Noch mal ’n erster Schritt zur „Befreiung von Unterdrückung“

Ich umkreise das Ost-Berliner „Haus der Gesundheit“ in immer engerem Radius und nach dem dritten oder vierten Anlauf betrete ich es. Geradezu selbstverständlich mache ich mich dabei insgeheim über mich selbst lustig, weil diese Annäherungsversuche mich an die Desensibilisierung aus der Verhaltenstherapie erinnern. Diese Methode kenne ich aus meiner symptomatisch eifrigen Vorab-Lektüre von Fachbüchern. Dass ich auch hier wieder einer Art Chamäleon-Prinzip folge, das mir ermöglicht, mich als immer und überall passende Figur in völlig unterschiedliche Hintergründe einzufügen, nehme ich erst viele Jahre danach wahr.

Die Schwester in der Anmeldung im Erdgeschoss reagiert wie erwartet. Sie ist mindestens erstaunt. Sie scheint ohne Worte die Frage formulieren zu wollen: „Was will der denn in der Psychotherapie?“

Nachdem meine märchenhafte Stiefmutter mich bei meinem letzten Urlaub von der Fahne quasi vor die Tür setzt, breche ich den Kontakt zu meinen Eltern ab, indem ich mich Jahre lang nicht mehr melde. Es gibt nichts zu klären und ich will nichts klären. Alles nur geträumt. Später finde ich dadurch das böse Bonmot bestätigt, von Schuften würde es sich leichter trennen. Ich könnte zudem nicht sagen, ob ich erwarte, dass meine Eltern sich nach mir erkundigen würden. Sie tun es ohnehin nicht und das fällt mir zunächst gar nicht auf.

Zu dieser Zeit ist mir noch nicht klar, dass meine Eltern vielleicht nicht anders können, weil sie das nicht anders kennen. Auf den Gedanken jedoch, dass sie überzeugt sein könnten, ich wäre bei der Firma und es wäre deshalb alles geheim, kann ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht kommen. Erst Jahrzehnte nach der Wende erfahre ich, dass zumindest meine Stiefmutter engagiert für Horch und Guck tätig ist.

Immer mehr des halben Dutzends Freunde verschwinden aus meinem Gesichtsfeld, indem sie heiraten, zum Studium weg ziehen usw. Ich frage mich insgeheim, ob ich überhaupt von Freunden sprechen kann. Wir unternehmen nichts Vernünftiges, sondern gehen fast immer nur bechern. Diese Kontakte sind alle aus der Armeezeit und nicht auf meine Initiative zurückzuführen. Es ergibt sich alles. Es geht alles seinen Gang.

Im Betrieb versichert man mir immer wieder, dass man eigentlich mit mir zufrieden wäre, im Großen und Ganzen. Das erinnert mich unangenehm an die in meiner Schulzeit in unregelmäßigen Abständen und meist im Ton leisen Vorwurfs erfolgende Rückmeldung von Erziehungsberechtigten, ich wäre doch eigentlich intelligent. Für mich klingt diese Feststellung immer, als wolle der sie Äußernde zwischen den Worten mitteilen, dass ich im Grunde ein hoffnungsloser Fall wäre, im Moment aber aus noch nicht hinreichend klaren Gründen noch nicht völlig verloren. Selbstverständlich äußere ich diese Gedanken nie, nicht einmal im Tagebuch. Gerade so was ist geheim.

Ich bin jedoch mit meiner Arbeit völlig unzufrieden. Das liegt zum Teil an meinem ständigem unterschwellig-dumpfem Unbehagen, das ich fast immer erfolgreich verdränge. Vor allem aber unterlaufen mir immer wieder alberne und dumme Schusselfehler, die ich mir nicht erklären kann. Ich habe trotz der fast ausnahmslos freundlichen Rückmeldungen von Leitern und Kollegen das deutliche Empfinden, bei einfachsten Tätigkeiten peinlich zu versagen.

