Ödipus

Präskriptum: An dieser Story bastele ich schon lange herum und ich bin damit, Überraschung, nicht zufrieden. Es wird also wahrscheinlich früher oder später eine neue Fassung geben. Natürlich ist sie aber im sowohl schriftstellendem als auch im lebenspraktischem Sinne eine zentrale Geschichte.

„Ich weiß schon, warum ich von diesem Psycho nichts halte!“, sagte sie, und mir schien, dass dieser Satz nicht ganz so verächtlich klang, wie ich es bei Sätzen zu diesem Thema aus ihrem Munde gewöhnt war. Ich wartete nun auf resigniertes Abwinken, bis mir einfiel, immerhin, dass dieses von meinem Vater praktiziert worden war, und nicht nur bei diesem Thema. Ich spürte, dass ich jetzt gleich loslegen würde; Redeschwall als Kontaktabwehr, bla bla…

„Als Nächstes kommt jetzt wieder etwas in der Art, die Züchos hätten doch alle selbst ein Ding an der Glocke usw. Krass – im 21. Jahrhundert! Die Angst, sich auf die Ebene zu begeben, die den Menschen zum Menschen macht, nämlich auf die psychische Ebene, scheint sich durch alle Bevölkerungsschichten zu ziehen. Es ist der Oberhammer!“

Der letzte Sinnspruch kam mir selbst überspannt vor. Aber sie erinnerte mich an die Lisaweta Iwanowna Tonio Krögers, der er alles sagte. Dabei hatte sie ebenso wenig wie Iwanowna eine einschlägige Ausbildung absolviert. Nicht nur meiner natürlich arroganten Meinung nach war sie jedoch in ihrer Begleitung von Marginalpersonen besser als manche hochschulisch diplomierten Fachleute.

„Die Herrschaften hangeln sich doch von Konstrukt zu Konstrukt, und die meisten funktionieren nur in ihrer kleinen Lebenswelt!“, erwiderte sie. „Da werden Probleme und Konflikte behandelt, die ‚draußen‘ meist nicht einmal als Probleme und Konflikte wahrgenommen zu werden scheinen! Nicht, dass ich auf Otto Mühl abfahren würde, aber wo er Recht hat, hat er Recht! Therapie ist Heilungsversuch außerhalb der Realität!“

„Das höre ich jetzt auch zum erstem Mal! Har! Har!“, sagte ich. Ich sagte nicht, dass mich dieses Problem der Insellösungen selbst immer wieder umtrieb. „Es wundert mich, dass Sie nicht mit Karl Kraus kommen – Psychoanalyse wäre die Krankheit, für deren Therapie sie sich halten würde. Das ist auch so ’n Standardsatz an dieser Stelle! Ich muss wider Willen immer wieder drüber lachen.“

Was mich jedoch mehr wunderte, war, dass ich mich zum wiederholtem Male dabei ertappen musste, die Psychos zu verteidigen, obwohl ich immer wieder das Gefühl hatte, dass sie eh‘ nicht da wären, wenn ich sie brauchte. Dabei war mir durchaus klar, dass die Äußerung dieses Gefühls abgeschmettert worden wäre mit Textbausteinen etwa des Inhalts, das hätte ich so hergestellt und das wäre was ganz Altes usw.

„Nehmen wir den Ödipuskomplex“, hub ich zu dozieren an und spürte, dass ich in sicheres Fahrwasser gelangte. „Ich habe im Abdruck einer Zeitung von 1848 eine Karikatur gefunden, in der irgend etwas, ich glaube, das Essen, als ‚wie bei Muttern‘ gelobt wurde. Mit ‚Muttern‘ war aber die mehr oder weniger holde Gattin gemeint. Und das aus Berliner Proletenschnauze! Vor allem lange, bevor Freud überhaupt geboren war. Manchmal ist die vox populi schon weise. Deucht mich, gnihi!“

Ich sah ihrem Gesicht an, dass ich meine diensthabende Lisaweta kaum überzeugt zu haben schien.

