Und komm nicht vom Weg ab – schon gar nicht am See!

Natürlich weiß ich, wie das gehtungefähr. Erotik und Sex kommen nicht vor. Ich höre im Elternhaus in neunzehn Jahren nicht einen deutlichen Satz zum Thema. Etwas muss in dieser Richtung jedoch stattgefunden haben, denn es sind zwei Kinder da. Es gibt natürlich Plänkeleien und manchmal zotige Anmerkungen, die ich ohnehin meist nicht verstehe. Dies jedoch nur unter Gruppendruck, bei den wenigen Gelegenheiten, da meine Eltern in Gesellschaft sind. Auch oder gerade bei diesem Thema bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich etwas vermisse oder ein Defizit nachträglich hinein deute. Aber schließlich gibt es Bücher, Zeitschriften und nicht zuletzt „Mundpropaganda“.

Ein Junge, ein Jahr älter als ich und in dem Block dem unserem gegenüber zu Hause, zieht mich immer wieder auf eine Art und Weise auf, die mich besonders kränkt, weil ich durchaus wahrnehme, dass sie auf echter Überlegenheit beruht. Diese Überlegenheit hat jedoch weniger mit Intelligenz zu tun, sondern mehr mit Kontakt. Aber dieser Sachverhalt ist derart weit außerhalb meines Gesichtsfeldes, dass ich ihn zwar gefühlsmäßig erfassen, jedoch kaum in Worte fassen kann; offenbar eine Grundsituation meiner Kindheit und Jugend.

Einmal jedoch gelingt es mir, den Jungen sehr schnell davon abzubringen, mich mit Worten und hämischem Grinsen zu traktieren, was mich mehr trifft, als es Schläge tun würden, was der Junge auch weiß. Ich bin selbst davon überrascht, dass mir das gelingt, und noch dazu an dieser Stelle.

Worum geht es? – Um das, um das Thema Nummer 1. Ungewohnt unspöttisch, ja, geradezu fürsorglich beginnt der Junge zu erläutern, und ich habe zu meinem Entsetzen das Gefühl, dass er gleich zur praktischen Vorführung übergeht, dass man die Vorhaut über der Eichel zunächst vorsichtig und dann immer schneller hin und her bewegen könne – und sofort hält er erschrocken inne. Meine Reaktion noch vor den Worten ist offenbar derart heftig, dass der Junge, der oft und gern nachbohrt und immer weiter triezt und stichelt, augenblicklich das Thema wechselt und mich in Ruhe lässt.

So was ist nicht nur tabu – das gibt es gar nicht! Da gibt es nichts weiter zu diskutieren – das Thema existiert nicht, basta! Das wird sich alles ergeben – es geht alles seinen Gang!

Erst zwanzig Jahre später wird mir klar, was meine Stiefmutter mit gewissen Anspielungen gemeint haben dürfte, die sie immer wieder heftig hass- und wuterfüllt anbringt. Die Frau scheint möglicherweise überzeugt zu sein, dass ich mir Einen nach dem Anderen vom Kolben pumpen würde, rubbelnder Weise. In Wahrheit komme ich erst mit über 20 dahinter, bei der Fahne, wie Mann sich erleichtert.

Irgendwann, mit etwa dreizehn, wache ich in unregelmäßigen Abständen nachts auf, weil meine Schlafanzugshose klebt. Es ist mir nicht nur peinlich, zumal ich anfangs glaube, ins Bett gepinkelt zu haben, sondern ich finde das ekelhaft. Ich entwickle ein Ritual zur Vertuschung der unwillkürlichen Ergüsse, indem ich im Bad mit einem Waschlappen das Sperma aus der Hose reibe und diese dann bis zum Aufstehen trocken liege. Es klappt immer, ich werde nie entdeckt, aber das Ganze geht mir buchstäblich auf den Sack. Muss das sein – geht es nicht ohne so was

Etwa 20 Jahre später finde ich Reichs These, dass Krebs etwas mit Sexual- und demnach Lebensfeindlichkeit zu tun haben könnte. Beide leibliche Eltern haben um die Lebensmitte herum Krebs; ich habe Leukämie.

Ich kann mich nicht an Träume erinnern, die ich bei diesen Pollutionen erlebe, bis auf den Traum bei der Ejakularche. Der Traum hat geradezu archetypischen Charakter, sowohl von der Intensität als auch vom Inhalt her. Ich finde die Szene dementsprechend später auch in Kunstwerken wieder, etwa in „Big Fish“. Ich träume von einem Waldsee und die Traumbilder wirken wie aus einem Gemälde klassischer Künstler. Ein großer Mond, vielleicht Vollmond, beleuchtet die Szenerie, die Bäume um den See sind riesig und prachtvoll belaubt und das Wasser ist klar und lauwarm. Der Traum hat etwas Freundlich-Anheimelndes, ja, Paradiesisches, in einer Ausprägung, wie ich sie sehr selten im Traum erlebe.

Eine nackte Frau erhebt sich aus dem Wasser, und ihre Bewegungen haben etwas lustvoll Verzögertes von derart schmerzhafter Süße, wie bei einer Tigerin, die sich beim Aufstehen rekelt und reckt, dass ich explosionsartig ejakuliere. Nie vorher oder nachher erlebe ich einen derartigen Orgasmus, auch oder erst recht nicht in der sogenannten Realität.

Meine Freundinnen bzw. „Freundinnen“, sowohl die vielen insgeheim Angebeteten, die von ihrem Glück oder Unglück meist gar nichts wissen, als auch die Mädchen und Frauen, mit denen ich richtig gehe, sind dünn, mager, schlank, klein usw. Die Frau im Traum dagegen ist nicht dick, aber üppig. Sie ist sehr groß, hat kräftige Arme und Schenkel, ausladende, große, feste, kraftvoll wippende Brüste und genüßlich wiegende, ausladende Hüften mit klassisch monumentalen Arschbacken.

Einer der Augenblicke, in denen man selbst als scharfer Skeptiker nicht umhin kommt, die Existenz eines Unbewussten für möglich zu halten. Ich bin auch hier wieder, wie oft, verblüfft, dass mein Gehirn sozusagen hinter meinem Rücken Informationen speichert, von deren Speicherung ich jahrelang nichts weiß.

Es bleibt schließlich nicht aus, dass mir der Traum ein Vierteljahrhundert später in meinem letztem Therapieversuch wieder einfällt, als ich kundige Rückmeldungen etwa des Inhalts erhalte, dass ich so was bräuchte, richtig was zum Hinlangen, „Nicht immer Ihre Nymphchen und Elfchen!“

Dazu fällt mir dann allerdings leider nur ein: „Kann ja lieben, wen ich will!“ sowie – fickt Euch selbst