Noch ein(en) Landeversuch (abgebrochen)…

Die Kinderzimmertür wird aufgerissen und meine Stiefmutter ruft in der Manier, in der man Befehle auf dem Kasernenhof brüllt: „Los, ab!“ Ich nehme die vorbereitete Tasche und folge der Mutter. Wir benutzen den Weg, auf dem ich zur Schule gehe oder zum Einkaufen, biegen aber an der Schule nach links ab.

Es ist mir peinlich oder zumindest unangenehm, mit meiner Stiefmutter gesehen zu werden. Das hat nichts mit meiner Stiefmutter zu tun, mit der ich fast seit Beginn unserer Bekanntschaft im Clinch liege, sondern mit der öffentlichen Präsentation von Kontakten und Beziehungen. Die sind doch geheim… Ich bin mir zudem nicht sicher, ob ich nicht gesehen werden will, weil ich glaube, Passanten könnten wissen, wo ich jetzt hin komme, oder ob ich ähnliches Verhalten und Empfinden in einem Buch gelesen habe und jetzt befürchte, man könnte mir unterstellen, ich würde gewissermaßen eine Rolle aus dem Buch nachspielen.

Das Heim befindet sich hinter der Neubauschule, in die meine ehemalige dritte Klasse umgeschult wurde. Wie die meisten Schulen meiner Heimatstadt ist der Gebäudekomplex eine Einzelanfertigung, d. h., obwohl zum Teil bereits aus vorgefertigten Elementen des industriellen Bauens errichtet, kein Typenbau, sondern eigens für diesen Standort entworfen und realisiert. Der Grundriss der Schule hat etwa die Form eines „U“, gebildet aus dem eigentlichen Schulgebäude, einem rechtem Flügel mit Sporthalle und Umkleide- sowie Sanitärräumen und dem linken Flügel, der aus Küche und Speise-Saal besteht. Am Ende des linken senkrechten Striches im „U“ ist der Eingang zum Speise-Saal, von dem man unter einem Schleppdach nach wenigen Schritten zur Vordertür des Heims gelangt.

Eigentlich möchte ich laut los heulen, aber ich weiß nicht, warum. Ich wollte ja in dieses Heim! Mein Vater ist zu einem Ingenieurstudium delegiert worden, zu dem auch mehrere Semester Direktstudium in einer Stadt im Süden der Republik gehören. Um die Zuspitzung des Konflikts zwischen meiner Stiefmutter und mir zu vermeiden, wird mir in einer der wenigen Gespräche meiner Eltern, in denen es um mich geht und in denen ich anwesend bin, der Vorschlag gemacht, in diesem Heim zu wohnen. Es ist ein Schülerwochenheim, d. h., hier leben von Sonntag Abend bzw. Montag früh bis Freitag Abend bzw. Samstag früh Kinder von Montagearbeitern, Binnenschiffern, im Ausland Tätigen und Inhaftierten. Für die Kinder der Binnenschiffer gibt es ein eigenes Heim, das aber ebenso wie das richtige Heim für Waisenkinder am anderem Ende der Stadt immer wieder überfüllt ist.

Es geht wahrscheinlich, wieder einmal, um Trennung überhaupt und grundsätzlich. Meine Stiefmutter gibt sich augenfällig Mühe, diesen Umzug als Strafaktion erscheinen zu lassen, obwohl er eigentlich eine Wunscherfüllung darstellt. Ihre Bewegungen sind besonders zackig, ihre Sprache besonders militärisch kurz angebunden.

Das Zimmer der Heimleitung ist das erste Zimmer auf der linken Seite des rechten, langen Ganges im Parterre. Es wirkt auf mich anheimelnd oder jedenfalls wohnlich-komfortabel, da eine Wand von der Decke bis zum Boden von Einbauschränken aus Naturholz gebildet wird.

Die stellvertretende Leiterin des Heimes, der meine Mutter mich übergibt, ist wieder eine dieser körperlich und seelisch robusten Frauen, die mir insgeheim Angst machen. Ihre Augen sind von einem Blau, das manche als kalt bezeichnen würden. Die Löckchen ihrer Frisur wirken wie maßgeschneidert und mit dem Lineal ausgerichtet. Die Leiterin trägt einen weißen Kittel wie eine Ärztin. Mir scheint, dass die Frau viel Verständnis für meine Situation hat, das aber in Gegenwart meiner Mutter nicht zu zeigen wagt. Ich bin zudem ein Sonderfall, da ich weder der Sohn nicht am Ort wohnender Eltern noch Waise bin, aber auch nicht im eigentlichem Sinne schwer erziehbar. Die Erwachsenen unterhalten sich kurz in dieser seltsamen Art, als würden sie vor Publikum agieren, das sie bewerten soll. Schließlich bemerkt meine Mutter etwas wie, ich solle mich anständig benehmen und verlässt eilig das Heim.

Mein Zimmer ist das letzte auf der linken Seite dieses langen Erdgeschossganges. Es sind drei Betten in dem Zimmer, eines rechts neben der Tür, hinter dem drei zweiflügelige Kleiderschränke stehen, während zwei weitere Betten genau an die linke Wand passen. Zu jedem Bett gehört ein kleines Nachtschränkchen mit Klapp-Tür und einer kleinen Schublade darüber, das jeweils am Kopfende der Betten neben diesen steht. Das Inventar wird vervollständigt durch einen kleinen quadratischen Tisch mit drei Stühlen.

