Sätze und Gesetze

„Ach, wären wir bloß allein geblieben!“, ist einer der Lieblingssätze meines Vaters. Mit „wir“ meint er sich und mich unter Ausschluss meiner Mutter, die er bei jeder Gelegenheit als Wurzel alles Bösen und Quelle alles Üblen darstellt. Ich komme gar nicht auf den Gedanken, ihn zu fragen, warum er die Frau dann überhaupt geheiratet hat. Die berüchtigte Schere im Kopf ist größer und wird früher angesetzt, als ich wahrzunehmen vermag.

Zudem ist dies einer der Sätze, die mich durch meine ganze Kindheit begleiten. Es gibt mehrere solcher Sätze, die mein Vater in den Raum stellt, als wolle er eherne Gesetzestafeln installieren. Natürlich zähle ich nicht mit, aber dieser Satz kommt bestimmt einige Dutzend Male.

Oft ist die Äußerung des Satzes begleitet von einer für meinen Vater überaus typischen, ja, der typischen Handbewegung – diesem abkippen Lassen der Hand aus dem Gelenk. Diese Geste führt mein Vater meist derart müde und resigniert aus, dass man zögern muss, von „Abwinken“ zu sprechen. Der Betrag der für diese Geste verwandten Energie reicht nicht aus, um diese Bezeichnung zu rechtfertigen. Es hat eh‘ alles keinen Sinn! Alles Haschen nach Wind!

Ein weiterer dieser Sätze, den ich in den neunzehn Jahren meines Aufenthaltes mindestens ein Dutzend Mal von meinem Vater höre, ist die Versicherung, dass er irgendwann einmal alles aufschreiben würde. Mit „alles“ meint er, wie mir schon früh klar wird, seine Erlebnisse bei Vertreibung und Flucht aus Königsberg in Ostpreußen.

Erst wieder rund zwanzig Jahre später stelle ich mir immer wieder die Frage, obwohl ich sie immer wieder für an den Haaren herbeigezogen halte, ob mein seltsamer Schreibblock, der sich bei lobenden Rückmeldungen zu meinen Texten eher verstärkt, etwas mit dieser Blockierung meines Vaters zu tun haben könnte, der mit einiger Sicherheit nie alles aufgeschrieben hat.