Viel Lärm um nichts (???)

Was geschieht eigentlich? – Nichts. Alles Einbildung! Pseudologia phantastica. Der Hysterische lügt wie gedruckt. – Wenn ich das doch endlich könnte! „Lügen“ im Sinne von Dichten, Phantasieren, Spinnen bei meinen endlos immer wieder begonnenen und nie abgeschlossenen Schreibversuchen. – Nichts passiert. Und – alles. Nichts stimmt mehr und nichts wird mehr stimmen und nichts wird mehr wie vorher.

Ich weiß, dass sie mir die Tür öffnen wird. Das geht gar nicht! Allerdings ist „wissen“ nicht das treffende Wort. Es scheint, wieder einmal, gar keine wirklich treffenden Worte zu geben. Ich spüre einen dumpfen Druck nach dem Aufstehen. Es stimmt etwas nicht. Es liegt etwas in der Luft. Es ist etwas unausgesprochen wirksam. Usw. Ja, psychotisches Erleben. Aber was nützt mir diese Einsicht?

Sie fällt mir schon nach einigen Tagen auf, als sie im Haus zu arbeiten beginnt. Sie arbeitet in der Ortsvermittlungsstelle in der ersten Etage. Sie huscht irgendwie durch das Haus. Sie eilt auf leisen Sohlen wie ein Schemen vorbei, hochenergetisch elastisch federnd und doch im mehrfachem Sinne nicht fassbar.

Natürlich – eine „Elfe“. Dabei brauche ich doch richtig was zum Anlangen, nicht immer diese Nymphchen. Dies versichern mir mehrfach Leute, die wie selbstverständlich überzeugt zu sein scheinen, dergleichen einschätzen zu können.

Ein schmales Mädchen mit braunen Haaren, zu einer sogenannten Schüttelfrisur frisiert, und mit braunen Augen. Strittmatters „Heckenbraunelle“ fällt mir ein. Leider habe ich Strittmatter nicht richtig gelesen, sonst würde mir das Folgende nicht widerfahren. Dass ich fast ständig die sogenannte Wirklichkeit gewissermaßen an literarischen Vorlagen messe, ist mir auch hier nicht hinreichend klar oder will ich nicht wahrhaben.

Sie grient des Öfteren in sich hinein, wenn sie vorbei eilt. Manchmal bleibt sie dabei kurz stehen. Ich kann nicht genau erklären, was ich bei diesen Beobachtungen empfinde. Es scheint, als wüsste sie etwas über mich, das ich nicht wahrzunehmen vermag oder nicht wahrnehmen darf. „Nicht darf“, weil die Wahrnehmung verboten ist. Sie bewegt sich ohnehin am Rande meines Gesichtsfeldes, im doppeltem Sinne. Irgend etwas lässt mich aufsehen, während ich in meinem Glaskasten sitze, und in diesem Augenblick huscht sie am rechten Rand meines Gesichtsfeldes vorbei.

Das ist erst der Anfang. Irgendwann nehme ich mir vor, aufmerksam zu sein und zu bleiben, wach im übertragenem Sinn, wenn sie vorbei geistert, um – was zu tun? Immer wieder passiert jedoch dasselbe. Ich bin für einen Moment unaufmerksam im Sinne von „nicht ganz im Hier und Jetzt“, und genau in diesem Augenblick huscht sie vorbei.

Ich spüre dann eine ungeheure Wut. Die kenne ich aus der Geschichte mit meiner Bushaltestellenliebe, von der ich eines Abends bei meinem in einer Art Trance durch die Stadt Laufen im Wachen träume, um dann ungläubig festzustellen, dass sie mir tatsächlich entgegen kommt. Es ist etwas Anderes als Schüchternheit und Verklemmtheit, was hier jegliche Handlungen verhindert. Diese Worte bezeichnen nicht das Problem. Die Wut richtet sich vor allem gegen mich, aber trotzdem ist sie unerklärlich und beängstigend. Ich ahne bereits, dass in auf den ersten Blick banalen Alltagsabläufen ein grundlegendes Problem wirksam und sichtbar wird.

Außerdem haue ich mir die Taschen voll. Ich träume bei meinem Dösen in der Pförtner-Kabine häufig von heißen Nummern im Hinterraum dieser Kabine. Kurzum, es geht um Phantasien von Spontan-Sex. Allerdings nicht mit diesem Mädchen. Die ist etwas Höheres, etwas Ätherisches. Die Entwertung durch Körperlichkeit in der Realität könnte ich ihr nicht antun. Auch dies ist natürlich klassisch-deutsch-literarisch, aber nicht typisch für unsere Menschen. Außerdem ist es albern-infantil, hinterwäldlerisch und kitschig. Ohnehin erlebe ich diese Phantasien, als würden sie gar nicht zu mir gehören. Es geht um heftige sexuelle Begierde – die gibt es nicht. Dergleichen ist tabu. Das wird sich ergeben. Es geht alles seinen Gang.

Nach einigen Wochen habe ich einen Gedanken, der mir derart ungeheuerlich erscheint, dass ich ihn nicht einmal im Tagebuch notiere. Natürlich nutze ich diesen Job für meine schriftstellerischen Arbeiten. Er bietet sich geradezu dazu an. Ich habe mit der Zuweisung dieses Arbeitsplatzes sozusagen die offizielle Berechtigung zur Einnahme einer Beobachter-Position. Es kommt jedoch nichts dabei heraus, und zwar in dem unwohl bekanntem Sinne nicht, dass ich auch hier keine richtigen Geschichten schreibe. Ich dichte nicht, spinne nicht, phantasiere nicht, sondern berichte wieder nur.

