Ödipus

Wir gehen in die Stadt. Diese Formulierung finde ich schon in meiner Vorschulkindheit mindestens merkwürdig, denn wir wohnen bereits damals keineswegs außerhalb der Stadt, sondern sind vielmehr nach höchstens zehn Minuten mäßig schnellen Gehens in der als ihr Zentrum gesehenen breiten Allee.

Es geschieht dies zur Jugendweihe meiner Cousine und ich bin 16 und es ist alles wie immer. Die Notwendigkeit, sich öffentlich als Familie zu zeigen, führt zum Hochkochen alles Ungeklärten in den Beziehungen, wie es bei vielen Familien zu Weihnachten der Fall zu sein scheint, wenn man einander nicht ausweichen kann.

Dementsprechend sind wir erst deutlich nach dem vereinbartem Zeitpunkt bereit zum Aufbruch, obwohl alle rechtzeitig beginnen, sich auf das gemeinsame Ausgehen vorzubereiten. Ich kann mich kaum an diese Abschnitte familiärer Stadtgänge zwischen Aufbruch und Ankunft erinnern, weil sie nicht nur für mich nervend zu sein scheinen.

Mein Vater gebärdet sich bei diesem in die Stadt gehen, als wäre er bei einer Modenschau. Ich kenne niemanden, der sich derart bunt kleidet wie mein Vater. Das könnte vielleicht damit erklärt werden, dass er einen Großteil der Werktage in Uniform verbringt. Als ich meine in meinem zehnten Lebensjahr buchstäblich verschwundene leibliche Mutter fast dreißig Jahre später zufällig wiederfinde, erfahre ich zu meiner Überraschung, dass sie mit über 60 für eine Spezialagentur als Model bei Modenschauen auftritt und damit ihren Jugendtraum verwirklicht.

Es scheint, als hätte ich die Neigung, Ausleben von Geschwisterrivalität mit Partnerwahlversuchen gleichzusetzen, irgendwann unbewusst von meinen Eltern übernommen. Ich frage mich mit zunehmendem Alter immer öfter, ob ich es in meinem Leben noch schaffen werde, derartigen unbewussten Prägungen zu entkommen und ob das überhaupt möglich ist.

Meine Cousine ist eines der wenigen Mädchen, das ich außerhalb der Schule kenne. Mir scheint immer, dass ich mit ihr etwas machen müsste, ohne dass ich genau hätte sagen können, was. Über Sex habe ich in der Familie kein Wort gehört. Das Thema ist tabu, nicht als einziges, aber es ist nun einmal das berühmt-berüchtigte Thema Nr. 1.

Diese Cousine, die an diesem Tag Jugendweihe hat, trägt, wenn ich sie treffe, fast immer kurze Röckchen. Ich würde es nie zugeben, dass sie mir nicht zuletzt deshalb sympathisch ist. Vielmehr tue ich so, als wäre sie mir gleichgültig, während Außenstehende wahrscheinlich gar den Eindruck haben, dass sie mir zuwider wäre. Sie ist die zweite Tochter des Bruders meiner Stiefmutter. Die erste Tochter ist damals schon achtzehn oder älter und demnach bereits eine richtige Frau und daher im mehrfachen Sinne für mich unerreichbar.

Einmal sitzt diese jüngere Cousine in meinem Kinderzimmer am Tisch. Ich komme mir dämlich vor, als ich unter den Tisch tauche, um irgendeinen herunter gefallenen Gegenstand aufzuheben. Dergleichen erscheint mir als drittklassiger Komödien-Klamauk. Aber ich glotze doch verstohlen und sehe zwischen ihren leicht gespreizten Beinen unter dem weißen Höschen diesen kleinen Hügel, bei dem es sich um das sagenhafte weibliche Geschlechtsteil handeln muss. Weiter als bis zu diesen paar Zentimetern vor einen Feinripp-Slip von VEB Malimo komme ich etliche Jahre lang nicht mit meinen erotischen Erkundungen.

Diese Jugendweihe-Feier hat etwas von Öffnung zur Welt, und dies im mehrfachen Sinne. Jenseits aller ideologischen Textbausteine beginnen die Jugendlichen einen neuen Lebensabschnitt und werden zumindest in gewissem Masse initiiert für das Leben als Erwachsene.

