Wenige Minuten bestimmen Jahrzehnte

Hier erzeugen vor allem die mit Holz getäfelten Wände dieses schwer in Worte zu fassende Atmosphärische. Die ganze Pförtnerloge ist mit Holz ausgekleidet und vorn von der Schreibtischplatte aufwärts bis zur Decke verglast. Die Decke ist vergleichsweise hoch, weil es hier eine Vorhalle gibt, in die man durch einen großen Windfang gelangt. Das Haus scheint mir in gewissem Sinn ein Gegenentwurf zu dem an eine drohend wuchtige Kaserne erinnernden Ziegelsteinbau des Fernsprechamt-Hauptgebäudes in der Tucholsky-Straße.

Ich würde diese Atmosphäre als weitläufig, licht, hell, ja, gar weltoffen bezeichnen, wenn mich Einer danach fragen würde. Natürlich fragt Keiner. Das Gebäude hat etwas Repräsentatives, obwohl es sich um einen Plattenbau handelt. Es ist eine Art Lückenbau, der an ein fast monumentales Altbaukarree anschließt, in dem der Ministerrat arbeitet. Ein Abgang zur U-Bahnstation Klosterstraße beginnt direkt vor dem Haupteingang dieses Hauses, in dem ich nun als Halbwachmann sitze, wie ich in üblicher Manier meine Tätigkeit abwerte oder vielmehr mich in dieser Tätigkeit.

Gegenüber ist das „Haus der jungen Talente“. Ich bin mir sicher, dass ich dort hin gehöre. Aber ich betrete das zu Recht fast berühmte Kulturzentrum nicht einmal. Allein, das geht in Ordnung. Das wird sich ergeben, das wird geregelt, es geht alles seinen Gang.

Mir ist jedoch klar, dass ich jetzt den gewissermaßen Alibi-Job für meine Bemühungen habe, die ich fast immer mit ironischem oder gar sarkastischem Unterton als „schriftstellerische Versuche“ bezeichne. Ich bemerke durchaus, dass ich an diesem Arbeitsplatz mein Optimum der Balance von Nähe und Distanz im Job erreicht zu haben scheine. Im Wortsinn hinter Glas bin ich ein distanzierter Beobachter. Dies jedoch nicht im Sinne aktiver Beobachtung, sondern als von Anderen gestaltetes Geschehen wie ein Fernsehzuschauer passiv Wahrnehmender.

Zudem erweise ich mich neuerlich als das Kind, wie mein ehemaliger Therapeut Dr. R. sagen würde. Alle scheinen zu wissen, was läuft. Ich stelle erst nach der Wende fest, dass es in dem Haus allein mehrere Äquivalente zu konspirativen Wohnungen der Stasi gibt. Dergleichen müsste ich jedoch erwarten nicht nur wegen der Nachbarschaft zum Dienstgebäude der Regierung und des Staatsoberhauptes. In dem unter anderem von mir bewachtem Haus befinden sich zentrale Dienststellen zum Beispiel des Funk- und Richtfunkbetriebes, die besonders zu schützen unabhängig vom politischem System selbstverständlich erscheinen dürfte. Daher wird aktive Beobachtung durchaus von mir gefordert.

Auch hier bleibe ich fast unbehelligt. Nur einmal erscheint einer dieser Männer in Anzug und Krawatte, die augenfällig von der Firma sind, mit sportlich-militärischen Schritten vor meinem Glaskasten. Er fragt mich fast befehlshaberisch, wer da eben das Treppenhaus betreten würde. Ich weiß es nicht und äußere das in bereits schuldbewusstem Ton. Der Mann fragt sich und mich verächtlich, wozu ich dann hier sitzen würde. Natürlich ist mir klar, dass er nicht Unrecht hat. Vor allem aber spricht er in diesem mir unwohl bekannten Ton, der hinter den Worten etwa mitteilt, ich wäre schon allein deshalb verdächtig, weil er mich wahrzunehmen gezwungen ist. Damit ist auch mir eindeutig klar, dass es sich um Einen von Horch und Guck handelt.

Der Mann scheißt mich an, aber das verläuft im Sande. Wenige Minuten später erscheint der Chef der Ortsvermittlungsstelle und gewissermaßen Hausherr und erklärt sinngemäß und eher resigniert als fordernd, ich solle doch das Radio nicht derart laut stellen, dass jeder gleich merken müsse, dass RIAS 2 laufen würde. Als ich später Gilliams „König der Fischer“ sehe, fällt mir sofort der Moderator Elmar Hörig ein.

Dergleichen stört mich auch hier nicht, ja, es interessiert mich gerade hier gar nicht. Ich gehöre doch dazu, ich bin doch Einer von uns in der besten aller denkbaren Gesellschaften, deren Mängel und Defizite gesetzmäßig Schritt für Schritt behoben werden. Nach wie vor und immer wieder agiere ich als nützlicher Idiot.

Mir ist vor allem nicht klar, dass ich selbst von vielen Mitarbeitern für Einen von der GHG gehalten werde.* Viele Kollegen sehen in mein in der Tat an ein Terrarium erinnerndes Glashäuschen, als wäre ich ein exotisches Lebewesen. Sie können sich verständlicherweise nicht ohne Weiteres erklären, dass ein 25jähriger als Pförtner arbeitet. Allein, ich blende derartige Wahrnehmungen ohnehin fast immer aus, was mir zu dieser Zeit noch mühelos gelingt. Auch dieser Job ist nur temporär und provisorisch. Das wirkliche, eigentliche, richtige Leben kommt noch. Auch darum muss ich mich nicht bemühen. Es wird sich alles ergeben.

Wieder einmal erliege ich unbewussten Gefühlen, d. h., Gefühlen, von denen ich nicht wahrzunehmen vermag, an wen sie sich richten und von wem sie ausgelöst werden. Außer mir arbeiten hier zwei Kollegen als Pförtner; eine Frau, die meine Mutter, und ein Mann, der mein Großvater sein könnte.

Die Frau hat in der Tat charakterliche Züge meiner Mutter. Das bemerke ich erst sehr viel später, zumal ich selbst äußere Merkmale meiner Mutter vergessen bzw. „vergessen“ habe.

Daher erinnert mich meine Stimmung unabhängig von diesem durch das Gebäude und seine Lage hervorgerufenen schwer beschreibbaren Atmosphärischem an etwas längst Vergessenes, verloren Geglaubtes. Wieder einmal kommt leise Hoffnung hoch, doch noch eine richtige Kindheit mit nicht nur körperlich anwesender Mutter erleben zu können. Diese Hoffnung bleibt natürlich völlig unbewusst und nur spürbar durch die Tönung der Hintergrundstimmung.

