„Unblutig davongekommen!“ – „Das Kind“ spielt im Hirschgarten.

Ich umkreise das Ost-Berliner „Haus der Gesundheit“ in immer engerem Radius, und nach dem drittem oder viertem Anlauf betrete ich es. Die Schwester in der Anmeldung im Erdgeschoss reagiert, wie ich es erwartet habe. Sie ist mindestens erstaunt. Sie scheint ohne Worte die Frage formulieren zu wollen: „Was will der denn in der Psychotherapie?“

Nachdem mein märchenhaftes Stiefmütterchen mich bei meinem letztem Urlaub von der Fahne quasi vor die Tür gesetzt hat, habe ich den Kontakt zu meinen Eltern nicht einmal wirklich abgebrochen, sondern einfach sein lassen. Es gibt nichts zu sagen und ich will nichts sagen. Alles nur geträumt. Ich könnte selbst nicht sagen, ob ich erwarte, dass meine Eltern sich nach mir erkundigen würden, aber sie tun es ohnehin nicht. Zu dieser Zeit ist mir noch nicht klar, dass sie gar nicht anders können, weil sie das nicht anders kennen.

Immer mehr des halben Dutzends Freunde verschwinden aus meinem Gesichtsfeld, indem sie heiraten, zum Studium weg ziehen usw. Zudem unternehme ich nichts Vernünftiges mit ihnen, sondern wir gehen fast immer nur bechern. Diese Kontakte sind alle aus der Armeezeit und nicht auf meine Initiative zustande gekommen. Es hat sich so ergeben. Es geht alles seinen Gang!

Im Betrieb versichert man mir immer wieder, dass man eigentlich mit mir zufrieden wäre, im Großen und Ganzem. Ich bin jedoch mit meiner Arbeit völlig unzufrieden. Das liegt zum Teil an einem unterschwelligem dumpfem Unbehagen, das ich zu verdrängen versuche, meistens erfolgreich. Vor allem aber unterlaufen mir ständig alberne und dumme Schusselfehler, die ich mir nicht erklären kann. Ich habe trotz der Rückmeldungen von Leitern und Kollegen das deutliche Empfinden, bei einfachsten Tätigkeiten zu versagen.

Mich um die Aufnahme eines Studiums zu bemühen, habe ich längst innerlich abgehakt und auch das ist mir nicht bewusst.

Meine Wohnung sieht nach wie vor aus wie eine Gerümpelkammer, obwohl ich inzwischen über einen Mietvertrag verfüge. Über die Tagesgenossen aus meiner Armeezeit und den werktäglichen Umgang mit meinen Kollegen hinaus habe ich keine Kontakte, auch nicht oder erst recht nicht im Haus meiner Prenzlauerberghütte.

Schließlich hat meine Freundin ultimativ gefordert, dass ich etwas tun müsste, etwa eine Therapie beginnen oder zumindest einen Psychologen aufsuchen, andernfalls sie sich von mir trennen würde.

Ich bin nicht fähig, mich aus dieser Situation selbst heraus zu arbeiten. Ich begreife vielmehr nicht nur nicht, wie mir geschieht, sondern blende meine selbst erschaffene Kleinwelt in der Weise aus, wie ich es erlernt habe. Ich verdränge die sogenannte Realität und schwelge nach der Arbeit stundenlang auf der nicht analytischen Couch in Wachphantasien mit Musikbegleitung, wie ich es jahrelang in einem Wohnzimmersessel schaukelnd während meiner Kindheit getan habe.

Kurz gesagt müsste ich, als ich schließlich tatsächlich zum Psychologen gehe, mich eigentlich hin setzen und losheulen. Dass ich eben dies nicht kann und dass vor allem mein Unvermögen zu angemessener emotionaler Reaktion überhaupt eines meiner Grundprobleme sein könnte, ist mir nicht bewusst. Ein paar Wochen später wird ein Therapeut in der Großgruppe der stationären Abteilung sich theatralisch übertrieben die Haare raufen und in halb gespielter Verzweiflung ausrufen: „Herr Koske – Kopf, Kopf, Kopf!“ Ich lache zwar wie viele meiner Mitklienten über die spontane theatertherapeutische Einlage, begreife aber nicht wirklich, was gemeint ist.

Bei meinem drittem Therapieversuch fünfzehn Jahre und eine Lebenswelt später lese ich bei Ammon etwas von emotionalen Fassaden und Klienten, die gesünder als gesund erscheinen. Mir fällt bei dieser Lektüre mein erster Kontakt mit Psycho-Club im Haus der Gesundheit ein. Eigentlich ist die Kacke am Dampfen, aber die Fassade auf Hochglanz. Wieso will der denn zur Therapie?

Das Haus der Gesundheit hat was. Das ganze Gebäude strahlt etwas wiederum in Worten schwer zu erfassendes Atmosphärisches aus, das deutlich positiv getönt ist. Ich scheine hier richtig zu sein in dem Sinne, dass diese Atmosphäre die realistische Verheißung von Helle, Weite, von ins Freie kommen hat. Das erleichtert es mir wahrzunehmen, dass ich irgendwie festsitze, was ich allerdings abstreiten, wenn mich jemand darauf ansprechen würde.

Die psychotherapeutische Abteilung befindet sich im oberstem Geschoss. Der für die Aufnahme zuständige Oberarzt erinnert mich äußerlich an Anthony Quinn in der Rolle des Sorbas. Jedenfalls hat er etwas dem Klischee entsprechendes Südländisch-Leidenschaftliches, das dem Klischee des Seelenklempners nicht entspricht. Er hat etwas Begütigendes und Beschwichtigendes in seinem Verhalten mir gegenüber, das mir gut tut. Gleichzeitig scheint er fast unmerklich belustigt über mein hektisches und verwirrtes Erscheinen. Diese leise Erheiterung habe ich zwar erwartet, weil ich sie kenne aus vielen anderen Situationen, in denen ich fremd bin, aber sie ärgert mich trotzdem.

Der Arzt sagt dann auch nach einiger Zeit in einem Ton, mit dem er mitteilen zu wollen scheint, es wäre alles halb so schlimm und man würde das schon noch hinkriegen: „Sie sind wohl etwas wirr im Kopf!“ Seine abschließende Bemerkung jedoch ist: „Sie kommen wohl weder mit Männern noch mit Frauen klar, ich stecke Sie mal in die gemischte Gruppe!“ Ich verstehe kein Wort, fühle mich aber angenehm erregt im Mittelpunkt seltsamen, aber wichtigen Geschehens.

Ich bin verblüfft, dass ich schon nach einem erstem Gespräch wie selbstverständlich für die sechswöchige stationäre Therapie eingeplant werde. Weil dieses aus einer Art innerem Gefängnis heraus Kommen nun endgültig gesichert scheint, bin ich jedoch gleichzeitig erleichtert. Auch das würde ich nicht zugeben können, würde man mich darauf ansprechen.

Schließlich aber, und diese scheint meine stärkste Empfindung nach diesem Erstkontakt, bin ich enttäuscht. Ich habe vor meinem Gang ins HdG die „Neurosenlehre und Psychotherapie“ von Höck und König aufmerksam gelesen. Dr. Höck ist der Chefarzt der psychotherapeutischen Abteilung. Was ich nicht bemerke, ist das Typische dieser Lektüre, das bereits eine Art Verhaltenssymptom darstellt. Da ich auf der sachlichen Ebene sehr gut informiert bin, erübrigen sich Bemühungen auf der Beziehungsebene. „Ihr könnt mich – ich weiß schon alles!“ Auch dieser seelische Mechanismus, dem ich schon des Öfteren erlegen bin, etwa als Schulanfänger, bleibt natürlich unbewusst.

Die Thesen und Definitionen in diesem als Standardwerk geltendem Fachbuch überzeugen auch oder gerade mich als Laien. Die Neurosendefinition kann ich auswendig – „Erlebnisbedingte Störung der Person-Umwelt-Beziehung mit körperlicher und/oder psychischer Symptomatik von Krankheitswert“. „Erlebnisbedingt“ bedeutet, nicht durch Infektion, Unfall usw. hervorgerufen. Dabei ist die Person-Umwelt-Beziehung das Entscheidende, nicht die genetische Disposition, der körperliche Allgemeinzustand, die Vorerkrankungen usw. Es müssen zudem Symptome auftreten und schließlich müssen diese Krankheitswert besitzen, d. h., es muss Leidensdruck bestehen. Manche Menschen haben zwar deutliche Defizite im Zwischenmenschlichem, entwickeln aber keine Beschwerden und somit auch keinen Leidensdruck. Es scheint ihnen gelungen, sich ein Milieu zu schaffen, das ihren frühen Prägungen und Konditionierungen entspricht, die unter anderen Umständen zur Entwicklung einer Symptomatik führen könnten oder gar müssten.

In diesem Buch steht aber auch etwas über Kontraindikationen zur Psychotherapie, insbesondere zur stationären. Eine Kontraindikation wäre fehlender Leidensdruck, d. h. zum Beispiel, das zur Therapie gewissermaßen durch Dritte delegiert worden sein ohne eigenen Antrieb.

Ich bin quasi geschickt worden, weil meine Freundin mir die Pistole auf die Brust setzt. Anfangs noch halb scherzhaft, dann aber immer dringlicher und schließlich ultimativ fordernd legt sie mir in immer kürzeren Abständen nahe, mich um professionelle Hilfe zu bemühen, andernfalls sie Schluss machen würde.

