Sichtbar Werden lohnt sich nicht

Am stärksten wirkt das Theater, wenn man es von der gegenüber liegenden Straßenseite aus sieht. Es führen nur sieben Stufen zu seinem Vorplatz hinauf, die jedoch bewirken, dass das Gebäude wie auf einem kleinem Hügel errichtet erscheint.

Ohnehin ist dieses Theater das mich am deutlichsten an antike Tempelbauten erinnernde Gebäude der Stadt, wie ich sie von Zeichnungen und Fotos kenne. Dabei weiß ich als Jugendlicher noch nicht, dass diese Wirkung beabsichtigt ist. Das zweite Buch, das ich in meinem Leben außerhalb der Schullektüre lese, ist der dritte Band der „Schönsten Sagen des klassischen Altertums“ von Gustav Schwab. Mein Vater hat mich auf das Buch aufmerksam gemacht in diesem Ton, mit dem er mich nachdrücklich darauf hinzuweisen pflegt, dass ich mich mit dem von ihm angesprochenem Thema beschäftigen sollte. Nachher halte ich es für eine Art glückliche Fügung, dass ich meine Schulzeit beginne mit Erzählungen vom Beginn der in der Schule behandelten Literatur.

Das Theater hat für mich in der Tat etwas von Brettern, die die Welt bedeuten. Das empfinde ich lange, bevor ich auf ihnen stehe. Das Theatergebäude wirkt nicht nur auf mich als Höhepunkt einer imposanten Magistrale. Es ist für mich jedoch sozusagen mit Sonntagsstimmung besetzt, weil ich mit der Mutter oder dem Vater viele Dutzende Male an ihm vorbeilaufe und am häufigsten an Sonn- und Feiertagen.

In der Vorhalle und den Foyers neben dem eigentlichem Saal scheint immer eine eigenartige Dämmerstimmung zu herrschen, obwohl dort unzählige Lampen an Decken und Wänden leuchten. Große Flächen dieser Räume sind mit Holz verkleidet. Das Gebäude hat etwas Gediegenes, Repräsentatives, Weitläufiges, Heiter-Entspanntes, über private Rahmen hinaus einladend Anheimelndes. Am liebsten würde ich hier jeden Abend verbringen. Selbstverständlich tue ich das nicht. Das wird sich ergeben, das wird sich wie von selbst regeln.

Auch die Teppiche, Läufer und Vorhänge in den Gängen und Räumen erzeugen eine Stimmung, die das Atmosphärische, dieses in gewissem Maß nach draußen, in die Welt Verweisende des hügelartig erhöhten Theatervorplatzes und der angrenzenden Einrichtungen mit Publikumsverkehr wie der Bibliothek und der Eisbar zu verstärken scheinen.

Mir scheint, dass die einige Meter hohen Vorhänge in den Foyers immer zugezogen sind, obwohl das sehr wahrscheinlich nicht zutrifft. Nicht nur ist die Welt da draußen wenn nicht ausgeschlossen, so doch deutlich abgegrenzt, vielmehr wird damit auch eine eigene kleine Welt aufwendig umschlossen.

Einen Gedanken zu diesem Theater habe ich schon als Schüler, der eben die Welt der Literatur für sich zu entdecken begonnen hat, sich jedoch noch nicht völlig darin zurückgezogen als die einzige ihm möglich erscheinende typische Nische eines DaDaeR-Bürgers. Das Theater ist technisch hervorragend ausgestattet, und man könnte oder gar sollte versuchen, ein eigenes Ensemble aufzustellen. Das geschieht jedoch nie und ich verdränge diesen Gedanken auch immer wieder bei seinem Auftreten. Das wird sich regeln, das geht seinen Gang.

Dennoch ist das Theater ausgelastet, indem zum Beispiel an mehreren Abenden in der Woche Filme vorgeführt werden. Zudem gibt es dort Gastspiele auswärtiger Schauspiel- und Musikensembles sowie regelmäßige Auftritte von Gruppen des auch nach Nachwendemaßstäben außerordentliche kulturelle Leistungen erbringenden Volkskunstensembles des großen Werkes.

