Letzte Begegnung

Die Briefkästen in unserem Haus waren so angebracht, dass der Zusteller die Post von außen einwerfen konnte und die Briefe und Zeitungen dann vom Hausflur aus zu entnehmen waren. Ich hatte jedoch meist keinen Schlüssel, mit dem ich den Briefkasten hätte öffnen können, aber ich hatte irgendwann die Fähigkeit entwickelt, den Kasten zu leeren, indem ich die Post von außen zutage förderte. Da ich darin nach kurzer Zeit derartige Perfektion erreicht hatte, dass selbst die Zeitungen unbeschädigt blieben, ließen meine Eltern mich schließlich gewähren.

Da waren die Briefkästen

Natürlich hatten sie zunächst etwas dagegen. Das war um so seltsamer, als ich meist der Einzige in der Familie war, der die Zeitungen auch las. Es war sogar eine Frauenzeitschrift dabei, aber es waren sehr gute Beiträge darin und ich las die Hefte alle von vorn bis hinten. Meine Eltern lösten meist nur das Fernsehprogramm heraus und legten es separat. Auch das störte mich nicht, da ich ohnehin nur selten fern sah.

Die Zeitungen waren für mich die Verheißung einer anderen Welt außerhalb der sehr geschlossenen Gesellschaft, in der ich lebte. Eine Welt größeren und wesentlicheren Geschehens als das unseres Alltags, in die irgendwann aufbrechen zu können ich zu hoffen nicht aufhörte. Dabei hätte ich nicht sagen können, was unter „größer“ und „wesentlicher“ zu verstehen gewesen wäre. Selbst bei den wenigen Gelegenheiten, da ich wenigstens räumlich aus meiner Lebenswelt heraus kam, bei meinen Fahrten ins Ferienlager, traf ich dort ausnahmslos auf Kinder von Berufssoldaten, wie sie in unserem Hausaufgang wohnten. Außerdem hielt ich überhaupt nichts von diesen Fahrten. Sie wurden von meiner Stiefmutter organisiert und verordnet. Ich wollte nie fahren und musste immer. Aber es blieben Ausflüge innerhalb des Ghettos.

Dann war da wohl auch die Hoffnung auf eine geradezu wunderbare Veränderung, die in Gestalt eines an mich gerichteten Schreibens in mein Leben treten würde. Dieses magische Denken hätte ich allerdings nicht einmal vor mir selbst zuzugeben vermocht.

Es war daher zumindest merkwürdig, dass meine Eltern nicht sehr angetan schienen von meinem ungewohnt geschicktem Hantieren. Rechtfertigungsversuche, in denen es vor allem um verlorene Schlüssel ging, waren nur Vorwände, wie ich deutlich spürte, was aber auszusprechen ich weit entfernt war.

Auch die Küche und das Wohnzimmer blieben irgendwann tagsüber abgeschlossen, und auch hier waren die Begründungen fadenscheinig. Beispielsweise würde ich, so hieß es, die Küche saumäßig hinterlassen. Das sah dann etwa so aus, dass eine Handvoll Brotkrümel auf der Anrichte waren und ich vergessen hatte, ein Messer abzuwischen und weg zu räumen. Seltsamer Weise kam ich nicht einmal auf den Gedanken, dagegen zu rebellieren, was doch wohl mehr als angebracht gewesen wäre. Es war keine Feigheit, die mich davon abhielt. Die Sache hatte etwas von einem magischem Abkommen. Das Thema war tabu.

Einmal war ich beim konspirativem Kramen im Wohnzimmerschrank auf ein Foto meines Vaters gestoßen, auf dessen Rückseite er in seiner schönsten Handschrift einer Frau seine Liebe versichert hatte. Ich hatte ihren Namen noch nie gehört. Wenn meine Eltern meiner derartigen Forschungsarbeiten gewahr geworden waren, wovon ich mit intuitiver Sicherheit überzeugt war, dann galt auch hier dieses seltsame Redeverbot. Meine Auskundungen in den elterlichen Seelenbunkern wurden nie mit einem Sterbenswörtlein erwähnt.

Das war es wohl, wovon ich abgehalten werden sollte. Es bestand die Gefahr, dass ich mit den kläglichen Resten kindlicher Neugier ergründen könnte, wie meine Eltern derart unverständlich geworden waren, wie sie mir allzu oft erschienen.

Zumindest bei meinem Vater wusste ich schon, um welche konkreten Erlebnisse es sich handelte. Bezeichnender Weise immer dann, wenn er energisch und entschieden hätte auftreten müssen in den Krisen und Kriegen der Familie, erzählte er von seinen entsetzlichen Erlebnissen während des Krieges und der Vertreibung aus seiner Heimat. Er erzählte in mich erschreckendem hilflosem und wehleidigem Ton.