Dennoch werde ich nach ersten Gesprächen für die stationäre Therapie eingeplant. Das enttäuscht mich, weil es nicht vollkommen lehrbuchgerecht scheint. Dabei blende ich eine andere wichtige Feststellung des Buches aus, die ich sehr wohl gelesen habe. Bei vorwiegend hysterisch Strukturierten würde die Symptomatik meist ausgelöst durch drohenden oder tatsächlichen Partnerverlust. Auch dies trifft buchstäblich zu, aber das bemerke ich nicht.

Zudem hat mein Verhalten etwas Stasimäßig-Kontrollierendes, in dessen Ausagieren ich als Hundertprozentiger die rote Linie prüfen zu wollen scheine. Hier zeigt sich jedoch diese gewisse Ausstrahlung eines Genossen Tschekisten, obwohl ich nicht im Geringsten beidastasi angebunden bin. Es wirken offenbar psychische Mechanismen, nicht Fakten der sogenannten Realität. Auch dies bleibt mir völlig unbewusst.

Nach einem kurzen einführendem und vor dem zusammenfassend abschließendem Gespräch schickt mich der Oberarzt zum Anamnese-Gespräch mit einer Diplom-Psychologin. Ohne auch nur im Ansatz dick oder fett zu sein, ist die Frau kräftig, was wie immer bei der Begegnung mit derartigen Vollfrauen Ängste in mir auslöst, die ich nicht wahrhaben kann und will.

Zudem ist die Psychologin mir unsympathisch, weil sie mir nicht zu trauen scheint. Nach der freundlichen Begrüßung durch den Oberarzt wird ein Muster meines Erlebens reproduziert, indem eine offizielle Person oder ein Amtsinhaber nicht wirklich etwas mit mir anfangen zu können scheint. Dies hat jedoch paradoxerweise zur Folge, dass ich in diesem Gespräch besonders aufmerksam und gewissenhaft bin.

Die Frau fragt mich unter anderem, ob ich während der Pubertät mit gleichaltrigen Jungen Spiele wie Weit- und Zielpinkeln sowie Masturbier-Wettbewerbe in der Gruppe ausgeführt hätte. Ich glaube, meinen Ohren nicht trauen zu können. Während ich seit meinem Erscheinen auf der Etage rede wie ein Wasserfall, bin ich für einige Augenblicke sprachlos. Zudem bin ich auch hier enttäuscht, weil die Frau zu meinem Entsetzen das fürchterliche Klischee zu bestätigen scheint, dass die Beklopptendoktoren alle selbst Einen an der Waffel haben.

Erst etliche Jahre später wird mir klar, dass die Psychologin auf ein trauriges Defizit verwiesen hat. Schon seit der körperlichen Pubertät scheine ich derart weg getreten, dass ich Entwicklungsschritte und die dabei normalen, alters- und reifegemäßen Empfindungen und Handlungen nicht nur habe ausfallen lassen, sondern sie tragikomischer Weise gar nicht kenne und allein den Gedanken daran empört von mir weise.

***

Der Oberarzt erklärt zum Abschluss des Gesprächs, dass ich relativ schnell in die Klinik kommen könnte, aber trotzdem einige Wochen warten müsste, wahrscheinlich bis zum Oktober. Am ersten Septemberwochenende erscheint jedoch mein „Vermieter“, in dessen Wohnung ich schwarz wohne bis zum Erhalt des Mietvertrages, nachdem er eine neue Wohnung bezogen hat. Er scheint verblüfft, andererseits aber geradezu beschwingt. Offensichtlich begrüßt er es, was ich nicht erwartet habe, dass ich endlich was mache zur Veränderung meiner Situation. Er bringt mir ein Telegramm mit der Mitteilung, dass ich bereits am folgendem Montag kommen könnte, da jemand abgesprungen wäre.

In lange nicht erlebter Stärke erfüllt mich diese wellenartig aufsteigende Erwartung, die ich seit meiner frühen Kindheit immer wieder erlebe. Insgeheim mache ich mich über mich selbst lustig. Allein die Aussicht auf diese Änderung meines Lebens durch Einzug in die Beklopptenstation aktiviert mich dergestalt, dass ich endlich mein Wohnzimmer malere.

Allerdings bin ich zu feige für Orange oder Terrakotta, sondern streiche zwei Wände dunkelgrün und zwei gelb. Das Grün passt ungewollt gut zu dem der Ofenkacheln und ich finde das Ganze gediegen. Mit dem Malen bin ich buchstäblich in letzter Minute fertig, in der sonntäglichen Abenddämmerung. Ich reinige und entsorge das Malerwerkzeug, packe noch meine Tasche, und gehe mit den Hühnern schlafen.

Passt schon – ein neues Leben fängt an! Oder endlich das eigentliche, wirkliche, richtige usw.

***

Am Montag, dem drittem September 1984, fängt nun definitiv dieses neue Leben an. Am Morgen erwache ich in geradezu festlicher Stimmung und mache mich nach hastigem, eher aus Pflichtgefühl bereitetem Frühstück auf den Weg. Das zählt jetzt alles nicht mehr, ich lasse das alles hinter mir, diese Wohnung und den Alltag darin. Inzwischen ist mir zumindest halb bewusst, dass ich zwar aus meiner Heimatstadt und dem Elternhaus geflüchtet bin, aber am Ort der Erfüllung Berlin alle die kleinen Rituale des Alltags zu reproduzieren beginne, denen ich eigentlich entkommen will.

Der Weg zur U-Bahn und die Fahrt zum Alex sind der größere Teil meiner gewohnten Strecke, die ich jeden Morgen absolviere. Aber bereits den erlebe ich in angenehmer Weise anders als gewohnt. Der morgendliche Berufsverkehr ist beendet, es sind nur noch einige Nachzügler auf Bahnsteigen und an Haltestellen, die man an ihrem hektischem Hasten erkennt. Es sind im Vergleich zum alltäglichem Erleben wenige Leute auf der Straße, die sich zudem alle langsam und entspannt bewegen.

Ich benutze die Nahverkehrsmittel eine Stunde später als sonst und habe damit sehr viel Zeit bis nach Berlin-Hirschgarten, wo sich die stationäre Abteilung des Hauses der Gesundheit befindet. Den Weg dorthin habe ich nicht, wie geplant, vorher erprobt, zumal die Zuweisung eines Therapieplatzes überraschend kommt. Zwar bezichtige ich mich dabei selbst immer wieder paranoider Tendenzen, aber etliche Jahre später frage ich mich, ob diese plötzliche Einweisung vielleicht bereits inszeniert gewesen sein könnte.

Ich lasse mir bei dieser Fahrt einen großen zeitlichen Spielraum, weil ich aus Erfahrung weiß, dass ich zu Terminen umso sicherer zu spät komme, desto wichtiger sie sind. Dies ist nach meinem Einzug ins Schülerwochenheim der wichtigste Termin meines Lebens. Dass diese Wahrnehmung etwas mit dem Phänomen „Gruppe“ zu tun hat, ist mir nicht klar.

Auf dem Alex sehe ich zum -zigstem Male auf einer Karte nach, wie ich fahren muss. Ich habe das schon so oft getan, dass ich die Strecke im Schlaf beherrschen müsste, aber irgend etwas zwingt mich, mich immer wieder zu vergewissern, welche Linie ich benutzen und wo ich aussteigen muss.

Während ich, meine große Tasche neben mir, die riesige Berlin-Karte an einer der Wände des Bahnhofs Alex studiere, werde ich von einer Streife der Volkspolizei kontrolliert. Ich bin völlig verblüfft. Ich bin nüchtern, habe kurze Haare, trage keine Jeans und keinen Parka und bewege mich, mit gesundem Menschenverstand betrachtet, in keiner Weise auffällig oder gar provozierend. Die Polizisten scheinen jedoch ohne Worte mitzuteilen, dass ich allein deshalb verdächtig bin, weil sie mich wahrzunehmen gezwungen sind. Diese unausgesprochene Mitteilung kenne ich bisher von Begegnungen mit Genossen Tschekisten, erlebe sie aber hier zum erstem Mal bei Vopos.

Nachdem sie meinen Ausweis kontrolliert haben, lassen mich die Polizisten gehen, dies jedoch auch wieder mit einer unausgesprochenen Mitteilung. Hier lautet sie etwa: „Hau bloß ab!“

Dass ich verdächtig erscheinen könnte, weil ich am Morgen eines normalen Arbeitstages im Zentrum der Hauptstadt herum lungere, wird mir fast noch in der Situation deutlich. Der unbewusste Grund für diese unerwartete Intervention scheint mir erst viele Jahre später klar. Ich schere aus, ich flüchte, ich bin im Aufbruch, ich mache mich davon, ich komme wie ein männliches Rotkäppchen vom Weg ab im wörtlichem und im übertragenem Sinne usw.

Die Polizisten haben womöglich auf die starken Schuldgefühle reagiert, die ich ausstrahle, weil ich in der Tat im Begriff bin, ein Gesetz zu übertreten. Das Gesetz ist jedoch kein offizielles, juristisch festgeschriebenes, sondern ein neurotisches, und es lautet „Du sollst nicht aus der Spur kommen!“ Genau das zu tun, bin ich jedoch gerade im Begriff. Niemand im Betrieb weiß von meinen Bemühungen um Psychotherapie, geschweige denn von den sechs Wochen stationärer Behandlung. Vorgesetzte und Kollegen erfahren davon erst durch die Krankmeldung, die sie innerhalb der vorgeschriebenen drei Tage erreicht.