Dementsprechend versuche ich wieder einmal, aber mehr als sonst, anzukommen, zu landen, ja, eine Art Zuhause zu finden. Wieder einmal ist mir das gar nicht bewusst. Etliche Kollegen scheinen diesen leicht skurrilen Antrieb jedoch wahrzunehmen, wie mir später klar wird. Ich erwecke offenbar den Eindruck, in der Pförtner-Kabine ein Feldbett aufschlagen und darauf nächtigen zu wollen.

***

Sie fällt mir schon nach einigen Tagen auf. Sie arbeitet in der Ortsvermittlungsstelle in der ersten Etage. Daher hat sie auch oft im Hauptverteiler im Parterre zu tun. Sie huscht irgendwie durch das Haus. Sie eilt auf leisen Sohlen, aber hochenergetisch elastisch federnd und doch im mehrfachem Sinne nicht fassbar vor meinem Terrarium vorbei.

Natürlich – eine Elfe. Dabei brauche ich doch richtig was zum Anlangen, nicht immer diese Nymphchen. Dies versichern mir mehrfach Leute insbesondere aus dem Freudeskreis Anna Lyse, die wie selbstverständlich überzeugt zu sein scheinen, dergleichen einschätzen zu können.

Ein schmales Mädchen mit braunen Augen und zu einer sogenannten Schüttelfrisur frisierten braunen Haaren. Strittmatters „Heckenbraunelle“ fällt mir ein. Ich habe Strittmatter jedoch offenbar nicht richtig gelesen, sonst würde mir das Folgende nicht widerfahren. Dass ich fast ständig den Bereich, über den man sich geeinigt hat, dass er die Realität wäre, gewissermaßen an literarischen Vorlagen messe, ist mir gerade hier nicht klar oder will ich gerade hier nicht wahrhaben.

Sie grient des Öfteren in sich hinein, wenn sie vorbei eilt. Manchmal bleibt sie dabei kurz stehen. Ich kann nicht genau erklären, was ich bei diesen Beobachtungen empfinde. Es scheint, als wüsste sie etwas über mich, das ich nicht wahrzunehmen vermag oder nicht wahrnehmen darf. „Nicht darf“, weil die Wahrnehmung verboten ist.

Sie bewegt sich ohnehin im doppeltem Sinne am Rande meines Gesichtsfeldes. Die gläserne Verkleidung der Pförtnerkabine geht nach einer Art rechteckigem Knick einige Handbreit an der rechten Wand weiter, so dass ich schon aus den Augenwinkeln wahrnehme, wenn jemand aus dem Treppenhaus kommt, bevor er das Foyer betritt. Irgend etwas lässt mich aufsehen, während ich in meinem Glaskasten sitze, und in diesem Augenblick huscht sie am rechten Rand meines Glaskastens und meines Gesichtsfeldes vorbei.

Fast immer dreht sie sich zu mir um und ruft „Tschüss!“, wenn sie nach der Frühschicht wie ein elfenhafter Schemen aus dem Haus hastet. Meist streicht sie dabei mit einem Kamm kurz durch die Haare, als wolle sie sich für das Draußen hübsch machen. Mir scheint, dass ihre Haare in diesen Momenten einen rötlichen Schimmer haben. Wieder fällt mir Bulgakow ein, was ich selbst merkwürdig finde. Das Mädchen erinnert mich an die Margarita aus Bulgakows Haupt- und Meisterwerk. Ihre Geste hat zudem etwas rührend Verspielt-Mädchenhaftes. Andererseits muss ich immer wieder an diese je nach Standpunkt des Betrachters berühmten oder berüchtigten Verse von Goethe denken; „Halb zog sie ihn, halb sank er hin/Und ward nicht mehr gesehn“. Dieser Gedanke erheitert mich nicht in dem Maße, wie ich es bei derartigen Assoziationen gewohnt bin, was mich wiederum beunruhigt.

Immer wieder nehme ich mir vor, aufmerksam zu sein und zu bleiben, wach im übertragenem Sinn, wenn sie vorbei eilt. Immer wieder bin ich für einen Moment weg gekippt in meinen tranceartigen Zustand zwischen Wachtraum und freier Assoziation, den ich durch Schreiben nicht sinnvoll zu nutzen vermag. Genau in diesem Augenblick jedoch läuft sie vorbei. Zu meiner Verwunderung werde ich immer wütender. Natürlich sieht man mir das nicht an und natürlich ist mir das nicht klar. Es bleibt alles geheim.

Diese Wut kenne ich aus der Geschichte mit meiner Bushaltestellenliebe, von der ich eines Abends bei meinem gleichfalls in einer Art Trance durch die Stadt Laufen im Wachen träume, um dann ungläubig festzustellen, dass sie mir tatsächlich entgegen kommt. Es ist etwas Anderes als Schüchternheit oder Verklemmtheit, was hier jegliche Handlungen verhindert. Diese Worte bezeichnen nicht das Problem. Diese Wut richtet sich vor allem gegen mich, aber trotzdem ist sie unerklärlich und beängstigend. Ich ahne bereits, dass in auf den ersten Blick banalen Alltagsabläufen ein grundlegendes Problem wirksam und sichtbar wird.

Außerdem haue ich mir die Taschen voll. Ich träume in der Pförtner-Kabine, wenn das Haus nach sechzehn Uhr oder am Samstagvormittag fast leer ist, immer wieder von heißen Nummern im Hinterraum dieser Kabine. Kurzum, es geht um Phantasien von Spontan-Sex. Szenen mit realisierten derartigen Phantasien erlebe ich zu meiner Überraschung in Filmen des sozialistischen Realismus. Oft werden dabei gar überholte Klassenschranken überwunden. Proletarisch-deftig-derb gesagt, hat etwa ein verwirrter Hilfsarbeiter für beide explosiv befreienden Spontansex, indem er die hochschulisch diplomierte Betriebsleiterin im Lager für Büromaterialien im Stehen von hinten knallt usw. Das ist nicht meine Formulierung und sie gefällt mir eigentlich nicht. Dennoch faszinieren diese zotigen Wendungen mich immer wieder, da mir die sie Benutzenden weit mehr als ich am wirklichem Leben beteiligt scheinen. Ich bin mir derart sicher, dergleichen irgendwann erleben zu dürfen, dass ich diese Phantasien nicht einmal vor mir selbst zugebe. Ich muss nichts für ihre Realisierung tun, denn die wird sich wie von selbst ergeben.

