Überprüfen muss er sein Verhalten gegenüber Mitschülern und Lehrern

Das Haus kenne ich schon lange, zumindest von außen, aber gerade von außen hat es etwas Großzügig-Repräsentatives wie ein Herrenhaus oder ein weitläufiger fürstlicher Landsitz. An einer der hinter diesem Gebäude in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Hauptverkehrsstraßen der Stadt aber steht ein bei gewisser Beleuchtung vollends wie ein Märchenschloss wirkendes Ensemble. Es ist jedoch der Kindergarten des ersten Wohnkomplexes. Jahrzehnte nach der Wende scheint mir meine Wahrnehmung keineswegs mehr ostalgisch, dass oft zu Recht als fragwürdig empfundene Parolen wie „Paläste für Werktätige“ in dieser Stadt zumindest in deutlichen Ansätzen durch einige im doppeltem Sinne herausragende Bauten realisiert wurden.

Ich gehe den Weg zu diesem langgestreckten, oft in der Sonne weiß gleißenden Gebäudekomplex bereits viele Male, vor allem mit meiner Mutter. Er erstreckt sich über mehr als hundert Meter an der Ostseite des für mich schönsten Platzes des Stadt und wird am nördlichen wie am südlichem Ende sowie in der Mitte durch in Breite und Höhe leicht hervorgehobene, fast würfelförmige Blöcke dominiert.

Im südlichem, größten dieser Kuben habe ich schon des Öfteren in eine Vorhalle mit Treppen sehen können. Gerade diese Halle hat etwas Repräsentativ-Offizielles und trotzdem wirkt sie einladend. Den Eingang erreicht man durch eine nicht hohe, aber ausladend wirkende Treppe. Die Eingangstüren sind aus massivem Edelholz und über den Türen gibt es einen sich über die gesamte Außenwand ziehenden Balkon mit schmiedeeisernem Gitter. Die Fenster über dem Portal sind raumhoch und mit Schmucksteinen eingefasst. Sehr viele Details dieses Gebäudekomplexes wie beispielsweise etliche Lampen scheinen Einzelfertigungen für dieses und nur dieses Haus zu sein.

An den nördlichen Block schließt sich nach Osten hin ein etwa 50 Meter langer Gebäuderiegel an. Dieser Teil des Hauses erscheint viele Male in meinen eher angenehmen Träumen. Da das nördlich des Platzes geplante Kulturhaus nie gebaut wird, ist dort der natürliche Bewuchs stehen geblieben, der den großen Platz an dieser Seite wie ein Wäldchen umrahmt. Vor den Fenstern im Souterrain des Nordflügels ist eine teilweise mit Moos und Grasbüscheln bewachsene Art Terrasse aus großen Steinplatten, zu der man wie in eine übergroße Wanne hinabsteigen muss. Da das Wäldchen vornehmlich aus Nadelbäumen besteht, ist es auf diesen Platten immer schattig. Ich habe dort in gar leicht beunruhigender Weise das Gefühl des geschützt und geborgen Seins.

Der Platz heißt „Platz der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“, wird aber meist mit der Abkürzung „Platz der DSF“ benannt. Ganz verstehe ich diesen Namen nicht, obwohl ich bereits weiß, dass mein Vater, statt eingeschult zu werden, als Kompaniekind mit der Roten Armee mitgezogen ist. Ich weiß aber, dass dort gefallene Sowjetsoldaten begraben sind.

Dieser Platz wird überragt von einem als Mahnmal für diese Gefallenen errichteten Obelisken. Er ist umfasst von akribisch gepflegten Rasenstücken, großen Blumenbeeten und steinernen Blumenkübeln sowie an der West- und Ostseite von Doppelreihen dort nicht natürlich gewachsener, sondern geometrisch exakt gepflanzter Bäume. In der kleinen Allee an der Westseite wurden zudem Dutzende Ziersträucher zwischen die Bäume gesetzt. Deren Früchte sehen aus wie winzige Kirschen, sind aber leider nach glaubwürdigen Aussagen Erwachsener nicht essbar. Trotzdem bin ich immer wieder fasziniert von diesen Früchten.

An der nordöstlichen Ecke des Platzes oder eigentlich des Waldstückchens nördlich des Platzes steht auf einem flachen Betonsockel ein mich geradezu magisch anziehender gelber Zeitungskiosk. Besonders fasziniert mich, dass die vier Wände dieses Verkaufspavillons vom Dach aus leicht nach innen geneigt sind. Das auf allen Seiten vorstehende Dach erinnert mich zudem an Wochenendhäuschen oder Datschen in dem um die Stadt herum aus Gärten angelegten Grüngürtel. Dieser Kiosk hat für mich etwas Heiter-Leicht-Sommerliches, auch wenn ich natürlich gerade dieses Empfinden noch nicht auszudrücken vermag.

