Vorschulzeit – Sechs

Das Leben ist Traum – der Traum ist das Leben…

Da ist dieser Flugtraum. Indem ich die höchstens Streichholz langen Haare über den Ohren in der Art von Flügeln bewege, fliege ich über meine von tausenden Lichtern nächtlich erhellte Heimatstadt. Das belustigt mich selbst und bereits während des Traumes, was mir über die Peinlichkeit hinweg hilft, nur mit dem Schlafanzug bekleidet zu sei. Merkwürdig ist zudem, dass ausnahmslos alle Fenster erleuchtet scheinen. Das Wesentliche ist auch hier wieder das Atmosphärische, und auch hier wieder kann ich es nicht in für mich befriedigendem Maße in Worte fassen. Mit dem Abstand dieses Überflugs sind mir Stadt und Menschen nah und vertraut, ich bin drin, ich gehöre dazu, ich bin beteiligt, ich bin eingebunden. Ich fliege im Traum über die Nordostecke des großen Gevierts, zu dem der Wohnblock gehört, in dem ich lebe, und hier scheinen nicht nur alle erleuchteten Fenster zu strahlen, sondern auch die Hauswände und der Boden. Diese Strahlung besteht nicht nur aus Licht, sondern auch aus Wärme, und das Licht ist ohnehin mehr orange und weniger gelb. Eine ähnliche atmosphärische Wirkung einer Stadtlandschaft erlebe ich etliche Jahre später in Filmen Woody Allens, in denen er Aufnahmen des nächtlichen Manhattan zeigt. Mir fällt dann im Kino auch mein Kindheitstraum ein.

Natürlich sind die „bösen“ Träume solche von Flucht und Verfolgung. Aus denen rette ich mich dadurch, dass ich durch die etwa Handteller großen Abdeckungen entkomme, die an mehreren Wänden der Zimmer dicht unter der Decke angebracht sind. Ich weiß irgendwann, dass sich dahinter Schnittstellen des Stromnetzes befinden, dennoch wird dieses Traummotiv hunderte Male variiert. Immer aber enden diese Träume mit dem Erwachen, gegen Ende der Fluchten und Verfolgungsjagden, so dass ich mit einer letzten Anspannung aller Kräfte entkommen kann.

Dann ist da dieser Traum, den ich zwar eher als „guten“ bezeichnet hätte, der aber völlig außer der Reihe abläuft. Dies nicht seines Inhaltes wegen, sondern gewissermaßen wegen eines Kunstgriffs der Inszenierung. Es kommt in diesem Traum zum fließendem Übergang von Traum und Realität, von Dichtung und Wahrheit. Wieder liege ich nicht in meinem Bett im Kinderzimmer, sondern im Ehebett im elterlichen Schlafzimmer. Inzwischen bin ich Schüler der zweiten oder dritten Klasse, aber neuerlich krank, in der dritten und letzten von mir erlebten elterlichen Wohnung.

Ich träume, dass ich in diesem Bett läge und dass von der Tür her eine schnurrende und tänzelnde Katze auf mich zukommt. Ich bin untröstlich, als ich merke, dass ich gleich aufwachen werde, wonach die Katze natürlich weg sein wird. Dann aber stelle ich ungläubig fest, dass die Traumhandlung fließend in die Realität übergeht. In der Tür steht der Vater, hält einen Plüsch-Kater in der Hand, den er den Türrahmen hinauf und hinab wandern lässt, und ahmt außerordentlich naturgetreu katzenhafte Laute des Wohlbehagens nach.

Der schrecklichste Traum ist der, in dem mein Vater verschwindet, sich schier in Nichts auflöst. Zur Zeit dieses Traumes bin ich etwa sechs und besitze einen Hamster, ein altes und faules Tier, das in einem Terrarium haust. Das Terrarium steht in diesem Traum zwischen der nach rechts zu öffnenden Küchentür und dem Büfett, das über die Hälfte der rechten Küchenwand einnimmt. Das Terrarium passt im Traum genau in die Lücke zwischen Tür und Schrank, was in der Realität nicht nur nicht korrekt ist, vielmehr das Terrarium dort nie gestanden hat.

In dem Terrarium steht mein Vater, anfangs nur etwa drei mal so groß wie der aufgerichtete Hamster, der allerdings in diesem Traum nicht vorkommt. Unter den Klängen gewaltiger symphonischer Musik, wie ich sie bis dahin und auch danach nie in der Realität gehört habe, wird mein Vater in regelmäßigen rhythmischen Abständen immer kleiner, bis er schließlich verschwunden ist. Ich erwache schreiend in meinem Bett stehend. Den Erzählungen meiner Mutter nach muss ich noch weitere Träume mit pavor nocturnus erlebt haben, ich kann mich jedoch nur an diesen erinnern.

Das Leben ist Traum – der Traum ist das Leben…