Rituale. Oder: Ohne Symbiose kann ich nicht

Dieser Lehrer, nennen wir ihn Herr S., hatte schon in der ersten Stunde, in der er bei uns als Vertretung unterrichtete, ausdrücklich darauf hingewiesen, dass er eigentlich die Großen unterrichten würde, d. h., Schüler der achten bis zehnten Klasse. Deswegen bat er darum, dass wir entschuldigen mögen, wenn er das mit den Anreden immer wieder durcheinander bringen und uns siezen würde. Am besten wäre es, wenn wir einfach darüber hinweg sehen bzw. hören und uns auf die fachlich-inhaltliche Aussage seiner Darlegungen konzentrieren würden.

Das fiel uns dann nicht immer leicht. Besonders die Mädchen reizte es natürlich zu albernem Gekicher, plötzlich gesiezt zu werden. Zudem hatte der Mann nicht nur diese gewisse Attraktivität jenseits von Schönheit, die bei Frauen anzukommen schien. Das hatte ich immerhin damals schon bemerkt. Was diese Dinge anging, war ich denkbar unreif und blockiert. Der Mann war bekannt als derjenige Lehrer, der bei seinen Kolleginnen beliebt war, weil in seinem Verhalten dem anderem Geschlecht gegenüber dessen echte Verehrung und Achtung ’rüber kam.

Das allein machte mir schon Angst, die ich natürlich nicht richtig wahrnahm. Das hatte etwas von diesem geheimnisvollem „Erwachsensein“, das bald auch auf mich zukommen würde, spätestens mit der Jugendweihe, und das mir überhaupt nicht geheuer war.

Kurzum, ich war schwer beeindruckt. Ein Vorteil war, dass zu dieser Zeit Deutsche Sprache und Literatur bereits zu meinen Lieblingsfächern gehörte, so dass ich bei diesem Lehrer im positivem Sinne auffallen konnte, was, milde formuliert, zu dieser Zeit nicht in allen Unterrichtsfächern von mir gesagt werden konnte.

Besonders beeindruckte mich Herr S. durch mindestens ein halbes Dutzend im Laufe seiner langen Lehrtätigkeit geradezu zu Ritualen gewordenen Handgriffe und „Auftritte“.

Eines dieser Rituale war, dass er am Ende jeder Stunde seinen Unterricht nicht einfach in der üblichen Weise abschloss, indem er sich verabschiedete und noch buchstäblich zwischen Tür und Angel ein paar Anweisungen gab, etwa zum Öffnen der Fenster und dgl. Vielmehr zelebrierte er eine Art kurzes Innehalten, das uns neu war.

Da er, wie es bei Vertretungen häufig der Fall war, oft in der letzten Stunde unterrichtete, hatten wir als erstes die Stühle hoch zu stellen. Er selbst stellte gleichfalls seinen Stuhl mit der Sitzfläche auf den Tisch, damit die Reinigungskräfte ungehindert den Fußboden säubern konnten. Dann stellte er behutsam, ja, beinahe genüsslich seine Aktentasche daneben. Die beeindruckte mich gleichfalls, da es sich um ein teures Stück handelte, wohl aus echtem Leder und handgearbeitet.

Er lehnte sich mit dem rechten Ellenbogen darauf, griente auf diese unvergleichliche Weise in die Runde und begann dann, mit einer weiteren Fähigkeit zu glänzen, die ihn schon fast zur Legende hatten werden lassen. Er sprach im Plauderton, aber rhetorisch gewandt, ja, nahezu druckreif, etliche persönliche Sätze abseits des Unterrichtsstoffes an die Klasse insgesamt sowie an einzelne Schüler. Dies war umso erstaunlicher, als er nicht unser Klassenleiter war, der gewissermaßen für solche nicht fachlichen Anmerkungen verantwortlich war, sondern nur Vertretung.

Diese kurzen Ansprachen aber bewirkten zweierlei und ganz augenfällig nicht nur bei mir. Erstens wurde auch dem letzten Deutsch-Muffel klar, dass dieser Lehrer die Liebe zu seiner Muttersprache nicht nur als vorgeschriebene Pflichtübung praktizierte durch Abarbeiten des Unterrichtsstoffes. Zweitens erwies er sich durch diese von guter Beobachtungsgabe und psychologischem Geschick zeugenden Schlussworte als Erzieher, nicht nur als Fachlehrer, der Inhalte vermittelte. Von „Gruppendynamik“ war dabei nie die Rede, die beherrschte Herr S. einfach.

In einer dieser letzten Stunden hatte ich ein Erlebnis, das mich schwer erschütterte und an das ich mich daher bezeichnenderweise als eine der heftigsten Irritationen meiner Schulzeit deutlich erinnere.

Zunächst machte Herr S. nur die üblichen ironischen Anmerkungen mir gegenüber, die aber immer freundlich und von Achtung dem Angegriffenem gegenüber geprägt waren.

„Sie machen… – Du machst das schon sehr gut!“, merkte er etwa an, und griente.

Schon das machte mich stutzig. Ich verstand nicht, was er meinte. Ich bekam aber mit, und dies bereits mit leisem Unbehagen, dass er das eben nicht bemerkte.

Nun, und dann verschwand dieses freundliche Lächeln. Herr S. forderte mich auf, noch da zu bleiben, nachdem meine Klassenkameraden alle gegangen sein würden. Er unterließ für dieses Mal seine üblichen abschließenden Worte ans Schülervolk, die wir nicht nur mittlerweile als besonderen kleinen Höhepunkt zu schätzen gelernt hatten, sondern die er offensichtlich selbst genoss.

Mit einem Wort – dicke Luft! Das bemerkten natürlich auch meine Mitschüler, die ungewohnt schnell und geräuschlos und vor allem ohne die üblichen unbeholfenen Versuche, auf sein gekonntes verbales Geplänkel einzugehen, den Raum verließen.

Mir ging natürlich die Muffe eins zu tausend. Es war vollkommen idiotisch, aber ich erwartete ernsthaft tätliche Bestrafung. Eine Vorstellung, die aus mehreren Gründen geradezu wahnhaft war, die aber etwas mit meinem Vater zu tun hatte, woran ich in diesem Moment allerdings überhaupt nicht dachte. Vor allem aber wusste ich immer noch nicht, worum es eigentlich ging. Ich war mir keiner Verfehlung bewusst.

Herr S. schien zu meiner Verblüffung ernsthaft getroffen und wütend. Er hatte mein Verhalten als absichtsvolle Provokation aufgefasst, mit dem ich seine typische Haltung gewissermaßen spiegelbildlich nachgeahmt hätte. Ich hatte meine Mappe neben den hoch gestellten Stuhl gelehnt, meinen Ellenbogen darauf gelegt und mich um dieses weltmännische Lächeln bemüht, mit dem Herr S. die Leute für sich einzunehmen wusste.

Die eigentliche Pointe aber war, dass ich das nicht nur nicht absichtlich oder gar provokativ getan hatte – ich hatte es gar nicht bemerkt

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