Diese Niederschriften haben allerdings kaum etwas mit dem gegenwärtigem Geschehen in der sogenannten Realität zu tun. Vielmehr schreibe ich über Erlebnisse zum Beispiel während meiner einige Jahre zurückliegenden Armeezeit und aus meiner Schulzeit.

Ich komme nicht einmal auf den Gedanken, dass mir Leute unterstellen könnten, ich würde über dieses gegenwärtige Geschehen schreiben und nicht für mich. Nach der Wende erfahre ich durch die Veröffentlichung entsprechender Listen in den Medien, dass es in diesem Haus allein mehrere Räume für konspirative Treffen gibt.

Dabei müsste ich mit dergleichen rechnen. Aus den Fenstern des WCs im Parterre, das unter anderem von den Pförtnern genutzt wird, kann ich in Räume des Vorsitzenden des Ministerrates sehen. Zudem gibt es im Hause einige zentrale Dienststellen des Funk- und Richtfunk-Betriebs. Aber das interessiert mich alles nicht. Ein nützlicher Idiot. „Das Kind spielt!“, hätte mein Gruppenleiter in der Therapie in Hirschgarten vielleicht gesagt.

Das Mädchen rennt beinahe an meinem Glaskasten vorbei, als wäre sie von etwas getrieben, was zwar in ihr ist, aber mit mir zu tun haben könnte. Mein mir selbst ungeheuerlich erscheinender Gedanke ist der, dass sie missbraucht worden sein könnte und auf mich eine Täter-Übertragung hat. Darauf scheint mir auch die Tatsache hinzuweisen, dass sie mit einem Jungen zusammen ist, der eher vom Äußerem als vom Umgang her, den sie mit ihm pflegt, ihr jüngerer Bruder zu sein scheint. Auf den kann ich gar nicht eifersüchtig sein. Ich bin mir sicher, dass dies keine echte Partnerschaft ist. Es scheint sich augenfällig um eines der neurotischen Arrangements zu handeln, über die ich in den zum Teil bereits vor der Therapie durchgearbeiteten Fachbüchern gelesen habe. Es soll mit diesen Arrangements etwas vermieden werden, das mit negativen Erfahrungen verbunden ist. Gleichzeitig wird aber damit Leben eingeschränkt oder gar vermieden.

Außerdem geht alles seinen Gang, auch oder gerade hier. Die ist für mich erschienen! Wenn ich diese Überzeugung aussprechen würde, müsste mir klar werden, wie irre sie ist. Ich bin der Nabel der Welt!??? Aber ich spreche den Gedanken nicht aus. Ich kann und will das auch gar nicht. Es wird sich alles ergeben!

Erst Jahrzehnte später wird mir klar, dass sich hier eine meiner heftigsten und daher am stärksten verdrängten Sehnsüchte zeigt. Meine Mutter möge zurückkehren, möge endlich emotional erlebbar, wirklich anwesend und da sein und meine richtige Kindheit in einer richtigen Familie möge beginnen. Zum Schreien tragikomisch! Aber nicht einmal ich selbst schreie, was sehr angemessen wäre. Ich vermag diese seelischen Abläufe nicht einmal in Gedanken zu formulieren. Es ist alles unbewusst, und damit, wie immer, umso wirksamer.

Ich weiß zu dieser Zeit noch nicht, dass bereits Freud sinngemäß sagt, Partnerwahl wäre bei Heterosexuellen in gewissem Sinn und Maß Wiederfindung des andersgeschlechtlichen Elternteils. Bei Höck und König habe ich gelesen, dass bei vorwiegend hysterisch strukturierten Menschen die Symptomatik oft durch drohenden oder tatsächlichen Partnerverlust ausgelöst wird.

Das ist kein unzulässiges Psychologisieren oder gar Pathologisieren. Mir fallen vielmehr zahlreiche Erlebnisse und Beobachtungen ein, die diese Thesen eindeutig bestätigen. Ich bin eher verblüfft, etwas gefunden zu haben, das mir gewissermaßen den Schlüssel zur Erklärung der Welt geben könnte, von dem ich gar nicht mehr weiß, dass ich ihn suche. Leider hat dieses Empfinden keine praktischen Konsequenzen, indem ich mich etwa um ein Psychologie-Studium bemühen würde usw. Es ist, wie immer, alles geheim.

Allerdings wird mir erst nach der Wende bei der Lektüre von Maaz klar, dass ich bereits zu der von ihm beschriebenen Klientel gehören dürfte, bei der die hysterischen Strukturanteile nicht zuletzt durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu depressiven werden. Mit anderen Worten – ich habe längst aufgegeben. Ich weiß es „nur“ noch nicht. Zudem sind da immer noch die ebenso heftigen wie unklaren Sehnsüchte, die buchstäblich am Leben halten.

Fast immer dreht sie sich zu mir um und ruft „Tschüss!“, wenn sie nach der Frühschicht wie ein elfenhafter Schemen aus dem Haus federt. Manchmal streicht sie dabei mit einem Kamm kurz durch die Haare, als wolle sie sich für das Draußen hübsch machen. Diese Geste hat etwas rührend Verspielt-Mädchenhaftes.