Wahrscheinlich wirkt auch hier wieder Goethes Wahrnehmung vom Empfinden der Romantik einer Landschaft als Ausdruck und Ergebnis des Alleinseins ihres Betrachters. Abgesehen von meiner einige Dutzend Meter entfernt körperlich anwesenden Mutter bin ich allein. Zudem bin ich fast nur im Sommer auf diesem Platz und dieses innerstädtische Areal hat dann etwas von einer kleinen Gartenbauausstellung.

Fast täglich und manchmal auch an Samstagen sitzt für einige Stunden eine ältere Frau in dem Kiosk und verkauft die Zeitungen, Zeitschriften und Romanheftchen, mit denen die vier verglasten Wände von innen geradezu zugehängt sind. Nur an der Vorderseite kann man ungehindert in den Kiosk sehen. Dort ist ein kleines Fenster, durch das man mit der Zeitungsverkäuferin sprechen kann. Dann ist an der Rückseite des Häuschens eine gleichfalls gelb lackierte Tür.

Immer wieder besichtige ich diese ausgehängten Zeitungen und Zeitschriften geradezu wie Ausstellungstücke einer Galerie oder dergleichen, und gerade dann, wenn der Kiosk nicht besetzt ist. Ich drücke mir die Nase platt wie an Schaufenstern von Süßwaren- oder Spielzeugläden. Sehr wahrscheinlich entwickle ich hier diese nachher geradezu reflektorisch wirkende Wahrnehmung von Zeitungen und Zeitschriften als lockende Beweisstücke für ein anderes Leben in der Welt da draußen, das ich eines Tages mühelos selbstverständlich beginnen zu können glaube. Das wird sich ergeben, irgendwie und irgendwann; es geht alles seinen Gang.

Nicht regelmäßig, aber immer wieder und erst nach Anregung oder gar Anweisung meines Vaters kauft meine Mutter mir an diesem Kiosk eine Kinderzeitschrift wie „Bummi“ oder „Atze“. Das mich zuerst und am stärksten faszinierende Detail dieser bunten Blätter ist ihr Geruch. Diese Wahrnehmung äußere ich nie.

Wenige Schritte nordöstlich dieses postgelben Kiosks ist eine Kreuzung. Würde ich der nach Norden führenden Straße folgen, könnte ich rechterhand einen etwa fünfzig Meter langen und zwanzig Meter breiten Flachbau mit einigen Läden erblicken. Diese Läden sind ein wenig versetzt von der Straße.

Am südlichem Ende des Flachbaus steht als ein Höhepunkt der von mir in meiner Vorschulzeit erlebten außergewöhnlichen Ausstattung dieser Stadt eine öffentliche Telefonzelle. Auch diese kleine Kabine ist vergleichsweise sorgfältig gestaltet wie durch Kunsthandwerker. Ihre Rundumverglasung ist von zwei Dutzend Querstreben unterbrochen, die buchstäblich augenfällig eher der Zierde als der Stabilisierung dienen. Das Dach ist im doppeltem Sinne gekrönt durch auf allen vier Seiten angebrachte Schmuckstreifen. Diese möglicherweise schmiedeeiserne Streifen werden durch den gerahmten Schriftzug „Fernsprecher“ aus mehr als handtellergroßen Buchstaben gebildet.

Auch hier wurden kleine Gruppen Kiefern stehen gelassen, was dadurch ermöglicht worden scheint, dass diese Häuser im Wortsinn handwerklich errichtet, weil in altbewährter Weise Stein auf Stein gemauert wurden.

Der durch das Zurücksetzen des Flachbaus entstandene kleine Vorplatz ist fast immer ungewöhnlich belebt. Das scheint nicht nur auf die Konzentration mehrerer Geschäfte für Lebensmittel aller Art an einem Standort zurückzuführen. Vielmehr scheint sich hier eine Art gesellschaftlicher Mittelpunkt wie von selbst ergeben zu haben. Dort kauft meine Mutter oft ein, wenn sie mit mir unter der Woche in die Stadt geht. Auch hier ist diese stereotyp verwendete Redewendung mindestens fragwürdig, denn wir benötigen zu Fuß nur etwa zehn Minuten von unserem Wohnblock zu diesem kleinem Einkaufszentrum.