Der S-Bahnhof Hirschgarten ist menschenleer. Ich soll um acht Uhr in der Klinik sein und jetzt ist es kurz vor halb acht. Wie ich mich auf der Karte vergewissert habe, benötige ich für den Weg vom S-Bahnhof zur Psychotherapie-Station höchstens zehn Minuten, eher weniger, weil ich im Vergleich zum normalem Fußgänger recht schnell gehe. Ich muss nur etwa 150 Meter durch eine beinahe dörfliche Eigenheimsiedlung laufen, auf einem Weg, der nicht einmal einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt beginnt, und dann eine Hauptverkehrsstraße überqueren, um in dem kleinem Villenviertel auf der anderen Seite nach höchstens zwei Minuten das Gelände der Klinik zu erreichen.

Unweit des Bahnhofes steht ein Wasserkran zwischen den Schienen, mit dem früher Dampflokomotiven versorgt wurden und wahrscheinlich gelegentlich noch immer versorgt werden. Er erinnert mich an die Modelleisenbahn, die mein Vater in meiner Vorschulkindheit gebaut und mit der er dem Klischee entsprechend fast mehr gespielt hat als ich. Da mich die Landschaft insgesamt an die Urlaubsausflüge mit meinem Vater in historischen Kleinstädten in meiner Vorschulkindheit erinnert, bin ich überzeugt, dass ich einem psychischem Prozess erliege, über den ich gelesen habe, und der bewusst therapeutisch genutzt wird. Es handelt sich um die sogenannte Regression, mit der ein zeitweiliges Zurückgehen auf lebensgeschichtlich frühere Muster des Erlebens und Handelns benannt wird. Ich bilde mir ein, sicher sein zu können, dass diese Regression bei mir bereits eingesetzt hat, bevor ich die Therapiestation erreicht habe.

Es passt alles. Das Wetter ist hochsommerlich, die Wohngegend ist ländlich-dörflich-friedlich und erinnert an eine Garten- und Parkstadt. Nördlich der Bahnstrecke ist gar dichte Bewaldung. Es sind fast nur natürliche Geräusche zu hören, wie Vogelgezwitscher oder das Rauschen leichter Windstöße in den Bäumen. Nur etwa alle zehn Minuten fährt ein Zug und nur ganz gelegentlich sind Automotoren zu hören. Bereits die Atmosphäre scheint etwas Heilsames zu haben und ich scheine hier richtig zu sein.

Die Einfamilienhäuser, die hier stehen, sind keine neugebauten Eigenheime, sondern ältere Villen, oft repräsentative Bauten aus einer anderen Zeit. Ich bin weniger verblüfft über ihre Existenz als darüber, dass ich nie auch nur auf den Gedanken gekommen bin, Berlin, die Stadt meiner Erfüllung, auf eigene Faust zu erkunden auch in diesen im mehrfachem Sinne entlegenen Quartieren. Ich muss allerdings zugeben, dass ich dieses Empfinden aus den beiden Urlaubsreisen mit meiner Mutter und meinem Vater kenne, vor allem aber aus meinen vielen Ferienlageraufenthalten. Ich bin derart von neuen Eindrücken jenseits des Alltags überwältigt, dass ich mir geradezu innerlich schwöre, später eigenmächtige Erkundungen vor allem historischer Landschaften und Orte zu unternehmen, setze aber diesen Vorsatz nie in die Tat um.

An dem Weg einige Schritte vom südlichem Ausgang des Fußgängertunnels unterm Bahnhof entfernt sind Bauarbeiter mit Tiefbauarbeiten beschäftigt. Jetzt erlebe ich etwas sehr Merkwürdiges. Mir scheint, dass in dieser Szene gewissermaßen eine Botschaft enthalten wäre, die in etwa lautet: „Lass die Therapie, mach hier bei uns mit!“

Dieses Empfinden des gemacht Werdens von Realität, das von den meisten Psychologen und Psychiatern als typisches Symptom einer psychotischen Störung gesehen würde, ist jedoch in diesen ersten Momenten in Berlin-Hirschgarten bei Weitem nicht derart ausgeprägt wie bei tausenden derartiger Erlebnisse nach meinem persönlichem Wendepunkt 1986. Der Unterschied ist vergleichbar mit dem zwischen Illusion und Halluzination. Natürlich kenne ich diesen Unterschied aus meiner unsinnigen gründlichen Lektüre von „Psychobüchern“. Ich spüre hier beim Ankommen in Hirschgarten nur eine Art augenblicksweise, nicht drückend bedrohlich, sondern eher erheiternd wirkende Anwandlung ohne das spätere Gefühl des eingesperrt Seins in ein inszeniertes Leben. Ich gehe mit einem Achselzucken darüber hinweg und meines vermeintlich sicheren Weges.

In Wahrheit bin ich mir des Weges in die Klinik mittlerweile nicht annähernd so sicher wie bei meinem zwanghaft wiederholtem Studium der Stadtkarte. Auch das müsste ich von ähnlichen Erlebnissen kennen, auch die habe ich jedoch achtlos ausgeblendet.

Ich biege nach links ab, in Richtung Osten. Die Gegend erscheint mir zunächst geradezu paradiesisch, als ich an einem Grundstück vorbei komme, das sich nicht nur nach allen Seiten ein paar Meter um das Haus herum erstreckt, sondern einen regelrechten Bauernhof darstellt. Hinter einem hohem Holzzaun, aus geschlossenen Platten bestehend, nicht aus Zaunlatten oder dergleichen, ist eine mit Gras, Blumen und Unkraut bewachsene Fläche von der Größe etwa zweier Volleyballfelder. Das Hoftor ist ungewöhnlich breit und steht weit offen. Hinter der Fläche dieses hofähnlichen Anwesens steht ein an einen Bungalow erinnerndes Wohnhaus nur mit Erdgeschoss. Weiter dahinter ist als eine Art Urwaldstück das Naturschutzgebiet eines Flüsschens zu erkennen, das ich von der Stadtkarte kenne. Es ist hier jedoch wie auf dem Dorf! Ich erwarte, dass jeden Augenblick ein Hahn kräht. Wieder kommt die Frage in mir auf und wieder verdränge ich sie sofort, warum ich nicht nur nicht erwartet habe, derartige Stadtlandschaften zu finden, sondern auch nie einen Versuch unternommen, dergleichen zu suchen.

Weiter östlich komme ich an richtigen Mietshäusern vorbei, sowohl zweistöckigen um große, parkartige Innenhöfe herum errichteten Bauten aus der Vorkriegszeit als auch Wohnblocks aus den Siebzigern, die mich an meine Heimatstadt erinnern. Dann wandere ich eine geradezu prächtige Allee mit großen, alten Bäumen entlang, die aus der Straße eine Art grünen Tunnel machen. Jetzt spüre ich deutlich das Aufsteigen von Empfindungen aus ähnlichen Wanderungen in meiner Kindheit. Ich bin schnell weg getreten, wie ebenfalls üblich bei derartigen räumlich und zeitlich ausgedehnten Stadtgängen, indem ich mich in einen Strom innerer Bilder und Szenen eher fallen lasse als mich in sie hineinsteigere.

Ich ahne schon, dass ich zu spät komme, weil ich mich verlaufen habe. Ich werde wütend, als ich an einer Frau vorbei komme, die ein überlegen-wissendes Lächeln zeigt, das Frauen oft entwickeln, wenn ich in dieser seltsamen Weise wie besoffen durch mir unbekannte Landschaften und Stadtviertel eher marschiere als flaniere. Flanieren würde ich gern, wie Heinz Knobloch, um dann über die gehabten Eindrücke zu schreiben, aber das gelingt mir nicht oder nur selten und in kläglichen Ansätzen. Mir scheint, dass dieses von leider echter Überlegenheit geprägte Grinsen etwas mit der scheiß Sexualität zu tun haben könnte. Das will ich jedoch gar nicht wahrhaben, und ich schlucke diesen Gedanken ebenso wie die Wut hinunter.

Schließlich erreiche ich den nächsten Bahnhof, den von Friedrichshagen. Quasi aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass die Stadtlandschaft hier zwar in verschiedenen Stadien des Verfalls befindlich ist, aber dennoch prächtig. Wieder bin ich verblüfft, dass es so was gibt, und bin verwundert, dass ich nicht einmal den Versuch unternommen habe, dergleichen zu entdecken.

Aber für solche Empfindungen und Gedanken ist kein Platz mehr, d. h., keine Zeit. Wieder einmal habe ich es vermasselt, wieder einmal komme ich zu einem wichtigem Termin an einem wichtigem Ort zu spät, obwohl ich vorsichtshalber deutlich früher als nötig abgefahren bin. Ich fahre eine Station zurück, benutze jetzt den anderen, vom Süd-Ausgang des Bahntunnels aus gesehen westlichen Weg, und erreiche nach etwa fünf Minuten das Gelände der Klinik.

Es ist etwa zwanzig Minuten nach acht Uhr und ich bin verschwitzt und leicht keuchend vom Tragen der Tasche, die sich als schwerer erweist als erwartet. Ich könnte losheulen vor Wut, dass ich wieder einmal versagt habe in kleinen, alltäglichen, banalen Abläufen, und vor allem, weil mir durchaus klar ist, dass ich von außen gesehen komisch wirken muss. Auch dies alles kenne ich aus meiner Vorgeschichte.

***

Ich kenne das Gelände nur vom Hörensagen, d. h., vor allem von der Lektüre eines Artikels in der Zeitschrift „Deine Gesundheit“. In der Reportage ist von einem parkartigem großem Grundstück die Rede bzw. Schrift. Zudem merkt einer der interviewten Klienten der Station sinngemäß an, er wolle nun in seinem normalem Umfeld, insbesondere dem beruflichem, behutsam eine aufrichtige und vertrauensvolle Atmosphäre zu erzeugen versuchen.