Bin ich verknallt? Ich weiß es nicht. Bereits hier bin ich durch therapeutische Exerzitien eher verunsichert als bestärkt insbesondere, was diese Sache zwischen Mann und Frau angeht. Das entspricht nicht der Zielstellung einer Therapie, aber das will ich nicht wahrhaben. Mir ist durchaus klar, dass ich mit Schreiben im literarischem Sinne begonnen habe auch aus der Gewissheit heraus, in wirklich wichtigen Momenten keine Worte zu haben. Dies erlebe ich hier bis zu einer Art psychischen Singularität gesteigert. Mir ist so was noch nicht passiert. Ich weiß noch weniger als bei ähnlichen Gelegenheiten, wie mir geschieht. Etwas zieht mich geradezu vom Stuhl hoch, besonders, wenn sie dieses „Tschüss!“ beinahe heraus schmettert. Das klingt verspielt, übermütig-lebenslustig, aber irgendwie auch, als wolle sie sagen: „Schade!“ Zu meinem Entsetzen bin ich kurz davor, unartikulierte Laute aus zu stoßen; etwa wie ein Hund, der von Frauchen liebevoll gerufen wird. Ich möchte ihr hinterher laufen, um – was zu tun? In dieser kleinen, banalen Episode meines Alltags scheint etwas Animalisch-Triebhaftes hoch und raus geholt zu werden, von dessen Existenz ich nichts ahne.

Sind das meine Vergewaltigungs-Phantasien, die ich nicht wahrhaben will? Einmal hat mein Therapeut dieses Wort angebracht, um dann nach meiner Reaktion beinahe zurück zu zucken. Alles, was mit Sex zu tun hat, ist tabu. Erst recht trifft das zu auf das immer dazu gehörende Triebhafte, das immer auch aggressive Anteile hat.

Dagegen spricht, dass diese scheinbar banalen Episoden auch oder vor allem auf einer geistigen Ebene wirken. Gleichfalls verblüfft bin ich von einer Art Effekt, für dessen Verbalisierung ich Monate brauche. Es ist, als wäre dieses Mädchen eine Art Gegenstück zu meinem Schreiben in der sogenannten Realität. Meine schriftstellerischen Versuche, oder wie immer man diese Bemühungen bezeichnen mag, sind durch das Erscheinen dieses Mädchens gewissermaßen genichtet. Sie sind hinfällig, sie haben sich erübrigt. Wie das?

Ich komme mir abwechselnd größenwahnsinnig und genial vor, weil ich an einer Art Cover-Version von „Romeo und Julia“ bastele. Der Grundgedanke ist, dass sie nicht zueinander kommen nicht aus äußeren Gründen wie Standesschranken, verfeindeten Familien, materiellen Grundlagen usw., sondern durch sich aus den Lebensgeschichten ergebende Hindernisse wie neurotische Blockierungen, Traumatisierungen, verzerrte Muster der Wahrnehmung usw. Der Plot scheint mir auch heute noch nicht übel. Es bleibt jedoch bei seiner leicht oberlehrerhaften Ausformulierung. Wie immer dichte ich nicht, sondern berichte nur. Ich schiebe diesen Plot jahrzehntelang vor mir her, neben immer mehr Einfällen für weitere Geschichten.

Auch oder gerade diese Story scheint sich nun erledigt zu haben. Sie findet gewissermaßen gerade live und in Farbe vor mir statt. Vor allem mit mir, aber das habe ich ausgeblendet.

Unter anderem hier beginnt der Budenzauber. Ich erlebe immer wieder Begegnungen, bei denen ich nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrücken kann. Das ist inszeniert, das ist nicht echt, da haben welche dran gedreht. Die je nach Standpunkt des Betrachters berühmte oder berüchtigte Ironie des Schicksals besteht hier darin, dass nach der Wende in diesem Gebäude des Ost-Berliner Fernsprechamtes ein Experimental-Theater entsteht. Aber wozu noch Theater und Therapie? Auch die sind erledigt, ein für alle Male. Da machen welche Therapie in vivo, nicht in den Schutzräumen von Kliniken, Krankenhausabteilungen, Praxen und therapeutischen WGs. Da inszeniert wer auch immer die Realität! Natürlich ist mir klar, dass dieses Symptom als typisch für einen psychotischen Zustand gilt. Aber das hilft mir nicht weiter. Zudem scheine ich auch hier in keiner Weise aufzufallen. Die Fassade ist auf Hochglanz.

Eines Morgens, als ich zur Frühschicht muss, habe ich wieder dieses komische Gefühl, als ich aufwache. Eine halbe Stunde später und einige Kilometer entfernt denke ich etwas wie ‚War ja klar!‘. Die Mitarbeiter der Nachtschicht in der Ortsvermittlungsstelle in der ersten Etage schließen früh um fünf oder sechs Uhr den Haupteingang auf, um den Pförtner der Frühschicht herein zu lassen und ihm den Schlüssel für diesen Eingang zu übergeben. Heute ist sie diese Mitarbeiterin der Nachtschicht. Ich habe das „gewusst“ auf diese schwer zu beschreibende Weise. Aber das ist doch alles Eso-Scheiß?!!! Über welche Kanäle sollen denn hier Informationen übertragen werden?

Es ist diese eine der Situationen, bei denen mir unklar deutlich wird, dass ich nicht verklemmt oder schüchtern bin. Ich verhalte mich vielmehr wie der Leser eines Buches oder der Zuschauer eines Films. Gleichzeitig will ich natürlich gerade bei einem Mädchen, das schon in dieser Phase des Kontaktes derart ebenso starke wie unerklärliche Reaktionen auslöst, dabei sein, beteiligt, einbezogen, gesehen werden. Das ist ein übles Paradoxon und das ist mir auch klar. Aber ich warte trotzdem und erst recht ab, was sich ergibt.

An diesem Morgen ergibt sich etwas, und nicht nur etwas. Sie scheint auf mein Spiel des Wartens und Erst-Einmal-Sehens eingehen zu wollen. Sie posiert lieblich vor dem breitem Tresen an der Außenseite des Glaskastens der Pförtner. Als sie mir den Schlüssel übergibt, berühren sich unsere Hände kurz und da ist was. Was für ein sentimentaler Quatsch und Kitsch wieder! Bestenfalls etwas in der Art Jack Londons, wenn er schwach, weil gefühlsduselig ist. Es durchfuhr ihn, Komma, und er spürte es, Punkt.