Hier wirkt wieder einer der böse zwiespältigen running gags meiner Vorschulzeit. Ich weiß aus leidvoller Erfahrung, dass mein Vater von mir lautes, vorlautes, energisches bis stürmisches, kurzum, nach seiner Auffassung jungenhaftes Verhalten erwartet und gar fordert anstatt des mir von ihm immer wieder vorgeworfenen mädchenhaften Getues.

Würde ich jedoch das von meiner Mutter mehrfach ausgesprochene Verbot ignorieren, von diesem Platz aus über die Kreuzung zu gehen, würde sie beim abendlichem Rapport meinem Vater berichten müssen, dass ich nicht artig gewesen wäre. Mein Vater würde mich dann für mein eigentlich von ihm erwartetes oder gar gefordertes Verhalten bestrafen und sehr wahrscheinlich durch Prügel. Allerdings scheint mir im Nachhinein oft, dass ich diese Übertretung eines Verbotes nicht nur aus Angst nicht wage, sondern auch aus Trägheit und Bequemlichkeit nicht.

Meine Mutter führt mich von Westen in diesen etwa hundert Meter langen Straßenzug mit der Ladenzeile. Dabei muss auch einem architektonisch nicht vorgebildetem Passanten, ja, selbst einem Kind wie mir eine Art stilistischer Riss oder Bruch in der Bebauung auffallen. Er fällt mir auch auf und ich genieße ihn zumindest insgeheim immer wieder.

Der „Ring“, in dem wir wohnen, der allerdings hier nicht „Ring“ heißt wie in mehreren vor unserem erbauten Wohnvierteln und der eigentlich ein Rechteck von etwa 200 mal 100 Metern darstellt, ist aus relativ modernen Wohnblöcken mit Spitzdächern errichtet. Wenn wir diesen großen Innenhof ostwärts durchqueren, wobei der dabei benutzte Verbindungsweg in der Tat „Querstraße“ heißt, gelangen wir zwischen zwei Blocks an die Magistrale der Stadt und müssen sie in Richtung der nördlichen der nach Osten von ihr abgehenden beiden Seitenstraßen überqueren.

Dort ist die Wohnung des Friseurmeisters, der zu den wenigen Bekannten meiner Eltern gehört. Im rechten Winkel zu dieser Seitenstraße aber, parallel zur Magistrale, steht auf deren Ostseite etwas erhöht und hinter einem Plattenweg mit steinerner Ziermauer ein weiterer moderner Block. Der Friseur jedoch wohnt in einem der ältesten, in völlig anderem Stil als die Wohnblöcke mit Spitzdächern an der Magistrale errichteten Häusern.

Da ich auch hier erstens nicht dazu in der Lage wäre und es zweitens niemand von mir zu erwarten oder gar zu verlangen scheint, könnte ich das beim Betreten dieses Wohnkomplexes 1 mich jedes Mal sehr angenehm ausfüllende Gefühlsgemisch nicht in Worten ausdrücken. Die nicht nur von mir erlebte Wahrnehmung eines Risses oder Bruches wird jedoch verstärkt durch einige Details, die vollends aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen.

Am nördlichem Ende der Ladenzeile etwa stehen am Bordstein jeden Tag große Milchkannen, die ich nur vom Dorf kenne und das eigentlich auch nur von Bildern in Büchern oder den wenigen bereits gesehenen Filmszenen. Mehrmals in meiner Vorschulzeit erlebe ich in dieser kleinen Ladenstraße zudem einen Scherenschleifer, der, milde formuliert und gleichfalls keineswegs nur meiner Wahrnehmung nach, über Kundschaft nicht klagen kann. Ausgerechnet diese Szenen erlebe ich nun ausgerechnet in der ersten sozialistischen Stadt. Es hat den Anschein, und offensichtlich wiederum nicht nur für mich, als würde hier ein spätestens im 19. Jahrhundert spielender Film gedreht.

Ohnehin scheint der Mann das Anpreisen seiner Dienstleistung in gewissem Maße als eine Art marktschreierischen Auftritt zu genießen. Daher sitzt er nicht nur am Anfang der DaDaeR-typischen Schlange geduldig anstehender Bürger, sondern oft auch inmitten einer Art Traube sich offensichtlich gut unterhalten fühlender Kunden und vor allem Kundinnen. Mir scheint, dass der im mehrfachen Sinne alte Meister beim geschickten Handhaben seines altertümlichen Geräts gar einige Male singt wie ein Leierkastenmann; dieser Erinnerung bin ich mir jedoch sehr unsicher.

