Textbausteine zum Aufbau von Lebenswelten

In jedem Bereich menschlichen Lebens scheint es in gewissem Umfang eine Art eigene Sprache zu geben. Dies natürlich erst recht in psychotherapeutischen Lebens-, weil Arbeitswelten, in denen Sprache sozusagen ein Werkzeug täglicher Tätigkeit ist.

Eine beinahe stehende Redewendung im St.-Josephs-Krankenhaus lautet: „Nehmen Sie das rein, lassen Sie das stehen!“ In der dynamischen Psychiatrie höre ich unzählige Male, und nicht nur ich: „Das ist was ganz Altes – bringen Sie das in die Gruppe!“ In Berlin-Hirschgarten heißt es: „Bleiben Sie hier im Raum!“

Natürlich weiß ich, was diese manchmal beinahe zur Standardisierung geeignet erscheinenden Textbausteine zu bedeuten haben und natürlich nützt mein Wissen niemandem etwas, zumal es, natürlich, geheim ist.

Die Aufforderung, es rein zu nehmen, bezieht sich auf den typischen Widerstand, der Deutungen und Interpretationen durch Therapeuten und Klienten entgegengesetzt wird. Ich stelle zu meiner Verblüffung fest, dass es Menschen gibt, und offenbar nicht wenige, die in ihrem ganzem Leben noch nie gewissermaßen adäquat gespiegelt worden sind. Inwiefern das auf mich selbst zutrifft, ist mir natürlich nicht klar oder will ich nicht wahrhaben.

Als konstruiertes Beispiel ist eine Frau vierzig Jahre lang überzeugt, sich für Andere aufzuopfern. Die Beschreibung dieses ihres Selbstbildes wiederholt sie nun so lange, so oft und so energisch in der Therapie, dass selbst mit emotionaler Intelligenz defizitär ausgestattete Mitklienten wie ich mindestens misstrauisch werden. Im Alltag der Station oder Klinik ergibt sich ein Bild der Frau, das von ihrer Selbstdarstellung erheblich abweicht. Nachdem ihr zum erstem Mal im Leben und im geschütztem Rahmen rückgemeldet worden ist, dass sie herrschsüchtig ist und unsensibel über andere Menschen drüber brettert, läuft diese Frau dann im schlimmsten Fall zu Radiosendern und Zeitungsredaktionen, um empört zu berichten, dass sie in eine Sekte geraten wäre, in der Gehirnwäsche stattfindet usw. usf.

Das ist Widerstand sowohl im alltagssprachlichem Sinne als auch oder vor allem in dem der therapeutischen Sprachwelt. Mit dem beinahe in einer Art stereotypen herunter Betens wiederholtem Satz „Nehmen Sie das rein, lassen Sie das stehen!“ wird dieser Widerstand zu durchbrechen versucht. Das leuchtet ein, auch oder sogar mir. Wenn ich allerdings selbst dran bin, entwickle ich erheblichen Widerstand, bin gekränkt, getroffen, wütend.

Mir scheint jedoch, als würden es sehr viele Menschen als verletzenden Angriff empfinden, adäquate Rückmeldungen über ihr Wesen und Verhalten zu erleben. Warum aber sind diese Rückmeldungen nicht früher möglich, vor allem in der Familie, in der Schule, im Betrieb? Wäre das nicht eine Schule, in der wirklich fürs Leben gelernt wird? Warum sind dazu offenbar geschützte Milieus wie Klapsmühlen und Beklopptenvereine nötig, die ohnehin oft erst dann, und oft widerwillig, aufgesucht werden, wenn körperliche und psychische Beschwerden nicht mehr zu ignorieren sind?

Diese Fragen kommen schon sehr früh in mir auf, aber ich stelle sie nie laut. Dies nicht nur, weil sie natürlich geheim sind, sondern weil sie mir immer wieder ungeheuerlich erscheinen und vielleicht doch aus störungsspezifischen Symptomen wie Größenwahn und Theoriebildung resultierend. Dass das Verhaltenssymptom eher aus diesen Befürchtungen bestehen könnte, wird mir nicht klar oder will ich nicht wahrhaben.

