Mal ’ne bestandene Prüfung – putzig…

Der Mann scheint selten viel Worte zu machen und er scheint sie auch nicht nötig zu haben. Er ist mindestens eins neunzig groß und deutlich über zwei Zentner schwer, wirkt aber keineswegs dick oder fett, sondern von mühsam gebändigter Kraft getrieben. Er bewegt zudem seine große Körpermasse nicht unbeholfen, sondern mit einer Gewandtheit, die man ihm auf den ersten Blick nicht zutraut. Er schiebt seinen Körper mit fast unbewegtem Rumpf vorwärts, was ihn einerseits anzustrengen, was er aber andererseits von der Höhe seines Kopfes herab selbst amüsiert zu beobachten, ja, zu genießen scheint, als müsse er stets auf seine Wirkung achten. Dies trifft durchaus zu, da er wie alle Pädagogen sozusagen ständig vor Publikum arbeitet.

Erstaunlich finde ich die Frisur des Mannes. Er hat wenige Zentimeter über einem Ohr dicht und dick wachsende schwarze Haare derart über den Schädel gekämmt, dass man die darunter verborgene Halbglatze oft nicht auf den ersten Blick bemerkt. Diese dicken tarnenden Strähnen streicht er zudem in regelmäßigen Abständen geradezu genüsslich aus der Stirn, so dass die Suggestion vollen Haares verstärkt wird. Ich habe ein bisschen Angst vor dem Mann – und er ist mir auf Anhieb sympathisch.

Der Mann ist einer der Erzieher meiner Gruppe und fordert mich an einem der ersten Abende meines Heimaufenthaltes mit wenigen Worten auf, den Gruppenraum zu reinigen. Ich bin mir nicht darüber im Klaren, ob diese Zimmerreinigung ein Test sein soll, dem sich jeder Neue unterziehen muss. Ich vermute es aber und gebe mir Mühe, habe jedoch Angst, dass ich gerade der Mühe wegen wieder verkrampfe und Mist baue.

Der Gruppenraum ist nach den Toiletten und dem Waschraum hinter der dritten Tür auf der rechten Seite des Ganges, an dessen Ende ich jetzt wohne. Rechts neben der Tür steht ein großer Schrank mit Spielsachen. Links von der Tür, im deutlich größerem Teil des Raumes, stehen vier Tische mit jeweils vier Stühlen. Die linke Wand ist fast völlig von einer Schrankwand bedeckt. Gegenüber der Tür sind zwei große Fenster mit jeweils mehreren Flügeln, durch die man auf einen Fußballplatz sieht, der seltsamer Weise vollständig asphaltiert ist. Dahinter erstreckt sich der Schulhof.

Ich wische in den zahlreichen Fächern der Schrankwand sowie auf den Fensterbrettern Staub, teils trocken, teils feucht, wische die Tische ab, feucht und trocken, stelle die Stühle hoch, fege und wische den Raum und beginne die Pflanzen zu gießen, bis nach etwa einer Stunde der Erzieher in der Tür steht. Er scheint völlig verblüfft und schickt mich sofort ins Bett. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass der Mann vermutet hat, ich wäre nach dem üblichem flüchtigem Durchfegen längst aus dem Gruppenraum verschwunden. Ich werde zum erstem Mal gelobt für Tätigkeiten, die ich nicht anders ausgeführt habe als zu Hause, wo ich aber bei der analogen Ausführung dieser Tätigkeiten entweder gar nicht wahrgenommen zu werden scheine oder kritisiert werde.

Dies ist der Beginn meiner Entwicklung entgegen allen Prognosen. Insbesondere Lehrer haben befürchtet, und erklärtermaßen, dass ich nach der Heimeinweisung in den schulischen Leistungen stark nachlassen würde. Diese Befürchtung ist durchaus begründet, was mir auch damals schon klar ist, weil sie auf Erfahrungen beruht.

Entgegen diesen Erfahrungen verbessere ich meine Leistungen deutlich. In einem Schuljahr, ich glaube, im siebten, verbessere ich meine Durchschnittsnote fast um eine ganze Zahl.

Ich bilde mir ebenso heimlich wie unerschütterlich ein, dass mir das gelungen ist, weil ich hoffnungslos verliebt bin, und zwar wie Martin Eden, dessen Geschichte ich eben gelesen habe, in ein blondes und blauäugiges, sozusagen ätherisches Mädchenwesen. Was ich jedoch nicht bemerke und wohl auch nicht wahrnehmen kann, ist die Wirkung der Einbindung in eine Gruppe.

Zehn Jahre später finde ich in einem Fachbuch über „Neurosenlehre und Psychotherapie“ die Formulierung „Herauslösung aus dem konfliktauslösendem Milieu“. Diese „Herauslösung“ dürfte nach meiner Heimeinweisung zum Aufschwung nicht nur in meinen schulischen Leistungen zumindest beigetragen, wenn nicht sie wesentlich bewirkt haben.