Allerdings kommt dieses Mädchen keineswegs in diesen Phantasien vor. Sie ist etwas Höheres, etwas Ätherisches, etwas zu Kostbares für Entwertung durch in der Realität wahrgenommene Körperlichkeit. Diese Überzeugung erkenne ich durchaus als in gewissem Sinn und Maß deutsch-romantisch-literarisch und vor allem nicht typisch für unsere Menschen. Außerdem ist sie albern-infantil, hinterwäldlerisch und kitschig. Ohnehin erlebe ich diese Phantasien, als würden sie gar nicht zu mir gehören. Es geht um heftige sexuelle Begierde – die gibt es nicht. Dergleichen ist tabu. Das wird sich ergeben. Es geht alles seinen Gang.

Nach einigen Wochen habe ich einen Gedanken, der mir derart ungeheuerlich erscheint, dass ich ihn nicht einmal in meinen literarischen Notizen formuliere. Es kommt ohnehin bei meinen schriftstellerischen Versuchen in dem Sinne nichts heraus, dass ich auch hier keine richtigen Geschichten schreibe. Ich dichte nicht, ich spinne nicht, ich phantasiere nicht, sondern berichte wieder nur. Selbstverständlich wird gerade diese Tatsache immer wieder ins Gegenteil verkehrt, indem mir unterstellt wird, ich würde das Blaue vom Himmel herunter lügen. Wenn ich das doch könnte!

Diese Niederschriften haben allerdings kaum etwas mit dem gegenwärtigem Geschehen in der sogenannten Realität zu tun. Vielmehr schreibe ich über Erlebnisse zum Beispiel während meiner einige Jahre zurückliegenden Armeezeit und aus meiner Schulzeit. Ich komme nicht einmal auf den Gedanken, dass Kollegen im Haus selbstverständlich glauben könnten, ich würde über dieses gegenwärtige Geschehen schreiben und nicht für mich, sondern für Memphis Tennessee.**

Das Mädchen rennt beinahe an meinem Glaskasten vorbei. Sie wirkt von etwas getrieben, was zwar in ihr zu sein scheint, aber mit mir zu tun haben könnte. Mein mir selbst ungeheuerlich erscheinender Gedanke ist der, dass sie missbraucht worden sein könnte und auf mich eine Täter-Übertragung hat. Darauf scheint mir auch die Tatsache hinzuweisen, dass sie mit einem Jungen zusammen ist, der sowohl vom Äußerem als vom Umgang her, den sie mit ihm pflegt, die Rolle eines jüngeren Bruders zu erfüllen scheint. Auf den kann ich gar nicht eifersüchtig sein. Ich bin mir sicher, dass es sich um eines der neurotischen Arrangements handelt, über die ich in den zum Teil bereits vor der Therapie durchgearbeiteten Fachbüchern gelesen habe. Es soll mit diesen Arrangements etwas vermieden werden, das mit negativen Erfahrungen verbunden ist. Gleichzeitig wird aber damit Leben eingeschränkt oder gar vermieden.

Ich bin heftig indoktriniert durch meine erste Psychotherapie und halbwegs bewusst überzeugt, die Welt therapieren zu sollen. Typischer, kurioser und tragikomischer Weise werden mir derartige Ambitionen erst über drei Jahrzehnte später unterstellt, als ich längst aufgegeben habe, daran zu glauben, dass Revolutionen, Aufstände, Umstürze, Wenden usw. überhaupt etwas ändern könnten an dem, was Menschen als Menschen ausmacht. Diese Wahrnehmungen tätige ich nicht in dem Bedürfnis, mich als Opfer darzustellen, sondern in dem Glauben, hier weit über meine Person hinaus wirksame Abläufe zu erleben.

Aber auch oder gerade hier geht alles seinen Gang. Die ist für mich erschienen! Wenn ich diese Überzeugung aussprechen würde, müsste mir klar werden, wie irre sie ist. Ich bin der Nabel der Welt??? Aber ich spreche den Gedanken nicht aus. Ich kann und will das auch gar nicht. Es wird sich alles klären, wie von selbst.

Bin ich verknallt? Ich weiß es nicht. Bereits hier bin ich durch meine Therapie noch heftiger verunsichert in allem sich zwischen Mann und Frau Abspielendem als vor der Behandlung, was, milde formuliert, nicht der Zielstellung einer Therapie entsprechen dürfte. Das will ich jedoch nicht wahrhaben, weil ich mich sonst der zwangsläufig ergebenden Konfrontation mit Autoritäten stellen müsste, für die ich weniger zu feige bin als vielmehr aus Resignation zu träge. Mir ist jedoch klar, dass ich mit Schreiben im literarischem Sinne begonnen habe auch aus der Gewissheit heraus, in wirklich wichtigen Momenten keine Worte zu haben.

Dies erlebe ich jetzt bis zu einer Art persönlichen Singularität gesteigert. Mir ist so was noch nicht passiert. Ich weiß noch weniger als bei ähnlichen Gelegenheiten, wie mir geschieht. Etwas zieht mich geradezu vom Stuhl hoch, besonders, wenn sie dieses „Tschüss!“ beinahe heraus schmettert. Das klingt verspielt, übermütig-lebenslustig, aber irgendwie auch, als wolle sie sagen: „Schade!“ Zu meinem Entsetzen bin ich kurz davor, unartikulierte Laute aus zu stoßen; etwa wie ein Hund, der von Frauchen liebevoll gerufen wird. Ich möchte ihr hinterher laufen – um was zu tun? In dieser kleinen, banalen Episode meines Alltags scheint etwas Animalisch-Triebhaftes hoch und raus geholt zu werden, von dessen Existenz ich nichts ahne und nichts wissen will.

Sind das meine Vergewaltigungs-Phantasien, die ich nicht wahrhaben will? Einmal hat mein Therapeut dieses Wort angebracht, um dann nach meiner Reaktion beinahe zurück zu zucken. Alles, was mit Sex zu tun hat, ist tabu. Erst recht trifft das zu auf das immer dazu gehörende Triebhafte, das immer auch aggressive Anteile hat.

Andererseits wirken diese scheinbar banalen Episoden auch oder vor allem auf einer geistigen Ebene. Ich erlebe halb verblüfft, halb verstört einen Effekt, für dessen Verbalisierung ich Monate brauche. Dieses Mädchen scheint in der sogenannten Realität eine Art lebendes Äquivalent zu meinem Schreiben zu sein. Meine schriftstellerischen Versuche sind durch ihr Erscheinen hinfällig. Wie das? Was geht hier ab? Wer macht das?

