Nicht gut Kirschen essen oder: Selbsterkenntnis in einiger Höhe

Ja, wir gehen Kirschen klauen… Wenigstens ein bisschen Abenteuer, wenigstens eine Ahnung dessen, was möglich sein könnte, aber doch keine wirklichen Geschichten. Es bleibt gewissermaßen alles in lahmen Ansätzen und halben Andeutungen stecken, es wird alles nicht zu Ende gebracht, es ist alles nur Abklatsch und Nachhall, es wird alles nicht rund.

Fast immer, aber nicht immer geht alles gut. Einmal steigen wir zu fünft oder zu sechst in den größten Garten der Kleingartenanlagen westlich unseres Wohnkomplexes ein, der sich einen Hügel hinab erstreckt. Wir amüsieren uns schon beim Einsteigen, weil dabei beinahe der Zaun umkippt, ein mehr symbolisch gemeintes Gebilde aus kleinen, alten und morschen Holzlatten. Der Zugangspunkt scheint nicht jedermann bekannt, weil wir einen Weg benutzen, der fast nie begangen zu werden scheint.

Fast direkt am Zaun steht ein prächtiger Kirschbaum, an dem viele Äste mehr rot als grün sind und von Fruchttrauben schwer bis zum Boden hängen. Wir müssen gar nicht auf den Baum steigen, wir können bequem auf dem saftigem Rasen stehen und uns die Bäuche und einige Plaste-Tüten füllen.

Wir werden erwischt, und leider von einem ganz Scharfem. Der Mann tobt vor empörtem Brüllen und verprügelt mehrere von uns. Dann hält er nicht aus Erschöpfung inne, sondern um zu vermeiden, dass Einer von uns abhaut, während er uns in ein Gewächshaus an der Sohle des Hügelchens kommandiert, in dem es ein Büro mit Telefon gibt. Hier erfahren wir auch, dass der Garten nicht privat ist, sondern Genossenschafts- oder Volkseigentum, und wir ahnen, dass es nicht bei der Tracht Prügel bleiben wird.

Der Prügler fragt unter anderem mich nach dem Beruf meines Vaters, was mich für einen Moment sprachlos macht. Was soll das jetzt? Nach meiner wahrheitsgemäßen Antwort erleidet der Mann neuerlich einen cholerischem Schrei-Anfall etwas des Inhalts, dass mein Vater einer verantwortungsvollen Tätigkeit in Uniform und also zum Schutze des Staates nachgehen würde, während sein Sohn glaube, sich beim Diebstahl am Eigentum dieses Staates vergnügen zu können.

Als mir der Mann eine gewaltige Ohrfeige verabfolgt, von der ich umgeworfen werde, rutscht ein etwa haselnußgroßes Stück Kot von unter diesen Umständen erfreulich fester Konsistenz in meine Unterhose, und zwar nicht, weil ich Schiss habe, sondern weil ich es mit dem Bauch vollschlagen übertrieben habe und ohnehin mal muss.

Aber wenn es nur das wäre! Einer der verprügelten Jungen ist ernsthaft verletzt und muss nicht nur mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus, dessen Gelände grotesker- wie ironischerweise etwa hundert Meter entfernt vom Tatort beginnt, sondern es stellt sich heraus, dass er ein Auge dauerhaft nicht mehr nach oben bewegen kann. Selbst hartgesottene Halbstarke sind befremdet, als der Junge einige Tage später in Siegerpose erklärt, er könne sich von der ab sofort von dem prügelndem Mann zu zahlenden Teilrente nach einigen Monaten den gewünschten Kassettenrecorder kaufen.

Offensichtlich bewirkt es der unglückliche Ausgang dieses Streichs, dass wir alle, bis auf den am Auge verletzten Jungen, noch einmal davonkommen.

Ich frage mich immer wieder, und dergestalt insgeheim, dass ich meine Gedanken nie äußere, auch nicht im Tagebuch, was nicht stimmt an der ganzen Geschichte und allen ähnlichen Geschichten. Wir werden behandelt wir Schwerverbrecher, obwohl wir nur ein bisschen Spaß haben und ein kleines Abenteuer erleben wollen, das zudem niemandem wirklich schädigt, denn wir haben sicher nicht einmal ein Promille der Früchte eines Baumes gepflückt und es stehen um ihn herum noch etliche weitere Kirschbäume.

Hat der Mann sich nicht untypisch verhalten, ist sein Auftreten nicht ein Überbleibsel der alten Gesellschaft, wie wir es in verschiedenen Unterrichtsfächern durchgenommen haben? Woher diese Missgunst, diese Unfreundlichkeit, dieser unfroh verbissene Mangel an erwachsener, gewissermaßen weiser Distanz gegenüber einer kleinen Horde im Grunde spielender Rotznasen? Aber selbst, wenn ich diese Fragen derart genau stellen könnte, wüsste ich keinen Ort, wo ich sie stellen könnte. Es lohnt sich wieder einmal alles nicht – alles Haschen nach Wind!

Einer der Kirschbäume, die wir erkunden, steht an einem meiner Lieblingswege. Ich gehe aus der Tür unseres Aufgangs, biege nach rechts um den Block und folge dann entweder dem nach Südwesten führendem Weg bis zum Ende und darauf der Querstraße nach rechts bis zur nächsten Ecke, oder ich überquere diagonal unseren Hof bis zur nächsten Straße, biege dort nach links ein und gelange schließlich ebenfalls an diese Ecke. Dann muss ich noch über diese Querstraße und am Giebel eines Wohnblocks vorbei laufen und bin in der Natur.