Auch beim Aufbau dieses Wohnkomplexes 1 als Grundstock einer geplant völlig neuen Stadt hat Walter Ulbricht persönlich interveniert. Allerdings könnte dieses seiner energischen Vetos selbst oder gerade mit zunehmendem zeitlichen Abstand erstaunlich realistisch erscheinen. Der Staats- und Parteiführer hat sich geradezu beschwert über den in diesen ersten Wohnblöcken praktizierten Stil. Sinngemäß ist ihm alles zu eng und zu klein, kurzum zu kleinbürgerlich. Infolgedessen entstehen in der südlichen Hälfte des Wohnkomplexes 1 sowie vor allem im Wohnkomplex 2 diese weitläufigen garten- und parkstadtähnlichen Quartiere, die nach der Wende ohne Ostalgie als geradezu prachtvoll wahrgenommen werden, weil immer öfter auch in dieser Weise von Wessis gewürdigt.

Wie meist empfinde ich jedoch von Erwachsenen kritisch gesehene bauliche Gegebenheiten als romantisch. Da diese etwa ein Dutzend ersten Häuser der neuen Stadt inzwischen verwittert, nachgedunkelt und vergilbt sind und an manchen Stellen schon der Putz abzublättern beginnt, erscheinen diese Wohnblöcke mir als Altbauten, obwohl sie nicht einmal 10 Jahre älter sind als ich. Hier ist es irgendwie anheimelnd, traulich, freundlich belebt usw. Vor allem werden die Wohnungen noch mit Kohleöfen beheizt sowie warmes Wasser mit Badeöfen erzeugt und im Herbst und Winter zieht dicker, angenehm würziger Rauch durch das Viertel. Wieder erlebe ich dieses schwer auszudrückende Atmosphärische, das zumindest in Andeutungen Gefühle erzeugt wie zu Hause sein.

Während ich auf dem Platz, ohne die Kreuzung überqueren zu dürfen und zu wollen, schön spielen soll, obwohl wir an Werktagen meist die einzigen Anwesenden auf dem Platz sind, sitzt meine Mutter auf einer der Bänke zwischen den Baumreihen am Westrand des Platzes. Es ist fast immer dieselbe Bank, was ich unterschwellig durchaus wahrnehme. Ebenso wie mein Vater scheint sie sich bei diesem in die Stadt gehen träumerisch in ferne Räume zu verlieren. Auch das nehme ich bereits als kleiner Junge wahr, ohne es ausdrücken zu können und zu wollen. Erst sehr viel später wage ich einen Zusammenhang zu sehen zwischen diesen sehnsuchtsvollen Tagträumereien meiner Eltern und meinem in der Schulzeit zunehmend längerem und heftigerem Abdriften. Zudem ist mein schön Spielen auch an diesem Platz eine Art durch körperliche Bewegung getarntes Tagträumen.

Gerade die Nordseite dieses Platzes mit heckenartig die Rasenfläche mit dem Obelisken gegen den kleinen Hain abgrenzenden Ziersträuchern würde sich für Versteckspiele eignen. Zudem sind die Wege hier zum Teil scheinbar mit hochkant eingegrabenen Stücken von Gehwegplatten eingefasst und mit Kies bestreut, was für mich eine Art feiertägliche Ausnahmelösung darstellt. Ich trete oft nur vorsichtig auf und bin fasziniert vom Knirschen unter meinen Schuhsohlen.

Aber wie fast immer ist niemand da, mit dem ich spielen könnte. Das empfinde ich keineswegs als Mangel. Ich kenne das nicht anders kenne und daher ist es für mich normal. Wenn ich meine Mutter gelegentlich bitte, mit mir zu spielen, winkt sie derart melancholisch-resigniert ab, wie ich es eigentlich als die typische Geste depressiven Verzichts und Bedauerns von meinem Vater kenne.

Nun scheint die Zeit des Spielens an diesem Platz jedoch vorbei. Vor mir ist gewissermaßen ein riesiger Berg Brei, durch den ich mich hindurch fressen muss. Unzählige neue Aufgaben erwarten mich. Ich bin jedoch unausgesprochen überzeugt, nach ihrer gewissenhaften Erfüllung irgendwann wieder in den alten Zustand zurück kehren zu können, in dem ich in der Versenkung in meine Innenwelt die Welt da draußen nur als eine Art schöne Kulisse wahrnehme.