„Ich habe noch ’ne ganz persönliche Geschichte zum Thema, die ich noch nie jemandem erzählt habe. Bezeichnenderweise, wie mir eben auffällt.“

„Sie sollten die lieber aufschreiben, Sie haben echt Talent!“

„Ja ja – danke für die Blumen! Dieses Bauchpinseln hilft mir nicht aus meiner bescheuerten Blockierung heraus, und das ist kein Kokettieren oder so was. Wenn Sie jetzt noch die umwerfende Neuigkeit anbringen, dass meine Visage an die von Harald Schmidt erinnern würde, dann fliege ich echt ’ne Runde ums Haus!“

„Das steht doch eigentlich mir zu, ich nehme den Besen!“, sagte sie und kicherte wie ein kleines Mädchen. Dieses immer wieder von ihr praktizierte unerwartete Kippen vom tief Ernsthaftem ins Alberne mochte ich, obwohl es mich beunruhigte.

„Erzählen Sie!“, fügte Sie schnell hinzu, „Erzählen Sie! Stellen Sie sich vor, ich unterläge der ärztlichen Schweigepflicht!“

***

Wir gingen in die Stadt. Diese Formulierung fand ich bereits als Vorschulkind mindestens merkwürdig, denn wir wohnten keineswegs außerhalb der Stadt, sondern waren vielmehr nach zehn Minuten mäßig schnellen Gehens in ihrem Zentrum.

Es geschah dies zur Jugendweihe meiner Cousine, und ich war 16, und es war alles wie immer. Die Notwendigkeit, dass sich die Familie öffentlich als solche zeigen musste, hatte zur Folge, dass alles Ungeklärte in den Beziehungen hochkam, wie es bei vielen Familien zu Weihnachten der Fall zu sein scheint, wenn man sich im wörtlichem und im übertragenem Sinn nicht ausweichen kann.

Dementsprechend waren wir erst deutlich nach dem vereinbartem Zeitpunkt bereit zum Aufbruch, obwohl alle rechtzeitig begonnen hatten, sich auf das gemeinsame Ausgehen vorzubereiten. Schließlich setzten wir uns aber doch in Bewegung, etwas gehetzt und bereits ein bisschen ermüdet. Es ist bezeichnend, dass ich mich kaum an die Abschnitte dieser familiären Stadtgänge zwischen Aufbruch und Ankunft erinnern kann, weil sie schlicht nervend waren und ganz offensichtlich nicht nur für mich.

Woran ich mich erinnern kann, ist meine Wahrnehmung, dass mein Vater sich bei diesem in die Stadt gehen immer gebärdete, als wäre er bei einer Modenschau. Ich kannte niemanden, der sich derart bunt, aber durchaus geschmackvoll kleidete. Das könnte vielleicht dadurch erklärt werden, dass mein Vater einen Großteil der Werktage in Uniform verbrachte. Als ich meine leibliche Mutter, die verschwunden war in meinem zehntem Lebensjahr, fast dreißig Jahre später zufällig wieder fand, erfuhr ich zu meiner Überraschung, dass sie mit über 60 ihren Jugendtraum verwirklicht hatte, als Mannequin bei Modenschauen aufzutreten. Es scheint, als hätte ich die Neigung, Ausleben von Geschwisterrivalität mit Partnerwahlversuchen gleichzusetzen, unbewusst von meinen Eltern übernommen. Ich frage mich mit zunehmendem Alter immer öfter, ob ich es in meinem Leben noch schaffen werde, derartigen unbewussten Prägungen zu entkommen und ob das überhaupt möglich ist.

Ohne dass ich das damals wahrhaben wollte und konnte, war meine Cousine mir sehr wichtig, weil sie eines der wenigen Mädchen war, vielleicht das einzige, das ich außerhalb der Schule kannte. Mir schien immer, dass ich mit ihr etwas machen müsste, ohne dass ich genau hätte sagen können, was. Über Sex hatte ich in der Familie kein Wort gehört. Das Thema war tabu, nicht als einziges, aber es war nun einmal das berühmt-berüchtigte Thema Nr. 1. Ich hatte natürlich Biologie-Unterricht, aber noch nie eine Vagina gesehen, nicht einmal auf einem Foto.

Ich nahm jedoch schon damals deutlich wahr, dass ich gewissermaßen stecken geblieben war in einer Phase, die meine Altersgenossen überwunden zu haben schienen. Es gab eine Zeit, in der viele Jungen nicht nur meiner Schulklasse geradezu manisch nach unter Röcken und Kleidern blitzenden Höschen jagten. Auch hier musste ich wieder einsehen, nur Durchschnitt zu sein. Ich hätte nie solche Einfälle gehabt wie etwa den stürmisch begrüßten eines Mitschülers, sich einen Taschenspiegel in die Sandalen-Riemen zu klemmen und sich unter eine der frei tragenden Schultreppen zu stellen, wenn Mädchen die Treppen hinaufstiegen. Ich kann es mir nicht nur nicht verkneifen zu erwähnen, dass Freud dergleichen als Suche nach dem weiblichem Penis gedeutet hat und somit als durchaus der Pubertät entsprechend, sondern muss gestehen, dass ich diese Deutung für zutreffend halte.