Auch ich besuche das Theater mehrfach bei Filmvorführungen. Dabei habe ich eine der stärksten Erlebnisse der Rezeption von Kunstwerken in meinem Leben. Zu meiner Freude gibt es außer mir nur noch zwei oder drei Besucher, als Bergmans „Herbstsonate“ gezeigt wird. Nach dem Film zittere ich am ganzem Leibe und bin froh, nach draußen, in die gewohnte Realität zu kommen. Mir ist durchaus klar, dass diese heftige Reaktion gewissermaßen psychogen ist, obwohl ich Begriffe wie „neurotisch“ und „hysterisch“ noch nicht kenne. Auch das Wort „verdrängen“ kenne ich noch lange nicht, aber selbstverständlich verdränge ich gerade dieses Erlebnis.

Nie bin ich so dicht an Klassenkeilen wie bei einem in diesem Theater erlebtem Höhepunkt meiner Schulzeit. Ich weiß allerdings nicht, ob die im Wortsinn verabfolgt worden wären, als körperliche Züchtigung; wir sind immerhin 16 und 17, und das angestrebte Zeugnis heißt „Reifezeugnis“. Nur wenige Jahre später rede bzw. schreibe ich sarkastisch davon, ich hätte ein Unreife-Zeugnis mit dem unbefriedigendem Prädikat „Befriedigend“ erworben.

Hier zeigt sich wieder die Ersatz-, Kompensations- und Selbstbelohnungsfunktion selbst der dilettantischsten literarischen Bemühungen. Misserfolg im Leben wird in gewissem Sinne umzudeuten versucht durch Lustgewinn durch gekonnte oder für gekonnt gehaltene schriftliche Erörterungen von unlustig Erlebtem. Zugespitzt gesagt würde ich meine Großmutter verkaufen für eine gelungene Formulierung. Das betrifft nicht nur mich und das ist nicht nur witzig und dessen bin ich mir unklar schon als Pennäler bewusst.

Immer wieder bin ich verblüfft, dass ich während meiner Schulzeit nie verkloppt werde. Mir scheint, dass ich des Öfteren in einer Außenseiterposition bin, die derartige Übergriffe provozieren müsste. Vor allem aber habe ich wieder einmal das Empfinden des ausgeschlossen Seins aus Bereichen der Wirklichkeit, in denen es um sich Bewähren, Standhalten, sich Wehren usw. geht. Immerhin ist mir klar, dass dieses Empfinden als mindestens seltsam gesehen werden dürfte, und unter anderem deshalb äußere ich es nicht.

Eine Art Wettbewerb in deutscher Sprache und Literatur steht an. Alle Schulen der Stadt, und das sind 16 oder 17 mit tausenden Schülern, nehmen alljährlich an einer Art Präsentation teil, die in diesem Theater öffentlich vorgeführt wird. Schüler versuchen sich an Rezitationen und Lesungen und es werden Szenen aufgeführt, von denen viele von Schülern der sich bewerbenden Klassen selbst geschrieben worden sind.

Ich bin Mitglied der Singegruppe sowie des Dramatischen Zirkels der Schule. Vor allem deshalb werde ich von Mitschülern meiner Klasse beauftragt, einen Sketch für diesen Wettbewerb zu schreiben. Die Laientheatergruppe, die nicht nur kabarettistische Sketche aufführt, sondern auch Szenen von Brecht oder dramatisierte Episoden aus Kants „Aula“, wird von meinem Klassenlehrer geleitet, der gelegentlich selbst auftritt und dabei großes komödiantisches Talent beweist.

Zu meiner Verblüffung schüttelt sich der Lehrer vor Lachen, als ich ihm einige Texte vorlege, mit denen ich Werke bekannter Humoristen gewissermaßen nur gecovert habe. Ich spüre deutlich, dass er nicht nur lacht, um mich zu ermuntern und zu ermutigen. Nachdem ich im Abschlusshalbjahr der zehnten Klasse auf die Erweiterte Oberschule wechseln und bei den Prüfungen zur mittleren Reife entgegen allen Erwartungen noch in zwei Fächern meine Zensuren verbessern konnte, bin ich in der elften Klasse völlig abgestürzt.