Schon damals, als ich elf, zwölf, dreizehn Jahre alt bin, sprechen die Stadtlandschaft und erst recht die Landschaften um die Stadt herum den Klischeevorstellungen Hohn, die geradezu zwangsläufig beim Nennen des Stadtnamens in Ottilie Normalverbraucherin aufkommen. Es gibt das Naherholungsgebiet „Insel“, das nicht nur bewaldet, sondern an manchen Stellen geradezu grün überwuchert ist. Eine Art Grüngürtel liegt um die Stadt herum, der im Westen aus hunderten Kleingärten und Grundstücken mit Eigenheim gebildet und zunehmend zum Paradiesseits wird.

Hinter dem letztem Wohnblock beginnt eine wilde und nicht nur grüne Wiese, dahinter stehen große, alte Bäume. Dann quert man eine Art Feldweg und gelangt auf einem schmalem Trampelpfad, dessen Beginn man leicht übersehen kann und der in sanfter Steigung einen Endmoränenhügel hinauf führt, in eine der vielen Kleingartenanlagen mit Häuschen, Häusern, Lauben und Hütten unterschiedlichen Alters und trotz der genormten Flächen mit liebevollem Eifer bis in jedes Fleckchen und jedes Eckchen bunt bebauten und bepflanzten Gärten. Der Weg ist teilweise derart schmal, dass höchstens zwei Hänflinge wie ich nebeneinander laufen können.

Unvermittelt erweitert sich dieser Weg zu einer Art Lichtung, die nicht nur hügelabwärts geneigt ist, sondern noch stärker nach Norden. Dort und im Westen ist sie von dichtem Gestrüpp geradezu abgeriegelt, das erfreulicherweise auch aus Himbeer- und Brombeersträuchern besteht.

Auf der Wiese mit dickem, hohem Gras stehen etwa zwanzig Obstbäume, und ganz vorn, am Anfang der Lichtung und direkt an dem nordwärts führendem Zaun, steht ein Kirschbaum, der gepfropft ist, wie ich stolz auch Leuten erkläre, die das gar nicht wissen wollen. Unten wachsen gelbrote, sehr früh genießbare sogenannte Glaskirschen, die man bereits im Stehen mit der Hand abpflücken kann, und etwa ab drei Metern Höhe trägt der Baum Kirschen einer anderen Sorte, die erst zwei, drei Wochen nach den Glaskirschen dunkelrot reife Früchte tragen.

Ich bin glücklich, einige Mitschüler überredet zu haben, mir zu diesem Baum zu folgen, an dem vorbei zu gehen für mich mittlerweile bereits eine Art Ritual darstellt, selbst im Winter. Wir beginnen zu pflücken und zu futtern, unter den üblichen halb begeisterten und halb ängstlichen Ausrufen, und ich klettere in den wie ein Segelschiffmast schwankenden Wipfel des Baumes, von dem aus man einen guten Überblick über unseren Wohnkomplex hat.

Dies ist der zweite unserer Ausflüge in die Gärten, bei denen wir erwischt werden. Wieder steht plötzlich ein Mann unten, der sich sichtlich anstrengt, sich in ihm angemessen erscheinende Wut zu steigern, und wieder ist es jemand, der mit dem Grundstück nichts zu tun hat, geschweige denn der Besitzer.

Das ohnehin halbherzig vorgebrachte Argument, der Baum stünde doch frei, lässt der Mann nicht gelten, indem er auf die Grenzsteine am Weg verweist. Immerhin räumt er ein, dass sie nur schwer zu erkennen sind, ja, dass man sie noch, wenn man direkt vor ihnen steht, geradezu aus dem Grasbüscheln freilegen muss. Dennoch – da sind Grenzsteine und dies ist keineswegs ein öffentliches Grundstück mit wilden Obstbäumen.

Längst stehen meine Mitschüler- und Täter schuldbewusst vor dem Mann, während ich mich weigere, vom Baum herunter zu steigen. Ich bin selbst überrascht über meine Ansätze von Zivilcourage an kläglich banaler Stelle. Es geschieht jetzt jedoch etwas noch viel Seltsameres, oder zumindest bin ich mir nicht bewusst, dies mit Absicht zu tun – mit einem Mal sind alle meine Empfindungen weg, ich bin sozusagen seelisch entleert. Ich fühle keine Angst, keine Schadenfreude, keine Wut, ich fühle gar nichts mehr und bin wie ein Geist, der über den Dingen schwebt.

Das Erstaunlichste und Befremdlichste aber ist, dass der wetternde Mann dies sofort zu spüren scheint, denn er bricht seine Schimpfkanonade ab, begnügt sich mit meiner laschen und lauen Versicherung, dass ich herunter steigen werde, brummelt noch Etliches vor sich hin, um quasi die Form zu wahren, und trollt sich.

Die sozusagen offizielle Pointe ist, dass einige Minuten später der Besitzer des Grundstücks erscheint, der uns in Andeutungen, aber unmissverständlich seine Meinung kundtut, dass wir selbst schuld wären, wenn wir so blöd wären, uns erwischen zu lassen.

Meine Pointe ist, dass ich mir unheimlich bin, als ich schließlich tatsächlich vom Baum herunter steige. Ich prüfe verstohlen, ob meine Mitschüler- und Täter etwas von dem deutlich wirkendem nicht Ausgesprochenem bemerkt haben. Dies scheint nicht der Fall zu sein, da sie überrascht und erleichtert sind, dass beide sogenannten Erwachsenen uns ohne Weiteres ziehen lassen.

Ich kann meine Emotionen still legen, mit einem Ruck alle meine Gefühle ausschalten; wieder einmal ist, unbemerkt von allen außer mir, der Grundton angeschlagen – ich bin ein Monstrum…