Sie lächelt wieder in dieser Art, bei der ich zu meiner Verblüffung das sichere Empfinden habe, dass sie etwas von mir weiß, das ich nicht wahrhaben kann und will. Das Lächeln, eher ein verschmitztes Grienen, hat zugleich etwas Schelmisches und etwas Verschlagenes. Sie wirkt ein bisschen wie ein weiblicher Clown und ein bisschen wie eine weise Indianerin. Der letzte Eindruck entsteht dadurch, dass die braunen Augen und die braunen Haare auch ihre Haut dunkler als gewöhnlich erscheinen lassen, was sie nicht ist.

Sie sagt nur wenige kurze Sätze, deren Inhalt ich vergessen habe. Aber es passiert etwas in mir, das ich noch weniger in Worte fassen kann als die vorhergehenden merkwürdigen Erlebnisse bei meinen bisherigen flüchtigen Kontakten zu ihr. Es kommt wie eine Welle eine gewissermaßen atmosphärische Weltwahrnehmung in mir hoch, die ich völlig vergessen habe. Geradezu als Bilder vor meinem geistigem Auge steigen Erinnerungen an meine erste Liebe im Ferienlager 1973 hoch. Ich werde derart geradezu von ihnen überschwemmt, dass mir ist, als müsste ich nach Luft schnappen. Kurze Zeit später fällt mir auch der Begriff „eingeklemmter Affekt“ ein, den ich während des auch oder gerade im Psychologischem dilettierenden Erwerbs meiner Viertelbildung aufgeschnappt habe. Ich weiß nicht, ob damit das gemeint ist, was ich gerade erlebe, aber der Begriff passt. Die wenigen, völlig banalen, leise und ruhig gesprochenen Worte dieser Mädchenfrau treten etwas in mir los, das ich eingekapselt, ja, geradezu eingebunkert habe, ohne es zu bemerken. „Ins Freie kommen“ ist ganz offensichtlich etwas da drin, nichts da draußen in der Welt.

Die folgenden Stunden verbringe ich wie gleichzeitig euphorisiert und betäubt. Dies jedoch nicht im unwohl bekannt depressivem Sinne, sondern geradezu beschwingt. Dieses Empfinden ist keine Einbildung. Ich bemerke durchaus, dass einige Mitarbeiter mich verwundert, ja, befremdet ansehen, während ich ihnen Schlüssel heraus gebe, als sähen sie mich zum erstem Mal.

Es geht nicht nur um Verliebtheit oder unter hormonellem Druck hochschießendes sexuelles Verlangen. Es ist vielmehr vor allem das schlagartig verändert, was man als ständig im Hintergrund wirkende existentielle Grundstimmung bezeichnen könnte. Ich weiß bis zu diesem Morgen gar nicht, dass diese Veränderung möglich ist. Es ist, als wäre ich in eine der Fiebertraum-Phasen gesunken, die ich aus meiner Vorschul-Kindheit kenne, und würde jetzt den nicht nur körperlichen, sondern vor allem geistigen Aufschwung der Genesung erleben. Eine kurze, unverhofft mögliche Ahnung einer anderen Sicht auf die Welt kommt auf, die ich von der Geschichte meiner platonischen Haltestellen-Liebe kenne. Es öffnet sich für einen Augenblick und einen Spalt breit eine Tür in eine Art anderes Leben und dann ist die Tür gleich wieder zu. Das Andere ist jedoch nichts Äußerliches, die sogenannte Realität ist dieselbe.

Das Entscheidende ist nicht die Möglichkeit oder eingebildete Möglichkeit erotischen oder sexuellen Kontaktes. Es geht um die völlige Veränderung der Grundstimmung des Lebens. Vielleicht geht es tatsächlich darum, dass symbolisch meine Mutter zurück kommt und mir gewissermaßen endlich eine Existenzberechtigung erteilt. Womöglich hat sie bei ihrem Verschwinden die Erwartung dieser Berechtigung zurück gelassen.

Jetzt komme ich aus meiner Beobachterposition heraus. Ich spüre schmerzhaft, wie unvorbereitet ich für diese Situation bin. Fast alle anderen Jungen haben über Jahre hinweg vom unverbindlich flirtendem Geplänkel quasi im Vorübergehen bis zum Sex den Umgang mit Mädchen geübt. Mir sind diese vor allen an Bänken herum lungernden Grüppchen immer egal oder ich fühle mich gar erhaben über die Halbstarken in Lederjacken auf Mopeds. Ich habe diese Gruppenübungen geradezu ausgeblendet. Das wird sich alles ergeben! Es geht alles seinen Gang. Jetzt laufe ich Gefahr, gewissermaßen in den Schritt Nr. 20 zu stolpern, ohne die Schritte 1 bis 19 gegangen zu sein.

Was ist überhaupt in einer solchen Situation zu tun? Wie, igitt, wirbt man um ein Mädchen, das Einem, milde formuliert, gefällt? – Die zwei längeren Partnerschaften, die ich bereits erlebt habe, erscheinen mir jetzt gleichfalls als eindeutig neurotische Arrangements. Ich habe keine Antworten auf diese Fragen gefunden, sondern mich um sie herum gemogelt. In meiner ersten Partnerschaft habe ich mich auf eine Beziehungserpressung eingelassen.

Das wird jetzt der oft parodierte „Todessprung von der Teppichkante“. Ich rufe das Mädchen aus meiner Pförtner-Kabine an, während sie in der Ortsvermittlungsstelle arbeitet. Ich lade sie ins Kino ein. Dabei komme ich mir bescheuert vor wie noch nie in meinem Leben. Vor allem – was soll ich mit ihr im Kino? Ich gehe häufig ins Kino, aber allein und um den Film zu sehen. In Filmen, deren Macher überzeugt zu sein scheinen, dass sie darin typische Jugendliche in typischen Situationen zeigen, sieht dergleichen immer beneidenswert locker aus. Übermütig lärmende Gruppen von Popcorn futternden Halbwüchsigen hängen locker in den Sitzreihen von Kinosälen ab. Ich habe dergleichen nie erlebt und bin bis zu diesem Telefonat überzeugt, dass mir nichts fehlt.