Vor allem jedoch feiern meine Cousine und etliche ihrer Klassenkameraden ihre Jugendweihe in dem Hotel im Zentrum der Stadt, das ein sehr untypisches Paradoxon ist. Die Stadt liegt an der Grenze zu Polen und wird als erste sozialistische Stadt deklariert, beherbergt aber manchmal Gastarbeiter aus Dutzenden Staaten, auch westlichen, die in dem großen Werk arbeiten. Es gibt daher gar einen Intershop in diesem Hotel, obwohl mein Heimatort keine Großstadt oder Bezirksstadt ist. Sie ermöglicht allerdings mehr Ahnung einer anderen und vielleicht größeren Welt als diese Groß- und Bezirksstädte.

Wenn ich zu dieser Zeit überhaupt Vorstellungen über mein weiteres Leben habe, dann nur in Gestalt von gewissermaßen einzelnen Einstellungen eines inneren Films. Eine dieser Einstellungen entspricht in etwa den Abbildungen dieses Hotels auf vielen Postkarten. An einem warmen Sommerabend sitzen Leute bereits nach Einbruch der Dunkelheit auf der Terrasse, sommerlich-leicht gekleidet und auch in der dazu passenden Stimmung. Sie trinken Wein, essen Eis, rauchen, und die Atmosphäre ist locker, heiter, friedlich. Manche Kleider von Frauen sind geradezu festtäglich. Die Laternen auf der kleinen Mauer um die Terrasse beleuchten die Szene ebenso wie das aus dem Restaurant hinter der Terrasse heraus fallende Licht und das der großen Leuchtreklame des Hotels über seinem Haupteingang.

Dies ist eines der inneren Bilder, die für mich für erwachsen Sein stehen. Sehr wahrscheinlich gibt es ein Leben jenseits als Pflichtübungen abgedienter Alltagsroutinen. Selbstverständlich sitze ich nie dort und auch nie auf ähnlichen Terrassen ähnlicher Restaurants. Aber immer noch und immer wieder bin ich überzeugt, dass sich alles ergeben wird.

Schließlich habe ich bei derartigen Großfamilientreffen zumindest ähnlichen Anlässen zumindest für ein paar Momente das Gefühl, eine Art Normalität zu erleben, die ich gleichfalls vergessen oder aus meinem Gesichtsfeld ausgeblendet zu haben scheine. Ich habe zumindest am Rande teil an etwas über die merkwürdig abgeschlossene kleine Welt des von Spannungen des nicht Ausgesprochenen und vielleicht nicht Aussprechbaren bestimmten Elternhauses hinaus. Viele der zu derartigen seltenen Anlässen erscheinenden Gäste kenne ich gar nicht. Dennoch und erst recht scheine ich für einige Stunden zu einer größeren Gruppe abseits der gewohnten starren Arrangements von Kontakten und Beziehungen zu gehören.

Dass etwas nicht stimmt, bemerke ich zum ersten Mal an der prächtigen Tafel zum Mittagessen. Wieder habe ich das deutliche Empfinden, dass das das Normale wäre, dieses mit Dutzenden Verwandten und Bekannten an einer Tafel sitzen, nicht die beinahe zwanghaften Rituale der familiären Sonntagsmahlzeiten. Natürlich ist gerade dieses Empfinden derart geheim, dass ich gar nicht auf den Gedanken kommen würde.

Ich erlebe jedoch plötzlich einen Anfall panischer Angst, an dem das Entscheidende ist, dass diese Angst namenlos bleibt. Durch Benennung ist jeder Angst die Spitze genommen, aber ich könnte nicht sagen, wovor ich Angst habe. Es fragt ohnehin niemand, weil niemand etwas bemerkt von meinem inneren Aufruhr. Wie immer und gerade hier ist alles geheim. Ich weiß auch nicht, wodurch diese bis dahin nie erlebte Attacke ausgelöst worden sein könnte. Ich werde in keiner Weise etwa gemaßregelt oder verspottet oder dergleichen. Diese Panikattacke erlebe ich wie einen Schlag auf den Kopf aus heiterem Himmel. Ich frage mich, an wen ich mich denn nun wenden könnte, wenn mir so was passiert. An niemanden, und vielleicht ist das eines meiner Grundprobleme überhaupt und überall.

Zudem gelingt es mir nicht, die Situation zu relativieren durch die Selbstsuggestion, ich wäre hier nur Gast in einem weiteren Sinne, als ich es tatsächlich bin, und ich könnte insgeheim Eindrücke sammeln, um sie dann später aufzuschreiben. Diese Art Umdeutung unangenehmer Situationen gelingt mir häufig sehr gut. Vielmehr kämpfe ich jetzt gegen den grotesken Zwang an, unter den Tisch zu kriechen.