Das waren die Augenblicke, in denen ich schon als Vorschuljunge das Gefühl hatte, ich würde meinem Vater gewissermaßen eine Beichte abnehmen. Es schien sonst niemanden zu geben, dem er davon hätte erzählen können. Auch kam er nie über Andeutungen hinaus. Versuchte ich, ihn über diese stereotyp und monoton wiederholten Andeutungen durch auch nur vorsichtiges Fragen hinaus zu locken, wurde er wütend.

An jenem Morgen nun hatte ich nichts Besonderes aus dem Briefkasten zutage gefördert. Als ich jedoch abends meinen Vater begrüßte, als er von der Arbeit kam, merkte ich gleich, dass etwas nicht stimmte. Ich nahm auch durchaus wahr, dass dies nichts mit einer eventuellen Verfehlung von mir zu tun hatte.

Hier wirkte eine weitere meiner inzwischen perfektionierten Fähigkeiten, die außerhalb meiner kleinen Welt nur von geringem Nutzen zu sein schienen. Ich hatte mich derart daran gewöhnt, in dieser Wohnung in fast ständiger Spannung zu leben, dass ich mir gar nichts Anderes mehr vorstellen konnte. Nur manchmal versuchte ich, das Lebensgefühl zu finden, dass ich bei Leuten in Filmszenen beobachtet hatte. Dieses sich wohlig Rekeln im Bett, das genüsslich-lässige In-das-Bad-Schlurfen, das offensichtliche Behagen beim unendlich langsamen und ruhigem Frühstücken, das da von Figuren im Film vorgeführt wurde. Es ging um das Gefühl, richtig und in Ordnung und zu Recht anwesend zu sein. Das schien nur in einer anderen Welt erlebbar. Ich versuchte aber immer wieder, und vergeblich, diese innere Befindlichkeit durch Nachspielen derartiger Szenen zu erreichen.

Rückte dann der Zeitpunkt heran, zu dem meine Eltern von der Arbeit kamen, wurde ich immer unruhiger. Meist saß ich in meiner Ecke am Fenster und las, und nun konnte ich mich immer schwerer konzentrieren. Hörte ich dann Schritte auf der Treppe, erriet ich mit ziemlicher Sicherheit, ob meine Mutter, mein Vater oder Fremde erschienen. Völlige Gewissheit brachten schließlich die Geräusche beim Einschieben und Drehen des Schlüssels. Allein die Art, die Wohnung zu betreten, die Schuhe abzustellen und die Sachen an die Garderobe zu hängen, ließen wichtige Rückschlüsse darauf zu, in welcher Stimmung sich Mutter oder Vater befanden.

Ich fühlte mich ständig ertappt, obwohl ich mir keinerlei Übertretungen von realen oder neurotischen Ge- und Verboten bewusst war. Jedoch wusste ich nach diesen Geräuschen, ob ich wie ein freundlich wedelnder Hund erscheinen und um meinen Vater herum scharwenzeln konnte in der Hoffnung, etwas mich Bewegendes wenigstens versuchsweise anbringen zu können, oder ob ich mich nach knapper und korrekter Begrüßung schnellstens aus der Schusslinie bringen sollte.

Mit einer Mischung aus Schroffheit und Verlegenheit, die mir Angst machte, da ich sie an meinem Vater nicht kannte, reichte er mir an diesem Abend eine Postkarte. Ich wusste schon nach flüchtigem Überlesen des Textes, in welchem Zwiespalt er sich jetzt befand. Eigentlich hätte er mir am liebsten sofort und strikt verboten, der darin enthaltenen Aufforderung zu folgen.

Meine Mutter lud mich zu meinem zehnten Geburtstag ein, sie zu besuchen und mir vor allem ihre Geschenke abzuholen.

Mein Vater wusste aber, dass er dieses Verbot aus rechtlichen Gründen eigentlich nicht aussprechen durfte. Es war festgelegt worden, dass ich meine Mutter regelmäßig sehen dürfte, solange ich es wollte. Eben dieses „solange ich wollte“ aber schien die delikate Klausel zu sein. Die einzige Möglichkeit für ihn, diese Wiedersehen zu unterbinden, schien demnach darin zu bestehen, dass er mich zu überzeugen versuchte, freiwillig davon abzustehen. Das war ihm zu diesem Zeitpunkt, wenige Monate nach der rechtsgültigen Trennung von Mutter und Sohn, keineswegs gelungen. Allerdings bemühte er sich heftig darum, und zwar vor allem aus vorgeblicher Rücksicht auf seine zweite Frau. Eine Rücksicht, die mir schon damals unsinnig erschien. Meine Stiefmutter bemühte sich zunächst deutlich um unparteiisches Verhalten, schien dann aber leider zunehmend, nun ihrerseits um guten Willen zum Frieden bemüht, den Intentionen meines Vaters folgen zu wollen.