Das Zimmer wirkt auf mich nicht nur unbewohnt, sondern auch unbenutzbar. Ich wage weder, mich aufs Bett zu setzen noch einen der Stühle zu benutzen. Es wohnt jedoch noch ein Junge in diesem Zimmer, der erst abends ins Heim kommt, wie mir eine der Erzieherinnen erklärt, die mir das Zimmer zugewiesen hat.

Wenngleich ich auch das wieder nicht in Worten ausdrücken kann und will, wird mir hier in aller Deutlichkeit bewusst, dass ich unfähig bin, ohne Anweisungen zu handeln. Ich warte darauf, dass mir jemand sagt, was ich tun soll oder muss oder mir wenigstens die offizielle Genehmigung zu banalen Hantierungen gibt, wie etwa ein Buch heraus nehmen und es lesen zu dürfen. Die paar Plünnen, wie meine Stiefmutter meine mitgeführte Kleidung und die Schulsachen nennt, als wären sie dadurch entwertet, dass sie mir gehören, wage ich immerhin in den Schrank und das Nachtschränkchen zu räumen.

Ich stelle mich an das Fenster, stütze die Ellenbogen auf der großen, kalten und spiegelglatt polierten Steinplatte ab, die das Fensterbrett bildet, und stiere in einer Haltung nach draußen, in der ich einen guten Blick in den Garten habe, selbst aber nur gesehen werden kann von jemandem, der direkt vor dem Fenster steht. Das tut aber niemand, weil dies das letzte Zimmer des Gebäudes ist, an dessen Giebelwand ein hoher Zaun anschließt.

Es ist auch das am weitesten von den Eingängen entfernte Zimmer. Ich habe beim Betreten des Gebäudes bemerkt, dass der Ausgang in den Garten, der der Eingangstür gegenüberliegt, als eigentlicher Eingang gesehen werden müsste, denn es führt nicht nur eine breite Außentreppe hinauf, sondern man erreicht das Foyer des Heimes von dieser Außentreppe aus erst durch eine Art Vorhalle. Die draußen spielenden Kinder halten sich um diese Treppe herum auf, von deren Stufen man den kleinen, aber prächtigen Garten überblickt. Bis an das Ende des Hauses verirrt sich kaum jemand.

Ich gehe aber nicht nach vorn ins Foyer oder gar nach draußen und weniger deshalb nicht, weil ich Angst habe, sondern weil ich wütend und gekränkt bin und nicht weiß, warum.

Nach einiger Zeit erscheint mein Mitbewohner, ein kräftiger rothaariger Junge mit dicken Lippen. Inzwischen habe ich über ihn gehört, er wäre nicht ganz richtig im Kopf, und dies nicht nur, weil er an einer Sonderschule lernt. Wie immer denke ich, dass diese diskriminierenden Einschätzungen dumm wären, wie immer äußere ich diese Gedanken nicht, und zwar nicht aus Feigheit, sondern aus Resignation. Der Junge reicht mir die Hand und fragt in lang gezogenem Ton „Wolln? Wir? Freunde? Sein?“ Ich bin völlig verdattert und knurre „Nee!“ Wie ich richtig vermutet habe, ist der Junge mir nicht böse, er sagt eher gelangweilt als enttäuscht „Denn! Eben! Nich‘!“ und lässt mich stehen.

Schon hier muss ich gegen den Drang ankämpfen, laut los zu lachen. Dabei will ich den Jungen nicht auslachen – es ist eher ein aufgeregt frohlockendes Lachen. Hier scheinen außergewöhnliche Erlebnisse möglich.

Als eines der älteren Mädchen abends den Stubendurchgang durchführt, zieht sich mein Mitbewohner die Schlafanzughose herunter und schreit „Wolln wir ficken, wolln wir ficken?“ Jetzt bin ich nicht der Einzige, der lacht. Einige Mitbewohner lachen mit, die sich offenbar vor der Zimmertür aufhalten, weil sie mit derartigen Erlebnissen rechnen. Es scheint sich um eine Art Ritual zu handeln, denn das Mädchen ist nicht nur gleichfalls belustigt, sondern eher gelangweilt als schockiert und nach einigen scharfen Worten klettert mein Mitbewohner friedlich in sein Bett.

Ja, der ist nicht richtig im Kopf! Doch das ist okay – hier scheinen Abenteuer zu beginnen, von denen ich schon gar nicht mehr weiß, dass ich sie erwarte. Aus einer Art Übermut des Augenblicks heraus setze ich mich hinter die zugezogenen Übergardinen auf das gewaltige Fensterbrett. Als irgendwann die Nachtwache ihren Rundgang unternimmt, bin ich insgeheim stolz darauf, mich bei den abfälligen Anmerkungen anderer Heimkinder über meinen Zimmergenossen nicht beifällig oder jedenfalls zustimmend geäußert zu haben. Auf die Frage nach seinem neuem Mitbewohner schmettert der Junge derart fröhlich-treuherzig heraus, ich wäre auf dem Klo, dass die Nachtwache, ein lustiges Großmütterchen, ihm sofort glaubt und sich augenblicklich entfernt. Daraus entsteht eine Art Ritual – ich sitze im Sommer fast jeden Abend und oft auch frühmorgens auf dem Fensterbrett und lese.

Aber ich bin schon mit 12 furchtbar festgefahren – es dauert viele Wochen, bis ich wirklich auftaue und im Heim ankomme…