Bei alledem war ich nicht eigentlich schüchtern oder verklemmt. Vielmehr erwartete ich, dass mir eine der Liebesgeschichten selbstverständlich geschehen, ja, gewissermaßen präsentiert werden müsste, wie ich sie in Büchern gelesen und auch bereits in einigen Filmen gesehen hatte. Mir kam gar nicht der Gedanke, dass mein Kardinalfehler darin bestehen könnte, in der Rolle des Beobachtenden zu verharren, ohne auch nur in Ansätzen Versuche zu unternehmen, zum Handelnden zu werden. Ich gebärdete mich, ohne das im Geringsten wahrzunehmen, wie ein Unsichtbarer, der sich immer erneut eines Angebots versicherte, ohne wählen zu wollen und zu können. Ein Epoché-Mensch im realem Sozialismus! Aber das ist eine Geschichte, die ich vielleicht bei anderer Gelegenheit erzählen werde.

Meine Cousine, die an diesem Tag Jugendweihe hatte, trug, wenn ich sie traf, fast immer kurze Röckchen. Ich hätte es nie zugegeben, dass sie mir nicht zuletzt deshalb sympathisch war. Vielmehr tat ich so, als wäre sie mir gleichgültig, während Außenstehende wahrscheinlich gar den Eindruck hatten, dass sie mir zuwider wäre. Sie war die zweite Tochter des Bruders meiner Stiefmutter. Die erste Tochter war damals schon achtzehn oder älter und demnach bereits eine richtige Frau und daher im mehrfachem Sinne für mich unerreichbar.

Einmal hatte diese jüngere Cousine in meinem Kinderzimmer am Tisch gesessen. Ich war mir reichlich dämlich vorgekommen, als ich unter den Tisch getaucht war, um irgendeinen herunter gefallenen Gegenstand aufzuheben. Dergleichen erschien mir als drittklassiger Komödien-Klamauk. Aber ich hatte doch geglotzt und zwischen ihren leicht gespreizten Beinen unter dem weißem Höschen dieses Hügelchen wahrgenommen, bei dem es sich um das sagenhafte weibliche Geschlechtsteil handeln musste. Weiter als bis zu diesen paar Zentimetern vor einen Feinripp-Slip von VEB Malimo kam ich etliche Jahre lang nicht mit meinen erotischen Explorationen.

Trotz der Zwänge und des dumpfen Drucks, die mit solchen Abweichungen vom familiärem Gleichmaß, wenn nicht Trott verbunden waren, genoss ich sie in gewissem Sinn und Maße, ohne dieses Empfinden erklären zu können und zu wollen. Vielleicht hatte sich für kurze Zeit gewissermaßen eine Tür in eine andere Welt geöffnet. Es stiegen Hoffnungen und Erwartungen auf, die ich nicht für möglich gehalten oder völlig vergessen hatte, die aber ganz selbstverständlich zu erfüllen schienen. Auch das war schon immer so gewesen. In meiner Vorschulkindheit wollte ich nie mitgehen, wenn meine Eltern, insbesondere meine Mutter, ihre wenigen Bekannten besuchten. Wenn ich dann dort nach einigen Stunden endlich warm geworden war, wollte ich nicht mehr weg.

Diese Jugendweihe-Feier hatte etwas von Öffnung zur Welt, und dies im mehrfachem Sinne. Einmal war sie trotz allen ideologischen Ballastes ein markanter Punkt in jedem Lebenslauf, weil die Vierzehnjährigen jenseits aller Phrasen in einen neuen Lebensabschnitt aufbrachen und zumindest in gewissem Masse initiiert wurden für das eigenverantwortliche Leben als Erwachsene.

