Sätze und Gesetze

Ich versuche mir die von ihm in kurzen stereotypen Wendungen angedeuteten Situationen oft vorzustellen. Es steigen manchmal sogar diffuse Bilder vor meinem geistigem Auge auf. Erst etliche Jahre nach der Wende setzt eine Art erfreulicher Boom von Büchern und Filmen über Vertriebene und deren weiter gereichte Traumata ein. Zu meiner Überraschung muss ich feststellen, dass sehr viele Menschen immer wieder ähnliche Erfahrungen zu machen scheinen wie ich mit meinem Vater. Dieses gebetsmühlenartige herunter Leiern der immer gleichen wenigen Sätze über furchtbare Erlebnisse kennen offenbar sehr viele Leute von Kriegskindern in ihrer Familie. Versucht man, weiter in die Betroffenen zu dringen, machen sie dicht oder werden gar wütend.

Einige dieser stereotyp vorgebrachten Short-Short-Stories sind wahrscheinlich bleibend in meinem Gedächtnis gespeichert. Etwa die wenigen resigniert hingeworfenen Sätze meines Vaters über das Haus seiner Eltern in Königsberg. Es führt eine Art Stange dicht unter dem Dach herum. An dieser Stange ist eine stabile Kette befestigt und an dieser Kette bewegt sich ein Halbwolf in relativ großem Radius um das Haus und bewacht es sehr zuverlässig. Das Tier lässt nur ihn und seine Mutter an sich heran. Mehr kommt nicht. Irgendwann gebe ich es auf nachzubohren, weil auch mein Vater dann dicht macht und wütend wird.

Nur ihn und seine Mutter… Ich halte es nicht nur nach diesen Andeutungen für sehr wahrscheinlich, dass mein Vater der Liebling seiner Mutter ist. Unter anderem deswegen verbietet er mir meine Mutter in gewissem Sinne, macht sie herunter usw. Nicht, weil jeder Vater seinem Sohn die Mutter verbieten muss, wie ein Psychoanalytiker in einer Leitungsfunktion mir in geradezu verächtlich überlegenem Ton auf den Ödipus-Komplex verweisend zu vermitteln versucht. Diese Art unbewusste Solidarität von Kriegskindern erlebe ich auch nicht zum erstem Mal. Nur tritt sie jetzt bei einem erfahrenem Therapeuten auf. Womöglich gilt hier das Sprichwort, im Hause des Schusters würden die Kinder in kaputten Schuhen herum laufen.

Das ist nicht arrogant. Wiederum einige Jahre nach der Wende lese ich wiederum verblüfft einen Bericht über einen psychotherapeutischen Kongress unter anderem zu Nachwirkungen von Kriegstraumata. Der Referent berichtet von einem Kollegen, der bei seinem Vortrag geradezu aus dem Saal stürzt. Am nächsten Tag entschuldigt sich dieser Kollege bei dem Referenten mit der sinngemäßen Auskunft, er wäre Flüchtling aus Königsberg und bei diesem Referat wäre alles wieder hoch gekommen und er hätte das nicht ausgehalten.

Wenn jedoch hochqualifizierte Therapeuten mit jahrzehntelanger Erfahrung in dieser Weise reagieren auf auch nur Andeutungen des Themas, könnte sich die Frage aufdrängen, was man von Otto Normalverbraucher bei dessen Versuchen der Bewältigung weitergegebener Traumata erwarten darf. Zur Deutung der Tatsache, dass Deutschland eines der letzten Länder ist, in denen sich Fachleute mit Theorie und Therapie von Traumata insbesondere durch Kriegsschäden- und Folgen befassen, bedarf es zudem keinerlei psychologischer Vorbildung.

Zu dieser Mikro-Geschichte mit dem Halbwolf passt ein weiterer, von meinem Vater in noch knapperen Andeutungen weniger Sätze gehaltener Bericht. Mein Großvater wäre in unregelmäßigen Abständen von Wutausbrüchen gebeutelt worden. Die ganze Familie hätte diesen Jähzorn gefürchtet. Ich kenne meinen Großvater nicht. Dennoch werde ich mit dem halbwegs erwachsen Werden mit etwa 25 gleichfalls immer wieder von derartigen nicht steuerbaren Attacken gepeinigt. Milde formuliert, schieße ich dabei privat und beruflich mehrfach tragikomische Selbsttore.