Ich halte mich abwechselnd für größenwahnsinnig und genial, weil ich seit Monaten an einer Art Cover-Version von „Romeo und Julia“ bestenfalls werkele. Ich komme durch Gottfried Keller darauf, der diesen gewissermaßen ewigen Plot covert in seiner Novelle „Romeo und Julia auf dem Lande“. Mein Grundgedanke ist, dass sie nicht zueinander kommen nicht wie bei Shakespeare aus äußeren Gründen wie Standesschranken, verfeindeten Familien, materiellen Grundlagen usw., sondern durch sich aus den Lebensgeschichten ergebende Hindernisse wie neurotische Blockierungen, Traumatisierungen, verzerrte Muster der Wahrnehmung usw.

Der Plot scheint mir auch heute noch brauchbar. Es bleibt jedoch bei seiner leicht oberlehrerhaften Ausformulierung. Wie immer dichte ich nicht, sondern berichte nur. Neben Dutzenden Einfällen für weitere Geschichten schiebe ich diesen Plot jahrzehntelang vor mir her.

Auch oder gerade diese Story scheint sich nun erledigt zu haben. Ich bemerke diese Art Verwischung der Grenzen von Dichtung und Wahrheit nicht nur verwundert, sondern zunehmend beängstigt. Ich laboriere in meinem Glaskasten an meiner Geschichte über Romeo und Julia in der Stadt, aber genau das, worüber ich gerade dichten, phantasieren, spinnen, kurz, im belletristischem Sinne schreiben will, geschieht gleichzeitig vor mir und vor allem mit mir.

Ich bin hilflos handlungsunfähig. Schreiben ist überflüssig, ein für alle Male. Im Weiteren kann ich feststellen, dass dieses allmähliche Bröckeln und Einfallen der Mauer zwischen Fiktion und sogenannter Realität ein Merkmal der Zeit zu sein scheint. Das zeigt sich in selbstreferentiellen Passagen bei Paul Auster, Philip Roth oder Woody Allen wie im Container bei RTL II und dgl. Auch diese Einsicht nützt mir jedoch nichts.

***

Ich weiß, dass sie mir die Tür öffnen wird. Das geht gar nicht! Allerdings ist „wissen“ nicht das treffende Wort. Es scheint, wieder einmal, gar keine wirklich treffenden Worte zu geben. Ich spüre einen dumpfen Druck nach dem Aufstehen. Es stimmt etwas nicht. Es liegt etwas in der Luft. Es ist etwas unausgesprochen wirksam. Usw. Dieses Empfinden würde von einigen Leuten wiederum als psychotisches Erleben gewertet werden. Aber was nützt mir diese Wertung?

Eines Morgens, als ich zur Frühschicht muss, habe ich nach dem Aufwachen wieder dieses komische Gefühl. Eine halbe Stunde später und einige Kilometer entfernt denke ich etwas wie: ‚War ja klar!‘ Die Mitarbeiter der Nachtschicht in der Ortsvermittlungsstelle in der ersten Etage schließen am frühen Morgen den Haupteingang auf, um den Pförtner der Frühschicht herein zu lassen und ihm den Schlüssel für diesen Eingang zu übergeben. Heute ist sie diese Mitarbeiterin der Nachtschicht. Ich habe das „gewusst“ auf diese schwer zu beschreibende Weise. Aber das ist doch alles Eso-Scheiß?!!! Über welche Kanäle sollen denn hier Informationen übertragen werden?

Es ist diese eine der Situationen, bei denen mir unklar deutlich wird, dass ich nicht verklemmt oder schüchtern bin. Ich verhalte mich vielmehr wie der Leser eines Buches oder der Zuschauer eines Films. Gleichzeitig will ich natürlich gerade bei einem Mädchen, das schon in dieser Phase des Kontaktes derart ebenso starke wie unerklärliche Reaktionen auslöst, dabei sein, beteiligt, einbezogen, gesehen werden. Das ist ein übles Paradoxon und das ist mir auch klar. Aber ich warte trotzdem und erst recht ab, was sich ergibt.

An diesem Morgen ergibt sich etwas, und nicht nur etwas. Sie scheint auf mein Spiel des Wartens und Erst-Einmal-Sehens eingehen zu wollen. Sie posiert lieblich vor dem breitem Tresen an der Außenseite des Glaskastens der Pförtner. Als sie mir den Schlüssel übergibt, berühren sich unsere Hände kurz und da ist was. Was für ein sentimentaler Quatsch und Kitsch! Bestenfalls etwas in der Art Jack Londons, wenn er schwach, weil gefühlsduselig ist. Es durchfuhr ihn, Komma, und er spürte es, Punkt.

Sie lächelt wieder in dieser Art, bei der ich zu meiner Verblüffung das sichere Empfinden habe, dass sie etwas von mir weiß, das ich nicht wahrhaben kann und will. Das Lächeln, eher ein verschmitztes Grienen, hat zugleich etwas Spielerisch-Schelmisches und etwas Verschlagenes. Sie wirkt ein bisschen wie ein weiblicher Clown und ein bisschen wie eine weise Indianerin. Der letzte Eindruck entsteht vor allem dadurch, dass die braunen Augen und die braunen Haare auch ihre Haut dunkler als gewöhnlich erscheinen lassen, was sie nicht ist.

Das Mädchen sagt nur wenige kurze Sätze, deren Inhalt ich gleich vergesse. Aber es passiert etwas in mir, das ich noch weniger in Worte fassen kann als die vorhergehenden merkwürdigen Erlebnisse bei meinen bisherigen flüchtigen Kontakten zu ihr. Es kommt wie eine Welle eine gewissermaßen atmosphärische Weltwahrnehmung in mir hoch, die ich völlig vergessen habe. Geradezu als Bilder vor meinem geistigem Auge steigen Erinnerungen an meine erste Liebe im Ferienlager 1973 hoch. Ich werde derart geradezu von ihnen überschwemmt, dass mir ist, als müsste ich nach Luft schnappen. Kurze Zeit später fällt mir auch der Begriff „eingeklemmter Affekt“ ein, den ich während des auch oder gerade im Psychologischem dilettierenden Erwerbs meiner Viertelbildung aufgeschnappt habe. Ich weiß nicht, ob damit das gemeint ist, was ich gerade erlebe, aber der Begriff scheint mir zu passen. Die wenigen, völlig banalen, leise und ruhig gesprochenen Worte dieser Mädchenfrau treten etwas in mir los, das ich eingekapselt, ja, geradezu eingebunkert habe, ohne es zu bemerken. „Ins Freie kommen“ ist ganz offensichtlich etwas da drin, nichts da draußen in der Welt.

