmutter sich im Hintergrund hielt, als würde sie Anweisungen zum Kaffeekochen oder dergleichen erwarten, lief mein Vater durchs Zimmer wie ein aufgeschreckter Denker. Ich wusste, was in ihm vorging. Die Welt der Träume war plötzlich in den grauen Alltag eingebrochen. Er hätte es ums Verrecken nicht zugegeben, aber die Aura der „Firma“ zog ihn magisch an. Er hatte wie hypnotisiert vor der Glotze gehockt, als die nach authentischem Material gedrehten DDR-Filme über Kundschafter im Westen gezeigt wurden.

Ich zuweilen auch. Aber ich kam gar nicht auf den Gedanken, dort irgendwelche Vorbilder zu suchen und zu finden. Ich hatte schon längst, ohne mir dessen gewahr zu werden, den Glauben daran verloren, dass ich überhaupt für irgendetwas in der Welt der so genannten Erwachsenen verwendbar wäre. Das würde sich schon finden. Es ging alles seinen sozialistischen Gang.

Mein Vater aber durchlebte nun einen der wenigen winzigen Augenblicke, in denen er stolz auf mich war. Dabei hatte ich gar nichts geleistet. Ich war nur sein Sohn und kam deshalb in Frage. Ich wusste, dass eine ähnliche Werbung auch schon bei zwei weiteren Söhnen von Berufssoldaten im Hause stattgefunden hatte.

Der Mann war sympathisch, wirklich. Deshalb fand ich es schade, ihn enttäuschen zu müssen. Er kam schnell zur Sache, indem er erklärte, dass ich für die Laufbahn eines „Operativen Offiziers“ in Frage käme. Ich verstand natürlich Militär-Bahnhof.

„Nun, sie könnten in jeder beliebigen Richtung studieren, in technischer oder wissenschaftlicher, oder auch an einer Pädagogischen Hochschule. Sie müssten sich allerdings verpflichten, dann für Aufgaben im Dienste unseres Ministeriums bereit zu sein.“

Es war eine grandiose Chance, das begriff ich immerhin. Ich hatte bisher immer nur vom Hörensagen vernommen, dass die an die begehrtesten Studienplätze kämen. Ich hatte das genauso wenig geglaubt wie etwa die Behauptung, die würden Telefone abhören. Das passte auch gar nicht zu dem Mann vor mir.

Ich musste nun schnell überzeugend Abschlägiges vermelden, bevor ich in etwas hineingezogen wurde, das noch gar nicht abzusehen war. Das wesentlich Beunruhigende für mich war jedoch keineswegs der sich anbahnende Zwang, sich für die verpflichten zu müssen, sondern die Aussicht auf eine nicht für möglich gehaltene Änderung meiner gesamten Lebenswelt. Ich kam schon damals nicht raus aus der Spur und das wussten die auch.

„Ich wollte eigentlich Filmregisseur werden…“ sagte ich hastig und wunderte mich sofort, dass er mich verstanden zu haben schien. Es war wie in der Szene, als Kapitän Larsen den Schiffbrüchigen van Weyden danach fragt, womit der sein Geld verdienen würde. Oder wie bei Tonio Kröger – er schluckte hinunter und nannte mit fester Stimme sein Gewerbe.

Ich hatte das genierende Geständnis allerdings eher gehaucht als mit fester Stimme gesprochen. Ich schämte mich. Regisseur, hahaha! Das wirre Würstchen, das! Eigentlich war das auch gar nicht mein Berufswunsch, sondern die Empfehlung meiner Klassenleiterin, von der ich gar nicht wahrzunehmen wagte, dass ich sie anhimmelte, von der ich aber glaubte, dass sie wissen müsste, was gut für mich wäre. Die hatte eigentlich Schauspielerin werden wollen und lebte ihr durchaus vorhandenes Talent nun in den Klassenzimmern aus.

Auch war ich mir in diesem Augenblick noch viel mehr klar, was in meinen Eltern vor sich ging. Sie redeten mir keineswegs in meine Berufspläne hinein. Sie versuchten mich im Gegenteil viertelstundenlang zu überzeugen, dass meine Berufswahl wirklich und wahrhaftig ganz und gar allein meine Sache wäre und dass sie vor allem auf keinen Fall eine Karriere in Uniform von mir erwarteten. In unregelmäßigen Abständen brachten sie mir dann kleine Stapel von Werbebroschüren für die Offizierslaufbahn mit. Man nennt das „double bind“ und es ist sehr ungesund und erfordert später manchmal die Einnahme von hochwertigen Neuroleptika.