Mir ist nicht klar, dass diese Entwicklung weniger auf mangelnde Fähigkeiten zurückzuführen ist, sondern vor allem auf die nicht mehr erfolgende Integration in die Klasse. Ich bin nun endgültig ein leicht sonderbarer Hospitant. Deshalb sind der Singeclub und die Theatergruppe für mich das, was ich später in therapeutischem Kontext als „freien Bereich“ bezeichnet finde. Ohne diesen Klassenleiter und die Musiklehrerin, die mich in den von ihr geleiteten Singeclub aufnimmt, obwohl ich in ihrem Unterricht meist nicht singen muss und auch in diesem Club vor allem als Texter mitarbeite, würde ich ziemlich alt aussehen.

Zum erstem Mal erlebe ich nun mehrere Mitschüler gleichzeitig ernsthaft wütend auf mich. Noch in der Woche vor dem Auftritt habe ich keine Zeile fertig. Jedoch geschieht etwas, das mir selbst wie ein kleines Wunder erscheint, aber offenbar nicht nur mir. Ich dresche einen Tag vor dem Auftritt einen Text in eine geliehene Schreibmaschine, verteile Abschriften davon an die Mitschüler, die sich für den Auftritt bereit erklärt haben, und bin erleichtert, dass dieser Quatsch erledigt scheint.

Der Plot, falls man von einem solchem sprechen kann, ist Klischee. Ich habe inzwischen aus eigenem Antrieb viele Bücher auch außerhalb des Lehrplans gelesen und weiß daher, was ich von meiner Verarbeitung dieser Grundidee in meinem Sketch zu halten habe.

Eine sechzehnjährige Schülerin versucht, ihren Eltern und insbesondere ihrem Vater möglichst schonend beizubringen, dass sie ungewollt schwanger wäre. Mir gelingt der Höhepunkt und Abschluss der sich zuspitzenden Situation mit einer überraschenden Wendung, die ich vergessen habe.

Das Sujet scheint mir jedoch aus mehreren Gründen unpassend. Ich bin immer wieder verblüfft über heftige, ja hitzige Diskussionen in Jugendzeitungen- und Zeitschriften über Themen wie ungeplante Schwangerschaft bei Schülerinnen oder auch nur Küssen auf dem Schulhof sowie Rauchen hinter der Turnhalle usw. Zudem bin ich neidisch, weil ich wieder einmal das Empfinden habe, von Wesentlichem, Charakteristischem, Typischem ausgeschlossen zu sein. Warum gibt es diese Diskussionen nicht in meiner unmittelbaren Umgebung? Oder nehme ich sie nicht wahr?

Das ist aber nur sozusagen mein persönlicher Teil der Geschichte. Auch erst sehr viel später wird mir klar, und sehr wahrscheinlich nicht nur mir, dass ich, was diese Themen angeht, eine positive Ausnahme erlebe. Ich bin selbst dabei, als ein Lehrer aus dem Klassenraum geradezu stürzt, um das Baby einer Schülerin zu bewundern, die eigentlich eben in seinem Unterricht sitzen müsste.

Was das Rauchen angeht, so erweisen sich die Lehrer meiner Schule als sehr vernünftig tolerant, indem sie Verbote für nicht konstruktiv halten. Stattdessen wird eine offizielle Raucherecke eingerichtet, auf der jeder ab 16 „Eine durchziehen kann, qualmender Weise“, wie einmal meine Klassenleiterin an meiner alten Schule zur Erheiterung der Klasse formuliert.

Kurzum, das Thema meines Sketches ist vielleicht nur ein Scheinthema oder behandelt zumindest ein Problem außerhalb meiner Klasse, von der dieser Sketch nun aufgeführt wird.

