Vorschulzeit – Eins

Meine möglicherweise älteste, jedenfalls aber häufigste Erinnerung ist die an das von der Sonne morgens an die Wand links von meinem Bett gemalte gelborange Streifenmuster. „Häufigste“ Erinnerung deshalb, weil ich dieses erinnerte Ereignis wiederholt, manchmal, naturgemäß besonders im Sommer, Tage lang jeden Morgen erlebe. Die Farbe dieser Streifen kann ich nicht derart genau beschreiben, wie ich es mir wünsche, weil das Sonnenlicht gewissermaßen verfälscht wird. Es trifft auf eine Wand, die orange gestrichen worden ist; einmal von meinem Vater, einmal von einem Handwerker. Das ist merkwürdig, weil mein Vater die sprichwörtlichen goldenen Hände hat und fast alle in der Wohnung anfallenden handwerklichen Arbeiten selbst erledigt.

Es gelingt mir nicht, das Gefühlsgemisch zu reproduzieren, das bei diesem Anblick in mir wirkt. Aber ich weiß auf der rationalen Ebene, dass es von beglückender hoffnungsfroher Erwartung bestimmt ist. Hoffnung, Erwartung – ein Grundgefühl! „Das Leben besteht aus zwei Abschnitten – die Zeit der Erwartung und die Zeit der Erinnerung an die Erwartung.“ Für mich ein Favorit unter meinen Bonmots, für viele zynisch – aber dieses berühmte Fünkchen Wahrheit enthaltend.

Mir wird erst lange Zeit nach meinem erstem diesbezüglichem Versuch bewusst, dass ich diese orange oder terrakotta Wandbemalung in meinen Wohnungen wiederhole, nur in der ersten eigenen Wohnung nicht, weil ich das nicht wage, da es mir zu verrückt erscheint. Ich halte es für wahrscheinlich, dass ich damit unbewusst an eine Entwicklung anknüpfen will, die durch den Umzug in die nächste Wohnung meiner Kindheit und vor allem durch den einige Monate danach erlebten Auszug meiner Mutter unterbrochen wird, nach dem sie bis auf eine Begegnung mit sehr seltsamen unangenehmen Folgen aus meiner Kindheit buchstäblich ausgelöscht ist.

„Stimmungen und Launen unterliegt er in hohem Maße“, schreibt die Lehrerin, die von der siebten bis zur zehnten Klasse meine Klassenleiterin ist, in eine Zeugnis-Beurteilung. Es ist bezeichnend, dass ich mich an diese Formulierung im Wortlaut erinnern kann, obwohl ich 1986 alle Zeugnisse zerreisse und verbrenne oder wegwerfe. Zum Glück ist eine Kopie des Reifezeugnisses in der sogenannten Kaderakte.

Die Stimmung scheint mir jedoch das Wesentliche! Stimmung im Sinne etwa von „anhaltendem Grundgefühl des Lebens, das im Hintergrund wirkt“. Wieder ein Sachverhalt, den ich nicht in für meine Begriffe hinreichender Genauigkeit in Worte zu fassen vermag. Möglicherweise handelt es sich um ein archetypisches Faktum im Sinne C. G. Jungs, das sich mit Worten nur gewissermaßen umkreisen und nie ganz treffen lässt. In diesem Kontext aber ist mein Bonmot nicht zynisch, sondern einfach zutreffend. Bis zum Wendepunkt war mein Leben bestimmt von Erwartung von etwas, das ich gar nicht benennen konnte; danach habe ich mich immer wieder gefragt, wie ich es überhaupt schaffe, immer weiter zu leben.

Aber diese Stimmungen lassen sich gleichfalls kaum in Worte fassen. Mit Bildern oder Musik ließen sie sich vielleicht besser zu einem wie auch immer geartetem Empfänger transportieren. Das fühle ich bereits als Kind, ohne das natürlich aussprechen zu können oder zu wollen. Es gibt immer wieder Momente, die derart schmerzhaft intensiv sind, gewissermaßen voller Leuchtkraft, dass ich sie gern halten möchte. Immer wieder kommt mir der Gedanke, dass es furchtbar wäre, wenn „das“ mit meinem physischem Tod „weg“ wäre. Daraus wiederum folgt der Gedanke, dass es Milliarden solcher Momente geben dürfte bei den Milliarden Menschen der Erde. Schließlich gehen immer wieder Fragen in mir um etwa des Inhalts, ob die hier angedeuteten seelischen Abläufe unterm Strich nicht vielleicht wichtiger wären als beispielsweise die Höhe des monatlichen Einkommens usw. Zu dieser Frage ist unlängst ein Buch erschienen, das zum Bestseller wurde, Interviews mit Sterbenden enthaltend.