Silvester knallt es ohnehin

Wenige Wochen nach meiner Wohnungsbesetzung steht spätabends ein voll breiter Ausländer im Flur meiner Prenzlauerberghütte. Er hält lautstarke, eher empört klagende als aggressiv drohende Ansprachen. Ich bin betroffen, weil mir seine Empörung berechtigt, weil echt erscheint. Der Mann scheint sofort zu bemerken, dass ich bei den geringsten Anlässen Schuldgefühle entwickle und das befeuert seinen Wortschwall natürlich noch.

Die Sprache könnte Bulgarisch sein. Ich bin zwar überrascht, habe aber keine Angst. Zudem kann man meine Wohnungstür mit einer Schere oder dergleichen öffnen. Ich ziehe sie zu, wenn ich die Wohnung betrete oder verlasse und schließe nicht ab.

Ich denke nicht darüber nach, warum ich diesen Zustand nicht ändere. Er hat nichts mit Faulheit oder zwei linken Händen zu tun, die mich etwa daran hindern würden, ein richtiges Schloss einzubauen oder einbauen zu lassen. Diese Offenheit im wörtlichen Sinne scheint vielmehr mit dem mich nach meiner Ankunft in Berlin erfüllendem Empfinden des im übertragenen Sinne ins Freie Kommens zu tun zu haben oder zumindest mit der Sehnsucht danach. Die im doppelten Sinne offene Tür kann zudem lange Zeit niemandem auffallen, da ich etliche Monate allein auf der Etage wohne. Selbst dann, als offenbar Nachbarn ein und aus gehen, sehe ich sie nur alle paar Tage einmal kurz.

Ich habe eher das Gefühl, dass auch in dieser Szene eine Art Botschaft für mich enthalten ist. Sie scheint etwas unklar Drohendes jenseits von möglichen Übergriffen und Gewalttätigkeiten zu enthalten. Dieses Empfinden ist nur schwach und ich kann es sofort unterdrücken. Gewissermaßen übermannt von derartigen Gefühlen des mit ständigem leisen Grauen verbundenen Nabel der Welt seins werde ich erst nach meiner Montagswende 1986.

Das macht alles nichts – scheinbar. Das zählt noch unter „Erregende Abenteuer in meiner Traumstadt Berlin“. Ich ahne, dass diese Wahrnehmung von Außenstehenden als komisch gesehen werden dürfte. Jedoch erlebe ich etliche kleine Episoden, die mich in leise frohlockende Erregung versetzen, weil ich mich endlich im richtigen Leben wähne. An der berühmten Kreuzung Schönhauser etwa beobachte ich mit Verblüffung eine alte Frau, der man so was nie zutrauen würde. Sie beugt sich neben mir am Bürgersteig kurz nach vorn, kotzt auf die Straße und geht dann weiter, als hätte sie kurz geniest oder gehustet. Immerhin beziehe ich die Szene nicht auf mich, was ich nach meiner persönlichen Wende sehr wahrscheinlich tun würde.

Einmal beobachte ich einen Mann auf der anderen Seite der großen Kreuzung, schon am Anfang der Kastanienallee, der eine auf dem Fensterbrett eines Geschäftsraums liegende Stulle mit Jagdwurst oder dergleichen im Vorübergehen ergreift. Er beißt geradezu vergnügt hinein, legt sie wieder auf das Fensterbrett und geht beschwingt weiter. Dabei drückt seine Mimik und Gestik deutlich aus, dass alles normal wäre. Bei dieser Episode bin ich mir allerdings nicht sicher, ob ich sie selbst erlebt habe oder ob sie mir ein glaubwürdiger Bekannter erzählt hat.

Ich bin verblüfft, erheitert, entrückt und entzückt. Eine Art Verzauberung des Alltags! Kleine, vom Schema des Normalen, vom behütenden und bergenden seinen Gang Gehen abweichende Szenen. Woher kommt die Sehnsucht danach? Ist das Poesie, wie Strittmatter vielleicht erklärt hätte? Oder wirkt hier das unbewusste Verlangen, etwas nachholen zu wollen, das nicht zu erleben war, als es dem Stand geistiger Entwicklung in der frühen Kindheit entsprechend gewissermaßen dran gewesen wäre?

Selbstredend kommen mir diese Fragen erst Jahrzehnte später. Dann stelle ich fest, dass die Sehnsucht nach Darstellung solcher Mini-Szenen und vor allem der Selbstdarstellung in ihnen Millionen Uploads ins Internet generiert. Es scheint, dass nicht nur ich diese Sehnsucht habe. Ob man jedoch andererseits ein Leben nicht als festgefahren und banal ansehen muss, wenn Einem derartige Kinkerlitzchen als Abenteuer erscheinen, frage ich mich nicht und schon gar nicht einen anderen Menschen.

An Silvester 1986 unternehme ich einen immer wieder geplanten Selbstversuch. Es ist kindisch und selbstzerstörerisch. Ich bin jedoch geradezu besessen davon, so was einmal ausprobieren zu müssen und will über Motive dafür nicht nachdenken. Mein Nachbar lädt mich mehrfach zu einer Silvesterparty unweit unseres Hauses ein und ich lehne immer wieder ab. Dies ist nicht nur meine übliche Abwehrreaktion, die ich gar nicht mehr bewusst wahrnehme. Vielmehr finde ich es romantisch-avantgardistisch, hämisch vergnügt allein zu Hause zu bleiben an einem der Tage lautstarken Feierns in der Gruppe oder gar in der Masse. Auch derartige stolze Absonderung plane ich seit Langem.

