„Sie reden zu viel, Herr Koske!“

Er kommt aus Litauen und versteht kein Wort Deutsch. Er ist wohl bereits Diplom-Psychologe und absolviert im sozialistischen Bruderland eine Zusatzausbildung zum Therapeuten.

Nicht nur ich bin schwer beeindruckt. Der Mann hospitiert nicht nur in fast allen Therapieformen, sondern arbeitet darin mit, als wäre er Klient, und strahlt dabei vor allem eine heitere Gelassenheit aus, mit der er geradezu eine Art unbewusste Mediation praktiziert. Es fällt schwer oder scheint gar nicht möglich, an die Decke zu gehen, wenn er in der Gruppe sitzt.

Ich bilde mir ein, besser als bisher zu begreifen, was in den regelmäßig auszufüllenden Fragebögen mit „emotionaler Stabilität“ gemeint sein könnte. In einem dieser Fragebögen soll man die eigene emotionale Stabilität einschätzen, obwohl die Unfähigkeit zu derartigen Selbstwahrnehmungen, was mir wiederum erst Jahre später klar wird, eines der grundlegenden Probleme der hier therapierten Störungen sein dürfte.

Ich bin mir sicher, dass meine Wahrnehmung des Litauers nicht verzerrt ist, vielmehr sie von vielen Klienten sinngemäß geäußert wird. Besonders die Frauen sind begeistert, und wieder einmal frage ich mich, ob ich jetzt nicht eigentlich eifersüchtig sein sollte, und ob ich es wäre, und wieder einmal verdränge ich diese Erwägungen sofort.

Eine kleine Sensation aber ist das Abschiedsritual des Mannes, und ebenfalls keineswegs nur nach meinem Empfinden. Da er vor allem durch die Begleitung meiner Therapiegruppe hospitiert hat, d. h., eher teilgenommen als beobachtet, überreicht er jedem Gruppenmitglied zum Abschluss und als Dank dafür, dass er in der Gruppe zugegen sein durfte, eine Postkarte mit Ansichten seiner Heimatstadt Vilnius.

Mehrfach ist mir in der Gegenwart des Mannes eingefallen, dass einer der stereotypen Sätze meines Vaters über Flucht und Vertreibung und überhaupt seine Herkunftsfamilie den deutlich resignierten Hinweis enthalten hat, bereits sein Vater hätte einen, zurückhaltend ausgedrückt, Umzug über weite Strecken absolviert, und zwar aus dem Litauischen. Diesen Gedanken verdränge ich erst recht.

Meine Postkarte zeigt im oberen Teil in der Ferne eine majestätisch thronende Burg wie aus einem der zu Recht überaus beliebten Märchenfilme der „Mosfilm“-Studios. In der unteren Hälfte dagegen sieht man kleine, enge Gässchen, in denen aber beispielsweise mehr künstlerisch als handwerklich akribisch gestaltete und zum Teil vergoldete Zunftzeichen über Ladentüren hängen und dgl.

Ich selbst bin am meisten überrascht, dass ich auf Anhieb verstehe, was der Mann mir sagen will. Das Große und Großartige, Majestätische, prachtvoll Prunkende usw. suche ich in der Ferne, nehme jedoch gar im Wortsinn goldene Kleinode in den Gässchen vor meiner Nase selten oder nicht wahr. Ich fühle mich gesehen, bin aber wiederum zu meiner eigenen Verblüffung keineswegs unwirsch oder wütend.

Auch hier bin ich mir sicher, keinen Knick in der Optik zu haben; die anderen Gruppenmitglieder fühlen sich erklärtermaßen ebenso genau wahrgenommen, ja, einige Frauen sind geradezu aus dem Häuschen. Der Mann beherrscht nach den wenigen Wochen nur Alltagsfloskeln der deutschen Sprache und hat dennoch die Gruppenmitglieder bis in die Tiefe gesehen, in der es zur Sache geht und oft weh tun kann oder sogar sollte, damit sich was ändert.

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