„Wer sein Kind liebt…“

Ich spüre, wenn es wieder so weit ist. Einige Jahre später kann ich aus den Geräuschen, die meine Eltern beim Einführen des Wohnungsschlüssels, beim Betreten der Wohnung, beim Abstellen der Schuhe usw. machen, auf ihre Stimmung schließen. Ich weiß dann, ob ich mich aus der Schusslinie bringen muss oder mich um Kontakt bemühen kann.

Ich verharre bei geschlossener Tür in meinem Zimmer in einer Art Bereitschaftshaltung, wie ein Feuerwehrmann auf der Wache, der ständig mit Alarm rechnet. Eigentlich müsste meinem Vater diese Haltung gefallen, da er sich über längere Zeit bemüht, mich militärisch zu erziehen. Er hat mir mehrfach von den Kadetten-Anstalten erzählt, die ihm erklärtermaßen als Vorbild dienen. Ich nehme zwar keine Grundstellung ein, aber sitze nicht nur aufrecht, sondern stocksteif auf der Kante der Liege oder meines Stuhls.

Dann geht die Tür auf und mein Vater kommt herein und beginnt mich zu verprügeln. Meist ist er tatsächlich wütend, d. h., er entledigt sich hiermit nicht nur einer lästigen Pflicht.

Mein Vater war einmal Boxsportler und er hat immer noch überdurchschnittliche Kräfte. Oft kann ich mich der haltenden Hand entwinden, aber der Vater schlägt weiter zu und trifft auch fast immer mein Gesäß und meine Oberschenkel. Es gibt kein Entkommen, ich bin ihm ausgeliefert. Selten schlägt er mich mit bloßen Händen, meist benutzt er einen Teppich-Klopfer, manchmal auch das Koppel seiner Dienstuniform. Im Laufe der Jahre werden auf diese Weise drei oder vier Teppich-Klopfer verbraucht, worauf später meine Stiefmutter im Bekanntenkreis stolz verweist.

Obwohl ich weiß, dass mein Vater das für einen Ausdruck von Verweichlichung hält, fange ich nach kurzer Zeit an zu weinen. Oft versuche ich, mich in einer Art Tanz den Schlägen zu entwinden und schreie dabei etwas wie „Vatichen, Vatichen – nicht hauen!“ Das macht ihn immer noch wütender. Manchmal macht er sich über mich lustig, indem er mich nachäfft, „Vatichen, Vatichen!“

Auch hier habe ich ein deutliches Empfinden, das ich nur noch nicht in Worte fassen kann – auch hier ist es kein nachträgliches Hineindeuten, wenn ich es nachträglich in Worte zu fassen versuche. In gewissem Sinn bestätigt mein Vater meine Wahrnehmung durch seine immer wieder verwendeten Textbausteine. Er droht nicht nur, mich windelweich zu prügeln, sondern auch, sich zu vergessen.

Letzteres ist zutreffend – ich spüre diesen ruckartigen Übergang! Der meint gar nicht mich! Ab diesem Kipp-Punkt prügelt er gewissermaßen auf etwas Abwesendes oder jemand Abwesenden ein.

Die einzige Episode, an die ich mich erinnern kann, in der meine Mutter für mich Partei ergreift oder überhaupt eine Meinung zum Geschehen äußert, ist eine dieser Prügelstrafaktionen, nach der ich nicht nur Striemen und blaue Flecke aufweise, sondern mir etliche Tropfen Blut die Beine herunterlaufen.

Es gibt Wochen bis etwa zu meinem zehntem Lebensjahr, in denen ich täglich von meinem Vater verprügelt werde. Das Schlimmste daran ist für mich, dass ich mich geradezu verbissen bemühe, artig zu sein und damit alles noch verschärfe. Es ist wie in diesen Situationen, in denen man sich mit der Anspannung des ganzen Körpers darum bemüht, etwas nicht fallen zu lassen und dann durch diese Verkrampfung erst recht stolpert, irgendwo gegen läuft und das Geschirr fallen lässt.

Zudem wiederholt sich ein bestimmter Ablauf immer wieder. Ich bemühe mich, und eben verbissen und krampfhaft, den Auflagen meines Vaters zu folgen und werde genau dafür abgestraft. Zum Beispiel bewertet mein Vater unzählige Male meine Mutter in ihrer Abwesenheit abfällig und weist insbesondere darauf hin, dass sie mich meiner Meinung nach verpimpeln würde usw.

Er lässt immer wieder durchblicken, deutlich oder in Andeutungen, dass er sich mich jungenhafter wünschen würde, d. h., aufsässiger, schalkhafter, zupackender, lauter usw. Nun bemühe ich mich, diesen Anforderungen zu entsprechen, indem ich zum Beispiel in Gegenwart Bekannter, die meiner Mutter und mir in der Stadt begegnen, eine abfällig witzige Bemerkung meines Vaters über meine Mutter wiederhole. Meine Mutter berichtet dann meinem Vater abends, wenn er aus der Dienststelle heim kommt, ich wäre nicht artig gewesen, und mein Vater bestraft mich dafür, dass ich mich bemüht habe, seinen Wünschen und Forderungen zu entsprechen.