Gleichzeitig habe ich das Empfinden, dass ich nach diesem Telefonat im Foyer einen Freudentanz aufführen muss, um nicht zu platzen. Jenseits allen Grübelns und Theoretisierens wird mir klar, dass es hier ins Freie geht. In einer Art rasender Torschlusspanik versuche ich dem Mädchen zu vermitteln, was in diesen wenigen Augenblicken der morgendlichen Schlüsselübergabe in mir abgegangen ist. Sie versteht es nicht. Das leuchtet mir ein, denn ich verstehe es selbst nicht. Dennoch habe ich das zunehmend verzweifelte Empfinden, dass etwas Unwiederbringliches für immer zu verschwinden droht. Ich finde auch das sentimental und kitschig. Aber ich muss sie festhalten, mehr im übertragenem als im wörtlichem Sinne.

Natürlich wehrt sie meine Einladung heftig ab. Trotzdem spüre ich ein inneres Frohlocken, weil ich mir irgendwie sicher bin, das ich hier dranbleiben muss. Diese Abwehr ist die Fassade, für die sie Gründe hat.

Das ist keine Einbildung oder Wunschvorstellung, wie sich Jahrzehnte später in typisch tragikomischer Weise erweist. Dann findet meine Freundin das Klosterstraßen-Mädchen nach einigen Recherchen. Sie ruft sie an und gibt mir die Erklärung weiter, das Mädchen wäre damals in mich verliebt gewesen. Ich glaube beiden Frauen. Wieder einmal darf ich konstatieren, dass meine Wahrnehmungen realistisch sind. Wieder einmal hat niemand etwas von meinen „Weisheiten“. Der große Theoretiker darf sich nur wieder ein großes Bienchen ins Große Klassenbuch eintragen.

Wie geht es weiter? Keineswegs nach meinen Vorstellungen. Einige Stunden nach meiner telefonischen Einladung ruft mich der Freund des Mädchens in meiner Pförtnerloge an. Ich spüre deutlich, dass er sich künstlich in einen Wutanfall hinein steigert. Er verbietet mir den Kontakt zu dem Mädchen. Sinngemäß sagt er, ich solle ihr fern bleiben. Das hört sich für mich an, als wäre ich übergriffig geworden. Ich erkläre deshalb, ich hätte gar nichts getan außer sie angerufen und ins Kino eingeladen. Der Typ dröhnt durch das Telefon: „Willst Du behaupten, das Mädchen lügt?“ Ich würde nicht lebend aus meinem Glaskasten kommen, wenn ich das Mädchen nicht in Ruhe lassen würde, fügt er fast wörtlich hinzu. Ich murmele völlig verdattert irgend etwas und lege auf mit dem Gefühl, dass hier etwas wie „Mit versteckter Kamera“ läuft. Das muss alles ein flacher Ulk sein!

Was ist das? Was geschieht hier? Mir ist klar, dass der Junge überzeugt scheint, mir ordentlich die Meinung gegeigt zu haben. In Wahrheit bin ich kurz davor, laut los zu lachen. Das tue ich nur deshalb nicht, weil ich zudem fast sprachlos ungläubig bin. Ist das jetzt real? Geschieht das mir? An dieses Telefonat muss ich später denken, als ich diesen Satz aus der alternativen Szene lese, „Mit der Technik auf den Mond, in der Liebe im Neandertal!“ Zudem fällt mir auch hier sofort eine Episode aus meiner Vergangenheit ein. Wiederum fast als Folge von Bildern vor meinem geistigem Auge steigt die Erinnerung an die Geschichte in meiner Vorschulzeit auf, in der ich verprügelt werden soll, weil ich angeblich jemandem ein Loch in den Kopf geworfen hätte. In Wahrheit hat mir ein anderes Kind ein Loch in den Kopf geworfen. Die Psychos haben Recht! Es scheint sich etwas ganz Altes immer erneut zu wiederholen.

Natürlich wirkt auch hier wieder dieser Effekt der „Treppwörter“. Mir fällt hinterher ein, als die Situation vorbei ist, quasi auf der Treppe, was ich sagen könnte, sollte oder müsste. „Ja, das Mädchen lügt wie gedruckt! Sie phantasiert sich was zusammen! Ich habe wirklich nur angerufen, um sie ins Kino einzuladen!“, wäre eine richtige Antwort. Die treffende Replik fällt mir immerhin bereits wenige Minuten nach der realen Szene ein, nicht erst Tage oder noch längere Zeit später. Allerdings hilft mir das nicht. Offensichtlich bin ich jedoch ganz dicht dran am „Hier und Jetzt“, nur leider immer noch nicht drin.

Noch einmal versuche ich verzweifelt zu erklären, um was es mir geht, was sie da in mir los getreten hat usw. Zum Glück habe ich hier eine Zeugin, die gegebenenfalls bestätigen könnte, dass ich bei diesem Erklärungsversuch einige Meter entfernt von meiner schmerzlich erfolglos Angebeteten stehe. Diese flüchtet sich hinter die Metalltür der Ortsvermittlungsstelle. Zu meiner Verblüffung fängt die „Zeugin“ an zu weinen.

