Vor der Tür und drumherum

(… noch lange nicht fertig, der Text…)

Vor unserem Wohnblock gab es keinen Spielplatz. Wenige Meter vor unserem Aufgang befand sich ein Geviert von etwa drei mal fünf Metern Größe, auf dem die Mülltonnen standen. Tagelang verfolgte ich gespannt die Arbeiten an diesem Müllplatz, der kurz vor meiner Einschulung mit Betonplatten eingefasst wurde. Ich saß dazu oben am Fenster meines Zimmers. Aus sicherer Distanz, hinter Glas, hatte ich einen hervorragenden Überblick über das Geschehen auf dem Hof.

Selbst dieses kleine Erlebnis schien nicht nur für mich etwas von Erneuerung und Aufschwung an sich zu haben. Meine Mutter jedenfalls wirkte geradezu aufgeregt angesichts dieser geringfügigen Änderung friedlich gleichförmigen Alltags. Zumal auch vor den Sträuchern an der Hofseite des Wohnblocks ein schmaler Weg aus Gehwegplatten angelegt wurde, so dass niemand mehr sich den Vorwurf einhandeln musste, ein „Rasenlatscher“ zu sein, wenn er beispielsweise zum Wäschetrockenplatz hinter dem Wohnblock rechter Hand von unserem lief.

Vor dem Müllplatz war eine Teppichklopfstange in den Gehweg eingelassen. Dort betrieben Kinder und Jugendliche von fünf bis fünfzehn das, was meine Eltern „Herumlungern“ nannten. Es war nicht klar, was sie eigentlich veranlasst hatte, diese kaum noch benutzte Einrichtung zur Erleichterung der Hausarbeit zu ihrem Treffpunkt zu machen. Niemand dachte damals daran, etwa Jugendclubs zu eröffnen. Was die Erwachsenen aber aufmerken ließ, war offensichtlich gerade die Spontaneität dieser Zusammenkünfte. Insbesondere die Jugendlichen taten dort offensichtlich nichts Vernünftiges. Sie waren einfach da und in einer Gruppe und genossen das augenfällig. Dergleichen war wieder einmal nicht typisch für unsere sozialistischen Menschen.

Selbstverständlich spielten in diesen Treffen demonstrativ öffentlich unternommene erste Versuche des Zigarettenrauchens eine furchtbare Rolle. In den Erörterungen des Geschehens an Familientischen und in Haustreppengesprächen waren ganz neue Worte wie „Halbstarke“ und gar „Gammler“ zu vernehmen. Es waren sogar bereits Langhaarige im Stadtbild auszumachen. Dabei handelte es sich um Jugendliche, bei denen die Ohren von mehr als streichholzlangen Haaren bedeckt waren.

Zu dieser Zeit begann man einzusehen, dass eine völlige Abschirmung vor bundesdeutschen Medien nicht möglich schien. Immer wieder erreichten Ausläufer westlicher Moden und Wellen auch unsere an der polnischen Grenze gelegene erste sozialistische Stadt.

Eben erreichten die „Beatles“ den Höhepunkt ihres Ruhmes. Über die Einzelheiten dieses Aufstieges waren auch Jugendliche unseres Wohngebietes bedenklich gut unterrichtet. Es nützte nichts, dass der spitzbärtige Führer der siegreichen deutschen Arbeiterklasse, der mit seiner Person die Bedeutung des Buchstabens „W“ unterstrich, weil er ohne ihn alter Ulbricht hätte heißen müssen, den ungewohnt kernigen Spruch tat, unsere Menschen hätten dieses spätkapitalistische Yeah-Yeah-Gebrüll nicht nötig. Die Jugendlichen versammelten sich insbesondere an Mittwochabenden, um den zu dieser Zeit regelmäßig vorgestellten neuesten Song der Liverpooler mit jener Andacht zu hören, die man früher in der Kirche an den Tag gelegt hätte.

Von Kirchen in unserer Stadt wusste ich nichts. Es handelte sich ebenfalls um Überbleibsel der alten Gesellschaft, die wir im Zuge unserer siegreichen Entwicklung gesetzmäßig überwinden würden. Die nunmehr zelebrierten Lieder aber hießen nicht mehr „Schlager“, sondern „Hits“.

Dieses insbesondere mittwochabends gepflegte Ritual wurde ermöglicht durch das völlig unerklärliche Auftauchen unheimlicher Geräte, wie sie der Klassengegner nicht besser hätte erfinden können zur Ablenkung der Jugendlichen von der Fäulnis des sterbenden Imperialismus. Es handelte sich um so genannte „Kofferradios“. Niemand schien erklären zu können, wie die Jugendlichen in den Besitz dieser Geräte gekommen waren.

Im Zusammenhang mit diesen Radiorunden gab es eine besonders pikante Episode. Im ersten Aufgang des Nachbarblocks wohnte damals der Abschnittsbevollmächtigte der Deutschen Volkspolizei. Es war nun bereits auffällig, dass die jugendlichen Anhänger der Pilzköpfe häufig ausgerechnet vor dessen Hausflur herumlungerten. Endgültig im Gespräch war diese Runde jedoch, als klar wurde, warum sie immer wieder neu zusammenfand, obwohl der ABV in unregelmäßigen Abständen die Kofferradios beschlagnahmte. Es stellte sich heraus, dass sein Sohn einer der Wortführer dieser „Halbstarken“ war und die prompte Rückführung der Radios tätigte.

Tagsüber jedoch blieb der Versammlungsort Teppichklopfstange vor allem den Kindern vorbehalten. Jungen meines Alters vollführten an diesem Gerät Turnübungen, die mir überaus waghalsig erschienen. Ich saß teilweise viertelstundenlang hinter meinem Fenster, zumal dort auch mein Tisch stand, und beobachtete fasziniert diese Vorführungen körperlicher Gewandtheit. Ich glaube, ich war nicht einmal neidisch, obwohl ich wusste, dass mein Vater meine Beteiligung an derartigen jungenhaft-männlichen Übungen überaus gern gesehen hätte. Vielmehr benutzte ich kurze Beobachtungen des Geschehens, um sie als Grundmaterial für ausschweifende Wachträume zu nutzen.