Dieses „Das ist was ganz Altes – bringen Sie das in die Gruppe!“ der Dynamischen Psychiatrie, insbesondere im von mir so genanntem Haus der ewigen Kindheit, der Klinik Menterschwaige, beschreibt eine Arbeitsgrundlage dieser Therapieform- oder Schule oder Richtung. Die therapeutische Floskel verweist auf den Ursprung von Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern des angesprochenen Klienten in der frühen Kindheit, in einer Zeit vor den Worten. Diese Muster sind daher nicht mehr nur mit Worten veränderbar, weswegen, unter anderem, viele nonverbale therapeutische Angebote in die Behandlung integriert sind.

Unter anderem deshalb wird von Menschen mit Frühstörungen gesprochen, die heute den größten Teil der psychotherapeutischen Klientel ausmachen. Zu Freuds Zeiten waren das die Neurotiker, bei denen eine, Zitat Freud, „Redekur“ oft oder gar meist ausreicht, um Symptome auszuräumen.

Ich lese eine in diesen Zusammenhang passende Fallgeschichte, die mich stark beeindruckt. Ein Mann mit jahrelang immer wieder und immer häufiger auftretenden Asthma-Anfällen* stellt in der Analyse, der Redekur, nach etlichen Sitzungen überrascht fest, dass er diese Anfälle besonders häufig oder gar fast immer in der Wohnung der Schwiegereltern erleidet. Einige Sitzungen später wird ihm klar, dass ihn der Schwiegervater schon oder gerade in Kleinigkeiten an Personen seiner Vergangenheit erinnert, insbesondere der Kindheit, die er als verbietend, unterdrückend und ungerecht strafend erlebt hat, wie etwa seinen Vater. Nach dieser Einsicht nach einigen Wochen therapeutischer Arbeit bleiben die Asthma-Anfälle aus.

Dies ist natürlich ein geradezu idealtypisches Fallbeispiel, das ich bei Dr. Höck geleast habe. Häufig sind die Entwicklungen von Klienten in der Therapie verwickelter. So was wünsche ich mir jedoch für mich. Trotz meines völligen Mangels an Ehrgeiz, der mir ohnehin erst sehr viel später klar, genauer gesagt, klar gemacht wird, gebärde ich mich hier als eine Art Musterschüler, der eine lehrbuchreife Therapie absolvieren möchte. Gelingt mir diese nicht, setzt das sozusagen negative Pendant zum Größenwahn ein – ich kasteie mich zumindest mental selbst als totaler Versager.

Dieses „Bleiben Sie hier im Raum!“, das nicht nur ich viele Dutzende Male in Hirschgarten höre, ist eigentlich einfach zu deuten. Eigentlich scheint alles recht einfach, was da in der Gruppe geschieht, resultierend aus dem innerpsychischem Geschehen der Gruppenmitglieder. Leider aber ist dieses Einfache meist gewissermaßen zugeschüttet von nachhaltig wirksamen Erlebnissen insbesondere in der Kindheit.

Das therapeutische System in Hirschgarten ist in gewissem Sinne extrem, was mir nicht gleich klar wird und vor allem deshalb nicht klar sein kann, weil ich keine Vergleichsmöglichkeiten habe. Es herrscht die sogenannte Abstinenzregel, die mit Ausnahme von Nikotin nicht nur das Verbot von Genussmitteln beinhaltet, sondern sich auf jede Art von Ablenkung und „Unterhaltung“ wie Radio oder Fernsehen bezieht und vor allem auf alle Außenkontakte, auch telefonische oder briefliche. Selbst Einzelgespräche mit Therapeuten sind nur in Ausnahmefällen möglich.