Sehr viel später scheint mir, dass sie instinktiv spürt, ohne es ausdrücken zu können, was abgeht. Ich bin nicht „der Böse“. Das Mädchen meiner Träume steckt in einer Art Sicherheitspartnerschaft fest, in der sie geschützt scheint vor Antrieben, die sie nach ihrer Lebensgeschichte als bedrohlich empfinden muss. Darüber lese ich nicht nur bei der Anhäufung meiner prekären Viertelbildung in vielen Fallbeispielen mehrerer Fachbücher. Dergleichen erlebe ich auch oder vor allem ganz praktisch bei Klientinnen der einige Wochen zuvor zu Ende gegangenen Therapie. Ich finde gar eine weitere Bestätigung meiner Wahrnehmung in einem Band Erzählungen einer gestandenen Frau, die zudem im Hauptberuf Psychologin und Eheberaterin ist. Die Autorin und Psychologin schreibt sinngemäß, dass die meisten Frauen, wenn es um ernsthafte Absichten ginge, sich instinktiv gewissermaßen für die sichere Bank entscheiden würden. Wenn es um Liebe im Sinne heftiger, tiefer Gefühle ginge, würde die Wahl meist ganz anders ausfallen. Ich bin verblüfft, diese Bestätigung bei einer erfahrenen Frau und Psychologin zu finden, nicht bei einem steinzeitlich agierendem Männchen wie dem Freund des vor mir davon huschenden Mädchens.

Ist hier aber nicht weit über meine bereits marginal agierende Person hinaus der Dreh- und Angelpunkt der Entwicklung dieser Gesellschaft in diesem Stadium? Man hat die materielle Basis zum Menschenwürdigem hin umgestaltet und das ist eine historische Leistung. Zu meiner Verblüffung äußert sich sogar viele Jahre später der Bundeskanzler Gerhard Schröder sinngemäß in dieser Richtung. Aber man ist bei der Befreiung von Unterdrückung bei dieser Basis stehen geblieben, beim menschenwürdigem Arbeiten, sich Ernähren, Kleiden und eine Unterkunft finden usw. Was jedoch darüber hinaus geht, auf die Ebenen, die den Menschen als solchen ausmachen, insbesondere die von Kontakt, Beziehung, Bindung usw., bleibt unverändert. Wenn die Problematik überhaupt angesprochen wird, erfolgt sofort die Beschwichtigung mit den üblichen Textbausteinen. Es handele sich um Überbleibsel der alten Gesellschaft, die man im Zuge der gesetzmäßigen Entwicklung Schritt für Schritt überwinden wird usw. usf.

Das erlebe ich gerade sozusagen fokussiert auf meine eigene kleine Person. In der Beurteilung im Zeugnis der elften Klasse, mit dem man sich für ein Studium bewirbt, hat mein Klassenleiter sinngemäß geschrieben, ich wäre fähig und bereit, gesellschaftliche Zusammenhänge persönlich zu nehmen. Natürlich wächst mir eine Feder bei diesem Satz. Was er aber wirklich bedeutet, verstehe ich erst viele Jahre später.

Ich bemerke bei diesen kläglichen Versuchen der Kontaktaufnahme sehr wohl diese Art Verwischung der Grenzen von Dichtung und Wahrheit. Ich laboriere in meinem Glaskasten an einer Geschichte über Romeo und Julia in der Stadt, die nicht zueinander kommen durch innere, psychische Blockierungen. Aber genau das, worüber ich gerade dichten, phantasieren, spinnen, kurz, im belletristischem Sinne schreiben will, geschieht gleichzeitig vor mir und vor allem mit mir. Ich bin hilflos handlungsunfähig. Schreiben ist überflüssig, ein für alle Male. Im Weiteren kann ich feststellen, dass dieses allmähliche Bröckeln und Einfallen der Mauer zwischen Fiktion und sogenannter Realität ein Merkmal der Zeit zu sein scheint. Dies zeigt sich in selbstreferentiellen Passagen bei Auster, Roth oder Woody Allen wie im Container bei RTL II und dgl. Diese Einsicht nützt mir jedoch nichts.

Aber einmal nicht witzig bzw. „witzig“, sarkastisch, zynisch-schnoddrig über alles und jeden drüber brettern! Einmal nicht den melancholisch-miesepetrig aus der Distanz analysierenden Beobachter geben! Einmal etwas ernst nehmen und wirklich dahinter stehen!

Ich entwerfe nun ein „Thesenpapier“. Ganz ohne Ironie kann ich aber auch oder gerade hier nicht. Auf dem Schreibtisch des Pförtner-Terrariums liegt unter einer Glasplatte ein Kalender. Unter anderem sind darauf die Geburtstage von Persönlichkeiten vermerkt, die aktuell als bedeutend gelten über. Auf einem Titelbild der bekannten Satire-Zeitschrift „Eulenspiegel“ finde ich einen Cartoon, über den mit Sicherheit nicht nur ich besonders heftig lachen muss. Über einer Landstraße hängt ein Transparent mit der Aufschrift „Hier entsteht ein zugeschüttetes Loch!“ Es kommt ein Wanderer des Wegs und fragt: „Und aus welchem Anlass?“ Ich suche nun ein in diesem Kalender aufgeführtes Datum, dem ich meine „Thesen“ widmen könnte. Zunächst denke ich an den Geburtstag Einsteins, entscheide mich dann aber für den Lenins. Passt schon, denn Einstein hat den Weg zur siegreichen Arbeiterklasse nicht gefunden, wie hier der quasi amtliche Textbaustein lautet.

