Vorschulzeit – Fünf

Morgens verwandelt sich der Vater. Ich weiß nicht, ob das jeden Tag geschieht, halte das aber für wahrscheinlich, denn zumindest ein paar Male habe ich ihn bewusst und konzentriert dabei beobachtet. Er isst zum Frühstück fast immer ein paar Spiegeleier und trinkt einen großen Becher Kaffee dazu. Daran muss ich viele Jahre später denken, als ich als Dreijährig-Freiwilliger eben nicht dem Klischee des Uffz. entspreche. Spiegeleier und ein großer Plastikbecher Kaffee sind im Speise-Saal das große Standard-Frühstück für Selbstzahler.

Der Vater sitzt auf dem linken Stuhl am Küchentisch, direkt vor dem Fenster. Er trägt seine Stiefelhosen, jedoch noch keine Stiefel und auch noch keine Uniform-Bluse und kein Uniform-Hemd, sondern nur das Militärunterhemd. Ausdruck seiner Lässigkeit, seines sich zu Hause Fühlens sind des Weiteren die abgestreiften Hosenträger. Nachdem er aber den letzten Schluck Kaffee getrunken hat, steht er auf und beginnt mit dem über die Schulter Legen der Hosenträger die Vervollständigung seiner Dienstgarderobe. Er muss nicht sagen, dass ich aus seinem Blickfeld verschwinden sollte, vielmehr ich das von selbst tue. Es ist ein Ruck durch den Vater gegangen! Indem er seine Kleiderordnung hergestellt hat, ist er gewissermaßen nicht mehr anwesend. Er hat diesen Gesichtsausdruck, der mir signalisiert, dass ich womöglich gar nicht mehr wahrgenommen werde, dass ich mich wieder einmal nicht auf den innigen Kontakt in Momenten der Gemeinsamkeiten verlassen kann. Ich sollte besser annehmen, dass ich das alles nur geträumt habe. Der Vater ist weg und er ist auch gleich räumlich weg. Er begibt sich nun an einen Ort, den er regelmäßig mit Worten wie „Scheißladen“, „Saftladen“, „Saustall“ usw. bezeichnet, was meine Mutter nicht gern hört, was er aber unzählige Male wiederholt.

Erwachsene, zumindest Väter, begeben sich tagsüber an einen Ort, den man „Werk“ oder „Arbeit“ oder „Dienststelle“ nennt. Ich weiß aber schon damals, dass eine Hausfrau als Mutter eine seltene Ausnahme bei Familien in der ersten sozialistischen Stadt ist.

Man kann sich nur gruseln vor dem Moment, an dem man selbst an einen solchen Ort muss – aber der Tag wird kommen! Dieser Ort scheint die Hölle, niemand scheint gern dort hinzugehen, aber alle scheinen es zu müssen. Einer der rätselhaften Mechanismen, die man bei Erwachsenen einfach akzeptieren muss – und eine der grundlegenden Erfahrungen, die ich als Kind mache.

Arbeit ist etwas Furchtbares, Kräftezehrendes, Sinnloses, aber zwingend Notwendiges, dem man nicht ausweichen kann. Erwachsensein heißt unter anderem, sich damit abzufinden, dass man sich in einer Art Gefängnis befindet, aus dem es keinen Ausweg gibt.