Vor allem jedoch feierten meine Cousine und etliche ihrer Klassenkameraden ihre Jugendweihe in dem Hotel im Zentrum der Stadt, das ein sehr untypisches Paradoxon war. Die Stadt lag an der Grenze zu Polen und wurde als erste sozialistische Stadt deklariert, beherbergte aber manchmal Gastarbeiter aus Dutzenden Staaten, auch westlichen, die in dem großem Werk arbeiteten. Es gab daher sogar einen Intershop in diesem Hotel, obwohl mein Heimatort keine Großstadt oder Bezirksstadt war, aber mehr Ahnung einer anderen und vielleicht größeren Welt ermöglichte als diese Groß- und Bezirksstädte.

Schließlich hatte ich bei derartigen Großfamilientreffen zumindest ähnlichen Anlässen für ein paar Momente das Gefühl, in eine Art Normalität gefunden zu haben, die ich gleichfalls vergessen oder aus meinem Gesichtsfeld ausgeblendet hatte. Es gab vielleicht doch noch etwas über die merkwürdig abgeschlossene kleine Welt der elterlichen Wohnung hinaus, deren Atmosphäre geladen war von den Spannungen des nicht Ausgesprochenen und vielleicht nicht Aussprechbaren.

Dass etwas nicht stimmte, bemerkte ich zum ersten Mal an der prächtigen Tafel zum Mittagessen. Ich bekam plötzlich aus heiterem Himmel einen Angstanfall, an dem eben das Entscheidende war, dass die Angst namenlos blieb. Ich hätte nicht sagen können, wovor eigentlich ich Angst hatte. Durch Benennung ist jeder Angst die Spitze genommen. Ich wusste auch nicht, wodurch die bisher nicht in dieser Intensität erlebte Attacke ausgelöst worden war. Ich war in keiner Weise etwa gemaßregelt oder verspottet worden oder dergleichen. Es war wie ein Schlag auf den Kopf aus heiterem Himmel. Ich wurde zum ersten Mal von der Frage gebeutelt, an wen ich mich denn nun wenden konnte, wenn mir „so was“ passierte. An niemanden – vielleicht war das mein Grundproblem überhaupt und überall.

Zudem gelang es mir auch nicht, die ganze Situation zu relativieren durch die überzeugende Selbstsuggestion, ich wäre hier nur Gast in einem weiterem Sinne, als ich es tatsächlich war und ich könnte insgeheim Eindrücke sammeln, um die dann später alle aufzuschreiben. Vielmehr kämpfte ich gegen den Zwang an, unter den Tisch zu verschwinden.

Irgendwie ging das vorbei. Dieser Anfall hatte aber wohl mit der für mich entscheidenden Begegnung des Tages zu tun. Mein Stiefonkel hatte eine neue Freundin. Seine Frau war schon lange tot. Diese Freundin war eine von diesen Frauen, die ich insgeheim zu charakterisieren pflegte etwa mit den Worten, der würden auf der Straße nicht einmal zupackend-dynamische Bauarbeiter hinterher pfeifen, weil sie sich nicht trauten.

Mit einem Wort – eine Königin in Wesen und Erscheinung! Eine große, schlanke Frau mit dieser Ausstrahlung, die jedermann zu veranlassen schien, Grüppchen um sie zu bilden, weil sie auf schwer benennbare Weise ein Zentrum zu werden schien, wo immer sie auftauchte. Sie hatte dieses herzhafte Lachen, das Einen unwillkürlich den Kopf in die Richtung dieses Lachens zu wenden zwingt, weil man wie von etwas Lebensspendendem angezogen wird. Sie war Chefin der Bibliotheken des großen Werkes nicht nur aus Beruf, sondern aus Berufung. Es stellte sich schnell heraus, dass sie nicht nur diese Bücher und deren Verwalter verwaltete, sondern über beträchtliches Wissen zu verfügen schien, das sie nebenbei und ganz selbstverständlich gewissermaßen in Appetithäppchen ins Gespräch einzufügen wusste.

Das war nun etwas sehr Ungewohntes in diesem Kreise, nicht nur für mich! Wenn ich sage, dass sich zum Grüppchen bilden jedermann veranlasst sah, dann ist auch dies wieder im doppeltem Sinne zutreffend. Es waren eben vor allem die Männer, die sich um Kontakt zu dieser Frau offensichtlich bemühten. Allerdings waren mir derartige Abläufe aus meiner, milde gesagt, Unreife heraus damals völlig fremd.