Das beeindruckt mich und gibt mir den letzten Anstoß, endlich etwas zu machen und zum Beklopptenverein ins Haus der Gesundheit zu gehen. Erst einige Zeit nach der Wende wird mir bewusst, was der Mann da eigentlich gesagt hat und dass es gewissermaßen subtil subversiv ist. Er hat mit seiner Äußerung unterstellt, dass eine solche Atmosphäre in seinem sozialistischem Kollektiv nicht vorhanden wäre, was offiziellen Verlautbarungen über unsere Menschen konträr entgegen gesetzt ist.

Wie immer in diesem Kontext kommt mir auch hier das Gruseln nachträglich. Es ist sehr wahrscheinlich, dass im Haus der Gesundheit inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit zugange sind. Ich lese jedoch nach der Wende zu meiner Verblüffung in einer Zeitung, dass in der stationären Abteilung in Hirschgarten auch ein Offizier im besonderem Einsatz gearbeitet hätte. Dann fällt mir diese Frau mit raspelkurzem Bürstenhaarschnitt ein. Sie trägt vor allem einen dieser legendären Leder-Mäntel, die man als eine Art Kult bezeichnen würde, wenn das Wort „Kult“ nicht eine typische Vokabel des Gegners wäre. Offenbar ist es ein echter Mantel der sowjetischen Tscheka. Hier zeigt sich wieder die berüchtigte Schere im Kopf, indem ich Details an Menschen und Dingen wahrnehme, die mich durchaus aufmerken lassen, die ich aber sofort verdränge und deren Einordnung oder gar Wertung ich wie selbstverständlich vermeide.

Das ist paradoxe Dialektik, die von den Nossinnunnossen eher nicht gesehen wird. Ihrem Namen entsprechend haben bewusste Vertreter der Arbeiterklasse kein Unbewusstes. Unsere Menschen haben überhaupt und grundsätzlich keine Neurosen, vielmehr handelt es sich um Überbleibsel der alten Gesellschaft, die wir im Zuge unserer gesetzmäßigen Entwicklung überwinden werden usw. Trotzdem ist in einer kleinen therapeutischen Station mit höchstens 30 Patienten und ebenso viel Mitarbeitern, einschließlich Sekretärin und Hausmeister, ein OibE zugange.

Jemand muss in seinem offiziell nicht vorhandenem Unbewusstem gespürt haben, dass diese Station verdächtiger sein könnte als etwa eine Horde Skinheads oder Grufties. Minister Mielke spricht von „Schiehänds“ und „Gruffits“, wie ich der lawinenartig auf den Rezipienten einstürzenden Flut von Enthüllungs-Reportagen nach der Wende entnehme. Die Glatzen sind für die Genossen Tschekisten ohnehin Brüder im Geiste, weil symbiotische Verschmelzung in der Gruppe als Abwehr im klassisch-freudianisch analytischem Sinne gegen die psychischen Auswirkungen der Umbrüche des XX. Jahrhunderts anstrebend.

Alles das aber kommt später, als es die Station nicht mehr gibt. Jetzt stehe ich wütend und schwitzend vor dem Eingang zum Klinikgelände und sehe meine Erwartungen weit übertroffen. Dies ist nicht nur ein parkartiges Grundstück, es ist eine Idylle, die ich vielleicht gar kitschig nennen müsste, würde ich sie etwa auf einer Postkarte sehen. Aber ich habe sie real vor Augen. Allein der Garten rechts vom Eingang ist deutlich größer als die meisten der Schrebergärten, an denen ich auch auf dem Weg zur Klinik vorbei gekommen bin. Das Hauptgebäude ist eine Art große Doppelhaushälfte, die wie aus der spätbürgerlichen Kulisse eines Films wie etwa „Der Leidensweg“ nach Alexej Tolstoi erscheint. Das Gelände ist leicht abfallend und durch parkartigen und an einigen Stellen urwaldartigen Bewuchs sehe ich das Wasser der Dahme-Spree im hochsommerlichen Septembersonnenschein blinken. Am Wasser gibt es Bänke und ungewöhnlich geformte Lampen. Ein Bootssteg führt in den schmalen Flussarm.

Fast in der Mitte des Geländes, neben einer Art Baracke aus Holz, offenbar dem im Artikel in „Deine Gesundheit“ erwähntem Raum für therapeutische Übungen und Großgruppensitzungen, sehe ich durch dichtes Laub gar eine künstliche Ruine. Neben der Baracke wächst ein Birnbaum, dessen Früchte bald reif sind. Verschlungene Wege führen durchs Gelände und viele der Sträucher und Bäumchen sind offensichtlich bewusst angepflanzt worden wie von einem Landschaftsgärtner. Große Kugellampen mit Milchglas stehen an den Wegen, neben einigen Bänken. Man sieht zudem einige Ergebnisse von Gruppenprojekten, etwa einen großen Marterpfahl. Rechts neben dem Eingang zum Grundstück, fast genau in der Mitte zwischen Haupthaus, Gruppenbaracke und Eingang, steht ein sehr großer Baum. Eine Eiche, wenn ich mich recht entsinne, die das vordere Gelände an der Straße majestätisch beherrscht.

Kurzum – ein Stück Paradies, das bereits durch seine auf den ersten Blick erkennbaren Details heilsam wirken muss. Ich denke aber keineswegs an Kur und Sanatorium und dgl. Vielmehr scheint mir, dass ich etwas gefunden hätte, von dem mir nicht klar ist, dass ich es suche.

Im Haupthaus verstärken sich die bisher erlebten Eindrücke. Hier gibt es sogar diese weißlackierten Treppengeländer und Einbauschränke auf den Etagen und in den Zwischengeschossen, die Thomas Mann in mehreren Werken beschreibt. Die kleinen Wandschränke im Treppenhaus sind alle offen und werden als Regale genutzt, in denen offenbar in den Therapien angefertigte Exponate aus Papier, Holz und Ton stehen. Beim Anblick der ausgestellten Stücke scheint mir, dass ich, wieder einmal und selbst oder gerade hier, nicht nur Mittelmaß, sondern noch darunter bin. Ich frage mich, warum bei Leuten, die derlei kleine Kunstwerke zustande bringen, psychische Probleme derart eskalieren, dass sie in eine stationäre Therapie gehen. Ich bin mir sicher, dass ich, wenn ich so was zustande bringen würde, quasi Therapie erfolgreich absolviert hätte.

Alle diese Gedanken und Gefühle spreche ich nie und nirgends aus. Erst etliche Jahre später wird mir klar, dass dies einer der wesentlichen Gründe dafür sein dürfte, dass ich die Therapie nicht als erfolgreich empfinden kann. Würde ich meine Wahrnehmungen beim Erreichen des Geländes verbalisieren, könnte man mir zum Beispiel rückmelden, was ich wirklich suche und gefunden zu haben meine. Vielleicht will ich, wie mein beinahe infantiles sich Verlaufen zeigt, nicht eigentlich in eine Therapie, sondern raus aus der Spur. Vor allem scheint es mir im Unbewussten um den Anschluss an abrupt, ja, brutal abgebrochene kontinuierliche Entwicklungen zu gehen, die hier allerdings in geradezu erdrückend prächtigen architektonischen und landschaftsgärtnerischen Artefakten verkörpert scheinen.

Wieder gelangen meine atmosphärisch, im Hintergrund wirkenden Wahrnehmungen jedoch nicht bis zu den Bereichen, in denen Worte gebildet werden. Insbesondere das Empfinden des gelandet und angekommen Seins ist eigentlich unsinnig, da dieser Aufenthalt auf sechs Wochen befristet ist. Wie immer, insbesondere in entscheidenden Situationen meines Lebens, sind alle meine Gefühle und Gedanken geheim. Ich bin natürlich noch weit entfernt davon, auch nur mir selbst die Frage zu stellen, ob und inwiefern diese zunächst banal erscheinende individuelle Eigenart mit dem Stasi-Staat zusammen hängen und wirken könnte.

Ich gehe einen Treppenabsatz hinauf und in die kleine Vorhalle. Hier ist offenbar eine Raucherinsel. Das Fenster rechts erstreckt sich fast über die gesamte Breite und Höhe der Wand. Darunter und im rechten Winkel der Wand gegenüber entlang ist eine mit Kunstleder überzogene Sitzbank. Davor steht ein flacher Tisch, auf dem Zeitungen liegen. An der Wand links vom Eingang ist eine Tür und in der Wand dem Fenster gegenüber sind zwei Türen. Die rechte ist eine schwere zweiflüglige Tür. Etliche Topfpflanzen bis zur Größe von Zimmerpalmen stehen in diesem Vorraum.

Hinten links neben dem längerem Teil der Sitzbank ist ein kleiner Gang, aus dem ich Stimmen höre. Hier ist je eine Tür rechts und geradeaus. Hinter der Wand links ist offenbar der Raum, durch den man vom Foyer aus durch die große Tür mit zwei Flügeln gelangt. Es scheint ein großer, ja, saalartiger Raum zu sein, der zur Zeit der Errichtung des Hauses der Salon gewesen sein dürfte. Ich klopfe an der Tür geradeaus, weil mir scheint, dass die Stimmen von dort kommen. Außerdem höre ich Lachen und bilde mir einen Moment ein, dass man über mich lachen würde. Damals kann ich solche Empfindungen jedoch mühelos augenblicklich verdrängen. Auf ein geradezu stürmisches „Herein!“ öffne ich die Tür und erblicke in der Tat erheiterte, aber durchaus freundlich zugewandte Männer, die alle beinahe patriarchalische Vollbärte sowie sogenannte Jesus-Latschen tragen.