Es findet jeden Tag für jede Gruppe eine anderthalbstündige Gruppensitzung statt. Zudem ist die Teilnahme an den dreimal wöchentlich stattfindenden Großgruppen mit allen Klienten und Ärzten, Psychologen usw. verbindlich. Für organisatorische und technische Fragen gibt es zusätzlich eine spezielle Großgruppe, in der Klärung von Beziehungen und unbewussten Abläufen nicht im Vordergrund steht.

In der ersten und zweiten Woche ist jede Gruppe für Haus und Garten zuständig, in der dritten und vierten Gruppe für Einkauf und Zubereitung der Mahlzeiten und in den letzten zwei Wochen wird am gemeinsamen Gruppenprojekt gearbeitet. Zudem gibt es mehrfach in der Woche Angebote der Musik- und Bewegungstherapie. An drei Abenden finden kunsttherapeutische Übungen mit ausführlichen Auswertungen statt.

Schließlich gibt es gestaltete Abendveranstaltungen, die zwar diskoähnlich sind, aber nicht vornehmlich der Unterhaltung dienen, sondern als Übungsfeld für Klienten, die Probleme haben mit dem „Funktionieren“ jenseits ihrer Werktätigkeit und sonstiger Pflichten. Mir ist durchaus klar, dass ich zu dieser Klientel gehöre, ich unternehme jedoch nichts, um diese Einsicht umzusetzen, indem ich mich für die Gestaltung eines solchen Abends engagiere, für den abwechselnd alle Gruppen verantwortlich sind.

Der einzige längere Freiraum in dieser dicht bepackten Woche ist etwa eine halbe Stunde nach dem Mittagessen, in der man dringlich angehalten ist, sich bei Tischtennis, Volleyball oder dergleichen zu betätigen. Ich wage es nur einmal, mich nach einer Mahlzeit ein bisschen hinzulegen, da mich nach wenigen Minuten eine Gruppenbegleiterin aufscheucht mit der Warnung, dass ich im Wiederholungsfall in der Großgruppe dran wäre.

Die Hintergründe dieser rigiden Strukturierung des Klinikalltags werden mir erst einige Jahre nach der Wende klar, als ich in verschiedenen Medien Beiträge zum Thema lese. Diese Einsichten haben dann etwas Groteskes, ja Makaberes. Unsere Menschen haben keine Neurosen und dgl., weil die materiellen Grundlagen dafür beseitigt sind. Es handelt sich um Überbleibsel der alten Gesellschaft, die wir im Zuge unserer gesetzmäßigen Entwicklung überwinden werden usw. Die Krankenkasse der DDR bezahlt dementsprechend in der Zeit meines ersten Therapieversuches nicht mehr als sechs Wochen stationärer Psychotherapie.

Die Therapeuten sind daher aus ökonomischen Gründen gezwungen, was man entweder paradox oder dialektisch finden kann, sich eines wirkungsvollen therapeutischen Kunstgriffs zu bedienen. Diese sechs Wochen sind bestimmt von der Konzentration auf das Hier und Jetzt, unter anderem gefördert durch die Abstinenzregel, und werden zudem derart intensiv gefüllt, dass die Gruppen nach dem stationärem Therapieabschnitt arbeitsfähig sind, weil danach der schwierigste Teil der Therapie beginnt. Durch wöchentliche ambulante Gruppensitzungen begleitet, müssen die von den Klienten erworbenen neuen Muster der Wahrnehmung und des Verhaltens vor allem im betrieblichem und familiären Umfeld umgesetzt werden, was naturgemäß erhebliche Widerstände der gewohnten Bezugspersonen hervorruft.

Daher wird angestrebt, dass buchstäblich alles in die Gruppe gebracht wird. Diese Betonung der Gruppe passt zudem zum sozialistischem Menschenbild; sie ermöglicht aber vor allem, überholtes bürgerliches Gedankengut aus der Psychoanalyse gewissermaßen einzuschleusen.