„Ja, tut mir leid, dann können wir Sie allerdings nicht gebrauchen!“ erklärte der Genosse. Zu meiner Überraschung hatte er weder mein Geständnis belächelt noch schien er jetzt ernsthaft enttäuscht zu sein. Seine Erklärung klang eher, als wolle er sich entschuldigen dafür, dass seine Auskünfte unkorrekt gewesen waren insofern, als eben doch nicht Absolventen aller Studiengänge gebraucht würden.

Mir tat es auch leid. Auch er tat mir leid und ich tat mir selbst leid. Vor allem aber taten mir meine Eltern leid. Die mussten zusehen, wie ihr seltsamer Sohn eine Wahnsinnschance in den Wind schlug, was wohl dazu führen würde, dass er endgültig zum ungelernten Neurosenzüchter werden müsste. Ich beschloss, wenigstens andeutungsweise einzulenken.

„Was muss man denn da machen als Operativer Offizier?“ fragte ich. Ich musste mir im selben Augenblick eingestehen, dass ich die Frage hatte so klingen lassen wollen, wie sie aus meinem Munde geklungen hatte. Sie klang einfach richtig schön blöd. Mein Vater hätte, wäre der Mann nicht da gesessen, nur allzu treffend bemerkt, er würde immer das machen, was er gegessen hätte.

Auch meine salondebilen Anteile beeindruckten den Mann nicht. Da war es wieder, dieses völlig ehrliche und offene Lächeln, das allen Gruselstories über die „Firma“ Hohn zu sprechen schien.

„Bevor ich Ihnen dazu etwas sagen kann, müssten Sie mir allerdings erst etwas unterschreiben!“ erklärte er. Inzwischen hätte die Erde vor seinem Sessel für einen Blumentopf gereicht.

Auch meine Eltern lächelten derart, dass man annehmen musste, sie fänden meine Defizite der emotionalen Intelligenz urplötzlich sympathisch. Ich glaubte es fast selbst, dass es so wäre, als ich sie da in vertrauens- und verständnisvoller Gemeinschaft mit dem Überbringer sensationeller Umschulungsangebote milde grienen sah. Ein junger Spinner, mein Gott! Wir drei wissen doch von der Höhe unserer Lebenserfahrung sehr wohl, dass der nicht nur nie Regisseur, sondern nicht einmal Teilzeit-Bildstörung bei der Ausstrahlung des Sendepausen-Standfotos wird. Aber „…lass doch der Jugend, der Jugend, der Jugend ihren Lauf…“ Alle schunkeln mit!

Ja, so bin ich dann doch nicht Kundschafter im Dienste des ohnehin immer noch nicht vereinigten Proletariats geworden. Kein westlicher Außenminister musste seine geheime Porno-Sammlung vor mir in Sicherheit bringen.

Meine Stiefmutter verlängerte ihr Wochenpensum in klinischer Sterilisation einer eigentlich zum Wohnen gedachten Wohnung um eine halbe Stunde. Mein Vater wanderte nachdenklich in der Nase bohrend durch die Wohnung und durchs Haus.

Ich fand das immer voll stark. Er schien in seiner Nase ein geheimes Zusatzorgan zu haben, auf das leichter Druck ausgeübt werden musste, um seine Hirntätigkeit anzuregen. Ich bin überzeugt, wenn mein Vater promoviert hätte, wäre er bei der Verteidigung der Doktorarbeit mit gebrochenem Nasenbein erschienen.

Wir waren schließlich so verblieben, dass man „erst einmal sehen“ wolle. Zwei Sätze jedoch blieben wie Damoklesschwerter im Wohnzimmer hängen. Unsichtbar, versteht sich, denn es handelte sich ja um die unsichtbare Front.

Erstens nämlich hatte der Mann bemerkt, dies also wäre meine Familie und das wäre ja sehr interessant gewesen. Er bildete sich wahrscheinlich ein, ich würde es ihm abnehmen, dass er sich nicht vorher gründlich informiert hatte über diese Problem-Familie eines Sicherheitsdienstverweigerers. Er bildete es sich zu Recht ein.

Dann hatte er noch gesagt „Wir melden uns wieder…“

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