Ich spiele den Vater und dabei triefe ich geradezu vor Klischees. Am liebsten würde ich mit Pantoffeln, Hosenträgern und einer Weste auftreten, von der Erich Weinert in seinem „Sozialdemokratischem Mailiedchen 1923“ schreibt: „Und reich mir wieder die gestrickte Weste/Wie einst im Mai!“ Ich besitze eine solche Weste, die mein Vater mir überlassen hat. Sie ist gestrickt aus eigentümlich hellolivgrüner Wolle mit einer Art Metallic-Effekt. Entweder ist die Wolle von drüben oder für den Export bestimmt.

Zumindest halb bewusst ist mir, dass ich mit diesem Detail punkten will. Seitenhiebe auf Sozialdemokraten liegen offenbar in der Linie der Partei. Selbst der zu dieser Zeit nicht nur von mir begeistert gelesene Erwin Strittmatter erlebt mit dergleichen sarkastischen Anspielungen den Beifall führender Genossen. Im ersten Teil seiner Romantrilogie „Der Wundertäter“ etwa verballhornt er Sozialdemokraten als „Spezialkameraden“, worüber ich mich tagelang immer wieder amüsiere.

Auf der Bühne des Theaters agiere ich zunächst geradezu roboterhaft. Ich will nur schnell diesen im doppelten Sinne peinlichen Auftritt im doppelten Sinne über die Bühne bringen.

Der Saal ist gerammelt voll. Es sitzen nicht nur Schüler und Lehrer im Zuschauerraum, sondern auch Eltern und Geschwister sowie im lokalem Rahmen führende Genossen. Wieder nehme ich wahr, dass das Theater technisch sehr gut ausgestattet ist. Neuerlich habe ich diesen Gedanken, den ich sofort weg schiebe, dass man vor allem deshalb an diesem Haus ein eigenes Ensemble etablieren könnte oder gar sollte.

Es beginnt eine dieser mentalen Ertüchtigungsübungen, die mit albern abwertenden Bezeichnungen wie etwa „Todessprung von der Teppichkante“ parodiert werden. Ich muss da jetzt durch, obwohl das ganze Geschehen völlig surreal und eigentlich unmöglich erscheint.

Ich beginne in meiner Rolle als mit der Schwangerschaft seiner Tochter konfrontierter Spießer-Papa die Aufführung des dürftigen Stückchens. Dabei sitze ich fast an der Kante der Bühne zum Zuschauerraum auf einem Stuhl, lese im Organ der Bezirksleitung der Partei und deklamiere den ersten Satz des Mikro-Dramas geradezu marktschreierisch: „Diese Zeitungen sind besser als die besten Abführmittel!“

Die Unwahrscheinlichkeit dieses Auftritts gipfelt jetzt darin, dass buchstäblich der ganze Saal vor Lachen brüllt. Nicht nur ich bin vor Verblüffung wie vor den Kopf geschlagen. Das hat jedoch den positiven Effekt, den ich auch wahrnehme, dass von meinen Mitspielern eine Art Bann gelöst wird; alles Weitere spielt sich buchstäblich in der Weise wie von selbst, wie ich es nur aus Lektüre kenne. Nach einer Viertelstunde werden wir vom Publikum mit ehrlichem stürmischem Beifall verabschiedet. Einige Stunden später nehme ich in einer Art Betäubung wahr, dass wir diejenige der an diesem Wettbewerb teilnehmenden Schulklassen der Stadt sind, die für ihren dramatischen Versuch den ersten Preis gewonnen hat.

Es geht nicht um berühmt Werden als großer Schauspieler und dgl.; natürlich bleiben spöttische, aber dennoch leise anerkennende Bemerkungen in dieser Richtung nicht aus. Zumal ich zu dieser Zeit bereits einer der schlechtesten Schüler der Abiturstufe bin, den man bereits abzuschreiben beginnt, erlebe ich eine Art Auftauchen aus der Versenkung, sich Zeigen und gesehen Werden, sichtbar Werden in Wesentlichem.

Wie etwa ein halbes Dutzend Mal in meiner Schul- und Armeezeit bin ich sichtbar geworden, für einen Moment. Dann ist wieder alles weg, alles nur geträumt.

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