Die folgenden Stunden verbringe ich wie gleichzeitig euphorisiert und betäubt. Dies jedoch nicht im unwohl bekannt depressivem Sinne, sondern geradezu beschwingt. Dieses Empfinden ist keine Einbildung. Ich bemerke durchaus, dass Mitarbeiter mich bei der Schlüsselausgabe verwundert, ja, befremdet ansehen, als sähen sie mich zum erstem Mal.

Es geht nicht nur um Verliebtheit oder gar unter hormonellem Druck hochschießendes sexuelles Verlangen eines geilen Bocks, der sich selbst nicht als solcher wahrzunehmen vermag, weil er aus Gründen das Thema Nr. 1 ausblendet und abspaltet. Es ist vielmehr vor allem das schlagartig verändert, was man als ständig im Hintergrund wirkende existentielle Grundstimmung bezeichnen könnte. Ich weiß bis zu diesem Morgen gar nicht, dass diese Veränderung möglich ist oder habe diese Möglichkeit „vergessen“. Eine kurze, unverhofft mögliche Ahnung einer anderen Sicht auf die Welt kommt auf, die ich vom nicht nur körperlichen, sondern vor allem geistigen Aufschwung der Genesung in meiner Vorschulkindheit kenne oder von der Geschichte meiner platonischen Haltestellen-Liebe. Es öffnet sich für einen Augenblick und einen Spalt breit eine Tür in eine Art anderes Leben und dann ist die Tür gleich wieder zu. Das Andere ist jedoch nichts Äußerliches, die sogenannte Realität ist dieselbe. Plötzlich scheint mir gewissermaßen gestattet, an der Welt teilzunehmen und es als selbstverständlich anzusehen, dass man in ihr mit mir rechnet.

Vielleicht geht es darum, dass symbolisch meine Mutter zurück kommt und endlich ganz da ist und mir dadurch gewissermaßen endlich eine Existenzberechtigung erteilt. Womöglich hat sie bei ihrem Verschwinden die Erwartung dieser Berechtigung zurück gelassen.

Jetzt komme ich aus meiner Beobachterposition heraus. Ich spüre schmerzhaft, wie unvorbereitet ich für diese Situation bin. Fast alle anderen Jungen haben über Jahre hinweg vom unverbindlich flirtendem Geplänkel quasi im Vorübergehen bis zum Sex den Umgang mit Mädchen geübt. Mir sind diese vor allen an Bänken herum lungernden Grüppchen immer egal oder ich fühle mich gar erhaben über die Halbstarken in Lederjacken auf Mopeds. Ich habe auch diese Gruppenübungen geradezu ausgeblendet. Das wird sich alles ergeben. Es geht alles seinen Gang. Jetzt drohe ich jedoch, gewissermaßen in den Schritt Nr. 20 zu stolpern, ohne die Schritte 1 bis 19 gegangen zu sein.

Was ist überhaupt in einer solchen Situation zu tun? Wie, igitt, wirbt man um ein Mädchen, das Einem nicht nur gefällt, sondern derartige innere Verwerfungen auslöst? Bereits das Wort „Werben“ finde ich leicht lächerlich und komme mir dabei allerdings kindisch vor. Es deutet auf heftige Aktivitäten, aber gerade bei dem sich zwischen Mann und Frau Abspielenden muss und wird sich doch alles ergeben? Die zwei längeren Partnerschaften, die ich bereits erlebt habe, erscheinen mir jetzt gleichfalls als eindeutig neurotische Arrangements. Ich habe keine Antworten auf diese Fragen gefunden, sondern mich um sie herum gemogelt.

Das wird jetzt der oft parodierte Todessprung von der Teppichkante. Ich rufe das Mädchen aus meiner Pförtner-Kabine an, während sie in der Ortsvermittlungsstelle arbeitet. Ich lade sie ins Kino ein. Dabei komme ich mir bescheuert vor wie noch nie in meinem Leben. Vor allem tue ich etwas streng Verbotenes, Undenkbares, eigentlich gar nicht Mögliches.

Was soll ich mit ihr im Kino? Ich gehe häufig ins Kino, aber allein und um den Film zu sehen. In Filmen, deren Macher überzeugt zu sein scheinen, dass sie darin typische Jugendliche in typischen Situationen zeigen, sieht dergleichen immer beneidenswert locker aus. Übermütig lärmende Gruppen von Popcorn eindrehenden Halbwüchsigen hängen locker in den Sitzreihen von Kinosälen ab. Ich erlebe dergleichen nie und bin vor allem bis zu diesem Telefonat überzeugt, dass mir nichts fehlt. Dabei blende ich einen der wichtigsten Bereiche der sogenannten Wirklichkeit aus und halte das für derart selbstverständlich, dass es mir gar nicht bewusst ist.

Gleichzeitig habe ich das Empfinden, dass ich nach diesem Telefonat im Foyer einen Freudentanz aufführen muss, um nicht zu platzen. Jenseits allen Grübelns und Theoretisierens wird mir klar, dass es hier ins Freie geht. In einer Art rasender Torschlusspanik versuche ich dem Mädchen zu vermitteln, was in diesen wenigen Augenblicken der morgendlichen Schlüsselübergabe in mir abgegangen ist. Sie versteht es nicht. Das leuchtet mir ein, denn ich verstehe es selbst nicht. Dennoch habe ich das zunehmend verzweifelte Empfinden, dass etwas Unwiederbringliches für immer zu verschwinden droht. Ich finde auch das sentimental und kitschig. Aber ich muss sie festhalten, mehr im übertragenem als im wörtlichem Sinne.

Natürlich wehrt sie meine Einladung heftig ab. Trotzdem spüre ich ein geradezu stürmisches Frohlocken, weil ich mir irgendwie sicher bin, das ich hier dranbleiben muss. Diese Abwehr ist die Fassade, für die sie Gründe hat.

Das ist keine Einbildung oder Wunschvorstellung, wie sich Jahrzehnte später in typisch tragikomischer Weise erweist. Dann findet meine Freundin das Klosterstraßen-Mädchen nach einigen Recherchen. Sie ruft sie an und gibt mir die Erklärung weiter, das Mädchen wäre damals in mich verliebt gewesen. Ich glaube beiden Frauen. Wieder einmal darf ich konstatieren, dass meine Wahrnehmungen realistisch sind. Wieder einmal hat niemand etwas von meinen „Weisheiten“. Der große Theoretiker darf sich nur wieder ein großes Bienchen ins Große Klassenbuch eintragen.