Mit anderen Worten werde ich eingeschult in die 1. zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule der Stadt. Das ist dieses schlossartig repräsentative Gebäude am „Platz der DSF“. Viele Räume und Gänge sind hier tatsächlich lichtdurchflutet, nicht nur im Sinne eines sehr viel später in der nächsten Lebenswelt bei Immobilienanzeigen bis zur Ermüdung verwendeten Euphemismus‘. Dies trifft auch auf mein Klassenzimmer zu. Das ist das größte und höchste Zimmer, das ich bis zur Einschulung kenne. Es befindet sich im ersten Stock des dominierenden südlichen Blocks und hat ein halbes Dutzend große Südfenster.

Die Schule wurde wie die im Süden an ihr vorbei führende Straße nach Georgi Dimitroff benannt. In dem einzigen Wohnblock auf der Nordseite dieser Straße habe ich in den ersten zwei oder drei Jahren meines Lebens gelebt, habe aber daran keinerlei Erinnerungen. Den Namen finde ich weniger deshalb passend, weil Dimitroff Kommunist war, sondern weil Bulgarien im für mich fast exotischem Süden liegt. Der ganze Gebäudekomplex erscheint mir südländisch-antikisch.

Auf dem „Platz der DSF“ wird oft für Hochzeits-, Jugendweihe- und Einschulungsfotos posiert. Auch ich stelle mich dort schön hin, mit einer großen Zuckertüte und eingerahmt von Mutter und Vater. Wieder einmal bin ich von einer verbreiteten Bezeichnung auf eine Art belustigt, die ich in voraus eilendem Gehorsam selbst albern finde. Ich stelle mir vor, dieses Gebilde aus schreiend bunt beklebter Pappe wäre tatsächlich mit Zucker gefüllt. In Wahrheit enthält es fast zur Hälfte zusammen geknülltes Zeitungspapier und dazu einige wenige Süßigkeiten sowie vor allem nützliche Dinge wie Bleistifte, Buntstifte, Anspitzer und Ratzefummel, d. h., Radiergummis.

Mein Vater blickt mit einem für ihn typischen Gesichtsausdruck zwischen Verkniffenheit und in die Sonne Blinzeln auf eine Art in die Ferne, die darauf hindeuten dürfte, dass dieses Arrangement ihm große Mühe macht und dass er wahrgenommen zu werden wünscht in seiner Bereitschaft, sich dieser Mühe dennoch zu unterziehen. Er gneistet, wie jemand diesen Gesichtsausdruck nennt. Dieses Wort lässt mich in dieses Kichern verfallen, das ich ebenfalls vorsichtshalber gleich selbst albern finde. Dennoch bemühe ich mich immer wieder, auch diese Mimik meines Vaters nachzuahmen. Bereits damals bemerke ich, dass mein Vater bei derartigen Anlässen auftritt, als solle, ja, müsse er sich präsentieren. Auch das kann und will ich nicht formulieren, spüre es jedoch.

Er trägt zu diesen offiziellen Anlässen immer seine Ausgangsuniform, obwohl das nicht gefordert ist und obwohl er die seinen Arbeitsort darstellende Kaserne immer wieder als „Saftladen“ und dergleichen bezeichnet. Seine guten schwarzen Schuhe werden damals bereits des Öfteren von mir geputzt und auf Hochglanz poliert. Meine Mutter hält unbeholfen eine Rose und blickt in die Kamera, als wäre ihr nicht recht geheuer, was gerade geschieht. Ich griene wie ein Pfannkuchen, was jedoch eher von kindlich verständnislosem Erstaunen als von Freude zu sprechen scheint.

Dieses Empfinden ist keineswegs unpassend. Alle meine Mitschüler waren sechs oder sieben Jahre lang in Kinderkrippen und Kindergärten, während ich zum ersten Mal längere Zeit in einer Gruppe von Kindern bin und gar täglich für einige Stunden zwangsweise. Es scheint etliche Erwachsene zu geben, die deshalb nicht zu Unrecht Probleme erwarten.

