Vorschulzeit – Vier

Jahrelang schaukele ich. Jeden Morgen, wenn meine Mutter beginnt, die Wohnung zu putzen, schaltet sie das große Röhrenradio im Wohnzimmer an und stundenlang läuft Schlagermusik. Ich setze mich in den vorderen der beiden Sessel im Wohnzimmer und schaukele im Rhythmus der Schlager mit dem Oberkörper vor und und zurück, vor und zurück, vor und zurück, bis ich nach wenigen Minuten in einer Art Trance bin. Ich kann mich nicht daran erinnern, aber meine Eltern erzählen mehrfach, ich hätte auch lange Zeit im Bett im Liegen geschaukelt.

Beim Schaukeln steigere ich mich nicht nur in Heldengeschichten hinein, sondern variiere dabei unzählige Male kleine Details von Szenen meines Alltags. Diese inneren Bilder sind eher monoton als verspielt. Zum Beispiel rette ich viele Dutzend Male einen der Jungen, die regelmäßig an der Teppichklopfstange vor dem Müllplatz zwischen unserem Wohnblock und dem nördlich angrenzendem Block herum turnen. Der Junge ist der Liebling der Gruppe und ich fange ihn auf, als er von der Stange stürzt. Die ganze Szene dauert nur einige Sekunden, aber ich male sie mir über Monate hinweg immer wieder aus. Selbstverständlich ist mir das herum Turnen an der Teppichklopfstange unter Androhung von Prügelstrafe verboten – selbstverständlich halte ich mich daran.

Einige Jahre später erfahre ich, dass dieses Schaukeln typisch ist für autistische oder emotional stark vernachlässigte Kinder. Es könnte demnach etwas makaber erscheinen, dass meine Mutter in der Wohnung anwesend ist. Hier könnte man jedoch auch ein Problem aller therapeutischen Betrachtung exemplarisch verkörpert sehen. Geht es um Benennung tatsächlichen Erlebens oder wird nachträglich etwas in das Erlebte hinein gedeutet? Habe ich wirklich darunter gelitten, dass die Bindung an meine Mutter defizitär war, oder deute ich das nachträglich hinein, nachdem ich festgestellt habe, dass Fachleute mehrerer Schulen und Richtungen mein Erleben und Verhalten als pathologisch werten würden?

Auch meine des Öfteren gemachte Anmerkung, ich bräuchte keine Stoffe von außen zuführen, um high zu werden, da ich bereits als Kind gelernt hätte, mich mittels körpereigener Drogen in einen Rauschzustand zu versetzen, ist nicht nur zynisch, sondern entbehrt gleichfalls nicht eines rationalen Kerns.