Was ganz Großes macht sich unklar bemerkbar

Im Lesebuch ist eine Geschichte, die ich geradezu als Film vor meinem geistigem Auge sehe. Ein Junge etwa meines Alters, allerdings ca. hundert Jahre vor mir lebend, ist Gast auf einem großem Segelschiff. Bei gutem Wetter wird an einer Längsseite des Schiffes ein Segel in der Weise im Wasser ausgelegt, dass es als eine Art Kinderschwimmbecken dienen kann. Der Junge verlässt aber irgendwann diesen Schutzraum, schwimmt außerhalb des Segels und prompt wird vom Ausguck im Mastkorb ein Hai gemeldet. Dem Jungen passiert nichts, er erreicht das schützende Schiff, aber es knistert für einige Minuten beinahe vor Spannung, sowohl auf dem Schiff als auch beim Leser.

Ich weiß nicht mehr, ob ich gleich nach der Lektüre dieser Mini-Geschichte bemerke, dass der Autor Leo Tolstoi heißt. Fest steht, dass ich erst einige Jahre später einzuschätzen vermag, wer dieser Tolstoi ist. Fest steht aber auch, dass ich diese nur über etwa zwei Seiten erzählte Geschichte als im mehrfachem Sinne herausragend wahrnehme. Dabei ist ihre Sprache geradezu kindgerecht, journalistisch karg und knapp.

Aber die Lektüre löst etwas aus, das ich nicht recht erklären kann. Vor allem erstehen diese Bilder im Kopf, was bei vielen anderen Lesestücken nicht passiert. Manche Lesestücke finde ich lustig, beispielsweise das zur Einführung des Buchstabens „U“. Ich amüsiere mich mit Mitschülern über Formulierungen wie „Uli an der Ulme“.

Diese kleine Geschichte, wohl gar nicht als abgeschlossene Story veröffentlicht, sondern Bestandteil eines größeren Textes, scheint etwas hinter oder zwischen den Worten auszustrahlen, das sich mit Worten schwer ausdrücken lässt.