Überprüfen muss er sein Verhalten gegenüber Mitschülern und Lehrern

Vor mir ist ein riesiger Berg Brei, durch den ich mich hindurch fressen muss. Unzählige neue Aufgaben erwarten mich und wenn ich sie gewissenhaft erfülle, kann ich dann irgendwann wieder in den alten Zustand zurück. Erst muss ich die vielen Pflichten erfüllen, dann komme ich wieder frei.

Mit anderen Worten – ich komme zur Schule. Ich sehe sozusagen nur Schnappschüsse aus dieser Zeit. Fotoposen für das obligatorische Familienbild mit Zuckertüte vor dem Denkmal im Zentrum der Stadt. Meine erste Schule ist gleich daneben. Das Gebäude hat etwas Repräsentatives, ja Prachtvolles. Es erinnert mich immer wieder an die antiken Gebäude in Büchern über das Alte Griechenland. Der weitläufige Gebäudekomplex steht vor meinem geistigem Auge strahlend weiß in der Sonne wie ein Tempel auf einem Hügel am Mittelmeer.

Von meinen Mitschülern nehme ich nur wenig wahr. Mein Vater erwähnt mehrfach meine Banknachbarin. Er hat dabei wieder diesen Unterton in der Stimme, der auf geheimnisvolle Hintergründe verweist. Ich finde das Mädchen sehr hübsch, aber auch schwierig, behalte das aber für mich. Ich versuche ein paar Mal, über das durch den Unterricht vorgegebene Maß Kontakt zu ihr aufzunehmen, aber das Ergebnis entspricht nicht den Erwartungen, die die Andeutungen meines Vaters ausgelöst haben und ich lasse es.

Auf einen Mitschüler werde ich schnell aufmerksam. Seine Oberlippe und die Haut zwischen Oberlippe und Nase sind in der Weise verformt, wie man es bei operierter Hasenscharte beobachten kann. Ich kenne diese Vernarbungen aus Fotos in der Medizin-Enzyklopädie meines Vaters. Die Vernarbungen bei meinem Mitschüler rühren aber von einem Unfall. Er ist ein Treppengeländer herunter gerutscht und dabei aufs Gesicht gestürzt. Diese Szene male ich mir Wochen lang aus. Ich stelle mir immer wieder vor, wie ich den Jungen rette.

Die Klassenleiterin, die zugleich den größten Teil des Unterrichts übernimmt, hat eine freundlich-bestimmte Art, die mir Angst macht. Irgend etwas transportiert sie hinter oder zwischen ihren Worten, das ich kaum ertragen kann. Heute würde ich etwa von freundlicher emotionaler Annäherung sprechen. Schließlich macht die Frau mich wenige Wochen nach meiner Einschulung derart ängstlich und wütend, dass ich ihr meine Federtasche an den Kopf werfe. Mein Vater wird zu einer Aussprache in die Schule bestellt. Es passiert aber nichts! Meine deutliche Desintegration wird zwar angedeutet, unter anderem in der Zeugnisbeurteilung, ich werde in dieser Beurteilung aber auch gelobt, indem darauf verwiesen wird, dass ich trotz insgesamt zweimonatigen Fehlens den Lernstoff gut bewältigt hätte. Offensichtlich ist diese sachliche Leistung wichtiger als kaum erfolgte Integration in die Schulklasse.