Ein Mann kommt heraus, bei dessen Anblick ich insgeheim überzeugt bin, bereits auf den ersten Blick des therapeutischen Mechanismus‘ “Übertragung“ gewahr zu werden. In dem von mir gelesenem Fachbuch wird angemerkt, dass in gruppentherapeutischen Kontexten die Übertragung oft nicht bis in die frühe Kindheit zurück gehen würde wie in der klassischen Einzelanalyse, sondern meist bis in die Pubertät. Das halte ich bei der Begegnung mit diesem Mann für sofort bestätigt. Er erinnert mich an den Biologielehrer der Schule, in der ich in meinem Leben am längsten in einer Gruppe verbringe, von der vierten Klasse bis zum erstem Halbjahr der zehnten.

Dieser Lehrer wird insbesondere von den Jungen nicht nur meiner Klasse nach dem Helden der dem Leben einer authentischen Person folgenden Fernsehserie „Daniel Boone“ genannt. Er schafft es, ohne Beschiss, dass in seinem Fach kein Schüler eine schlechtere Note als Drei auf dem Zeugnis hat, obwohl er manchmal fast eine ganze Unterrichtsstunde lang nur Geschichten erzählt und den Lehrstoff gewissermaßen im Schnelldurchlauf in den letzten zehn Minuten durchnimmt. Er verfügt über Menschenkenntnis und vor allem Einblicke in das Unbewusste, die kaum bei einem Fachlehrerstudium zu vermitteln scheinen und die nur wenige andere Lehrer beweisen und dies nur sporadisch.

An diesen Lehrer erinnert mich Dr. R., als der sich der Mann vorstellt, der mich ins Foyer zurück begleitet. Allerdings sind R’s. Haupt- und Barthaare nicht mehr tiefschwarz, sondern silbergrau. Dass diese Erinnerung auf Äußerlichkeiten beruht, während die tatsächlich einsetzende Übertragung einen anderen, gewissermaßen tieferen Inhalt hat, vermag ich noch nicht zu erkennen.

Philosemitische Klischees sind natürlich nicht annähernd so gefährlich wie antisemitische, aber oft ebenso schwach bis schwachsinnig. Der Rabbi wackelt mit dem Kopf, er blitzt verschmitzt mit seinen Mandelaugen, er zupft sich nachdenklich an seiner edel gebogenen Nase, er streicht sich genüsslich-versonnen den prächtigen Bart usw. All dies tut Dr. R. des Öfteren. Er äußert auch immer wieder in alttestamentarisch kanonischem Ton Sprüche, über die oft alle Gruppenmitglieder offensichtlich tagelang nachdenken, weil immer wieder diskutieren. Später höre ich, wie jemand Dr. R. eher ehrerbietig als spöttisch „Hemingway“ nennt. Auch dem sieht er ähnlich. Ich nenne ihn irgendwann den „Teilzeit-Chassiden“, spreche das aber nie aus. Es ist alles geheim. Er wirkt wie eine Figur aus Erzählungen von Bernard Malamud oder Isaac Singer.

Der Mann ist, natürlich, leise erheitert, ohne jedoch spöttisch zu sein. Ich muss einen geradezu aufgelösten Eindruck erwecken, verschwitzt und zerzaust und wütend verzweifelt, dass ich es wieder einmal nicht geschafft habe, zu einem wirklich wichtigem Termin pünktlich zu erschienen, obwohl ich mich in scheinbar weiser Voraussicht bereits sehr viel früher als nötig auf den Weg gemacht habe.

Aber jetzt wird alles gut. Ich bin gerettet. Mit dem Handschlag und den paar freundlichen Worten von Dr. R. bin ich angekommen. Meine Fluchtimpulse und die körperliche Spannung ebben ab. Das erinnert mich später an eine unzählige Male sich wiederholende Episode, die ich nicht verstehe, obwohl sie eindeutig angenehm getönt ist. Häufig spüre ich auch Spannung in mir aufsteigen, wenn ich in meiner Lese-Ecke am Fenster des Kinderzimmers einige Stunden in ein Buch vertieft unrhythmisch auf dem Hocker vor mich hin kippele. Dann kommt immer wieder mein Vater ins Zimmer, murmelt eine seiner melancholischen Floskeln wie „Ach ja!“ und klopft mir den Kopf, wie man es bei einem Hund tut. Augenblicklich ist alle körperliche Spannung abgebaut. Ich habe durch gnädigen Handstreich Absolution erhalten und bin berechtigt zur Anwesenheit.

Der Therapeut erklärt, dass meine Gruppe in dem Raum hinter der linken Tür in der Wand gegenüber des Foyer-Fensters wäre. Ich müsste mich aber noch einige Minuten gedulden, bis er mich herein bitten würde. Ich bin verblüfft, weil die Gruppe offenbar schweigend in dem Raum sitzt, was sich nachher bestätigt. Im Foyer ist jetzt eine hagere, geradezu knochige Frau. Sie bewegt sich zwar hektisch getrieben, aber eher hochenergetisch als fahrig. Das hat durchaus etwas Erotisches, was ich jedoch nicht wahrhaben kann und will. Ich bin beim Anblick ihrer etwas vorstehenden Augen stolz auf meine insgeheime Schnelldiagnose Basedow, die sich später als zutreffend erweist.

***

Schließlich werde ich in den Gruppenraum geholt. Er ist relativ klein und mit dem Kreis aus etwa einem Dutzend Stühlen fast ausgefüllt. An der Wand links von der Tür ist eine Glasscheibe, die mir etwas merkwürdig erscheint. Es handelt sich, wie Dr. R. nachher erklärt, um eine Art verstellbares Glas, das entweder in eine oder in zwei Richtungen durchsichtig ist. Dahinter befindet sich ein noch kleinerer Raum, zu dem man offenbar durch die erste Tür links im Foyer gelangt. Hier könnten und würden ein oder mehrere Mitarbeiter immer wieder das Geschehen in der Gruppe aus einer Supervisor-Position beobachten.

Die Gruppe besteht aus sieben Frauen und mit mir drei Männern. Die Sitzordnung würde mir auch auffallen, wenn ich nicht in dem Fachbuch des Klinikchefs gelesen hätte, dass es oft etwas aussagen würde, wer sich in der Gruppe wo hinsetzt insbesondere bei den ersten Sitzungen. Allerdings erfahre ich, dass die Gruppe bereits zwei oder drei Treffen gewissermaßen zur Probe im Haus der Gesundheit absolviert hat. Diese hätten jedoch eher informativen Charakter gehabt, indem Mitarbeiter vor allem als Vortragende und zur Beantwortung von organisatorischen Fragen erlebbar gewesen wären.

Die drei Frauen, die deutlich älter sind als ich, sitzen links auf den Stühlen an der Tür, die vier etwa in meinem Alter befindlichen zum Fenster hin. Die Männer sitzen auf der rechten Seite, mit einigen Stühlen Abstand zwischen sich. Zwischen den zwei Stühlen unterm Fenster, die offenbar für den oder die Therapeuten reserviert sind, und der Frauenreihe ist kein Stuhl frei. Auf der rechten Seite, wo die Männer sitzen, sind sogar zwei oder drei leere Stühle zwischen Klienten und der für die Leitung reservierten Stirnseite.

Die älteste der Frauen hat etwas wie fernöstliche Züge. Sie ist klein und zierlich, ihre Haut ist sehr blass und erinnert an eine Porzellanfigur. Zudem hat sie eine Pagenfrisur, wie sie Asiatinnen oft tragen und bei deren Anblick ich die Assoziation trippelnder kleiner Japanerinnen in bodenlangen Gewändern entwickle, was mich insgeheim selbst belustigt. Ihre Haare sind, obwohl sie bereits über 50 ist, wie ich nachher erfahre, fast vollständig blauschwarz. Die Frau macht einen beflissen-konzentrierten Eindruck, als erwarte sie die Verteilung von Aufgaben, in die sie sich geradezu lustvoll stürzen will.

Eine weitere Frau etwa im Alter meiner Stiefmutter hat diese Rubensfigur, die als beunruhigend wahrzunehmen ich mich nach wie vor weigere. Ich pflege die äußere Erscheinung solcher Frauen immer wieder mit den Worten zu umschreiben, sie wären nicht eigentlich dick oder gar fett, sondern kräftig. Ich würde diese Frau als Klischeefigur einer zupackenden und hart arbeitenden Bäuerin sehen, wenn sie nicht ebenfalls eine Frisur aus kurzen schwarzen Haaren hätte, die mir gewissermaßen französisch mondän erscheint.

Auf die Frau, die sich altersmäßig etwa in der Mitte zwischen meiner Elterngeneration und meiner Generation zu bewegen scheint, trifft dieses „kräftig“ noch mehr zu, da sie relativ klein ist und ihre weiblichen Rundungen noch ausgeprägter sind. Sie trägt eine dieser Brillen mit getönten Gläsern, die mich immer wieder sehr faszinieren, ohne dass ich auch nur versuche, mir eine solche Brille zu besorgen. Diese mollige Frau sieht mich mit Blicken an, die zu sagen scheinen, dass sie etwas in mir wahrnehmen würde, das sie vorerst noch nicht äußern wolle. Die Frau hat gewissermaßen etwas in petto und ich darf gespannt sein, aber das bin ich in dieser Situation natürlich ohnehin.

Dann ist da eine vermeintliche Macherin, vor der Angst zu haben mir sogar bewusst ist. Sie ist blond und blauäugig wie meine Stiefmutter, sieht ihr aber kaum ähnlich, zumal sie kleine Locken trägt, die man bei jungen Mädchen niedlich genannt hätte. Das könnte ein Widerspruch sein, denn sie scheint meiner Stiefmutter charakterlich insofern ähnlich, als sie zum zu machen, hart werden und drüber brettern zu neigen scheint. Ein solcher Mensch muss erheblichen Leidensdruck haben, um zu einer Therapie zu gehen, und es dürfte ihn dennoch Überwindung kosten.

