„Wie denn nur, wie denn nur/raus aus der Spur…“ („Silly“)

Ein richtiger Schriftsteller im Sinne etwa von „richtig guter“ ist jemand, den man nach der Lektüre eines seiner Bücher sofort anrufen oder treffen möchte. Das sagt sinngemäß Holden Caulfield im „Fänger im Roggen“. Ich lese das Buch zum ersten Mal gar während meiner Armeezeit, was ich durchaus als untypisch für unsere Menschen wahrnehme. Natürlich halte ich es für unmöglich, dass sich aus dieser Lektüre Handlungen in dem Bereich ergeben könnten, über den man sich geeinigt hat, dass er die Realität wäre. Diese Überzeugung resultiert jedoch in für mich typischer paradoxer Weise vor allem aus meiner insgeheimen Sehnsucht, dass dergleichen möglich wäre.

Einer meiner Bekannten aus der Armeezeit aber, von dem ich das am wenigsten erwarte, agitiert mich so lange, bis wir dennoch einen richtigen Schriftsteller besuchen. Ich will nicht von „Freunden“ sprechen, weil ich das bewusst als peinlich sehen würde und halb bewusst überzeugt bin, dass es an mir liegen dürfte, dass ich keine wirklichen Freunde habe. Dahinter wiederum steckt allerdings Resignation, die aus der Überzeugung resultiert, dass es Freundschaften in der von mir gewünschten Intensität, Dauer und Tiefe sehr wahrscheinlich ohnehin nicht gäbe.

Wir gehen jedoch nicht zu einer Lesung oder dergleichen, sondern beginnen unangemeldet eine Art Werkstattgespräch mit einem Schriftsteller. Es ist eine Schriftstellerin und sie ist sehr erfolgreich und sie ist im bürgerlichem Beruf klinische Psychologin und Therapeutin. Ich habe nicht nur alle ihre Kurzgeschichten gelesen, vielmehr macht auch ein Film nach ihren Drehbuch gerade Furore. Es geht um eine Frau, die nach der Diagnose „Krebs“ ihr Leben bilanziert und zu ändern versucht. Der Film ist ein großer Erfolg, auch im Westen, was von führenden Genossen überhaupt nicht gern gesehen zu werden scheint. Vor allem aber hat diese Schriftstellerin in einer ihrer Erzählungen ein auch oder gerade im Westen erst Jahrzehnte später diskutiertes Thema immerhin zumindest angedeutet, die Weitergabe insbesondere traumatisierender psychischer Inhalte über Generationen hinweg.

Spätestens an dieser Stelle dürften Organe auf die Schriftstellerin aufmerksam geworden sein. Auch oder gerade das wird mir erst nach der Wende klar. Aufgewühlt bin ich jedoch schon bei der Lektüre. Ich spüre, dass da etwas für mich dabei ist. Es vergehen ebenfalls etliche Jahre, bis ich mich bewusst mit dem Thema auseinanderzusetzen und zumindest zu ahnen beginne, dass und wie sehr mein Vater seine bei Flucht und Vertreibung erlittenen Traumata an mich weiter gegeben hat.

Der Mann der Schriftstellerin ist Professor für Psychologie und beginnt mit 39 Jahren, Bilder im Stil sogenannter naiver Kunst zu malen. Diese Bilder würde man als „kultverdächtig“ bezeichnen, wenn das nicht eine Vokabel des Gegners wäre. Es gibt ein Buch mit guten Fotos dieser Bilder und den Geschichten ihrer Entstehung, das mittlerweile ein Bestseller ist. Dass einem gestandenem Mann mit 39 Jahren eine geradezu existentielle Änderung seines Lebens gelingt, beeindruckt mich und prägt sich mir ein. Auch mein Bekannter kennt dieses Buch und weiß daher, dass viele Originale dieser Bilder in der Wohnung des malenden Professors und der schreibenden Psychologin hängen. Auch oder gerade das veranlasst ihn, mich zu diesem Besuch zu drängen.

Wir melden uns an dem Klingelbrett mit Wechselsprechanlage neben dem Hauseingang, zu dem man durch die Passagen gelangt. Mein Freund sagt fast wörtlich, dass hier zwei begeisterte Leser stünden, die sie unbedingt kennen lernen wollen. Nachher stellt sich heraus, dass die Verzögerung bis zum Öffnen der Haustür darauf zurückzuführen ist, dass die Schriftstellerin versteht, unten stünden zwei arbeitslose Lehrer, die sie belästigen wollen. Im Moment der Erklärung dieser Verzögerung finde ich diese lustig, bereits eine Viertelstunde später nicht mehr.