Ich bitte den in einer Gaststätte arbeitenden Nachbarn, mir eine Granate zu besorgen, d. h. eine große, mindestens 0.7 Liter mental illuminierende Flüssigkeit enthaltende Flasche. Am besten wäre eine Flasche Blauer Würger, erkläre ich ihm. Damit meine ich Nordhäuser Doppelkorn, von dem vor der Wende böse Witze umgehen etwa des Inhaltes, man könne damit auch Risse im Asphalt ausbessern und dgl.

Der Nachbar besorgt mir diese Flasche umgehend, zumal ich gutes Trinkgeld gebe und mir großartig dabei vorkomme. Dann geht er ohne mich zu der Fete, zu der unter anderen ich eingeladen bin.

In weniger als einer Dreiviertelstunde leere ich die Flasche und trinke dazu noch etliche Biere, d. h., ich zelebriere einen Sturztrunk. Dieses Wort kenne ich allerdings noch nicht. Ich praktiziere Komasaufen und diesen Begriff gibt es noch gar nicht.

Vom weiterem Geschehen weiß ich fast nichts mehr. Ich entsinne mich nur an einen klaren Augenblick, in dem ich nackt im Hausflur stehe und der unter mir wohnende Mann mit dem uraltem ostpreußischem Namen mich anschnauzt: „Was macht Ihr denn da oben?“

Quasi wie üblich wird mir erst Jahre später klar, was dieser Ausruf insbesondere im Zusammenhang mit anderen Andeutungen bedeuten könnte. Offensichtlich werde ich nicht nur als Nachbar, sondern auch als Partner des Schwulen gesehen, mit dem ich es tierisch treiben würde. In Wahrheit rede ich viel mit diesem überaus intelligenten Mann und fasse ihn bis auf einige altertümlich-männliche Handschläge zur Begrüßung nicht einmal an. Zudem bin ich an diesem Silvesterabend ab etwa 21 Uhr allein auf der Etage. Kurzum – das übliche Prozedere! Würde neben mir ein Modellbauer wohnen, müsste ich wahrscheinlich mit Unterstellungen etwa des Inhalts rechnen, bei mir röche es nach Holzleim.

Ein glaubwürdiger Zeuge versichert mir, dass ich dem Ostpreußen vor die Wohnungstür geschissen habe. Ich kann mich daran nicht erinnern, muss aber wider Willen lachen. Um diesen Affront gegen eine mich an meinen Vater erinnernde männliche Autoritätsperson zu deuten, bedarf es keiner psychoanalytischen Vorbildung.

Ich erwache am Neujahrsmorgen völlig klar und frage mich bis heute, ob mir etwa vom Notdienst etwas verabfolgt wurde. „Völlig klar“ ist allerdings insofern unzutreffend, als das etwa seit der Mitte des Jahres mit dem Budenzauber einsetzende und als eine Art Hintergrundstrahlung meine Psyche im Wachen und im Schlafen begleitende leise Grauen an diesem Neujahrsmorgen heftig verstärkt ist. Vielleicht jedoch führt die körperliche Abreaktion zum Ausscheiden des größten Teils Alkohol. Diese Sturztrünke können lebensgefährlich werden, weswegen der darauf oft einsetzende Bewegungssturm lebensrettend sein kann. Sowohl diesen Begriff als auch diesen Mechanismus kenne ich gleichfalls noch nicht.

Einen großen Teil meines Mobiliars habe ich vor allem durch das geschlossene Küchenfenster geworfen. Eine Schüssel mit eingeweichter Wäsche liegt ebenfalls unten. Eine Gardine ist derart über das im fast sonnenscheinlosen Minihof vor sich hin kümmernde Bäumchen drapiert, als würde jemand an postmodernen Kunst-Installationen arbeiten.

Bei meinem längerem Blick aus dem Fenster sieht ein Mieter aus der ersten Etage des nördlich angrenzenden Vorderhauses zu mir hoch. „Haben Sie Dir die Bude ausgeräumt?“, fragt er scheinbar bekümmert, aber auch leise lauernd, was ich immerhin bemerke. Vor dem Einsetzen der Tätigkeit meines Denkapparates antwortet jedoch der nützliche Idiot in mir: „Nee, war ich!“ Wieder einmal wirkt mein Zwang zur Authentizität unter Vermeidung von auch nur Ansätzen von Phantasie unangenehm erfolgreich. Der Kopf des Mannes ruckt wie von einer sich spannenden Feder gezogen in seine Wohnung zurück und die Fenster knallen zu.

Bis zu diesem Neujahr bemerkt fast niemand mein Gebaren eines Illegalen, Untergetauchten. Man kann es nicht bemerken, weil ich laute Geräusche vermeide, auf Socken durch die Wohnung schleiche usw. Jetzt jedoch scheint es offiziell – ein Wohnungsirrer!

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