Schulzeit – Drei

Die zweite Klasse beginne ich in in einer neuen Klasse und in einer neuen Schule. Die Klassenleiterin wirkt erst etwas irritiert und dann amüsiert, weil ich an ihren Lippen zu hängen scheine. In Wahrheit bin ich fasziniert von einer harmlosen kleinen Neubildung auf ihrer linken Wange. Sie hat dort eine mehrere Millimeter große Warze, aus der ein etwa streichholzlanges Haar wächst. Ich bin wie hypnotisiert von diesem Haar, was offenbar den Eindruck angestrengter Aufmerksamkeit erweckt.

Ich würde mich bei dieser Lehrerin aber auch ohne dieses markante Detail um Aufmerksamkeit bemühen. Sie ist ein Rubens-Typ, füllig und resolut. Diese Art Frauen löst in mir leise Angst aus. Womöglich hat diese Angst aber nichts mit der Körperlichkeit zu tun, sondern damit, was von dieser Frau zu mir herüber kommt. Die Frau ist streng und fordernd, aber sie nimmt mich auf eine Art ernst, die ich wiederum nicht in Worten erfassen kann und die mir unheimlich ist.

In einer der ersten Stunden der zweiten Klasse üben wir den Gebrauch des Hausaufgabenheftes. Wieder spüre ich diesen Drang, alle Aufträge so schnell und korrekt wie möglich auszuführen, bevor sie von Erwachsenen überhaupt zu Ende formuliert oder erläutert worden sind. Das gelingt mir auch sehr häufig. Ich tue das aber weniger, um mit meiner Leistung zu glänzen, sondern, um in Ruhe gelassen zu werden. Mit heutigem Ausdrucksvermögen gesagt, nutze ich das möglichst perfekte Funktionieren auf der Sachebene, um der Beziehungsebene auszuweichen. Desto schneller und besser ich die Aufgabe erledige, desto weniger wird mir jemand auf die Pelle rücken, wie eine Lieblingsformulierung meines Vaters lautet.

Wir beginnen mit der Beschriftung des Etikettes auf der ersten Umschlagseite des Hausaufgabenheftes. Sorgfältig fülle ich die Zeilen aus. Nach wenigen Minuten stelle ich verblüfft fest, dass ich nicht meinen Namen auf mein Hausaufgabenheft geschrieben habe, sondern den meiner Banknachbarin.