Offenbar ist an dem Klischee etwas dran, dass Psychologen und Psychiater alle selbst einen Sockenschuss haben. Die Schriftstellerin, die schnell bemerkt, dass nichts dahinter steckt, d. h., dass wir tatsächlich die sind, die zu sein wir angeben, erzählt Gruselgeschichten. Nicht nur würde ihr Telefon überwacht, vielmehr hätte ein sowohl vom Erscheinungsbild als auch von der technischen Ausstattung her völlig professionell wirkendes Team vermeintlicher Möbelpacker eine große Wohnung im Haus komplett ausgeräumt. Die Mieter hätten jedoch keinen diesbezüglichen Auftrag erteilt. Das wären die gewesen, die von der Firma.

Ich bin fassungslos verblüfft über diese vermeintlich phantastischen Geschichten. Die können gar nicht geschehen sein, nicht in diesem Land, in dem eine wissenschaftlich fundierte gesetzmäßige Entwicklung die denkbar beste aller Gesellschaften immer besser werden lässt. Ein nützlicher Idiot.

Es klärt sich alles und löst sich gar in vorbildlich kollektivem Gelächter auf. Wir besichtigen die Originale der Bilder, die in der Wohnung hängen. Sie halten, was sie als Reproduktionen versprechen. Dann führen wir ein richtiges Schriftstellergespräch. Das enttäuscht zumindest mich. Allerdings will oder kann ich nicht wahrhaben, woran das liegt. Die Schriftstellerin scheint nicht wirklich zu begreifen, was ich von ihr will. Das erscheint mir später verständlich, denn ich weiß es selbst nicht. Ich erwarte in solchen Situationen eine Art Segen. Ich wünsche mir, dass mir jemand die Hand auflegt und etwas sagt wie: „Du darfst schreiben! Die höhere Instanz, die Dein Treiben und Schreiben beobachtend begleitet, erlaubt es Dir!“

Trotz des für mich nicht befriedigenden Gesprächs verlassen wir die Wohnung und das Haus der Autorin in bester Stimmung. Es hat etwas stattgefunden, das eigentlich gar nicht möglich ist. Wir sind gerockt worden oder haben uns selbst gerockt und sind für einen Moment raus aus der Spur. Aber es ist nur ein Moment, und er ist schnell vorbei und erscheint wie nur geträumt. Es geht alles seinen Gang.

Dennoch hat das Gespräch erfreuliche Folgen in der Realität. Wir sprechen mit der Schriftstellerin auch über ihren Film. Die Autorin erklärt, dass die Produktion des Filmes finanziell kaum gefördert wurde und unter anderem deshalb etliche Szenen in dieser Wohnung gedreht werden mussten. Nachher recherchiere ich darüber und mir prägt sich das Bild ein, auf dem der Regisseur im Schneidersitz auf einem Schrank sitzend Schauspieler dirigiert. Das ist für mich ein Bild aus dem anderem, dem kreativem, dem richtigem Leben, in das ich irgendwann wie von selbst gelangen werde. Bei dieser Gelegenheit bemerke ich jedoch wie üblich im Ton eines peinlichen Geständnisses, dass ich eigentlich Regisseur werden will. Die Schriftstellerin gibt mir Adresse und Telefonnummer eines weiteren Regisseurs, mit dem sie befreundet ist. Sie versichert, dass ich mich jederzeit bei ihm melden könne, da sie ihn auf mein Erscheinen vorbereiten würde.

Ich erscheine, aber erst nach dem, was ich für eine Anstandsfrist halte. Dabei komme ich mir spießig vor, kann aber auch oder gerade hier nicht aus meiner Haut.

Der Mann widerspricht in Erscheinung und Verhalten sämtlichen Klischees vom Künstler. Er ist ein Arbeiter; nicht auf einer Baustelle oder in einer Werkhalle oder dergleichen, sondern im Studio, am Set oder am Schneidetisch. Diesen meinen ersten von mir nicht ausgesprochenen Eindruck bestätigt er zu meiner Verblüffung selbst. Er erklärt sinngemäß, er sähe sich eher als gewissenhaften soliden Handwerker denn als avantgardistischen Autorenfilmer oder dergleichen.

Was mich bis zum seltenem Zustand der Sprachlosigkeit verblüfft, ist die bisher von mir nur in Klapsmühlen und Beklopptenvereinen erlebte Aufrichtigkeit seiner Rückmeldungen. Der Regisseur sagt fast wörtlich, dass ich leicht schizophren wirken würde, ohne es wohl im Sinne des klinischen Bildes zu sein.