Der Grundgedanke dieses „Bleiben Sie hier im Raum!“ ist, dass sich im derart intensiv abgeschottetem Feld der Klinik Verhaltensmuster wiederholen, mit denen sich die Klienten draußen in Schwierigkeiten und Konflikte lavieren, die letztendlich zu der Symptomatik führen, wegen deren Eskalation sie sich in psychotherapeutische Behandlung begeben. Es kommt durch die ungewöhnlich dichte Strukturierung des Klinikalltags zur sogenannten Aufschaukelung der Affekte, durch die problematische innerpsychische und zwischenmenschliche Muster sichtbar werden, die man im Alltag zudeckt zum Beispiel durch Ausweichen im wörtlich-räumlichem oder im metaphorischem Sinne, z. B. durch „Unterhaltung“. Es ist vor allem nicht nötig, über abwesende Freundinnen oder Mütter oder Kompaniechefs oder Abteilungsleiter usw. usf. zu sprechen, da sich die Symptome erzeugenden Empfindungen und Verhaltensweisen gegenüber diesen Personen gegenüber Therapeuten und Mitklienten in der Klinik wiederholen.

Dies trifft nicht immer zu, aber sehr häufig, wie nicht nur ich verblüfft feststelle. Was ich nicht bemerke, ist meine Wiederholung eines destruktiven Musters. Ich weiß alles, ich habe alles begriffen und damit ist die Sache erledigt; ich muss und werde mich auf nichts und niemanden wirklich einlassen. Als wir uns in den letzten Stunden unseres Aufenthaltes in der Hirschgartener Therapiestation zum Abschlussfoto aufstellen, dessen Aufnahme mittlerweile zu einem bewusstem Trennungsritual geworden ist, blödele ich, wir könnten uns doch vor den Marterpfahl stellen, den Klienten bereits vor geraumer Zeit als Gruppenprojekt gestaltet haben und der im Gegensatz zu den meisten dieser Projekte in der Klinik verblieben ist. Der Therapeut erwidert mit einer Mischung aus Verblüffung und Sarkasmus, das müsse gerade ich sagen, der ich „unblutig davongekommen“ wäre. Auch diese Rückmeldung wird gewissermaßen hinter meinem Rücken von meinen Gedächtnis gespeichert und es vergehen etliche Jahre, bis ich begreife, in welchem Sinn und Maße sie zutreffend ist.

Vor allem aber ist mein Aufenthalt in dieser Klinik ein grotesk grandioser Akt der Selbstsabotage, der mir, natürlich, gleichfalls erst lange Zeit später als solcher bewusst wird. Da jeder Tag in ähnlicher Intensität und mit gleicher Verbindlichkeit wie der Alltag in einer orthodoxen Religionsgemeinschaft vom Aufstehen bis zum Schlafengehen gewissermaßen durchstrukturiert ist, umgehe ich eines der Probleme, wenn nicht das Problem meiner Lebensgestaltung, die Fähigkeit und Bereitschaft zur Selbststrukturierung.

In diesem Sinne ist diese Therapie für mich „mehr desselben“ nach Watzlawick et. al.

Auch dies jedoch entspricht dem gesellschaftlichem Rahmen des Geschehens in dieser kleinen Lebenswelt – es geht alles seinen Gang, es ist alles geregelt, es entwickelt sich alles gesetzmäßig zum Höherem und Besserem usw. Das Tragikomische ist, dass es viele Menschen zu geben scheint, unter anderem mich, die derart selbstverständlich von dieser gesetzmäßigen Entwicklung überzeugt scheinen, dass sie nicht einmal den Versuch unternehmen, diese Überzeugung zu reflektieren oder gar zu verbalisieren. Es ist allerdings auch in diesem Kontext keine Ebene, kein Forum, kein Raum im mehrfachem Sinne auszumachen, auf der oder in dem ein solcher Versuch unternommen werden könnte.

* „… mit jahrelangen Asthma-Anfällen…“ Herr Koske?!!!