Sätze und Gesetze

Mein Vater steht mit diesem rührendem und ansteckendem melancholischem Lächeln im Türrahmen des Kinderzimmers und murmelt: „Du hast es gut!“ bzw. „Ihr habt es gut!“ Das Wichtigste auch an diesen Dutzende Male gehörten Sätzen ist nicht der Inhalt, sondern das zwischen oder hinter den Worten Gesagte. Auch diese Sätze sind die sprachliche Entsprechung müden Abwinkens. Es lohnt sich alles nicht. Es ist müssig, den in Worten angedeuteten Sachverhalt erörtern zu wollen. Alles Haschen nach Wind!

Immer wieder versuche ich mir die von ihm in stereotypen Sätzen angedeuteten Schlüsselszenen seiner Kindheit vorzustellen. Es steigen oft diffuse Bilder vor meinem geistigem Auge auf. Spätestens nach Schulbeginn ist nicht klar, ob und wie weit ich diese inneren Szenen aus Büchern oder Filmen übernehme. Aber darüber denke ich ohnehin nicht nach. Zudem setzt erst etliche Jahre nach der Wende eine Art Boom von Büchern und Filmen über Vertriebene und deren weiter gegebene Traumata ein. Zu meiner Überraschung muss ich dann feststellen, dass sehr viele Menschen immer wieder ähnliche Erfahrungen zu machen scheinen wie ich mit meinem Vater. Dieses gebetsmühlenartige herunter Leiern der immer gleichen wenigen Sätze über furchtbare Erlebnisse kennen offenbar sehr viele Leute von Kriegskindern in ihrer Familie. Versucht man, weiter in die Betroffenen zu dringen, machen sie dicht oder werden gar wütend.

Einige dieser stereotyp vorgebrachten Short-Short-Stories sind wahrscheinlich bleibend in meinem Gedächtnis gespeichert. Etwa die wenigen resigniert hingeworfenen Sätze meines Vaters über das Haus seiner Eltern in Königsberg. Es führt eine Art Stange dicht unter dem Dach herum. An dieser Stange ist eine stabile Kette befestigt und an dieser Kette bewegt sich ein Halbwolf in relativ großem Radius um das Haus und bewacht es sehr zuverlässig. Das Tier lässt nur ihn und seine Mutter an sich heran. Mehr kommt nicht. Irgendwann gebe ich es auf nachzubohren, weil auch mein Vater dann dicht macht und wütend wird.

Ich halte es nicht nur nach diesen Andeutungen für sehr wahrscheinlich, dass mein Vater der Liebling seiner Mutter ist. Unter anderem deswegen verbietet er mir meine Mutter in gewissem Sinne, macht sie herunter usw. Hier wirkt nicht das angemessene Verbot der Mutter durch den Vater, auf das ein Psychoanalytiker mich in geradezu verächtlich überlegenem Ton auf den Ödipus-Komplex anspielend hinweist. Diese Art unbewusste Solidarität von Kriegskindern erlebe ich auch nicht zum erstem Mal. Nur tritt sie jetzt bei einem erfahrenem Therapeuten auf. Womöglich gilt hier das Sprichwort, im Hause des Schusters würden die Kinder in kaputten Schuhen herum laufen.

Das ist nicht arrogant. Wiederum einige Jahre nach der Wende lese ich wiederum verblüfft einen Bericht über einen psychotherapeutischen Kongress unter anderem zu Nachwirkungen von Kriegstraumata. Der Referent berichtet von einem Kollegen, der bei seinem Vortrag geradezu aus dem Saal stürzt. Am nächsten Tag entschuldigt sich dieser Kollege bei dem Referenten mit der sinngemäßen Auskunft, er wäre Flüchtling aus Königsberg und bei diesem Referat wäre alles wieder hoch gekommen und er hätte das nicht ausgehalten.