Diese Rückmeldung erlebe ich viele Jahre, bevor Begriffe wie schizotyp auch nur kreiert sind. Sie erfolgt zudem nicht von einem Diplom-Psychologen, sondern von einem Diplom-Regisseur. Ich bin mir sicher, dass in dieser Situation nicht nur ich beeindruckt wäre. Ich ahne zumindest, dass ich nicht auch, sondern gerade hier an der Realisierung meiner Träume und durchaus vorhandenen Fähigkeiten nicht gehindert bin durch Mangel an fachlicher Ausbildung oder technischer Ausrüstung. Vielmehr wirkt hier das Defizit dessen, was man später „emotionale Intelligenz“ nennt. Aber diese Ahnung verdränge ich sofort.

Geradezu überrollt jedoch werde ich von dem, was der Mann nun in die Wege leitet, um mir zu helfen. Er erklärt, dass er zu einer ehemaligen Kommilitonin seiner Seminargruppe an der Filmhochschule sehr guten Kontakt hat, die Mitglied der Kommission der Eignungsprüfung in der Fachrichtung Regie ist. Ich bekomme außer der Reihe bzw. nachträglich Gelegenheit, an dieser Eignungsprüfung teilzunehmen.

Es passiert nun, was – passieren muss. Ich nehme nicht teil, weil ich nicht alle geforderten Unterlagen fertig habe bzw. nicht in der Qualität erstellt, die mich zufrieden stellt. Ich muss unter anderem einen Entwurf für ein Szenarium oder ein Drehbuch vorlegen, eine Filmkritik sowie Fotos möglichst als thematische Serien.

Als Vorlage für ein Szenarium verwende ich die Geschichte „Das Vergnügen“ von Angela Krauß. Dieser Drehbuchentwurf geht so. Ich schreibe eine Kritik über den neuen Film des Regisseurs, der mir die außerplanmäßige Eignungsprüfung vermittelt hat. Auch aus heutiger Sicht glaube ich, dass ich dabei zur Hochform auflaufe. Es geht in dem Film um einen jungen Mann, der ein sehr guter Schüler, ein guter Leistungssportler und bei vielen Menschen beliebt ist – und ein Mörder. Der Film ist auch formal außergewöhnlich, erst recht in der DDR 1987, da er den Hergang der Tat aus den wechselnden Perspektiven mehrerer Menschen aus dem Umfeld des Jungen zeigt.

Der Grundgedanke meiner Filmbesprechung ist der, dass die makaber paradoxe Tatsache eines beliebten Musterschülers und Spitzensportlers als Mörder etwas mit den Generationen vor ihm zu tun haben könnte, vor allem mit dem abwesenden Vater. Kurzum – Psychoclub, kann weg. Das Manuskript ist dann auch weg. Ich gebe es, ohne Kopien gefertigt zu haben, im Original in der Redaktion der DDR-Filmzeitschrift ab. Das tue ich nicht nur aus einer weiteren der wenigen Anwandlungen von Zivilcourage in meinem Leben heraus, sondern vor allem, weil sich die Redaktion buchstäblich um die Ecke von meinem damaligem Arbeitsplatz befindet. Es verschwindet spurlos. Ein nützlicher Idiot… – Das sind die, die Budenzauberer. Ich spüre schon die ganze Zeit, dass ich etwas nicht Zulässiges tue. Ich will wieder einmal aussteigen aus dem Budenzauber und muss zurück gepfiffen werden.

Der Regisseur versichert mir nach der Lektüre meiner Arbeiten, dass ich mit dem, was ich als fertig ansehe, durchaus eine Chance gehabt hätte. Ich habe jedoch nicht ein einziges Foto erstellt, geschweige denn thematisch strukturierte Fotoserien. Ich bewerbe mich, wie ich überzeugt bin, vor allem deshalb nicht. Als ich auf der Suche nach einem von dem Regisseur dringend empfohlenem Praktikum von einer Sekretärin in einem Vorzimmer höhnisch abgefertigt werde, erscheine ich nicht wieder.

Was geht da ab? Ich kann die Frage bis heute nicht hinreichend beantworten. Das gehässige abgeschmettert Werden von einer mit Filmproduktion vornehmlich in Form abzulegender Rechnungen und dgl. beschäftigten Vorzimmerdame beeinflusst mich stärker und nachhaltiger als die Aussage eines gestandenen Fachmannes. Das ist keine Idealisierung. Der Regisseur ist einer der wenigen DDR-Künstler, die nach der Wende großen Erfolg haben. Das belegen unter anderem mehrere an ihn verliehene Preise, etwa der Deutsche Fernsehpreis.

Eigentlich aber bin ich nicht annähernd so niedergeschlagen von diesem neuerlichem Misserfolg beim Versuch, aus dem Dasein als ungelernter Hilfsarbeiter heraus zu kommen, wie es eigentlich normal wäre.

Im Gegenteil – passt schon! Ich versuche einen Sprung und erfülle meine Pflicht und nun kann ich mich wieder wohlig in den Trott fallen lassen und mich behaglich in die Depression zurückziehen. Weiter voran auf bewährtem Kurs

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