Eine Frau ist groß und schlank und erinnert mich an meine Freundin. Sie hat etwas Nervös-Gespanntes, als wolle sie entweder flüchten oder energisch-entschlossen dazwischen gehen, um endlich wahrgenommen zu werden. Die Bewegungen ihrer Arme und Beine sind oft ruckartig-schlaksig, was erotisierend wirkt, was ich völlig ausblende. Mir fällt schon in den ersten Minuten ihr leichter Silberblick auf, der weniger mit ihren Augen zu tun haben scheint, da sie ihn immer entwickelt in Momenten, in denen sie angesprochen wird.

Die Frau, die offenbar das Nesthäkchen ist, hat etwas Schelmisch-Schalkhaftes. Sie scheint am meisten dem Klischee des braven Mädchens zu entsprechen, obwohl sie ein sehr markantes Profil hat, das Energie und Entschlossenheit verkörpern könnte. Dennoch erinnert sie mich auch an das abgenutzte Bild des stillen Wassers, das bekanntlich tief wäre.

Schließlich ist da die Frau, die buchstäblich ins Auge fällt durch die feuerrote Mähne, die sie wenig erfolgreich durch Bänder und dergleichen zu ordnen versucht. Diese Versuche des Frisierens haben etwas Unbeholfenes, als wäre sie bei der Morgentoilette unterbrochen worden oder hätte sie genervt aufgegeben. Die Frau hat ein hageres, gewissermaßen sportliches Gesicht mit hervorstehenden Wangenknochen, das mit Sommersprossen übersät ist und alle paar Augenblicke rot anläuft. Sie hat etwas Vorwurfsvolles in ihrer Mimik, das an ein schmollendes Kind erinnert und das im gleichfalls augenfälligem Gegensatz zu ihren langen Beinen und vor allem ihrem ausladendem Becken steht, das manche Männer, die ich gleichzeitig ablehne und bewundere, als „sehr gebärfreudig“ bezeichnen würden. Diese Art Männer würden diese Art Frau auch etwa „rassig“ nennen, was ich erst recht nicht hören will.

Der eine der beiden anderen Männer meiner Gruppe hat seltsamerweise eine Frisur, die der meiner japanisch anmutenden Gruppengenossin entspricht, aber auch diese schlaksige Gestik der Frau mit dem gelegentlichem Silberblick, die mich an meine Freundin erinnert. Er trägt ein groß kariertes Sakko, das mich an englische Krimis denken lässt. Ich vermute bereits bei seinem erstem Anblick, dass ich mit ihm Probleme bekommen, ja, recht schnell recht heftig zusammen rasseln könnte. Der Mann scheint einer der von mir insgeheim glühend beneideten Menschen zu sein, die gewissermaßen von Natur aus reich ausgestattet sind mit dem, was man sehr viel später „emotionale Intelligenz“ nennt. Wie bei der Besichtigung der kleinen Kunstwerke im Treppenhaus frage ich mich, warum derart begabte Menschen in Therapie gehen. Meiner unguten Erfahrung nach können solche Leute distanzierte und zu dieser Abgrenzung häufig Ironie oder gar Sarkasmus nutzende Leute wie mich nicht riechen. Ich bin von der ersten Begegnung mit diesem Mann an auf alles gefasst.

Der andere Mann ist ungesund rot im Gesicht und schwitzt derart, dass er fortwährend die Innenseiten seiner Brille abwischt. Es ist eine dieser kleinen runden Nickelbrillen von früher, wie es sie im Westen noch gibt. Ich bin mir augenblicklich sicher, dass Gesichtsrötung und Schweißausbruch weniger mit körperlichen Eigenheiten des Mannes zu tun haben, sondern mit der Gruppensituation. Der Mann sieht mich immer wieder hilflos fragend, aber auch auffordernd an, als würde er ganz selbstverständlich Aktion und Initiative von mir erwarten. Diese unausgesprochene, aber deutliche Forderung macht mir Angst, weil sie die bequeme Tarnung meines unbestimmten Verhaltens gefährdet. Andererseits belustigt es mich, dass der Mann immer wieder geradezu neugierig, als würde er dabei mit überraschenden Funden rechnen, durch seinen silbergrauen Bart streicht. Bart und ebenso silbergraue Haupthaare wirken wild bis verfilzt, was den Eindruck verstärkt, den ich mit der Bezeichnung „Alt-68er“ zu benennen versuche. Es wird nicht deutlich, ob dieses sich geradezu genüsslich durch den Vollbart streichen eine gewissermaßen eigene Geste des Mannes ist oder ob auch er bereits unbewusst den Therapeuten spiegelnd kopiert.

Dass ich mich unters Fenster neben den Therapeuten setze, will oder kann ich nicht als bezeichnend oder gar symptomatisch wahrnehmen. Wie mir später klar wird, geht es dabei gar nicht um meine vermeintliche Selbstüberhebung zum Co-Therapeuten oder dergleichen, sondern um eine Art symbiotische psychische Verschmelzung, wie ich sie unter Ausblendung jeden eigenen Antriebs in der Vorschulkindheit mit dem jeweils anwesendem Elternteil, vor allem mit meinem Vater erlebt habe. Das wird deutlich viele Monate später bei einem der einmal wöchentlich stattfindenden Gruppentreffen im Haus der Gesundheit. Dort hospitiert dann eine Mitarbeiterin eines Forschungsteams, eine Doktorandin oder dergleichen. Plötzlich habe ich das Gefühl, mir hätte jemand vor den Kopf geschlagen, ich müsste mir die Augen reiben, um im übertragenem Sinne völlig wach zu werden usw. Mit einem Ruck ist alles anders, alles fremd. Ich bemerke, dass die Hospitantin und Dr. R. dieses mein Erleben deutlich wahrnehmen und bedeutungsvolle Blicke tauschen, als wollten sie etwas sagen wie „Siehste – das isses!“ Die Blicke der Frau, die mich erreichen, sind von etwas wie Grauen erfüllt. Das Grundmotiv scheint angeschlagen – ich bin ein Monstrum.

Was geschieht? Dr. R. tritt völlig unerwartet aus seiner extrem passiven und abwartenden Haltung heraus, aus seinem unbestimmtem Verhalten, das seit Freud bewusst in therapeutischen Kontexten eingesetzt wird. Er spricht für alle überraschend mit geradezu leidenschaftlicher Emotionalität zu einem der beiden anderen Männer meiner Gruppe, der sich an einem entscheidendem Punkt seines Therapieprozesses befindet. Das plötzliche sichtbar und erlebbar Werden des Therapeuten als normaler Mensch löst bei mir das grässliche Gefühl völlig fremd werdender Wirklichkeit aus. Offenbar ist das mindestens merkwürdige sich geborgen Fühlen in der symbiotischen Verschmelzung mit einer Person mit unbestimmtem Verhalten eine, wenn nicht die Strategie meiner Bemühungen um Bewältigung der Realität. Auch das wird mir erst viele Jahre später klar, als dieser Therapieversuch längst beendet ist.

Jedoch bereits in dieser ersten Stunde in meiner ersten Therapiegruppe habe ich eine Art singuläres Erlebnis, das mit derartigen Phänomenen psychischen Geschehens zu tun hat. Der Therapeut hat es sich neben mir bequem gemacht in einer Art, die ich insgeheim bewundere. Insbesondere der Klang seiner Stimme zeigt, dass er völlig frei ist von der vor allem von Angst bestimmten Spannung, in der alle Klienten in einer Intensität verharren, dass es im Raum geradezu zu knistern scheint.

Dr. R. fragt mich nun, wie denn mein erster Eindruck von der Gruppe wäre. Ich erkläre sinngemäß, und das platzt zu meinem Erstaunen förmlich aus mir heraus, dass ich die Gruppe so weit ganz okay fände, nur hätte sie für meine Begriffe zu viele ältere Frauen. Nach einem kurzem Augenblick der Verblüffung lacht die ganze Gruppe lauthals los, was wiederum mich verblüfft, weil ich diese Reaktion nicht verstehe. Auch der Arzt schüttelt sich vor Lachen. Es ist das erste und letzte Mal zumindest im stationärem Abschnitt der Therapie, dass ich ihn mir gegenüber derart spontan und authentisch reagierend erlebe. Es ist das erste und letzte Mal zumindest im stationärem Abschnitt der Therapie, dass ich spontan und authentisch agiere und gewissermaßen als Mensch sichtbar werde. Von nun an verharre ich in unbestimmtem Verhalten, psychisch symbiotisch verschmolzen mit dem Therapeuten. Das wird mir nicht bewusst und es ist daher umso wirksamer.

Dann bittet Dr. R. meinen Mitklienten mit dem altenglisch kariertem Sakko, mich ins Männerhaus zu begleiten, damit ich meine Tasche abstellen könne. Das Männerhaus, offenbar der um- und ausgebaute Pferdestall der ehemals herrschaftlichen Erstbesitzer des Anwesens, steht an der südwestlichen Ecke des Geländes, das einen Sprung weit dahinter von einem ans Wasser führendem öffentlichem Weg durch einen Bretterzaun abgegrenzt wird.

Auf dem Weg dorthin sehe ich fast genau in der Mitte des Geländes einige Klienten um eine große Kreissäge herum stehen und angeregt diskutieren. Es handelt sich offenbar um die älteste der drei Gruppen, d. h., um die in der fünften und sechsten Woche an einem gemeinsamen Projekt arbeitende Gruppe. Diese Projekte sind häufig aus geschälten Halbstämmen hergestellte und in Kinderkrippen, -gärten und -heimen Berlins sehr begehrte Spielplatzobjekte wie „Piratenschiffe“, „Goldgräber-Hütten“ oder Klettergerüste.