Selbstverständlich fühlte sich auch mein Vater veranlasst, sich um diesen Kontakt zu bemühen. Er wirkte dabei etwas hilflos, weil seine üblichen Blödeleien alle ins Leere zu gehen schienen. Ich hatte schon seit Stunden immer wieder innerlich gestöhnt, weil der gute Mann wieder die dämlichen Witze anbrachte, die er schon vor zehn Jahren zwanzigmal zum Besten gegeben hatte. Das vermochte allerdings außer mir kaum jemand wahrzunehmen.

Mein Vater tat bei solchen Gelegenheiten etwas, das ich als verraten und verlassen werden hätte bezeichnen müssen, wäre nicht eine derartige Wahrnehmung und erst recht der Versuch ihrer Äußerung etwas völlig Unmögliches gewesen, gewissermaßen außerhalb des Gesichtsfeldes.

Zehn Jahre lang, während der Ehe mit seiner ersten Frau, meiner leiblichen Mutter, lautete einer der ehernen Grundsätze, die er mir geradezu gebetsmühlenartig vermittelt hatte, derartige Familienfeiern und Feste überhaupt wären einfach nur albern, lächerlich, blöd, anstrengend und überhaupt Zeitverschwendung. Nun, in seiner zweiten Ehe, schien er über Nacht eine Wende um hundertachtzig Grad vollzogen zu haben in allen diesen mir vermittelten wesentlichen Regeln. Das zeigte sich eben bei solchen Familienfeiern dergestalt, dass er plötzlich den Salonlöwen zu geben versuchte.

Dies war allerdings eher eine Randerscheinung. Viel wichtiger war, dass er mehr oder weniger ausgesprochen von mir erwartete, ich müsse meine Stiefmutter achten, ja, lieben. Zehn Jahre lang hatte er mir jedoch zu vermitteln versucht, meine Mutter wäre gewissermaßen die Wurzel allen Übels, eine Verkörperung des Bösen, die schwarze Frau eines grausamen Märchens usw.

Das Verblüffende oder gar Makabere aber war, dass ich das durchaus berechtigte Empfinden, von ihm gewissermaßen im Regen stehen gelassen worden zu sein, nicht einmal vor mir selbst hätte zulassen können. Dergleichen war einfach nicht denkbar. Ich hätte zudem beispielsweise mich oder gar ihn fragen können, warum er diese urüble Gespenstin überhaupt geheiratet hatte und mit ihr dann auch noch einen seltsamen Sohn gezeugt, nämlich mich.

Die wesentlichen Personen der folgenden Eskalation sind vorgestellt. Es ereignete sich nun aber ein beinahe sagenhaftes Kabinettstück. Plötzlich, und ich hätte wirklich nicht sagen können, wie das gekommen war und ich kann es auch heute nicht, hatte sich zur allgemeinen Überraschung, meiner eigenen natürlich eingeschlossen, die Königin mir zugewandt. Ja, im Gegensatz zu etlichen erwachsenen Männern, die sich augenscheinlich nicht sonderlich erfolgreich darum bemüht hatten, war es mir gar gelungen, sie in ein wirkliches Gespräch zu verwickeln. – Oder vielmehr hatte sie mich mit freundlicher Rigorosität beiseite genommen, um schon nach wenigen Minuten mit mir in die Welten solcher fragwürdigen und besonders in dieser Runde unpassenden Gestalten wie Feuchtwanger, Hesse oder Thomas Mann abzudriften.

Es war gewiss ein Rätsel, und es war möglicher Weise eine innerfamiliäre Sensation. Das vermochte ich aber wiederum gar nicht wahrzunehmen. Ich war fassungslos fasziniert von einem Gefühl, das ich in bildlicher Übertreibung etwa hätte andeuten können mit den Worten, ich wäre buchstäblich in einigen Minuten einige Zentimeter gewachsen. Es war vor allem ein Gespräch „von gleich zu gleich“, das ganz selbstverständlich in Gang gekommen war. Die Frau begann gar nicht erst mit den häufigen verkrampften Bemühungen Erwachsener, sich nun aber einmal recht empathisch dem lieben Nachwuchs zuwenden zu wollen. Die Dame des Abends nahm mich ernst an einer Stelle, an der ernst genommen werden zu können ich gleichfalls völlig unbewusst nicht recht glauben konnte und im Elternhaus längst aufgegeben hatte. Die Szene wirkte wie ausgedacht.