Einige Stunden nach meiner telefonischen Einladung ruft mich der Freund des Mädchens in meiner Pförtnerloge an. Ich spüre deutlich, dass er sich künstlich in einen Wutanfall hinein steigert. Er verbietet mir den Kontakt zu dem Mädchen. Sinngemäß sagt er, ich solle ihr fern bleiben. Das hört sich für mich nach heftigen Übergriffen an. Ich erkläre deshalb halb belustigt und halb erschrocken, ich hätte gar nichts getan außer sie angerufen und ins Kino eingeladen. Der Typ dröhnt durch das Telefon: „Willst Du behaupten, das Mädchen lügt?“ Ich würde nicht lebend aus meinem Glaskasten kommen, wenn ich sie nicht in Ruhe lassen würde, fügt er fast wörtlich hinzu. Ich murmele völlig verdattert irgend etwas und lege auf mit dem Gefühl, dass hier möglicherweise etwas wie „Mit versteckter Kamera“ läuft.

Mir ist klar, dass der Junge überzeugt scheint, mir ordentlich die Meinung gegeigt zu haben. In Wahrheit bin ich kurz davor, brüllend los zu lachen. Das tue ich nur deshalb nicht, weil ich zudem fast sprachlos ungläubig bin. Ist das jetzt real? Geschieht das mir? Bin ich jetzt tatsächlich in einer Geschichte, nicht deren Leser oder Zuschauer? Auch diese Frage löst etwas wie hoffnungsfrohe Erwartung aus, die ich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit erlebe.

An dieses Telefonat muss ich später denken, als ich diesen Satz aus der alternativen Szene lese, „Mit der Technik auf dem Mond, in der Liebe im Neandertal!“ Zudem fällt mir auch hier sofort eine Episode aus meiner Vergangenheit ein. Wiederum fast als Folge von Bildern vor meinem geistigem Auge steigt die Erinnerung an die Geschichte in meiner Vorschulzeit auf, in der ich verprügelt werden soll, weil ich angeblich jemandem ein Loch in den Kopf werfe. In Wahrheit wirft mir ein anderes Kind im fraglichem Zeitraum ein Loch in den Kopf. Die Mitglieder des Freudeskreises Anna Lyse haben möglicherweise Recht mit der sinngemäßen Behauptung, des Öfteren würde sich im Leben etwas ganz Altes wiederholen.

Natürlich wirkt auch hier wieder dieser Effekt der Treppwörter. Mir fällt hinterher ein, als die Situation vorbei ist, quasi auf der Treppe, was ich sagen könnte, sollte oder müsste. „Ja, das Mädchen lügt wie gedruckt! Sie phantasiert sich was zusammen! Ich habe wirklich nur angerufen, um sie ins Kino einzuladen!“, wäre eine mögliche Antwort. Die treffende Replik fällt mir immerhin bereits wenige Minuten nach der realen Szene ein, nicht erst Tage oder noch längere Zeit später. Allerdings hilft mir das nicht. Offensichtlich bin ich jedoch ganz dicht dran am Hier und Jetzt, nur leider immer noch nicht drin.

Noch einmal versuche ich verzweifelt zu erklären, um was es mir geht, was sie da in mir los getreten hat usw. Hier habe ich eine Zeugin, die gegebenenfalls bestätigen könnte, dass ich bei diesem Erklärungsversuch einige Meter entfernt von meiner schmerzlich erfolglos Angebeteten stehe. Diese flüchtet sich hinter die Metalltür der Ortsvermittlungsstelle. Zu meiner Verblüffung fängt die „Zeugin“ an zu weinen. Sehr viel später scheint mir, dass sie instinktiv spürt, ohne es ausdrücken zu können, was abgeht. Ich bin nicht „der Böse“.

***

Einmal nicht witzig bzw. „witzig“ sein, nicht sarkastisch, nicht zynisch-schnoddrig über alles und jeden drüber brettern! Einmal nicht den melancholisch-miesepetrig aus der Distanz analysierenden Beobachter geben! Einmal etwas ernst nehmen und wirklich dahinter stehen!

Ich entwerfe nun ein „Thesenpapier“. Ganz ohne Ironie kann ich aber auch oder gerade hier nicht. Auf dem Schreibtisch des Pförtner-Terrariums liegt unter einer Glasplatte ein Kalender. Unter anderem sind darauf die Geburtstage von Persönlichkeiten vermerkt, die als bedeutend zu empfinden aktuell empfohlen wird. Auf einem Titelbild der bekannten Satire-Zeitschrift „Eulenspiegel“ finde ich einen Cartoon, über den mit Sicherheit nicht nur ich heftig lachen muss. Über einer Landstraße hängt ein Transparent mit der Aufschrift „Hier entsteht ein zugeschüttetes Loch!“ Es kommt ein Wanderer des Wegs und fragt: „Und aus welchem Anlass?“ Ich suche nun ein in diesem Kalender aufgeführtes Datum, dem ich meine „Thesen“ widmen könnte. Zunächst denke ich an den Geburtstag Einsteins, entscheide mich dann aber für den Lenins. Passt schon, denn Einstein hat den Weg zur siegreichen Arbeiterklasse nicht gefunden, wie hier der quasi amtliche Textbaustein lautet.

Diese „Thesen“ sind zum Teil geschwollen, pathetisch und überspannt formuliert. Zur Kern-Aussage dieser knapp zwei DIN-A-4-Seiten stehe ich jedoch heute noch. Diese Aussage lautet sinngemäß, nach der Befreiung von Unterdrückung auf der Ebene der materiellen Basis müsse eine Befreiung auf der den Menschen erst zu einem solchem machenden psychischen Ebene folgen.

Das in diesen „Thesen“ Dargelegte erlebe ich eben sozusagen fokussiert auf meine eigene kleine Person. Mir scheint, hier ist weit über meine bereits marginal agierende Person hinaus wirkend der Dreh- und Angelpunkt der Entwicklung dieser Gesellschaft in diesem Stadium. Man hat die materielle Basis zum Menschenwürdigem hin umgestaltet und das ist eine historische Leistung. Aber man ist bei der Befreiung von Unterdrückung bei dieser Basis stehen geblieben, beim menschenwürdigem Arbeiten, sich Ernähren, Kleiden und eine Unterkunft finden usw. Was jedoch darüber hinaus geht, auf die Ebenen, die den Menschen als solchen ausmachen, insbesondere die von Kontakt, Beziehung, Bindung usw., bleibt unverändert. Wenn die Problematik überhaupt auch nur angesprochen wird, erfolgt sofort die Beschwichtigung mit den üblichen Textbausteinen. Es handele sich um Überbleibsel der alten Gesellschaft, die man im Zuge der gesetzmäßigen Entwicklung Schritt für Schritt überwinden wird usw. usf.

