Vorschulzeit – Sieben

Ein wesentlicher Teil des Lebens, bis zum Schulbeginn vielleicht der wesentliche, ist Krankheit. Dieser Bereich überschneidet sich natürlich oft mit dem Bereich der Träume, weil viele Träume Fieberträume sind.

Zum Beispiel ist da diese Fortsetzungsgeschichte mit den endlosen Güterzügen in der Gardinenstange. Ich glaube, mir ist es sogar mehrfach gelungen, diesen Traum bewusst zu generieren. Diese Güterzüge sind beladen mit unzähligen „Nuckelflaschen“, wie es sie im Süßwarenladen der Hauptstraße der Stadt gibt. Sie sind gefüllt mit stecknadelkopfgroßen, bunten Zucker-Perlen, die man eigentlich aus dem mit einem kleinem Loch versehenem Gummideckel aus der Flasche saugen sollte. Mir gelingt das nie, vielmehr ich den zipfelmützenförmigen „Deckel“ abnehme und mir reichlich Zuckerperlen in die hohle linke Hand schütte, um mir mit ihnen den ganzen Mund zu füllen. Nicht, dass diese beglückende Versüßung meines kindlichen Alltags regelmäßig oder auch nur oft stattfindet, aber es gibt sie doch zuweilen ganz real.

Auch durch die häufigen Erkrankungen ist meine gewohnte Perspektive beim Blick auf die Welt die vom Bett aus. In diesem Bett verbringe ich insgesamt bestimmt vier Jahre meiner Vorschulkindheit; hustend, niesend und fiebernd.

Seltsamer Weise habe ich keine einzige sogenannte Kinderkrankheit, erst mit etwa zehn Jahren bekomme ich die Masern, ausgelöst vermutlich durch die Masern-Impfung. Ich leide unter sogenannten Erkrankungen der Atemwege. Recht früh kenne ich den Begriff „chronische Bronchitis“. Häufig habe ich auch Lungenentzündung. Kinder haben in der DDR vier Pflichtimpfungen gegen Diphterie, Keuchhusten und Wundstarrkrampf zu absolvieren. Ich erhalte diese Kombi-Impfung bis zum 14. Lebensjahr insgesamt 12 Mal. Einmal kommt der Verdacht auf, der auch bis zu mir durchdringt, dass infolge der häufigen Gaben Penicillin keine hinreichende Wirkung mehr bei mir haben könnte, was sich zum Glück kurze Zeit später als unzutreffend erweist. Ich soll irgendwann in meiner Vorschulkindheit zur Kur fahren, bin aber nicht transportfähig. Man kann bei mir die Rippen zählen, wie meine Mutter oft sagt, halb spöttisch, halb mitleidig.

Ich glaube heute, dass mein System „Körper-Psyche-Energiefeld“ gewissermaßen ortsgebunden reagiert hat. Wäre ich beispielsweise in einem Zentrum der Chemieindustrie wie Bitterfeld aufgewachsen, hätte ich vielleicht schlecht heilenden Hautausschlag entwickelt. Mag sein, dass das an den Haaren herbei gezogen klingt, aber mir geht dieser Gedanke seit vielen Jahren durch den Kopf.

Hier jedoch ist die Luft eisenhaltig. Unzählige Male schimpft meine Mutter, dass sie zwar jeden Morgen die Fensterbretter wischen würde, dass das aber sinnlos wäre, weil abends wieder eine hauchdünne Schicht winziger, metallisch glitzernder Staubkörnchen darauf liegen würde. Ich weiß nicht, ob das stimmt, sehe aber vor meinem geistigem Auge einen Wischlappen mit glitzerndem Belag, den ich eher romantisch finde. Wir wohnen damals am nördlichem Rand der Stadt und wenige Minuten Fußweg von unserem Wohnblock beginnt die Werkstraße. Diese Werkstraße führt in einem kilometerlangem Bogen zum Haupteingang des Hüttenwerkes, das der Stadt den Namen gibt und das auch unter Nach-Wende-Maßstäben das größte Industrieunternehmen des Landes darstellt.

Durch die häufigen Erkrankungen erzwinge ich Zuwendung, aber dieser Mechanismus entwickelt sich paradox. Da mein Husten sozusagen dazu gehört, werden die üblichen Maßnahmen ergriffen – und ich ansonsten in Ruhe gelassen. Manchmal kommen Wochen lang jeden Tag nur drei oder vier Mal für ein paar Minuten Erwachsene ins Zimmer, meist die Mutter, oft der Vater. Regelmäßig erscheinen Schwestern und Ärzte, untersuchen mich und verschreiben mir zahlreiche, meist übel schmeckende Präparate, die nach einer alten Volksweisheit angeblich gut wirken, weil sie nicht gut riechen und schmecken. Ich kann das nicht bestätigen, schlucke aber brav alle Pillen und Mixturen. Ansonsten dämmere und döse ich vor mich hin.

Die sich aus diesen Umständen ergebende wesentliche Prägung oder gar Konditionierung meiner Vorschulkindheit besteht demnach darin, dass ich meine Innenwelt, erfüllt mit Wach-, Fieber- und Schlafträumen, als das Wesentliche im Leben wahrnehme, während die Welt da draußen eine Art Kulisse darzustellen scheint, in der lästige, aber nicht zu umgehende Pflichtübungen zu absolvieren sind. Diese Prägung ist nicht nur nicht typisch für unsere sozialistischen Menschen, sondern für abendländische Verhaltensmuster überhaupt. Ich bin von Anfang auf meine Innenwelt fokussiert, auf Kontemplation, nicht auf Handeln in der Welt da draußen.