Dieses geradezu anfallsartig auftretende Empfinden könnte mit der für mich entscheidenden Begegnung des Tages zu tun haben. Mein Stiefonkel hat eine neue Freundin. Seine Frau ist schon lange tot. Diese Freundin ist eine dieser Frauen, die ich insgeheim zu charakterisieren pflege etwa mit den Worten, der würden auf der Straße nicht einmal Bauarbeiter hinterher pfeifen, weil sie sich nicht trauen.

Mit einem Wort ist diese Frau, obwohl keine Schönheit auf den ersten Blick, eine Art Königin in Wesen und Erscheinung. Eine große, schlanke Frau mit dieser Ausstrahlung, die jedermann zu veranlassen scheint, Grüppchen um sie zu bilden, weil sie auf schwer benennbare Weise ein Zentrum zu werden scheint, wo immer sie auftaucht. Sie hat dieses herzhafte Lachen, das Einen unwillkürlich den Kopf in die Richtung dieses Lachens zu wenden zwingt, weil man wie von etwas Lebensspendendem angezogen wird. Ich bemerke deutlich, dass nicht nur ich dieses Empfinden habe. Sie ist Chefin der Bibliotheken des großen Werkes nicht nur aus Beruf, sondern aus Berufung. Es stellt sich schnell heraus, dass sie nicht nur diese Bücher und deren Verwalter verwaltet, sondern über beträchtliches Wissen verfügt, das sie nebenbei und ganz selbstverständlich gewissermaßen in Appetithäppchen ins Gespräch einstreut.

Das ist nun etwas sehr Ungewohntes in diesem Kreise, nicht nur für mich. Wenn ich sage, dass sich zum Grüppchen bilden jedermann veranlasst sieht, dann ist auch dies wieder im doppelten Sinne zutreffend. Es sind vor allem Männer, die sich um Kontakt zu dieser Frau offensichtlich bemühen. Allerdings sind mir derartige Abläufe aus meiner, milde gesagt, Unreife heraus völlig fremd.

Selbstverständlich fühlt sich auch mein Vater veranlasst, sich um diesen Kontakt zu bemühen. Er wirkt dabei etwas hilflos, weil seine üblichen Blödeleien alle ins Leere zu gehen scheinen. Ich stöhne schon seit Stunden immer wieder innerlich, weil der Mann die Witze anbringt, die er schon vor zehn Jahren zwanzigmal zum Besten gegeben hat. Das scheint allerdings außer mir kaum jemand wahrzunehmen und auch nicht wahrnehmen zu können.

Mein Vater tut bei solchen Gelegenheiten etwas, das ich als verraten und verlassen werden hätte bezeichnen müssen, wäre nicht eine derartige Wahrnehmung und erst recht der Versuch ihrer Benennung etwas völlig Unmögliches, gewissermaßen außerhalb des Gesichtsfeldes Befindliches.

Zehn Jahre lang, während der Ehe mit meiner leiblichen Mutter, lautet einer der ehernen Grundsätze, die er mir geradezu gebetsmühlenartig zu vermitteln versucht, derartige Familienfeiern und Feste überhaupt wären albern, lächerlich, blöd, anstrengend und überhaupt Zeitverschwendung. Nun, in seiner zweiten Ehe, scheint er über Nacht in allen diesen mir vermittelten wesentlichen Regeln eine Wende um hundertachtzig Grad zu vollziehen. Das zeigt sich bei solchen Familienfeiern dergestalt, dass er etwas unbeholfen den Salonlöwen zu geben versucht.

Seine Wende um 180 Grad erwähnt mein Vater nicht einmal. Er scheint als selbstverständlich voraus zu setzen, dass ich sie ebenfalls vollziehe. Wichtiger ist, dass er mehr oder weniger ausgesprochen von mir erwartet, ich müsse meine Stiefmutter achten, ja, lieben. Zehn Jahre lang hat er mir jedoch zu vermitteln versucht, meine Mutter wäre gewissermaßen die Wurzel allen Übels, eine Verkörperung des Bösen, die schwarze Frau eines grausamen Märchens usw.

Das Verblüffende oder gar Makabre aber ist, dass ich das durchaus berechtigte Empfinden, von ihm gewissermaßen im Regen stehen gelassen zu werden, nicht einmal vor mir selbst zuzulassen vermag. Dergleichen ist einfach nicht denkbar. Ich hätte zudem mich oder gar ihn fragen können, warum er diese nach seiner Wahrnehmung urüble Gespenstin überhaupt geheiratet und mit ihr dann auch noch einen mindestens seltsamen Sohn gezeugt hat.