Schließlich erlebe ich wiederholt diese sich gleichfalls auf wenige Sätze beschränkende Andeutung der Flucht aus Königsberg. Mein Vater wacht als Sechsjähriger nachts davon auf, dass die Scheiben des Fensters neben seinem Bett in unzähligen Splittern auf die Bettdecke spritzen. In der Straße ist eine Bombe der Royal Air Force eingeschlagen. Meine Großeltern, mein Vater und seine Geschwister laufen aus dem Haus und begeben sich mit den längst fertig gepackten Wagen auf den Treck.

Mehr kommt nicht. Nur einen weiteren Satz zum Thema höre ich von meinem Vater zu diesem Erlebnis immer wieder, aber völlig aus dem Kontext des jeweiligen Gesprächs fallend und ohne den Hinweis auf diesen Beginn der Flucht. Er wäre etliche Monate als Kompaniekind mit der Roten Armee mitgezogen. Dann geht schneller und unwiderruflicher als bei allen anderen Andeutungen die Jalousie herunter. Nach diesem immer wieder völlig unerwartet und unangebracht geäußertem Satz meines Vaters lerne ich schon sehr früh, Nachfragen zu unterlassen. Er reagiert an dieser Stelle besonders verächtlich und wütend. Verächtlich, weil es sich um quasi mystisch erhöhte Erlebnisse handelt, zu denen ich keinen Zugang habe und zu denen er mir auch nie Zugang gestatten wird.

Es gibt jedoch auch etliche stehende Redewendungen meines Vaters, die sich auf die Gegenwart beziehen. „Ach, wären wir bloß allein geblieben!“, ist einer der Lieblingssätze meines Vaters. Mit „wir“ meint er sich und mich unter Ausschluss meiner Mutter, die er bei jeder Gelegenheit als Wurzel alles Bösen und Quelle alles Üblen darstellt. Ich komme gar nicht auf den Gedanken, ihn zu fragen, warum er die Frau dann überhaupt geheiratet hat. Die berüchtigte Schere im Kopf ist größer und wird früher angesetzt, als ich wahrzunehmen vermag.

Zudem ist dies einer der Sätze, die mich durch meine ganze Kindheit begleiten. Es gibt mehrere solcher Sätze, die mein Vater in den Raum stellt, als wolle er eherne Gesetzestafeln installieren. Natürlich zähle ich nicht mit, aber dieser Satz kommt bestimmt einige Dutzend Male.

Oft ist die Äußerung aller dieser Sätze begleitet von einer für meinen Vater überaus typischen, ja, der typischen Handbewegung. Er lässt seine Hand schlaff aus dem Gelenk abkippen. Diese Geste führt mein Vater meist derart müde und resigniert aus, dass man zögern muss, von „Abwinken“ zu sprechen. Der Betrag der für diese Geste verwandten Energie reicht nicht aus, um diese Bezeichnung zu rechtfertigen. Es hat eh‘ alles keinen Sinn. Alles Haschen nach Wind!

Ein weiterer dieser Sätze, den ich in den neunzehn Jahren meines Aufenthaltes im Elternhaus mindestens ein Dutzend Mal von meinem Vater höre, ist die Versicherung, dass er irgendwann einmal alles aufschreiben würde. Mit „alles“ meint er, wie mir schon früh klar wird, seine Erlebnisse bei Vertreibung und Flucht aus Ostpreußen.

Erst rund zwanzig Jahre später kommt mir immer wieder ein Gedanke, den ich nicht einmal in meinen persönlichen Notizen formuliere. Ich kann und will inzwischen gar nicht mehr von „Tagebuch“ reden. Zudem kommt mir der Gedanke selbst immer wieder an den Haaren herbeigezogen vor. Mir scheint, dass mein seltsamer, sich über viele Jahre hinziehender Schreibblock, der sich bei lobenden Rückmeldungen zu meinen Texten eher verstärkt, etwas mit dieser Blockierung meines Vaters zu tun haben könnte. Zudem hat er mit einiger Sicherheit nie alles aufgeschrieben.

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