Wenn jedoch hochqualifizierte Therapeuten mit jahrzehntelanger Erfahrung in dieser Weise reagieren auf auch nur Andeutungen des Themas, könnte sich die Frage aufdrängen, was man von Otto Normalverbraucher bei dessen Versuchen der Bewältigung weitergegebener Traumata erwarten darf. Es bedarf zudem keinerlei psychologischer Vorbildung zur Deutung der Tatsache, dass Deutschland eines der letzten Länder ist, in denen sich Fachleute mit Theorie und Therapie von Traumata insbesondere durch Kriegsschäden- und Folgen befassen.

Zu dieser authentischen Anekdote mit dem Halbwolf passt ein weiterer, von meinem Vater in noch knapperen Andeutungen weniger Sätze gehaltener Bericht. Mein Großvater wäre in unregelmäßigen Abständen von Wutausbrüchen gebeutelt worden. Die ganze Familie hätte diesen Jähzorn gefürchtet. Ich kenne meinen Großvater nicht. Dennoch werde ich etwa ab meinem 25. Lebensjahr immer wieder von ab einem bestimmtem Punkt nicht mehr steuerbaren Wutattacken gepeinigt. Milde formuliert, schieße ich dabei privat und beruflich mehrfach tragikomische Selbsttore.

Wenn ich meinen Vater treffen will, muss ich das an einer Stelle tun, wo es weh tut. Das ist der unbewusste und damit umso wirksamere Antrieb hinter oder „unter“ diesen Ausbrüchen. Kinder lernen dergleichen ungewollt und ohne Worte und daher nachhaltig bis zum Makaberem.

Schließlich erlebe ich wiederholt diese sich gleichfalls auf wenige Sätze beschränkende Andeutung der Flucht aus Königsberg. Mein Vater wacht als Sechsjähriger nachts davon auf, dass die Scheiben des Fensters neben seinem Bett in unzähligen Splittern auf die Bettdecke spritzen. In der Straße ist eine Bombe der Royal Air Force eingeschlagen. Meine Großeltern, mein Vater und seine Geschwister laufen aus dem Haus und begeben sich mit den längst fertig gepackten Wagen auf den Treck.

Mehr kommt nicht. Nur einen weiteren Satz zum Thema höre ich von meinem Vater zu diesem Erlebnis immer wieder. Er äußert ihn jedoch völlig aus dem Kontext des jeweiligen Gesprächs fallend und ohne den Hinweis auf diesen Beginn der Flucht. Er wäre etliche Monate als sogenanntes Kompaniekind mit der Roten Armee mitgezogen. Dann geht schneller und unwiderruflicher als bei allen anderen Andeutungen die Jalousie herunter. Durch diesen immer wieder völlig unerwartet und unangebracht geäußertem Satz meines Vaters lerne ich früh, Nachfragen zu unterlassen. Er reagiert an dieser Stelle besonders verächtlich und wütend. Verächtlich, weil es sich um quasi mystisch erhöhte Erlebnisse handelt, zu denen ich keinen Zugang habe und zu denen er mir auch nie Zugang gestatten wird.

Einige Jahre vor der Wende erfährt mein Vater, dass er keineswegs die Vollwaise ist, für die er über vierzig Jahre lang gehalten wird und sich hält. Alle Angehörigen seiner Ursprungsfamilie leben im Westen. Den Ton, in dem er mir diese Entdeckung mitteilt, erkenne ich als ebenfalls für Kriegskinder typisch. Es ist, als wolle er mitteilen, in seiner ehemaligen Grundschule wären ein paar Ziegeln vom Dach gefallen.

Es gibt jedoch auch etliche stehende Redewendungen meines Vaters, die sich auf die Gegenwart beziehen. „Wären wir bloß allein geblieben!“ ist einer der Lieblingssätze meines Vaters. Mit „wir“ meint er sich und mich unter Ausschluss meiner Mutter, die er bei jeder Gelegenheit als Wurzel alles Bösen und Quelle alles Üblen darstellt. Ich komme gar nicht auf den Gedanken, ihn zu fragen, warum er die Frau dann überhaupt geheiratet hat. Die berüchtigte Schere im Kopf ist größer und wird früher angesetzt, als ich wahrzunehmen vermag.