Die wesentlichen Personen der folgenden Eskalation sind vorgestellt. Es ereignet sich nun jedoch ein beinahe sagenhaftes Kabinettstück. Plötzlich, und ich hätte nicht sagen können, wie das kommt und kann es auch heute nicht, wendet sich zur allgemeinen Überraschung, meiner eigenen natürlich eingeschlossen, die Königin mir zu. Ja, im Gegensatz zu etlichen erwachsenen Männern, die sich augenscheinlich nicht sonderlich erfolgreich darum bemühen, gelingt mir mit ihr ein wirkliches Gespräch jenseits von Partygeplänkel und Familientratsch. Sie nimmt mich freundlich rigoros beiseite, um schon nach wenigen Minuten mit mir in die Welten solcher fragwürdigen und besonders in dieser Runde unpassenden Gestalten wie Feuchtwanger, Hesse oder Thomas Mann abzudriften.

Es ist gewiss ein Rätsel, und es ist möglicher Weise eine kleine innerfamiliäre Sensation. Das vermag ich aber wiederum nicht wahrzunehmen. Ich bin fassungslos fasziniert von einem Gefühl, das ich in bildlicher Übertreibung zu beschreiben versuchen könnte mit den Worten, ich würde buchstäblich in einigen Minuten einige Zentimeter wachsen. Es ist vor allem ein Gespräch von gleich zu gleich, das zu meiner Verblüffung wie selbstverständlich in Gang kommt. Die Frau beginnt gar nicht erst mit den häufigen verkrampften Bemühungen Erwachsener, sich nun aber einmal recht empathisch dem lieben Nachwuchs zuwenden zu wollen. Die Dame des Abends nimmt mich ernst an einer Stelle, an der ernst genommen werden zu können ich gleichfalls völlig unbewusst nicht recht glauben kann und im Elternhaus längst aufgegeben habe. Die Szene wirkt wie ausgedacht.

Dieses unwahrscheinliche traute Einvernehmen hält auch nicht lange vor. Plötzlich steht mein Vater neben uns. Er ist völlig anders, als ich ihn je erlebt habe. Es ist in seinem Auftreten etwas von ernst genommen werden auf eine Art, die mir gewaltigen Schrecken einjagt. Vielleicht hat deshalb die Angstattacke am Mittagstisch mit diesem sich anbahnendem Kontakt zu tun. Ich weiß nicht mehr, was genau mein Vater sagt. Es ist, als würde er kurz und herrisch an einer unsichtbaren Leine zerren und dazu etwa „Schluss! – Mach ‚Sitz!'“ rufen.

Alles Weitere geschieht, als wäre ich plötzlich in einen Nebel versunken, den außer mir niemand wahrzunehmen scheint. Dies trifft allerdings insofern sehr schnell beinahe wörtlich zu, als ich mich, mechanisch agierend wie ein Roboter und ohnehin in der Tat wie betäubt, volllaufen lasse mit den in zahllosen Flaschen auf den Tischen stehenden sogenannten geistigen Getränken.

Auch das scheint niemand wahrzunehmen und vermutlich gibt mir das den Rest. Zunächst renne ich geradezu aus der Gesellschaft und aus dem Hotel. Es ist mittlerweile fast Mitternacht an einem beispielhaften Sommertag, aber das bemerke ich kaum. Schwach und kurz habe ich den Gedanken, dass ich eben vor der Möglichkeit flüchte, diese Postkartenszene mit Ansichten des Hotels real zu erleben. Den Gedanken drücke ich sofort weg, weil er mir durchaus einen kleinen Stich versetzt.

Zum ersten Mal zur Besinnung komme ich, als ich mir die Hände aufreiße bei dem Versuch, die vor dem Rathaus gehissten Flaggen der DDR und der Sowjetunion herunterzuholen. Hier scheint die Symbolik meines Vorhabens ohne die Nutzung psychoanalytischen Vokabulars augenfällig. Zudem finde ich den berühmt-berüchtigten Spruch bestätigt, Betrunkene und Kinder schütze der liebe Gott. Bei meiner Entdeckung würde ich keineswegs mit Beschwichtigungsformeln wie „dummer Jungenstreich“ davon kommen. Aber es entdeckt mich niemand. Ich tobe mich noch eine Weile an den Blumenrabatten aus, um dann, wiederum halb im Dauerlauf, mich unserem Wohnblock entgegen zu kämpfen.

Auf dem Weg an meiner ehemaligen Schule vorbei werfe ich sämtliche Mülltonnen um und erst kurz vor dem Ende der Straße bemerke ich den dort stehenden Polizeiwagen. Die dienstlich ausharrenden Insassen warten einfach ab, bis ich im mehrfachem Sinne fertig vor der Stoßstange ihres Wagens ankomme.