Eine junge Frau fällt mir sofort auf. Sie hat ein helles, lautes, in meinen Ohren jubilierendes Lachen, das nicht von Erheiterung ausgelöst scheint, sondern einfach nur ungestümer Ausdruck jugendlicher Lebensfreude. Es ist mir peinlich, obwohl das natürlich niemand bemerkt, dass ich neuerlich in nicht nur von mir als sentimental oder gar kitschig empfundenen Redewendungen diesen berühmten wahren Kern wahrnehmen muss. Hier trifft das zu auf mein Empfinden, etwas in mir wäre durch dieses Lachen berührt worden, in Schwingung versetzt oder dergleichen. Mit einem Mal überkommt mich die geradezu stürmische Erwartung von glücklicher Erfüllung, mit der ich zumindest bewusst nicht im Geringstem gerechnet habe.

Das Mädchen trägt ein großes Kopftuch aus grünem, mit kleinen Blüten verziertem dickem Stoff, das mich seltsamerweise an Trümmerfrauen denken lässt. Jedenfalls ist es ein Oma-Tuch, das auch deshalb nicht zu dem Mädchen passt, weil ihr Gesicht Züge dieses Kindchenschemas aufweist. Unter dem Kopftuch lugt auf jeder Seite in etwa zwei Finger breiten Strähnen dickes, goldrotes, in der Sonne leuchtendes Haar hervor.

Einige Stunden später, in der Mittagspause, treffe ich das Mädchen wieder, als es sich über den Volleyballplatz neben dem zum Wasser führendem Weg am Haupthaus bewegt. Sie trägt jetzt kein Kopftuch und die Haare offen. So was habe ich bisher noch nicht gesehen. Ihre goldroten Haare verdecken in der Art eines dick gepolsterten Ponchos nicht nur Kopf und Schultern, sondern den größten Teil ihres Körpers bis unter das Gesäß. Natürlich bemerke ich auch den kleinen, runden Po, zumal die junge Frau dieses gewisse Androgyne hat. Das würde Männer kirre machen, wie Männer erklären, die sich mit dergleichen auszukennen überzeugend vorgeben. Aber der Anblick dieser goldroten Haarflut hat etwas unwirklich Traumhaftes, das mich in blödem Gaffen fast erstarren lässt. Überhaupt hat das Mädchen etwas Elfenhaftes und Koboldartiges, das ganz offensichtlich nicht nur bei mir den Eindruck entstehen lässt, für einen Moment wäre etwas zauberhaft-märchenhaft Literarisches in den Alltag eingebrochen und mehr als prosaische Realität geworden.

Kurzum – es hat mich voll erwischt. Zwar wird mir die Wahrnehmung des Ausagierens durch Pärchenbildung erst vermittelt in der dritten therapeutischen Gemeinschaft, in der ich anzukommen und zu landen versuche, aber ich könnte jetzt eigentlich meine Sachen packen und nach Hause fahren. Die Therapie ist hiermit im Grunde beendet, bevor sie wirklich angefangen hat. Andererseits habe ich in einem durchgearbeitetem Fachbuch eine Formulierung gefunden, die mich fasziniert lange vor dem Zeitpunkt, zu dem ich sie als zutreffend erlebe. Es heißt dort sinngemäß, Pärchenbildung in Gruppen, insbesondere in therapeutischen, wäre Ausdruck hoffnungsfroher Erwartung vor allem in der letzten, der Heilungsphase der Gruppenentwicklung. Mein Festhängen in ambivalenten oder sich gar ausschließenden Gefühlen und Gedanken ist jedoch unabhängig davon, dass ich es nicht verbalisieren kann, nichts Neues für mich.

Was ich nicht wahrnehme, und vielleicht nicht wahrnehmen kann, ist, dass dieses Mädchen für etwas steht. Auch diese beinahe einen Textbaustein darstellende Formulierung erlebe ich erst im übernächstem Therapieversuch, über ein Dutzend Jahre später und in einer anderen Lebenswelt. Dennoch empfinde ich ihren Inhalt als zutreffend auch oder erst recht in meinen ersten Stunden in Hirschgarten. Das Mädchen ist gewissermaßen die Personifizierung von Kindlichkeit im positivem Sinne, von Phantasie und Schöpfertum, von Spinnen und Dichten und Spielen. Sie steht in gewissem Sinn und Maß für ein anderes Leben, ein erfülltes Leben, erfüllt vor allem von Lebensfreude. Dass da was fehlt, ist mir meist nicht bewusst, eigentlich erst in diesen märchenhaft unwirklichen Momenten der Abweichung vom Normalem. Mir fällt meine Stiefmutter ein, die in unregelmäßigen Abständen empört wiederholt, der würde sich über gar nichts mehr freuen.

Zudem flüchte ich natürlich vor dem Kontakt mit der rothaarigen Vollfrau in meiner Gruppe, die mir vom Anfang an signalisiert, dass sie mir geneigt ist, und auch das ist mir nicht bewusst.

Schließlich bemerke ich nicht, dass mich das Mädchen an ein signifikantes Erlebnis der prägenden Phase der Kindheit erinnert. In meiner Vorschulzeit bin ich immer wieder wütend, weil Erwachsene mich immer wieder mit meiner vermeintlichen kleinen Freundin aufziehen. Das Mädchen verblüfft mich dadurch, dass sie sich im übertragenem, emotionalem Sinne nicht von mir weg knallen lässt, was mir fast immer gelingt bei Kindern und Erwachsenen, die mir nach meinem Empfinden zu sehr auf die Pelle rücken. Sie kommt immer wieder und bleibt dabei freundlich und zugewandt. Dies nicht, weil sie ein bisschen doof wäre, sondern, weil sie in einer Art und Intensität in sich ruht, die mir Angst macht.

Das Mädchen hat dicke rote Locken, die ihren Kopf wie ein Astronautenhelm umgeben und schon von weitem derart leuchten, dass selbst immer wieder weg Getretene wie ich aufmerksam, ja, aufgeschreckt werden. Dieses Mädchen aus meiner Vorschulzeit habe ich zur Zeit meines Landeversuchs in Hirschgarten jedoch völlig „vergessen“, und dies, obwohl ich es in meiner Abiturklasse im zweitem Halbjahr der Zehnten wiedertreffe. Das ist eher tragisch als tragikomisch. Ich bin ein Monstrum.

***

An jedem Donnerstag erscheint der Chefarzt Dr. Höck und donnert die Belegschaft zusammen, dass es durch die Wände dröhnt. Immer wieder drücken sich nachher Praktikantinnen, Studentinnen und insbesondere eine der Schwestern, die in der Gruppendynamik des Teams die Sündenbock-Position oft und gern zu besetzen scheint, verheult auf dem idyllischem Gelände herum.

Etliche Klienten scheinen das lustig zu finden, ich bin empört. Ein Chefarzt und noch dazu erfahrener Therapeut – wie ungezogen! Der Mann brüllt hier herum wie im Bauwagen – so was macht man doch nicht!

Dass ich mich nicht gebärde wie ein zumindest körperlich 23jähriger Mann, sondern wie eine alte Jungfer, bemerke ich nicht. Natürlich habe ich Angst, weil mich diese scheinbaren Ausbrüche an die meines Vaters erinnern. Jedoch gibt es einen entscheidenden Unterschied, den ich auf Anfrage nicht hätte benennen können, aber es fragt natürlich auch keiner. Der Mann knallt nicht herum, und vielleicht noch mit Türen – er ist im Kontakt. Der ist durchaus auszuhalten, die Welt stürzt nicht ein und es stirbt niemand. Das ist neu.

Etliche Jahre später lese ich zumindest in Stücken Bücher von Psychotherapeuten aus dem nichtsozialistischem Wirtschaftsbereich. Eines ist von dem amerikanischen Therapeuten und Arzt Daniel Casriel, dessen ausführliche Schilderungen von Gruppensitzungen ich sehr gut nachvollziehen kann, weil ich dergleichen aus eigener Erfahrung kenne und zum Zeitpunkt der Lektüre noch erlebe. An die sechs Wochen stationäre Therapie schließen anderthalb Jahre ambulante Therapie mit einer Gruppensitzung pro Woche im Haus der Gesundheit an. Diese ambulante Phase ist die eigentlich entscheidende, da es darum geht, die im günstigstem Fall erreichten Veränderungen von Mustern der Wahrnehmung und des Verhaltens im gewohntem, normalem Alltag gegen den Widerstand aller Bezugspersonen durchzusetzen, die diese Veränderungen oft als beängstigend, ja, bedrohlich empfinden.

Viel mehr aber faszinieren mich die sozusagen theoretischen Überlegungen, die Casriel aus seinen überaus reichhaltigen praktischen Erfahrungen ableitet, nicht aus Forschungen an der Universität usw. Er unterscheidet etwa zwischen Wut und Zorn, und der Unterschied bezieht sich auf dieses im Kontakt sein und bleiben. Wut ist ungerichtet, sie ist das Übliche, das Normale; Türen knallen, herum brüllen, mit Gegenständen werfen usw., leider oft dem Klischee des Männlichen entsprechend. Zorn aber ist im Kontakt der Moment stärkster Abgrenzung und damit Identität. Ich bin schwer beeindruckt, als ich das lese, denn es gibt mir den Schlüssel zur Erklärung vieler Erlebnisse auch oder gerade außerhalb therapeutischer Felder wie Kliniken, Stationen, Praxen oder Gruppenräume.