Ein besonders tragikomisches Beispiel für Ironie des Schicksals in meinem an dieser Ironie reichem Leben ist meine nach der Wende zwangsläufig erfolgende Feststellung, dass die kapitalistischen Menschen von Esoterik bis Therapie vieles tun, was „realen Sozialismus“ zu realem Sozialismus machen könnte. Zudem muss ich des Weiteren feststellen, dass ich gewissermaßen offene Türen einrenne. Das kann ich vor der Wende in meiner Situation gar nicht bemerken. Zum Beispiel bemüht sich Erich Fromm ein Leben lang, quasi Marx und Freud zu integrieren.

Wieder einmal habe ich Glück. Es gibt Leute, die sich für derartige „Thesenpapiere“ im Gelbem Elend in Bautzen oder in einem U-Boot in Hohenschönhausen wiederfinden. Aber offensichtlich nimmt mich randständigen Spinner keiner ernst oder überhaupt wahr. Gleichfalls erst nach der Wende wird mir klar, dass Verantwortliche nicht verstehen und gar nicht verstehen können, um was es mir eigentlich geht. Das von mir zumindest ansatzweise Erörterte ist außerhalb ihres psychischen Gesichtsfeldes. Ich sende eine Kopie meiner Thesen an einen Sekretär der FDJ-Bezirksleitung. Der Mann ist promovierter Philosoph und ich kenne ihn wie alle meine Berliner Bekannten und Freunde aus meiner Armeezeit. Er reagiert, wie ich es ganz tief drin erwartet habe. Er ist deutlich ratlos, ja, verunsichert nicht nur von meinem Papier, sondern nunmehr auch von meiner Person. Möglicherweise war ich doch richtig in dieser Klinik für Leute, die nicht ganz richtig sind.

Cherchez la femme! Alles das tue ich für die Jugendfreundin aus der Prignitzer Prärie, wie ich das Mädchen insgeheim bald nenne. Seit Langem wieder einmal entwickle ich Neugierde auf einen oder überhaupt Interesse an einem anderem Menschen. „Sie haben ein Recht darauf, Ihre Fühler auszustrecken!“, sagt eine Therapeutin einmal zu einem Mitklienten. Dass dieses Feedback auch oder gerade auf mich zutrifft, scheint sie nicht zu bemerken.

Aber es bleibt wie immer alles geheim. Ich spioniere ein bisschen. Ich erfahre ihr Geburtsdatum. Das vergesse ich erschreckend schnell, aber sie ist einige Jahre jünger als ich. Ihr Geburtsort ist Pritzwalk. Ich interessiere mich jetzt auch für diesen Ort, von dem ich bis dahin nur weiß, dass er eine Kreisstadt im Norden des Landes ist und janz weit draußen. Was ich nicht bemerke, ist, dass das Mädchen nichts bemerkt und nichts bemerken kann von meinen Bemühungen zur Rettung der Menschheit.

Überhaupt drehe ich frei. In meinem Dienstbuch, das regelmäßig kontrolliert wird, muss ich täglich unter Anderem das Öffnen und Schließen des Kfz.-Tores am anderen Ende des Gebäudes protokollieren. Ich schreibe in übermütigem Ungestüm, von dem ich bis dahin gar nicht weiß, dass ich zu ihm fähig bin, etwas von feierlicher Öffnung des Großen Amts-Tors zu Berlin-Mitte unter festlichen Klängen des Post-Central-Orchesters. Wieder einmal habe ich Schwein, wieder einmal passiert nichts. Kurzum werde ich lebendig wie schon sehr lange nicht mehr.

Ich entwickle den irren Gedanken, bei der Stasi anzurufen und mitzuteilen, dass ich meinen Auftrag erfüllen werde. Natürlich gibt es da oben gute, kluge, informierte, umsichtig und heiter-leicht-weise planende und lenkende Menschen, die alles im Blick und alles im Griff haben. Die haben mir jetzt eine Chance gegeben, gewissermaßen den gordischen Knoten meines Lebens durchzuhauen und ins Freie, Weite, Helle, Lichte zu kommen. Ich spüre das, ich denke es nicht nur. Wieder ist es, als hätte ich ein Präparat erhalten, mit dem ich in Sekunden von Null auf Hundert komme.

Allein, es kommt nichts dabei heraus. Fast alles ist nur in meinem Kopf. Aber das bemerke ich nicht, obwohl mir mein Therapeut immer wieder Winke mit dem Zaunpfahl gibt, wie mir Jahrzehnte später klar wird. Würde ich diese Gedanken laut aussprechen, könnte ich vielleicht bemerken, wie verrückt sie sind.

An einem lauem Sommerabend schnüre ich tatsächlich wie ein Hund an einer unsichtbaren Leine hinter ihr her. Ich folge ihr, als wir einmal gemeinsam Schicht-Schluss haben, zur U-Bahn. Sie lässt mich gewähren. Es läuft alles wie von selbst. Ich weiß aber nicht mehr, ob das vor oder nach dem Anruf ihres mackernden Freundes erfolgt. Ich steige am U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Straße mit ihr in die Straßenbahn, obwohl die von meiner Wohnung weg fährt. Es muss etwas geschehen, es liegt was in der Luft.

Wir wechseln nur wenige Worte. Sie sagt, dass sie jetzt ins Wohnheim fahren würde und sich ein schönes Steak brutzeln. Das klingt, als wäre das ein vereinbartes Codewort. Ich verstehe zwar dessen Sinn nicht, habe aber das sichere Empfinden, dass alles nach einem höherem Plan läuft. Ein Mann dreht sich zu uns um und sagt zu dem Mädchen etwas wie, sie solle nicht sauer oder traurig sein. Das scheint sich auf mich zu beziehen. Ich verstehe Bahnhof. Es ist, als würde ich träumen, dass ich nackt durch die Stadt laufen würde, um dann entsetzt feststellen zu müssen, dass ich gar nicht träume, sondern mich in der sogenannten Realität bewege.

Es ist irgendwie alles anders nicht in der Art, wie es jeder im Zustand höchster Verliebtheit kennen dürfte. Vielmehr ist das gewissermaßen Atmosphärische in diesen kleinen Szenen fremd, bedrohlich, brutal, kalt, kafkaesk. Ich muss an den „Silly“-Song „Schlohweißer Tag“ denken. Darin wird dieses Kafkaeske des gewissermaßen hintergründig Atmosphärischen sinnigerweise von einem Diplomphilosophen als Texter in gräulich großartigen poetischen Bildern beschrieben.