Mich um die Aufnahme eines Studiums zu bemühen, habe ich längst abgehakt und auch das ist mir nicht bewusst. Oft schon vor Jahren ins Auge gefasste Vorhaben wie Mitarbeit in künstlerischen Arbeitsgemeinschaften oder Sportclubs und dergleichen habe ich quasi auf Eis gelegt. Erst recht das wird sich ergeben, irgendwann und irgendwie.

Meine Wohnung sieht nach wie vor aus wie ein Sperrmüllcontainer, obwohl ich inzwischen über einen Mietvertrag verfüge und vor allem ebenfalls seit Jahren recht genaue Vorstellungen über eine Wohnungsgestaltung- und Einrichtung habe, die ich als wirklich meine empfinden könnte. Ich unternehme nicht das Geringste, um diese Vorstellungen zu verwirklichen. Das kommt alles schon noch, das wird sich ergeben.

Hier nehme ich allerdings wahr, dass ich oft geradezu grotesk und in jedem Fall irrational agiere. Beispielsweise stehen monatelang komplette Gardinenstangen in einer Ecke des Wohnzimmers, die ich nur noch mit jeweils vier Schrauben befestigen müsste. Das tue ich nicht deshalb nicht, weil ich zu faul oder zu ungeschickt bin, sondern weil hier etwas gewissermaßen tabu ist. Ich weigere mich, diese tragikomische Blockierung anzugehen, obwohl ich immer wieder darauf hingewiesen werde. Irgendwann habe ich in diesem Zusammenhang einen Gedanken, der mir selbst derart bekloppt erscheint, dass ich ihn nicht einmal im Tagebuch äußere. Die mit Nägeln an den Fensterrahmen befestigten gebrauchten Wolltücher erinnern mich an Luftschutzverdunklung.

Über die Tagesgenossen aus meiner Armeezeit und den werktäglichen Umgang mit meinen Kollegen hinaus habe ich keine Kontakte, auch nicht oder erst recht nicht im Haus meiner Prenzlauerberghütte.

Schließlich fordert meine Freundin geradezu ultimativ, dass ich etwas tun müsse, etwa eine Therapie beginnen oder zumindest einen Psychologen aufsuchen, andernfalls sie sich von mir trennen würde.

Ich bin nicht fähig, mich aus dieser Situation heraus zu arbeiten. Ich begreife vielmehr nicht nur nicht, wie mir geschieht, sondern blende meine selbst erschaffene klägliche Kleinwelt wie erlernt aus. Ich verdränge die sogenannte Realität und schwelge nach der Arbeit stundenlang in Wachphantasien mit Musikbegleitung, wie ich es während meiner Kindheit geradezu rauschhaft in einem Wohnzimmersessel schaukelnd getan habe.

Kurz gesagt: „Nichts geht mehr!“, und ich müsste, als ich schließlich zum Psychologen gehe, mich eigentlich hin setzen und losheulen. Dass ich eben dies nicht kann und dass vor allem mein Unvermögen zu angemessener emotionaler Reaktion überhaupt eines meiner Grundprobleme sein könnte, ist mir nicht bewusst. Ein paar Wochen später rauft sich ein Therapeut in der Großgruppe der stationären Abteilung theatralisch übertrieben die Haare und ruft in halb gespielter Verzweiflung: „Herr Koske – nur Kopf, Kopf, Kopf!“ Ich lache zwar wie viele meiner Mitklienten über die spontane theatertherapeutische Einlage, begreife aber nicht, was gemeint ist.

Bei meinem dritten Therapieversuch fünfzehn Jahre und eine Lebenswelt später lese ich bei Ammon von emotionalen Fassaden und von Klienten, die gesünder als gesund erscheinen. Mir fällt bei dieser Lektüre mein erster Kontakt mit Psycho-Club im Haus der Gesundheit ein. Eigentlich ist alles zu spät, aber meine Fassade ist auf Hochglanz. Das ist mir nicht bewusst und daher umso wirksamer.