Von meinen Mitschülern nehme ich allerdings nur wenig wahr. Das ist jedoch nicht auf Desinteresse zurückzuführen, andernfalls ich nicht noch heute die Namen einiger Mitschüler wüsste, zu denen ich fast gar keinen Kontakt hatte. Ich bin fast völlig fixiert auf diese sich täglich ganz erstaunlich vor Gruppen von Kindern produzierenden Erwachsenen und vor allem auf den von ihnen vermittelten Stoff. Nach wenigen Wochen habe ich das Lesebuch durch und entwickle eine Haltung, die mir nicht bewusst, aber typisch ist. „Ich weiß jetzt Bescheid, ich bin im Bilde und hinreichend informiert, und damit ist die Sache und sind vor allem die Leute erledigt!“

Zumindest auf einen Mitschüler werde ich jedoch schnell aufmerksam. Seine Oberlippe und die Haut zwischen Oberlippe und Nase sind in der Weise verformt, wie man es bei operierter Hasenscharte beobachten kann. Ich kenne diese Vernarbungen aus Fotos in der Medizin-Enzyklopädie meines Vaters, in der ich von Zeit zu Zeit zum Befremden Erwachsener viertelstundenlang blättere und vor allem die zahlreichen Abbildungen und Fotos von Krankheitssymptomen betrachte.

Die Narben meines Mitschülers rühren jedoch von einem Unfall. Ich bin nicht nur selbst überrascht, dass ich gewissermaßen aus meinem Innenraum heraustrete; auch der Junge ist verblüfft von meiner freundlich interessierten Nachfrage. Er ist ein Treppengeländer herunter gerutscht und dabei aufs Gesicht gestürzt. Diese Szene male ich mir Wochen lang aus. Immer wieder stelle ich mir vor, wie ich den Jungen rette. Ich erinnere mich jedoch nicht daran, dass ich ähnliche Rettungsphantasien bereits einige Jahre zuvor beim Beobachten der an der Teppichklopfstange vor unserem Hausaufgang turnenden Jungen immer wieder geradezu zwanghaft entwickelt habe.

Mein Vater erwähnt mehrfach meine Banknachbarin. Er scheint die Eltern des Mädchens zu kennen. Er hat dabei wieder diesen Unterton in der Stimme, der auf geheimnisvolle Hintergründe zu verweisen scheint und gewissermaßen die unausgesprochene Mitteilung enthält, dass ich hier aufmerken und Interesse entwickeln müsse. Ich finde das Mädchen sehr hübsch, aber auch schwierig. Beide Wahrnehmungen behalte ich für mich. Ich versuche ein paar Mal, über das durch den Unterricht vorgegebene Maß hinaus Kontakt zu ihr aufzunehmen. Das Ergebnis entspricht nicht den Erwartungen, die die Andeutungen meines Vaters ausgelöst haben, und ich lasse es.

Die Klassenleiterin ist zugleich unsere Lehrerin in den meisten Unterrichtsstunden. Ihre freundlich-bestimmte Art macht mir Angst. Sie sieht für mich aus wie die Mutter meiner Banknachbarin, schwarzhaarig und dunkeläugig. Auch diese Wahrnehmung äußere ich nie. Es ist alles geheim. Irgend etwas transportiert diese Frau hinter oder zwischen ihren Worten, das ich kaum ertragen kann.

Heute würde ich diese Ausstrahlung etwa als achtungs- und respektvolle und freundliche emotionale Annäherung zu benennen versuchen. Diese Art des Entgegenkommens Erwachsener verstehe ich nicht und will ich nicht verstehen. Sie macht mich sprach- und hilflos ängstlich und wütend. Nach einigen Wochen Schulbesuch bekomme ich nach einer freundlichen Aufforderung der Lehrerin einen Wutanfall und schleudere ihr meine Federtasche an den Kopf. Mein Vater wird zu einer Aussprache mit dem Direktor in die Schule bestellt.

Es passiert aber nichts. Meine Desintegration wird jedoch in der Zeugnisbeurteilung am Ende des Schuljahres zumindest angedeutet. Ich müsse mein Verhalten gegenüber Mitschülern und Lehrern überprüfen, heißt es dort. Ich werde in dieser Beurteilung aber vor allem gelobt für „ausdrucksvolles Lesen“ sowie „Fleiß beim Nachholen versäumten Stoffes“ nach insgesamt mehrmonatigem Fehlen wegen immer noch häufiger Erkrankungen der Atemwege. Ich gehöre trotz der langen Fehlzeiten zur sogenannten Leistungsspitze, d. h., zu den besten vier oder fünf unter etwa 30 Schülern der Klasse. An dieser Position bleibe ich bis zur mittleren Reife. Dabei bemerken Lehrer immer wieder und äußern das auch, dass ich unter meinen Möglichkeiten bleibe. Dennoch wird diese sachliche Leistung deutlich höher gewertet als kaum erfolgte Einbindung in die Gruppe.

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