Wanderungen in die Nacht

Einige Mitschüler sind erheitert, als sie bemerken, dass ich die Nacht auf dem Schulhof verbringe. Aber mir gelingt es schon lange nicht mehr, dergleichen als Abenteuer anzusehen.

Wieder einmal habe ich den Zeitpunkt um einige Minuten überschritten, zu dem ich zu Hause erscheinen soll. Meine Mutter öffnet mir nicht mehr die Haustür. Auch hier denke ich, dass ich Rabatz machen könnte oder sollte, wie ich es in Jugendfilmen gesehen habe, in denen Leute meines Alters Türen knallend brüllen, sie wären jetzt erwachsen usw. Auch hier versuche ich dergleichen aus Trägheit und Resignation erst gar nicht.

Ich wandere stundenlang durch die Stadt, bevor ich mich auf einer Bank auf dem Schulhof ein bisschen hinlege. Man kann tatsächlich die berühmte Stecknadel fallen hören, weil es in der Stadt vollkommen ruhig ist. Erst in den Morgenstunden, wenn in dem großem Werk Schichtwechsel ist, herrscht reger Verkehr zumindest auf der Magistrale, die direkt an die Werkstraße anschließt.

Unter anderen Umständen hätte ich es lustig gefunden, in einer Wohnung im Stadtzentrum noch weit nach Mitternacht dieses von einem laufendem Fernsehgerät erzeugte bläuliche Flimmern zu sehen. Da das DDR-Fernsehen längst Sendepause hat, sieht dort jemand Westfernsehen. Dies ist jedoch die Wohnung eines ehemaligen Schuldirektors.

Natürlich könnte ich bei einem Mitschüler klingeln oder gar bei einem Lehrer. Ich weiß vor allem, dass es im Schülerwochenheim ein Krankenzimmer gibt, das fast nie belegt ist. Wahrscheinlich wäre ich dort sogar willkommen. Nicht nur andere Heimkinder, sondern auch Erzieher bitten mich geradezu, nach meinem Auszug vorbei zu kommen. Ich komme nicht nur nicht vorbei, sondern meide das gesamte Gebiet, als hätte ich dort ein Verbrechen begangen. Das Verbrechen scheint darin zu bestehen, dass ich ein bisschen in eine Gruppe komme und lande.

Es hat den Anschein, als wäre gewissermaßen der Teil meines Gehirns abgeschaltet, in dem derartige Überlegungen zu einer Art Not-Beherbergung für eine Nacht möglich sind. Ich komme gar nicht auf den Gedanken, etwa irgendwo zu klingeln. Ich tappe durch die leere und fast völlig lautlose Stadt mit dem Empfinden, buchstäblich von allen guten Geistern verlassen zu sein. Dieses in Worten kaum zu erfassende Gefühl völligen verloren, verraten und verlassen Seins ist irrational, weil nicht der realen Situation entsprechend. Ich nehme das auch unklar wahr, werde aber von diesem Gefühl geradezu überwältigt.

Sehr viel später habe ich eine Vermutung, die mir selbst derart verrückt vorkommt, dass sich sie nie äußere, auch nicht in meinem Tagebuch. Vielleicht sind das gar nicht oder nicht nur meine Gefühle. Vielleicht empfinden viele Vertriebene in dieser Art, als sie in Bombenhagel und Infanterie- und Artillerie-Feuer aus ihren Heimatstädten flüchten und alle emotionalen Bindungen an Menschen und Dinge brutal abgeschnitten werden.

Einmal lässt mich auch mein Vater nicht ins Haus. An jedem Samstag ertönen die Sirenen in der Stadt probeweise. In meinem elften Schuljahr geht man ein paar Schritte weiter von der Probe zum „Ernst“. Unter anderem unser Hausaufgang wird ausgewählt für eine Luftschutzübung. Es sind drei Aufgänge für diese Übungen vorgesehen und in einem geht die Übung bis zur angedeuteten Evakuierung aller Bewohner.

In unserem Aufgang beschränkt man sich auf Vorbereitungen. Es müssen etwa Decken und Wassereimer im Gemeinschaftskeller bereit gestellt werden. Mein Vater ist in seinem Element. Er ist bei seinem Thema, an der Wurzel allen Übels. Es bedarf keiner psychologischen Bildung zu vermuten, dass vor seinem geistigem Auge Bilder seiner im Feuersturm niederbrennenden Heimatstadt Königsberg erstehen dürften.

Während jedoch andere Mieter diese Übung mit einigem Recht seltsam, wenn nicht makaber zu empfinden scheinen, ist mein Vater schon Tage vorher geradezu festlich aufgekratzt. Am Samstag der Übung gebärdet er sich, als wolle er am liebsten mit Sack und Pack in den Keller ziehen. Nicht nur ich, sondern auch etliche sogenannte Erwachsene scheinen mindestens befremdet. Es sagt aber niemand etwas; das Thema „Vertreibung und Traumatisierung“ ist tabu.

Wie mir in späteren Therapieversuchen klar wird, müsste mein Vater stundenlang im Keller hocken und Rotz und Wasserblasen heulen. Aber das kann und will er nicht. Im Gegenteil sieht er Männlichkeit als zu machen, dicht machen, hart werden, drüber brettern. Zumindest versucht er mir diese Haltung buchstäblich einzubläuen. Er gibt sie mir als Leitbild vor, lebt sie aber nicht vor. Vielmehr tut er immer wieder das, was er mir vorwirft. Er drückt auf die Tränendrüse. Dies nicht, um Trauer und Schmerz zuzulassen und damit Abgrenzung und Trennung zu bewirken, sondern vor allem dann, wenn in scheinbar banalen Alltagssituationen Klarheit, Entschiedenheit, Konfrontation usw. gefordert sind. Das hindert ihn nicht daran, mich auch noch Jahrzehnte später als Softie zu charakterisieren. Seiner ständigen Projektion wird er nicht gewahr.

Ich habe keinen Zugang zu diesem inneren Raum meines Vaters. Der hat trotz aller von ihm erlebten Schrecken etwas Erhabenes, das ihn geradezu zu adeln scheint. Mein Vater signalisiert mir mit und ohne Worte, dass ich völlig ausgeschlossen bin aus diesem Raum des geradezu unheimlichen erwählt Seins. Ich muss auch im konkretem Sinne draußen bleiben, als ich von der Schule komme, und auf der Straße warten, bis die Übung beendet ist.

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