Zudem ist dieser einer der Sätze, die mich durch meine ganze Kindheit begleiten. Es gibt mehrere solcher Sätze, die mein Vater in den Raum stellt, als wolle er eherne Gesetzestafeln installieren. Natürlich zähle ich nicht mit, aber dieser Satz kommt bestimmt einige Dutzend Male.

Oft ist die Äußerung aller dieser Sätze begleitet von einer für meinen Vater überaus typischen, ja, der typischen Handbewegung. Er lässt seine Hand schlaff aus dem Gelenk abkippen. Diese Geste führt mein Vater meist derart müde und resigniert aus, dass man zögern muss, von „Abwinken“ zu sprechen. Der Betrag der für diese Geste verwandten Energie reicht nicht aus, um diese Bezeichnung zu rechtfertigen. Es ist alles Haschen nach Wind!

Der Satz aber, den mein Vater in meiner Kindheit am häufigsten wiederholt, ist „Drückt er wieder auf die Tränendrüse!“ Das klingt, als wollte er zum Beispiel sagen: „Was heult der denn wegen solcher Kinkerlitzchen wie dem kaputtem Spielzeugauto?!!!“ Erst viele Jahre später wird mir ein weiterer Satz klar, der bei diesen Wiederholungen unausgesprochen mitschwingt. „Was sind diese Kinkerlitzchen gegen meine Erlebnisse in diesem Alter!“ Natürlich kann ich als Fünf- oder Zwölfjähriger nicht begreifen, dass dieser Vergleich eine gewisse Berechtigung hat.

Grotesk ist, dass ich erst mit 50+ bemerke, wer eigentlich „auf die Tränendrüse drückt“. In Dutzenden Situationen, in denen mein Vater konfrontiert wird, Stellung beziehen muss, sich klar abgrenzend eindeutige Regelungen treffen usw., werden seine Augen feucht und er murmelt monoton Entschuldigungen. Manchmal entwickelt er diese Reaktion ohne erkennbare Aktion, d. h. ohne ersichtlichen Anlass und scheinbar aus heiterem Himmel. Ich bin verblüfft, als ich eine ähnliche Reaktion bei einem bekanntem Künstler erlebe, der das Dritte Reich im KZ überlebt hat. Hier auf Langzeitwirkungen von Traumatisierungen zu schließen, bedarf es keiner einschlägigen Vorbildung. Natürlich verdränge ich diese Wahrnehmung sofort. Ich wüsste keinen im wörtlichem oder übertragenem Sinne Ort, an dem ich sie auch nur aussprechen könnte.

Ich bin aus eigener beschämender Erfahrung sicher, dass gewalttätiges Verhalten von Männern oft aus der Unfähigkeit zum Zulassen von Trauer und Schmerz resultiert. Dies ist keine Entschuldigung für Gewalt, aber ein Versuch ihrer Erklärung. Diese Unfähigkeit auch nur zu benennen, brauche ich gleichfalls Jahrzehnte. Ich bleibe immer wieder „auf Unerledigtem sitzen“, weil ich nicht trauern und damit los lassen kann und will.

Ein weiterer dieser Sätze, den ich in den neunzehn Jahren meines Aufenthaltes im Elternhaus mindestens ein Dutzend Mal von meinem Vater höre, ist die Versicherung, dass er irgendwann einmal alles aufschreiben würde. Mit „alles“ meint er, wie mir schon früh klar wird, vor allem seine Erlebnisse bei der Flucht aus Ostpreußen.

Erst rund zwanzig Jahre später kommt mir immer wieder ein Gedanke, den ich nicht einmal in meinen persönlichen Notizen formuliere. Ich kann und will inzwischen gar nicht mehr von „Tagebuch“ reden. Zudem kommt mir der Gedanke selbst immer wieder an den Haaren herbeigezogen vor. Mir scheint, dass mein seltsamer, sich über viele Jahre hinziehender und sich bei lobenden Rückmeldungen zu meinen Texten eher verstärkender Schreibblock mit dieser Blockierung meines Vaters zusammen hängen könnte. Zudem schreibt er mit einiger Sicherheit nie alles auf. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es schaffen werde, alles aufzuschreiben. Ich versuche es mit diesen Geschichten aus meinem Lebens-Slalom-Lauf.

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