Dieses unwahrscheinliche traute Einvernehmen hielt auch nicht lange vor. Plötzlich stand mein Vater neben uns. Ich kann heute noch nicht genau sagen, wie er eigentlich war. Jedenfalls war er völlig anders, als ich ihn je erlebt habe. Es war in seinem Auftreten etwas von ernst genommen werden auf einer Ebene, die mir gewaltigen Schrecken einjagte. Vielleicht hatte deshalb diese Angstattacke am Mittagstisch doch etwas mit diesem sich anbahnendem Kontakt zu tun. Ich weiß nicht mehr, was genau er sagte, aber es war, als hätte er kurz und herrisch an einer unsichtbaren Leine gezerrt und dazu etwa „Schluss! – Mach ‚Sitz!'“ gebrüllt.

Alles Weitere geschah nun, als wäre ich plötzlich in einem Nebel versunken, den außer mir niemand wahrzunehmen schien. Dies traf dann allerdings insofern sehr schnell beinahe wörtlich zu, als ich mich nun, mechanisch agierend wie ein Roboter und eben ohnehin wie betäubt, buchstäblich volllaufen ließ mit den in zahllosen Flaschen auf den Tischen stehenden Getränken.

Auch das schien niemand wahrzunehmen und möglicherweise gab mir das den Rest. Zunächst rannte ich geradezu aus der Gesellschaft und aus dem Hotel. Es war mittlerweile fast Mitternacht und es war sehr warm draußen, aber das bemerkte ich alles kaum noch. Zum ersten Mal zur Besinnung kam ich, als ich mir die Hände aufriss bei dem Versuch, die vorm Rathaus gehissten Staatsflaggen der DDR und der Sowjetunion herunterzuholen. Hier erübrigt sich der Gebrauch psychoanalytischen Vokabulars, weil die Symbolik meines Vorhabens augenfällig war. Zudem fand ich den berüchtigten Spruch bestätigt, Betrunkene und Kinder schütze der liebe Gott. Bei meiner Entdeckung wäre ich mit Beschwichtigungsformeln wie „dummer Jungenstreich“ nicht mehr davon gekommen. Aber es entdeckte mich niemand. Ich tobte mich noch eine Weile an den Blumenrabatten aus, um dann, wiederum halb im Dauerlauf, mich unserem Wohnblock entgegen zu kämpfen.

Dann geschah noch etwas, das mir ein bisschen das Gefühl von Wirklichkeit und überhaupt klare Empfindungen ermöglichte. Auf dem Weg an meiner ehemaligen Schule vorbei warf ich sämtliche Mülltonnen um und erst kurz vor dem Ende der Straße bemerkte ich den dort stehenden Polizeiwagen. Die dienstlich ausharrenden Insassen hatten einfach abgewartet, bis ich im mehrfachem Sinne fertig und vor der Stoßstange ihres Wagens angekommen war.

Die Empfindung, die sich geradezu brennend in mir ausbreitete, war tiefe Beschämung. Aber nicht etwa, dass ich Scham über mein Randalieren empfunden hätte. Vielmehr war es mir nach wenigen Sätzen gelungen, die Polizisten erfolgreich abzuwimmeln, und zwar mit dem Hinweis auf meinen Vater. Die kannten den offensichtlich und wussten, welche Funktion er in der Bezirksbehörde hatte. Sie ließen mich fast unverrichteter Dinge ziehen, nachdem sie quasi pro forma verlangt hatten, dass ich die Tonnen zumindest wieder aufstellen würde.

Im nüchternem Zustand hätte ich erstaunt konstatieren können, dass gewisse Spielregeln, die ich kindlich oder kindisch immer ignoriert hatte, offenbar auch in dieser Gesellschaft galten. Auch darin war ich den Grundsätzen meines Vaters gefolgt, die er längst verraten zu haben schien. Aber das alles bemerkte ich in diesem Ausnahmezustand nicht. Was mich vor allem beschämte, war mein unter tragisch getragen eingestreuten Schlagworten wie „Geschwür“ und „Krebs“ angebrachtes Gefasel von Magenproblemen, die ich angeblich hätte. In Wahrheit hatte die mein Vater.

Bis hierhin war noch einmal alles gut gegangen, aber es ging weiter. Immerhin bemerkte ich, dass dieses Gefühl völligen Verlassenseins nicht nur von allen guten Geistern auch wieder mit dem Angstanfall wenige Stunden zuvor zusammen hängen könnte. Dann sackte ich vor der verschlossenen Haustür zusammen.