Bei meinen Erkrankungen erlebe ich immer wieder ein Phänomen, das ich vom Schaukeln kenne. Nach einigen Stunden Schaukeln im Wohnzimmersessel bin ich da. Natürlich benutze ich jetzt heutige Begriffe, aber ich bin mir sicher, dass ich damit Empfindungen beschreibe, die ich damals tatsächlich habe, aber nicht genau benennen kann. Ich habe mich ins Hier und Jetzt hinein geschaukelt. Ich bin, jedenfalls für einige Augenblicke, mit allen Sinnen und Gedanken anwesend. Jedoch ist dieses Empfinden immer mit Schuldgefühlen und folgerichtig mit leiser Angst vor Bestrafung verbunden. Es ist, als hätte ich mich sozusagen durchgekämpft in einen Freiraum, um dann festzustellen, dass dort nichts ist und vor allem niemand. Dies ist ein Beschreibungsversuch, wie gesagt, aber er dürfte mein Erleben zumindest in nachvollziehbarer Annäherung erfassen.

Etwas Ähnliches geschieht mir bei meinen Erkrankungen. Ich huste mich gewissermaßen in die Gegenwart hinein, womit dann auch in Verbindung mit dem Abklingen des größten Fieberschubes nicht nur die körperliche Gesundung beginnt, sondern auch die eben schon angedeutete Erdung. Möglicherweise ist das der Sinn des Symptoms. Für einige Augenblicke fühle ich mich präsent und berechtigt dazu.

Es gibt, insbesondere beim Husten, mehrere Phasen meiner „üblichen“ Erkrankungen. Zunächst tritt der Husten nur sporadisch auf, sozusagen überraschend, und ist kaum zu unterscheiden vom Husten etwa beim Verschlucken oder beim sich Räuspern usw. Dann beginnt die quälende Phase, in der ich in zunehmend kürzeren und schließlich regelmäßigen Abständen belle, wie mein Vater halb belustigt, halb mitleidig zu sagen pflegt. Häufig kommen mir vor Wut die Tränen, weil ich, besonders nachts, nicht mehr husten will, aber husten muss. Hinzu kommt, dass mir im Laufe der Jahre derartige Mengen krampf- und schleimlösender Medikamente verabfolgt werden, dass die für den Durchschnittsbürger des Ost-Blocks erreichbaren Präparate kaum noch lindernd wirken. Schließlich aber erreiche ich die beglückende dritte Phase des Hustens, wenn sich was gelöst hat in der Lunge, wie meine Mutter das nennt. Es beginnt die eben angedeutete Genesungsphase mit der wohligen Ermattung beim Abklingen des Fiebers.

Diese Phase ist oft damit verbunden, dass ich eine Art Galgenhumor entwickle, den Erwachsene mit verblüffter Anerkennung wahrnehmen. Aus Gründen, an die ich mich nicht erinnern kann, ist einmal ein Maler in unserer Wohnung zu Gange, während normaler Weise mein Vater alle Renovierungsarbeiten selbst ausführt. Meine Mutter beauftragt mich nun, den Maler, der in meinem Zimmer bei der Arbeit ist, zum Mittagessen einzuladen. Ich versuche das mit einer Formulierung, die ich im Gegensatz zu meinem üblichem „Genuschel“, wie mein Vater diese meine Wortmeldungen nennt, sehr sorgfältig artikuliere. An den genauen Wortlaut entsinne ich mich nicht mehr, aber ich deklamiere etwas wie „Du sollst in die Küche kommen, das alte Mädchen hat die Pfanne heiß!“ Diese Formulierung habe ich irgendwo aufgeschnappt, vermutlich bei einem der seltenen Besuche bei anderen Familien, die im Wohnzimmer bereits eines dieser Fernsehgeräte zu stehen haben.

Der Maler schüttelt sich vor Lachen und meine Mutter und mein Vater sowie schnell unterrichtete andere Erwachsene tun es ihm nach. Ich merke aber deutlich, was da geschieht. Auch das ist kein nachträgliches hinein Deuten, vielmehr ich den Sachverhalt zwar noch nicht klar auszudrücken vermag, ihn aber deutlich empfinde. Ich muss irgend etwas angesprochen haben, was die großen Leute förmlich aufscheucht, ich habe da etwas Zentrales angetippt; vermutlich etwas mit dieser komischen Sexualität.

Derartige mich selbst überraschende Teilnahme am Geschehen entwickle ich regelmäßig in diesen Genesungsphasen. Ich habe keine Geschwister und besuche keine Kinderkrippe und keinen Kindergarten. Mein Tagesablauf besteht in großen Teilen in der Bewältigung dieser in Wellen wiederkehrenden Erkrankungen, die ich absolviere wie Bergsteigen oder sich einen Weg durch einen Dschungel bahnen. Am Ende ist dann immer dieses wie eine kleine Geburt anmutende Auftauchen aus Schmerz und Fieber, das ich manchmal sogar herbei sehne, wenn ich wieder einmal in diese Phase des Bellens zu geraten drohe, und das ich immer genieße.