Etwas ganz Großes macht sich unklar bemerkbar

Im Lesebuch stehen Übungstexte mit Sätzen wie etwa „Loni am Zaun“ oder „Uli an der Ulme“. Es sollen Buchstaben geübt werden, lesend und schreibend, die eben eingeführt werden. Der Text mit „Uli an der Ulme“ etwa soll bei der Einführung des Buchstaben „U“ helfen.

Ich bin nicht der Einzige, wie ich zu meiner Überraschung feststellen muss, der diese Sätze lustig findet. Auch hier deutet sich bereits ein Problem an, das sich durch mein Leben zieht. Was oft als Narzissmus kritisch konstatiert zu werden scheint, ist in Wahrheit meine Unfähigkeit wahrzunehmen, dass es, banal gesagt, anderen Leuten genauso geht.

Diese Unfähigkeit ist aber nicht Ausdruck bösen Willens oder eines charakterlichen Defizits, sondern resultierend aus meiner Prägung, ja, Konditionierung in den ersten sieben Lebensjahren. Es ist real meist keiner weiter da. Aber diese Wahrnehmung muss abgewehrt werden. Das Wahrgenommene ist nicht typisch für unsere sozialistischen Menschen, erst recht nicht in der ersten sozialistischen Stadt.

In einem Lesebuch jedoch, in der ersten oder zweiten Klasse, ist eine Geschichte, die ich geradezu als Film vor meinem geistigem Auge sehe. Ein Junge etwa meines Alters, allerdings ca. hundert Jahre vor mir lebend, ist Gast auf einem großem Segelschiff. Bei gutem Wetter wird an einer Längsseite des Schiffes ein Segel in der Weise im Wasser ausgelegt, dass es als eine Art Schwimmbecken für Kinder dienen kann.

Der Junge verlässt irgendwann diesen Schutzraum. Das bewirkt in mir eine Art Aha-Effekt, weil ich dieses Verhalten erwarte. Ich selbst aber muss dieses Wagnis nicht eingehen, denn ich sitze bequem und sicher auf meinem Stuhl in meinem Zimmer. Es wäre Unsinn zu behaupten, ich hätte hier bereits das Grundprinzip beim Lesen oder Film Sehen formulieren können, auf das Freud mit dem Zitat „Es kann Dir nix passieren!“ verweist. Die Sicherheit jedoch, die wildesten Geschichten lesen und sich davon mitreißen lassen zu können, ohne sich selbst im Geringsten zu gefährden, ist unklar bereits da.

Der kleine Junge in der Lesebuch-Geschichte schwimmt erst kurze Zeit außerhalb des Segels, als vom Ausguck im Mastkorb ein Hai gemeldet wird. Dem Jungen passiert nichts, er erreicht das schützende Schiff, aber es knistert für einige Minuten beinahe vor Spannung, sowohl auf dem Schiff als auch beim Leser.

Ich weiß nicht mehr, ob ich gleich nach der Lektüre dieser Mini-Geschichte bemerke, dass der Autor Leo Tolstoi heißt. Erst etliche Jahre später wird mir klar, dass dieser Tolstoi als einer der ganz Großen der Weltliteratur gesehen zu werden scheint. Dennoch nehme ich diese nur über etwa zwei Seiten erzählte Geschichte als im mehrfachem Sinne herausragend wahr. Dabei ist ihre Sprache geradezu kindgerecht, journalistisch karg und knapp.

Aber die Lektüre löst etwas aus, das ich nicht recht erklären kann. Vor allem erstehen diese Bilder im Kopf, was bei vielen anderen Lesestücken nicht passiert.

Diese kleine Geschichte ist gar kein abgeschlossener Text, sondern Bestandteil eines größeren Werkes, wohl der Kindheitserinnerungen Tolstois. Aber sie scheint etwas hinter oder zwischen den Worten auszustrahlen, das sich mit Worten schwer ausdrücken lässt. Diese Erfahrung prägt sich mir ein, lange bevor ich mich bewusst und zunehmend begeistert mit belletristischer Literatur zu beschäftigen und mich schließlich in sie als eine für DDR-Bürger typische Nische zurückzuziehen beginne.

Zurück zu „Au-Tor, belle trist“