Ebenfalls für meine Begriffe zeitlich relativ dicht am Geschehen kommt mir ein erster Gedanke zum Versuch der Erklärung des Geschehens. Mein selbstbewusst homosexueller Nachbar erklärt, dass einige Schwule eine Art Wettbewerb betreiben würden, Heten ans andere Ufer zu ziehen. Was, wenn die Leute Recht haben, die immer einmal wieder andeuten, dass ich etwas Schwules hätte? Wenn ich nun schon psychisch am anderem Ufer bin und es gar nicht bemerke? Offensichtlich geht es in dieser Tram-Szene um Handlungen, die für jedermann und vor allem jeden Mann selbstverständlich scheinen. Vermutlich sollte ich mit dem Mädchen mitfahren und es endlich tun.

Ich sitze jedoch in der Tram beinahe zur Statue erstarrt wie mein Kater nach einem schockierendem Erlebnis und vor allem in seltener Sprachlosigkeit. Dann steige ich etliche Kilometer von meinem Haus entfernt, aber vor dem Erreichen ihres Wohnheims aus und laufe lange wie betäubt durch die Straßen. In den nächsten Jahrzehnten erlebe ich tausende derartiger Szenen in meinen ewigen „Traumprüfungen“. Leute scheinen etwas zu erwarten, was für jeden Menschen selbstverständlich zu sein scheint, worauf ich jedoch nicht komme.

***

Einige Male in meinem Leben erlebe ich eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen mag, wenn diese „Schutzhülle“ weg ist, die Leute wie ich zu benötigen scheinen. Am stärksten ist diese Ahnung bei meinem Ferienlager-Aufenthalt, den ich durch plötzliche Erkrankung an Windpocken beende. Freuds Hinweis greift auch und gerade hier, laut dem für einige Menschen Neurose weniger ein Syndrom zu sein scheint als vielmehr eine Art sie überhaupt lebensfähig machender goldener Kompromiss.

Unter anderem hier beginnt der Budenzauber. Ich erlebe immer wieder Begegnungen, bei denen ich nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrücken kann. Das ist inszeniert, das ist nicht echt, da haben welche dran gedreht. Eine gewisse Ironie des Schicksals besteht hier darin, dass nach der Wende in diesem Gebäude des Ost-Berliner Fernsprechamtes ein Experimental-Theater entsteht. Aber wozu noch Theater und Therapie? Auch die sind erledigt, ein für alle Male. Da machen welche Therapie in vivo, nicht in den Schutzräumen von Kliniken, Krankenhausabteilungen, Praxen und therapeutischen WGs. Da inszeniert wer auch immer die Realität!

Natürlich ist mir klar, dass erst recht dieses Symptom als typisch für einen psychotischen Zustand gilt. Aber das hilft mir nicht weiter. Zudem scheine ich auch hier in keiner Weise aufzufallen. Die Fassade ist auf Hochglanz.

Diese inneren Zurufe beginnen zur selben Zeit, als ich diese scheinbar banalen kleinen Episoden mit dem Mädchen aus der Prignitzer Prärie erlebe. Ich weiß jedoch nicht sicher, ob hier ein Zusammenhang besteht. Nach der Wende suche ich die Beratungsstelle für Opfer des Stalinismus auf. Ich schäme mich, weil ich zu Recht annehme, dass dort ehemals in Bautzen oder Hohenschönhausen Inhaftierte erscheinen. Zu meiner Verblüffung versichert mir mein Gesprächspartner sinngemäß, dass er mein Vorsprechen keineswegs unangemessen fände. Er erlebt bereits in den wenigen Monaten des Bestehens seiner Einrichtung mehrere Fälle, in denen zwei Leute gegenseitig aufeinander angesetzt sind und es beide zumindest zunächst nicht bemerken.

Wieder einmal kommt mir im Zusammenhang mit der Stasi das Gruseln nachträglich. Wieder einmal verlaufen meine Bemühungen im Sande. Ich erscheine nicht mehr zum nächstem Termin oder dergleichen. Alles Haschen nach Wind….

Einige Mitteilungen per Mental-Funk, wie ich diese vermeintlichen oder tatsächlichen Halluzinationen oder Pseudohalluzinationen irgendwann nenne, lauten etwa: ‚Es gibt kein Zurück!‘ oder: ‚Wir begleiten Dich ein Leben lang!‘

Das mit dem ‚… kein Zurück…‘ glaube ich sofort zu verstehen. Es gibt kein Zurück in diese „Schutzhülle“. Ein klägliches Gleichnis zur Veranschaulichung dieses inneren Geschehens wäre ein Kind, das gern wieder an den Weihnachtsmann glauben möchte, nachdem es begriffen hat, dass es keinen gibt, weil es jetzt erkennt, wie behütend dieser Glaube ist. Aber – es gibt kein Zurück. Mir scheint jedoch, dass sich hier ein existentielles Problem zeigt. Tiere sind zum Konstruieren eines solchen goldenen Kompromisses nach Freud nicht in der Lage. Dieses Konstrukt ist etwas zutiefst Menschliches.

„Begleitet“ werde ich von diesen gewissermaßen In-Vivo-Therapeuten seit diesen Ereignissen 1986. Zahlreiche intensive Versuche, diplomierten und promovierten Fachleuten das Geschehen nachvollziehbar zu beschreiben, muss ich als erfolglos betrachten. Aber der Mensch scheint sich tatsächlich an Alles gewöhnen zu können.

** Ein bitter doppeldeutiger Wortwitz. „GHG“ heißt „Großhandelsgesellschaft“, etwa für Obst, Gemüse und Speisekartoffeln, was typischerweise mit „OGS“ abgekürzt wird. Die Verballhornung der Abkürzung lautet: „Gucken, Horchen, Greifen“. Die Gefangenentransporter der Stasi jedoch sind als Lieferwagen getarnt, unter anderem für Fischläden und vor allem für diese „GHG OGS“. Auch das erfahre ich erst nach der Wende und hätte es nie für möglich gehalten. Dabei fällt mir bei meiner Arbeit als Schaltwart durchaus auf, dass in der Frankfurter Allee östlich des gleichnamigen S- und U-Bahnhofes häufig derartige Lieferwagen unterwegs sind, obwohl ich dort keine einschlägigen Geschäfte kenne.
** Eine lautmalerische Verballhornung der Abkürzung „MfS“ für „Ministerium für Staatssicherheit“.

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