Das Haus der Gesundheit hat etwas. Das ganze Gebäude strahlt etwas wiederum in Worten schwer zu erfassendes Atmosphärisches aus, das deutlich positiv getönt ist. Ich scheine hier richtig zu sein in dem Sinne, dass diese Atmosphäre die realistische Verheißung von Helle, Weite und ins Freie kommen hat. Das erleichtert es mir wahrzunehmen, dass ich irgendwie festsitze, was ich allerdings abstreiten, wenn mich jemand darauf ansprechen würde.

Die psychotherapeutische Abteilung befindet sich im Dachgeschoss. Bezeichnenderweise kommt mir hier die im Wortsinn naheliegende Assoziation vom kaputten Dachstübchen nicht. Der für die Aufnahme zuständige Oberarzt erinnert mich äußerlich an Anthony Quinn in der Rolle des Sorbas. Dieser Assoziation werde ich mir erst hinterher bewusst.

Der Mann wirkt auf mich dem Klischee entsprechend südländisch-leidenschaftlich, was wiederum dem Klischee des Seelenklempners nicht entspricht. Er hat etwas Begütigendes und Beschwichtigendes in seinem Verhalten mir gegenüber, das mir gut tut. Gleichzeitig scheint er fast unmerklich belustigt über mein hektisches und verwirrtes Auftreten. Diese leise Erheiterung kenne ich aus vielen anderen Situationen, in denen ich fremd bin, aber sie ärgert mich trotzdem.

Der Arzt sagt nach etwa einer Stunde: „Sie sind wohl etwas wirr im Kopf!“ Von dieser für mich geradezu gebieterisch kanonischen Rückmeldung vermag ich mich erst nach Jahren abzugrenzen und üblicherweise mit Sarkasmus. Diese Szene scheint mir dann der vergleichbar, in der jemand mit einem abgebrochenem und einem hohlem Zahn sowie einer dicken Backe beim Zahnarzt erscheint und dieser andeutet, man hätte sehr wahrscheinlich Schmerzen.

Vor allem aber glaube ich in dieser leicht erheitert, jedoch wohlwollend-freundlich vorgebrachten Aussage unausgesprochene Versicherungen wahrzunehmen wie etwa die, dass alles halb so schlimm wäre und man das schon noch hinkriegen würde usw. Die abschließende Bemerkung des Psychiaters jedoch ist: „Sie kommen wohl weder mit Männern noch mit Frauen klar, ich stecke Sie in die gemischte Gruppe!“ Ich verstehe kein Wort, fühle mich jedoch angenehm erregt im Mittelpunkt seltsamen, aber wichtigen Geschehens.

Ich bin verblüfft, dass ich schon nach einem ersten Gespräch wie selbstverständlich für die sechswöchige stationäre Therapie eingeplant werde. Weil dieses aus einer Art innerem Gefängnis heraus Kommen nun endgültig gesichert scheint, bin ich jedoch gleichzeitig erleichtert. Auch das würde ich nicht zugeben können, würde man mich darauf ansprechen.

Schließlich aber, und diese scheint meine stärkste Empfindung nach diesem Erstkontakt, bin ich enttäuscht. Ich habe vor meinem Gang in diese Klinik die „Neurosenlehre und Psychotherapie“ von Höck und König geradezu durchgearbeitet und kann die darin vorgeschlagene Neurosendefinition heute noch auswendig. Dr. Höck ist der Chefarzt der psychotherapeutischen Abteilung und ärztlicher Direktor der Poliklinik „Haus der Gesundheit“. Was ich nicht bemerke, ist das Typische dieser Lektüre, die man mit einigem Recht bereits als ein Verhaltenssymptom wahrnehmen könnte. Da ich auf der sachlichen Ebene ausgezeichnet informiert bin, erübrigen sich Bemühungen auf der Beziehungsebene. „Ihr könnt mich – ich weiß schon alles!“ Auch dieser seelische Mechanismus, dem ich des Öfteren erliege, etwa als Schulanfänger, bleibt natürlich unbewusst.