Es steht Unsinn in diesen „Thesen“, sie sind zum Teil geschwollen, pathetisch und überspannt formuliert. Zur Kern-Aussage dieser knapp zwei DIN-A-4-Seiten stehe ich jedoch heute noch. Diese Aussage lautet sinngemäß, nach der Befreiung von Unterdrückung auf der Ebene der materiellen Basis müsse eine Befreiung auf der den Menschen erst zu einem solchem machenden psychischen Ebene folgen. Ein besonders tragikomisches Beispiel für Ironie des Schicksals in meinem an dieser Ironie reichem Leben ist meine nach der Wende zwangsläufig erfolgende Feststellung, dass die kapitalistischen Menschen von Esoterik bis Therapie vieles tun, was den „realen Sozialismus“ zu realem Sozialismus hätte machen können. Zudem muss ich des Weiteren feststellen, was ich vor der Wende in meiner Situation gar nicht feststellen kann, dass ich gewissermaßen offene Türen einrenne. Zum Beispiel hat sich Erich Fromm ein Leben lang bemüht, quasi Marx und Freud zu integrieren. Usw.

Dennoch und erst recht habe ich, wieder einmal, sehr viel Glück. Es gibt Leute, die sich für derartige „Thesenpapiere“ im Gelbem Elend in Bautzen oder in einem U-Boot in Hohenschönhausen wiederfinden. Aber offensichtlich nimmt mich randständigen Spinner keiner ernst oder überhaupt wahr. Gleichfalls erst nach der Wende wird mir klar, dass Verantwortliche nicht verstehen und gar nicht verstehen können, um was es mir eigentlich geht. Das von mir zumindest ansatzweise Erörterte ist außerhalb ihres psychischen Gesichtsfeldes. Ich sende eine Kopie meiner Thesen an einen Sekretär der FDJ-Bezirksleitung. Der Mann ist promovierter Philosoph und ich kenne ihn wie alle meine Berliner Bekannten und Freunde aus meiner Armeezeit. Er reagiert, wie ich es ganz tief drin erwartet habe. Er ist deutlich ratlos, ja, verunsichert nicht nur von meinem Papier, sondern nunmehr auch von meiner Person.

Natürlich – cherchez la femme! Alles das tue ich für die Jugendfreundin aus der Prignitzer Prärie, wie ich das Mädchen insgeheim bald nenne. Seit Langem wieder einmal entwickle ich Neugierde auf einen oder überhaupt Interesse an einem anderem Menschen. Aber es bleibt wie immer alles geheim. Ich spioniere ein bisschen. Ich erfahre ihr Geburtsdatum. Das habe ich vergessen, aber sie ist einige Jahre jünger als ich. Ihr Geburtsort ist Pritzwalk. Ich interessiere mich jetzt auch für diesen Ort, von dem ich bis dahin nur weiß, dass er eine Kreisstadt im Norden des Bezirks Potsdam ist und janz weit draußen. Was ich nicht bemerke, ist, dass das Mädchen nichts bemerkt und nichts bemerken kann von meinen Bemühungen zur Rettung der Menschheit.

Überhaupt drehe ich frei. In meinem Dienstbuch, das regelmäßig kontrolliert wird, muss ich täglich zum Beispiel das Öffnen und Schließen des Kfz.-Tores protokollieren. Ich schreibe in übermütigem Ungestüm, von dem ich gar nicht weiß, dass ich zu ihm fähig bin, Sätze wie „Feierliche Öffnung des Großen Post-Tors zu Central-Berlin“. Wieder einmal habe ich Schwein, wieder einmal passiert nichts. Kurzum werde ich lebendig wie schon sehr lange nicht mehr und wie vermutlich nicht nur von mir nicht mehr für möglich gehalten.

Ich erwäge, bei der Stasi anzurufen und mitzuteilen, dass ich meinen Auftrag erfüllen werde. Natürlich gibt es da oben gute, kluge, informierte, umsichtig planende und lenkende usw. Menschen, die alles im Blick und alles im Griff haben. Die haben mir jetzt eine Chance gegeben, gewissermaßen den gordischen Knoten meines Lebens durchzuhauen und ins Freie, Weite, Helle, Lichte zu kommen. Ich spüre das, ich denke es nicht nur. Wieder ist es, als hätte ich ein Präparat erhalten, mit dem ich in Sekunden von Null auf Hundert komme.

Das Problem ist, dass nichts dabei heraus kommt. Fast alles ist nur in meinem Kopf. Aber das bemerke ich nicht, obwohl mir mein Therapeut immer wieder Winke mit dem Zaunpfahl gibt, wie mir Jahrzehnte später klar wird. Würde ich diese Gedanken laut aussprechen, könnte ich vielleicht bemerken, wie verrückt sie sind.

An einem lauem Sommerabend schnüre ich tatsächlich wie ein Hund an einer unsichtbaren Leine hinter ihr her. Ich folge ihr, als wir einmal gemeinsam Schicht-Schluss haben, zur U-Bahn. Sie lässt mich gewähren. Es läuft alles wie von selbst. Ich weiß aber nicht mehr, ob das vor oder nach dem Anruf ihres mackernden Freundes erfolgt. Ich steige am U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Straße mit ihr in die Straßenbahn, obwohl die von meiner Wohnung weg fährt. Es muss etwas geschehen, es liegt was in der Luft.

Wir wechseln nur wenige Worte. Sie sagt, dass sie jetzt ins Wohnheim fahren würde und sich ein schönes Steak brutzeln. Das klingt, als wäre das ein vereinbartes Codewort. Ich verstehe zwar dessen Sinn nicht, habe aber das sichere Empfinden, dass alles nach einem höherem Plan läuft. Ein Mann dreht sich zu uns um und sagt zu dem Mädchen etwas wie, sie solle nicht sauer oder traurig sein. Das scheint sich auf mich zu beziehen. Ich verstehe Bahnhof. Es ist, als würde ich träumen, dass ich nackt durch die Stadt laufen würde, um dann entsetzt feststellen zu müssen, dass ich gar nicht träume, sondern mich in der sogenannten Realität bewege.