Die sich jetzt geradezu brennend in mir ausbreitende Empfindung ist Scham. Aber nicht etwa, dass ich beschämt wäre über mein Randalieren. Vielmehr gelingt es mir nach wenigen Sätzen, die Polizisten erfolgreich abzuwimmeln, und zwar mit dem Hinweis auf meinen Vater. Die kennen den offenbar und wissen, dass er zu dieser Zeit in der Bezirksbehörde der Volkspolizei arbeitet. Sie lassen mich fast unverrichteter Dinge ziehen, nachdem sie quasi pro forma verlangen, dass ich zumindest die nächsten liegenden Tonnen wieder aufstelle.

Im nüchternem Zustand hätte ich erstaunt konstatieren können, dass gewisse kindlich oder kindisch von mir ignorierte Spielregeln offenbar auch in dieser Gesellschaft gelten. Auch darin folge ich den Grundsätzen meines Vaters, die er längst verraten zu haben scheint. Aber das alles bemerke ich in diesem Ausnahmezustand nicht. Was mich vor allem beschämt, ist mein unter tragisch getragen eingestreuten Schlagworten wie „Geschwür“ und „Krebs“ angebrachtes Gefasel von Magenproblemen, die ich angeblich hätte. In Wahrheit hat die mein Vater.

Bis hierhin ist noch einmal alles gut gegangen, aber es geht weiter. Immerhin vermute ich, dass dieses Gefühl völligen verlassen Seins nicht nur von allen guten Geistern gleichfalls mit dem Angstanfall wenige Stunden zuvor zusammen hängen könnte. Dann sacke ich vor der verschlossenen Haustür zusammen.

Irgendwann bemerke ich, dass mein Vater und meine Stiefmutter sich nähern. Zunächst scheint es, als wäre ich zumindest wieder halbwegs bei Sinnen, denn ich bin insgeheim erheitert darüber, dass mein Vater mittlerweile auch ordentlich getankt haben dürfte.

Das Folgende aber ist unsinnig, unerklärlich, ungeheuerlich, absurd und widernatürlich. Ich springe auf, plötzlich hellwach und nüchtern, stürze mich auf meinen Vater und schlage ihm mit ganzer Kraft mehrfach ins Gesicht. Dabei brülle ich irgendetwas über besoffene und stinkende Eltern. Sonderbarer Weise verschafft mir die immer erneute Verwendung des überhaupt nicht zutreffenden Beiwortes „stinkend“ beinahe mehr Befriedigung als die mit ganzer jugendlicher Kraft ausgeführten Faustschläge.

Mein Vater scheint jedoch nicht nur nicht überrascht, sondern beginnt augenblicklich, gleichfalls auszuteilen, als wäre das Geschehen voraussehbar gewesen und überhaupt alles in Ordnung. Ich komme wieder zu mir unter den Briefkästen im Hausflur in einer Lache meines Blutes, mit dem auch die Wand und die Wandzeitung beschmiert ist.

Wie lange ich bis in den obersten Stock und bis vor unsere Wohnung brauche, weiß ich nicht. Ich muss einige Stunden bei einer Familie im Parterre genächtigt haben, kann mich aber nicht daran erinnern. Es geschieht jetzt die dritte und letzte Unwahrscheinlichkeit dieses Wochenendes. Nicht nur wird mir wider Erwarten die Wohnungstür geöffnet und es löst sich etwas in mir und ich falle meinem Vater heulend um den Hals; er fällt selbst in einen Weinkrampf, so dass ich mich für einige trügerische Augenblicke um ein paar Jahre zurück versetzt fühle, als dieses unerklärliche Band fragwürdiger symbiotischer Verbindung zwischen uns ist.

Ich erlebe meinen Vater nie vorher und nie nachher in einem derart heftigem Gefühlsausbruch. Er ist mir auch nie derart nah und vertraut wie in diesen Minuten, da wir uns fast erwürgen in diesem Gefühl entsetzlich namenloser Verlassenheit und Verlorenheit. Meine Stiefmutter steht daneben, als wolle sie jeden Augenblick mit der Axt dazwischen gehen und gleichzeitig scheint sie wie gelähmt.

Es ist alles nicht nur völlig unwahrscheinlich, es wird auch so behandelt, nämlich nie mehr mit auch nur einem Wort erwähnt. Offenbar ist für einen Augenblick etwas Tiefes und tatsächlich Namenloses zum Vorschein gekommen. In unwohl bekannter Weise scheint wieder einmal alles nur geträumt.

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