Irgendwann bemerkte ich, dass mein Vater und meine Stiefmutter sich näherten. Zunächst schien es, als wäre ich zumindest wieder halbwegs bei Sinnen, denn ich war insgeheim erheitert darüber, dass mein Vater mittlerweile auch ordentlich getankt zu haben schien.

Das Folgende aber schien unsinnig, unerklärlich, ungeheuerlich, absurd und widernatürlich. Ich sprang auf, plötzlich hellwach und nüchtern, sprang auf meinen Vater zu und schlug ihn mit ganzer Kraft mehrfach ins Gesicht. Dabei brüllte ich irgendetwas über besoffene und stinkende Eltern. Sonderbarer Weise verschaffte mir die immer erneute Verwendung des überhaupt nicht zutreffenden Beiwortes „stinkend“ beinahe mehr Befriedigung als die mit ganzer jugendlicher Kraft ausgeführten Faustschläge.

Mein Vater schien jedoch nicht nur nicht überrascht, sondern begann augenblicklich gleichfalls auszuteilen, als wäre das alles geradezu irgendwie voraussehbar gewesen und überhaupt alles in Ordnung. Ich kam wieder zu mir unter den Briefkästen im Hausflur in einer Lache meines Blutes, mit dem auch die Wand und die Wandzeitung beschmiert waren.

Wie lange ich bis in den obersten Stock und bis vor unsere Wohnung gebraucht habe, weiß ich nicht. Es geschah jetzt die dritte und letzte Unwahrscheinlichkeit dieses Tages. Nicht nur, dass mir tatsächlich die Wohnungstür geöffnet wurde, und nicht nur, dass sich in mir irgend etwas löste und ich meinem Vater heulend um den Hals fiel. Er fiel selbst in einen Weinkrampf, so dass ich mich für einige trügerische Augenblicke wieder um ein paar Jahre zurück versetzt fühlte, als da dieses unerklärliche Band zwischen uns gewesen war. Ich habe meinen Vater nie vorher und nie nachher in einem derart heftigem Gefühlsausbruch erlebt. Nie vorher und nie nachher war er mir so nah und vertraut wie in diesen Minuten, da wir uns fast erwürgten in diesem verschmolzen Sein in dem Gefühl namenloser, entsetzlicher, kotzscheißpisserbärmlicher Verlassenheit und Verlorenheit. Meine Stiefmutter stand daneben, als wolle sie jeden Augenblick mit der Axt dazwischen gehen und gleichzeitig schien sie wie gelähmt.

Es war alles nicht nur völlig unwahrscheinlich, es wurde auch so behandelt, nämlich nie mehr mit auch nur einem Wort erwähnt. Offenbar war da für einen Augenblick etwas „Tiefes“ und tatsächlich „Namenloses“ zum Vorschein gekommen.

***

„Hm. Ein starkes Stück – im mehrfachem Sinne, wirklich!“, sagte sie. Ich glaubte ihr, dass sie beeindruckt war. Ihr Gesicht schien mir deutlich blasser als zu Beginn meiner Erzählung. Außerdem hatte sie diesen mir von etlichen Frauen unwohlbekannten Blick, der anzukündigen schien, dass ich gleich den Schnuller rein geschoben bekommen würde.

Ich fiel ihr schnell ins Wort. „Sagen Sie jetzt bitte nicht, ich würde aber sehr traurig und einsam wirken. Dann fliege ich… – habe ich schon gesagt! Aber das ist es, was ich meine! Immer diese stereotypen Bewertungen! ‚Die Irrenärzte haben doch alle selbst Einen an der Glocke. Freud hat geflunkert, dass sich die Balken biegen. Reich war am Ende eindeutig völlig neben der Kappe. Leute wie Janov hatten doch ganz klar einen Sektenknall. Was willste denn auf der Couch – reiß Dich doch einfach ’n bisschen zusammen!‘ Und so weiter und so weiter. Bla bla bla. Wie aber sollte ich diesen ungeheuerlichen Tag zusammenfassen, wenn nicht mit dem Begriff ‚Ödipuskomplex‘?“

Natürlich wurde sie in diesem Moment weg gerufen. Ich blieb zum wiederholtem Male auf der Geschichte buchstäblich sitzen. Immer noch und weiterhin aber bin ich überzeugt, im Recht zu sein.

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