Es ist irgendwie alles anders nicht in der Art, wie es jeder im Zustand höchster Verliebtheit kennen dürfte. Vielmehr ist das gewissermaßen Atmosphärische in diesen kleinen Szenen fremd, bedrohlich, brutal, kalt. Ich muss an den „Silly“-Song „Schlohweißer Tag“ denken. Darin wird dieses Kafkaeske des gewissermaßen hintergründig Atmosphärischen sinnigerweise von einem Diplomphilosophen als Texter in gräulich großartigen poetischen Bildern beschrieben.

Ebenfalls für meine Begriffe zeitlich relativ dicht am Geschehen kommt mir ein erster Gedanke zum Versuch der Erklärung des Geschehens. Mein selbstbewusst homosexueller Nachbar hat erklärt, dass einige Schwule eine Art Wettbewerb betreiben würden, Heten ans andere Ufer zu ziehen. Was, wenn die Leute Recht haben, die immer einmal andeuten, dass ich etwas Schwules hätte? Wenn ich nun schon am anderem Ufer bin und es gar nicht bemerke? Offensichtlich geht es in dieser Tram-Szene um Handlungen, die für jedermann und vor allem jeden Mann selbstverständlich scheinen. Vermutlich „sollte“ ich mit dem Mädchen mitfahren und es endlich tun.

Ich sitze jedoch in der Tram beinahe zur Statue erstarrt wie mein Kater nach einem schockierendem Erlebnis und vor allem in seltener Sprachlosigkeit. Dann steige ich etliche Kilometer von meinem Haus entfernt, aber vor dem Erreichen ihres Wohnheims aus und laufe lange wie betäubt durch die Straßen. In den nächsten Jahrzehnten erlebe ich tausende derartiger Szenen in meinen ewigen „Traumprüfungen“. Leute scheinen etwas zu erwarten, was für jeden Menschen selbstverständlich zu sein scheint, worauf ich jedoch nicht komme.

Einige Male in meinem Leben erlebe ich eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen mag, wenn diese „Schutzhülle“ weg ist, die Leute wie ich zu benötigen scheinen. Am stärksten ist diese Ahnung bei meinem Ferienlager-Aufenthalt, den ich durch plötzliche Erkrankung an Windpocken beende. Freuds Hinweis greift auch und gerade hier, laut dem für einige Menschen Neurose weniger ein Syndrom zu sein scheint als vielmehr eine Art sie überhaupt lebensfähig machender goldener Kompromiss.

Was geschieht eigentlich? – Nichts. Und – alles. Nichts stimmt mehr und nichts wird mehr stimmen und nichts wird mehr wie vorher. Diese Schutzhülle ist endgültig weg und bleibt es. Die jetzt einsetzenden Pseudo-Halluzinationen könnten verbale Mitteilungen aus der Weltsicht des ganz im Hier und jetzt anwesend Seins sein, wie ich es in typisch tragikomischer Weise zum Beispiel oder vor allem in den wenigen Minuten in der Tram erlebe. Dieser gewisse Durchbruch ins ganz da Sein ist für mich keine Befreiung, sondern eine Art stiller Zusammenbruch.

Diese Art „inneren Zurufe“ beginnen zur selben Zeit, als ich diese scheinbar banalen kleinen Episoden mit dem Mädchen aus der Prignitzer Prärie erlebe. Ich weiß jedoch nicht sicher, ob hier ein Zusammenhang besteht. Nach der Wende suche ich die Beratungsstelle für Opfer des Stalinismus auf. Ich schäme mich ein bisschen, weil ich zu Recht annehme, dass dort ehemals in Bautzen oder Hohenschönhausen Inhaftierte erscheinen. Zu meiner Verblüffung versichert mir mein Gesprächspartner sinngemäß, dass er mein Vorsprechen keineswegs unangemessen fände. Er hätte in den wenigen Monaten des Bestehens seiner Einrichtung bereits mehrere Fälle erlebt, in denen zwei Leute gegenseitig aufeinander angesetzt sind und es beide zumindest zunächst nicht bemerken.

Wieder einmal kommt mir im Zusammenhang mit der Stasi das Gruseln nachträglich. Wieder einmal verlaufen meine Bemühungen im Sande. Ich erscheine nicht mehr zum nächstem Termin oder dergleichen. Alles Haschen nach Wind….

Einige Mitteilungen per Mental-Funk, wie ich diese vermeintlichen oder tatsächlichen Halluzinationen oder Pseudohalluzinationen irgendwann nenne, lauten etwa: ‚Es gibt kein Zurück!‘ oder: ‚Wir begleiten Dich ein Leben lang!‘

Das mit dem ‚… kein Zurück…‘ glaube ich sofort zu verstehen. Es gibt kein Zurück in diese „Schutzhülle“. Ein klägliches Gleichnis zur Veranschaulichung dieses inneren Geschehens wäre ein Kind, das gern wieder an den Weihnachtsmann glauben möchte, nachdem es begriffen hat, dass es keinen gibt, weil es jetzt erkennt, wie behütend dieser Glaube ist. Aber – es gibt kein Zurück. Mir scheint jedoch, dass sich hier ein existentielles Problem zeigt. Tiere sind zum Konstruieren eines solchen goldenen Kompromisses nach Freud nicht in der Lage. Dieses Konstrukt ist etwas zutiefst Menschliches.

„Begleitet“ werde ich von diesen gewissermaßen In-Vivo-Therapeuten seit diesen Ereignissen 1986. Zahlreiche intensive Versuche, diplomierten und promovierten Fachleuten das Geschehen nachvollziehbar zu beschreiben, muss ich als erfolglos betrachten. Aber der Mensch scheint sich tatsächlich an Alles gewöhnen zu können.

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