Noch später finde ich ein Buch über den berühmten wie berüchtigten Arzt und Therapeuten Wilhelm Reich mit dem Titel „Der heilige Zorn des Lebendigen“. Das ist natürlich eine geradezu poetisch zugespitzte Formulierung, aber sie scheint etwas Wesentliches auf den Punkt zu bringen, das mich schon lange vor dem Kontakt mit Psycho beschäftigt.

Sehr nachträglich scheint mir, dass da etwas in der Tiefe passiert, wenn Höck seine vermeintlichen Wutausbrüche zelebriert. Es findet jedes Mal eine Erschütterung des Geflechts von Bindungen, Kontakten, Beziehungen und Abhängigkeiten in der Gruppe statt. Sie verhindert, dass sich gewissermaßen mechanisch ablaufende und damit in diesem Kontext besonders destruktive Routinen ausbilden, in deren Ausführung lebendige Menschen nicht mehr angemessen gesehen werden können und erst recht nicht ihre Leiden. Diese heftigen Abgrenzungen im Kontakt, nicht durch männliches Türen knallen und in die Kneipe oder die Werkstatt oder die Garage Flüchten, lassen neurotische Arrangements gar nicht erst entstehen. Diese scheinen aber, was nicht nur ich wahrnehme, draußen eher die Regel als die Ausnahme zu sein. Wenn dieser Sachverhalt jedoch überhaupt reflektiert wird, dann werden wieder die üblichen Textbausteine angebracht wie Überbleibsel der alten Gesellschaft usw.

Hier, in der Klapse, gibt es kein „Weiter voran auf bewährtem Kurs!“, das draußen allzu oft ein scheußlicher Euphemismus für auf der Stelle treten zu sein scheint.

Sozusagen einen Höhepunkt der Reflexion derartiger Hintergründe und Zusammenhänge erlebe ich schon nach wenigen Tagen in der stationären Therapie. Nicht nur zu meiner Überraschung fängt ein Mann in einer Gruppensitzung plötzlich an, abwesend vor sich hin zu grienen und zu kichern und wie im Selbstgespräch zu murmeln. Sinngemäß äußert er, dass es eigentlich jedem Zweitem oder Drittem da draußen zumindest gut tun müsste, wenn es nicht gar dringend angezeigt wäre, so was mit Zücho zu machen wie wir eben.

Dies wird jedoch angebracht von dem Klienten, der mit den größten Widerständen in die Therapie gekommen ist, trotz des vielleicht stärksten Leidensdrucks. Das könnte die Aussage umso bedeutsamer machen, und nicht nur für mich. Der Mann ist jahrelang mit erheblichen subjektiven Beschwerden buchstäblich von Arzt zu Arzt gelaufen, um immer wieder zu hören, dass Herz und Kreislauf völlig in Ordnung wären usw. Ausgerechnet dieser Mann, der nicht wie ich zu viel denkt und zu viel gelesen hat, und wie die immer wieder angebrachten sprachlichen Versatzstücken alle lauten mögen, äußert mit geradezu diebischem Vergnügen diese Wahrnehmung. Durch die anwesenden Therapeuten geht eine Art Welle innerer Bewegung. Möglicherweise hat der Mann etwas angesprochen, was auch oder gerade für die Profis ein zentrales Thema sein könnte.

All das nehme ich jedoch nur wahr und unternehme nicht den kleinsten Versuch, meine Beobachtungen und Wahrnehmungen auszusprechen, sie zu verbalisieren. Es ist, wie immer, alles geheim.

***

In jedem Bereich menschlichen Lebens gibt es in begrenztem Umfang eine Art eigene Sprache. Dies natürlich erst recht in psychotherapeutischen Lebens-, weil Arbeitswelten, in denen Sprache sozusagen ein Werkzeug täglicher Tätigkeit ist.

Eine beinahe stehende Redewendung im St.-Josephs-Krankenhaus lautet: „Nehmen Sie das rein, lassen Sie das stehen!“ In der dynamischen Psychiatrie höre ich unzählige Male, und nicht nur ich: „Das ist was ganz Altes – bringen Sie das in die Gruppe!“ In Berlin-Hirschgarten heißt es: „Bleiben Sie hier im Raum!“

Natürlich weiß ich, was diese manchmal beinahe zur Standardisierung geeignet erscheinenden Textbausteine zu bedeuten haben und natürlich nützt mein Wissen niemandem etwas, zumal es, natürlich, geheim ist.

Die Aufforderung, es rein zu nehmen, bezieht sich auf den typischen Widerstand, der Deutungen und Interpretationen durch Therapeuten und Klienten entgegengesetzt wird. Ich stelle zu meiner Verblüffung fest, dass es Menschen gibt, und offenbar nicht wenige, die in ihrem ganzem Leben noch nie gewissermaßen adäquat gespiegelt worden sind. Inwiefern das auf mich selbst zutrifft, ist mir natürlich nicht klar.

Als konstruiertes Beispiel ist eine Frau vierzig Jahre lang überzeugt, sich für Andere aufzuopfern. Die Beschreibung dieses ihres Selbstbildes wiederholt sie nun so lange, so oft und so energisch in der Therapie, dass selbst mit emotionaler Intelligenz defizitär ausgestattete Mitklienten wie ich mindestens misstrauisch werden. Im Alltag der Station oder Klinik ergibt sich ein Bild der Frau, das von ihrer Selbstdarstellung erheblich abweicht. Nachdem ihr zum erstem Mal im Leben und im geschütztem Rahmen rückgemeldet worden ist, dass sie herrschsüchtig ist und unsensibel über andere Menschen drüber brettert, läuft diese Frau dann im schlimmsten Fall zu Radiosendern und Zeitungsredaktionen, um empört zu berichten, dass sie in eine Sekte geraten wäre, in der Gehirnwäsche stattfindet usw. usf.

Das ist Widerstand sowohl im alltagssprachlichem Sinne als auch in dem der therapeutischen Sprachwelt. Mit dem beinahe in einer Art stereotypen herunter Betens wiederholtem Satz „Nehmen Sie das rein, lassen Sie das stehen!“ wird dieser Widerstand zu durchbrechen versucht. Das leuchtet ein, auch oder sogar mir. Wenn ich allerdings selbst dran bin, entwickle ich erheblichen Widerstand, bin gekränkt, getroffen, wütend.

Mir scheint jedoch, als würden es sehr viele Menschen als verletzenden Angriff empfinden, adäquate Rückmeldungen über ihr Wesen und Verhalten zu erleben. Warum aber sind diese Rückmeldungen nicht früher möglich, vor allem in der Familie, in der Schule, im Betrieb? Wäre das nicht eine Schule, in der wirklich fürs Leben gelernt wird? Warum sind dazu offenbar geschützte Milieus wie Klapsmühlen und Beklopptenvereine nötig, die ohnehin oft erst dann, und oft widerwillig, aufgesucht werden, wenn körperliche und psychische Beschwerden nicht mehr zu ignorieren sind?

Diese Fragen kommen schon sehr früh in mir auf, aber ich stelle sie nie laut. Dies nicht nur, weil sie natürlich geheim sind, sondern weil sie mir immer wieder ungeheuerlich erscheinen und vielleicht doch aus störungsspezifischen Symptomen wie Größenwahn und Theoriebildung resultierend. Dass das Verhaltenssymptom eher aus diesen Befürchtungen bestehen könnte, wird mir nicht klar.

Dieses „Das ist was ganz Altes – bringen Sie das in die Gruppe!“ der Dynamischen Psychiatrie, insbesondere im von mir so genanntem Haus der ewigen Kindheit, der Klinik Menterschwaige, beschreibt eine Arbeitsgrundlage dieser Therapieform- oder Schule oder Richtung. Die therapeutische Floskel weist auf den Ursprung von Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern des angesprochenen Klienten in der frühen Kindheit, in einer Zeit vor den Worten. Diese Muster sind daher nicht mehr nur mit Worten veränderbar, weswegen, unter anderem, viele nonverbale therapeutische Angebote in die Behandlung integriert sind.

Unter anderem deshalb wird von Frühstörungen gesprochen, die heute den größten Teil der psychotherapeutischen Klientel ausmachen. Zu Freuds Zeiten waren das die Neurotiker, bei denen eine Redekur, Zitat Freud, oft oder gar meist ausreicht, um Symptome auszuräumen.

Ich lese eine in diesen Zusammenhang passende Fallgeschichte, die mich stark beeindruckt. Ein Mann mit jahrelangen Asthma-Anfällen stellt in der Analyse, der Redekur, nach vielen Gesprächen überrascht fest, dass er diese Anfälle besonders häufig oder gar fast immer in der Wohnung der Schwiegereltern erleidet. Einige Sitzungen später wird ihm klar, dass ihn der Schwiegervater schon oder gerade in Kleinigkeiten an Personen seiner Vergangenheit erinnert, insbesondere der Kindheit, die er als verbietend, unterdrückend und ungerecht strafend erlebt hat, etwa den Vater und einen Vorgesetzten. Nach dieser Einsicht nach einigen Wochen therapeutischer Arbeit bleiben die Asthma-Anfälle aus.

Dies ist natürlich ein geradezu idealtypisches Fallbeispiel, das ich bei Dr. Höck geleast habe. So was wünsche ich mir jedoch für mich. Trotz meines völligen Mangels an Ehrgeiz, der mir ohnehin erst sehr viel später klar, genauer gesagt, klar gemacht wird, gebärde ich mich hier als eine Art Musterschüler, der eine lehrbuchreife Therapie absolvieren möchte. Gelingt mir diese nicht, setzt das sozusagen negative Pendant zum Größenwahn ein – ich kasteie mich zumindest mental selbst als totaler Versager.

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