In diesem Buch steht aber auch etwas über Kontraindikationen zur insbesondere stationären Psychotherapie. Eine Kontraindikation wäre fehlender Leidensdruck, sich zeigend etwa im zur Therapie gewissermaßen durch Dritte delegiert werden ohne eigenen Antrieb.

Ich bin quasi geschickt, weil meine Freundin mir die Pistole auf die Brust setzt. Dennoch werde ich nach ersten Gesprächen für die stationäre Therapie eingeplant. Das enttäuscht mich, weil es mir nicht vollkommen lehrbuchgerecht scheint. Dabei blende ich eine andere wichtige Feststellung des Buches aus, die mir sehr wohl auffällt. Bei vorwiegend histrionisch Strukturierten würde die Symptomatik meist ausgelöst durch drohenden oder tatsächlichen Partnerverlust. Gerade dies trifft buchstäblich auf mich zu, aber das bemerke ich nicht. Ich bin überzeugt, histrionisch strukturiert zu sein, was mir erst sehr viel später fragwürdig erscheint.

Mein Verhalten hat etwas Stasimäßig-Kontrollierendes, in dessen Ausagieren ich als Hundertprozentiger erscheinen könnte, der die rote Linie prüfen zu wollen scheint. Hier zeigt sich jedoch diese Ausstrahlung eines Genossen Tschekisten, obwohl ich nicht im Geringsten beidastasi angebunden bin. Es wirken offenbar psychische Mechanismen, nicht Fakten der sogenannten Realität. Auch dies bleibt mir völlig unbewusst.

Nach dem einführendem und vor dem zusammenfassend abschließendem Gespräch schickt mich der Oberarzt zur Anamnese zu einer Diplom-Psychologin einige Zimmer weiter. Ihrem Körperbau nach scheint die Frau Leistungssportlerin zu sein oder vor nicht allzu langer Zeit gewesen zu sein. Das löst wie immer bei Begegnungen mit derartigen Vollfrauen Ängste in mir aus, die ich nicht wahrhaben kann und will.

Zudem ist die Psychologin mir unsympathisch, weil sie mir nicht zu trauen scheint. Nach der freundlichen Begrüßung durch den Oberarzt wiederholt sich ein mir unwohl bekanntes Muster meines Erlebens, indem eine offizielle Person nicht wirklich etwas mit mir anfangen zu können scheint. Dies hat jedoch paradoxerweise zur Folge, dass ich besonders aufmerksam und fast verbissen beflissen bei der Sache bin.

Die Frau fragt mich unter anderem, ob ich während der Pubertät mit gleichaltrigen Jungen Spiele wie Weit- und Zielpinkeln sowie Masturbier-Wettbewerbe in der Gruppe ausgeführt hätte. Ich glaube, meinen Ohren nicht trauen zu können. Während ich seit meinem Erscheinen auf der Etage rede wie ein Wasserfall, bin ich für einige Augenblicke sprachlos. Zudem bin ich endgültig enttäuscht, weil die Frau das geradezu durchgekaute Klischee zu bestätigen scheint, nach dem Psychologen und Psychiater alle selbst Einen an der Waffel haben.

Erst etliche Jahre später wird mir klar, dass die Psychologin auf ein für mich typisches Defizit verweist. Schon seit der körperlichen Pubertät scheine ich derart weg getreten, dass ich Entwicklungsschritte und die dabei normalen, altersgemäßen Empfindungen und Handlungen gewissermaßen ausfallen lasse. Tragikomischer Weise kenne ich sie gar nicht und weise allein den Gedanken an sie empört von mir.

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