Ich war trotz allem überrascht und bedrückt von der Ablehnung, die meinem Besuch entgegengestellt wurde. Er wurde auch nur unter scharfen Instruktionen gestattet. Ich hatte zu einem bestimmtem Zeitpunkt unbedingt wieder zu Hause zu sein, durch dessen Festlegung die Dauer meines Besuches demonstrativ erheblich eingeschränkt wurde. Demzufolge hatte ich schon vorab Schuldgefühle, konnte aber dennoch halb kindliche, halb kindische frohe Erwartung nicht unterdrücken.

Es war nicht nur die Erwartung des Sohnes, seine Mutter wiedersehen zu dürfen, sondern auch das diebisch vergnügte Frohlocken, als Hauptdarsteller in einem aufregend vom Alltag abweichendem Drama agieren zu können. Dessen oft tragische Akzente hatte ich in vielen Variationen bei einer zunehmenden Anzahl von Mitschülern manchmal gar neidisch beobachten können. Das war unvorhergesehenes Abweichen vom festem Wege! Eltern ließen sich scheiden, ein „neuer“ Vater oder eine „neue“ Mutter erschienen. Die Vorsilbe „Stief-“ wurde seltsamerweise nicht gern benutzt. Oft erschienen auch „neue“ Geschwister. Dies alles war mehr als nur Stoff für lärmend erregte Pausengespräche.

In jener Zeit begannen überall erste Anzeichen des Wohlstandes bemerkbar zu werden. Es ging längst nicht mehr ums Überleben nach dem Zusammenbruch des letzten deutschen Aufschwungs, um ein festes Dach über dem Kopf und das tägliche Brot und hinreichenden Aufstrich dazu. Langsam, fast unmerklich tauchten immer mehr Gegenstände und Güter im Alltag auf, die für dessen menschenwürdige Bewältigung nicht unbedingt notwendig waren.

Ich entsinne mich zum Beispiel deutlich der Sensation, die es gab, als die ersten Mitschüler Faserstifte mit zwölf, vierundzwanzig und gar sechsunddreißig Farbnuancen in die Schule mitbrachten. Es begann ein schwunghafter Tauschhandel, von uns „Kaupeln“ genannt. Wir kaupelten auch mit Kaugummibildern und vor allem mit Westmurmeln, die keineswegs nur blendend aussahen, sondern auch entschieden haltbarer waren als einheimische Fabrikate. Unsere Lehrer aber begannen sich zuerst verunsichert und schließlich gezwungenermaßen, wie die Formel bei solchen Vorkommnissen lautete, „einen klassenmäßigen Standpunkt zu erarbeiten“.

Vermutlich hatten diese schleichenden Veränderungen in der Lebensart auch eine Neubestimmung von Werten und Zielen in den zwischenmenschlichen Beziehungen zur Folge. Möglicherweise auch deshalb gingen Ehen zu Bruch. Man war ganz woanders hingekommen, als man gewollt hatte auch in diesen Beziehungen, damals, in dieser mythischen Frühzeit von Partei und Staat, als man angetreten war, eine neue Welt mit neuen Menschen errichten zu wollen, eine bessere Welt.

Ich weiß nun nicht genau, ob und inwieweit diese Entwicklungen auch in der Beziehung meiner Eltern eine Rolle spielten. Ich entsinne mich aber beispielsweise genau der Schwierigkeiten, die meine Mutter bei der Wahl der Frequenzen im Radio hatte, das in meiner Vorschulzeit Vormittage lang dudelte. Sie versuchte immer, einen Sender zu finden, der wenig Wort- und viel Musik-, sprich Schlager-Beiträge brachte. Andererseits durfte dieser Sender nicht kompromittierend sein für meinen Vater als Angehörigen der flaschengrün kostümierten Population, der man das Selbstverständnis einer Polizei des Volkes anzuerziehen sich bemühte. Sie hat dann oft, wenn Nachrichten kamen und der Sendername genannt wurde, leiser gedreht. Man wusste nie, wer mithörte und das Gehörte weitermeldete.

Ich war in geradezu abenteuerlicher Stimmung, als ich nun meine Mutter zum erstem Mal in ihrer neuen Wohnung besuchte. Es war die Wohnung, in der meine Stiefmutter gelebt hatte. Auch in diesem Sinne hatten beide getauscht.

Die Wohnung war nur wenige Minuten Fußwegs entfernt. Sie lag in einem der älteren Wohngebiete, die zwanzig Jahre vor dem errichtet worden waren, in dem wir jetzt wohnten. Es handelte sich um so genannte Stalinbauten, bei denen man auch von „Zuckerbäckerstil“ sprach. Allerdings waren diese Wohnkomplexe nicht so überdimensioniert wie die in der Hauptstadt. Sie hatten eher etwas von gutbürgerlicher Weitläufigkeit. Die Häuser waren nur drei- oder vierstöckig und in Form von Ringen, d. h. eigentlich Rechtecken, um gewaltige Innenhöfe gebaut, in denen gepflegte Rasenflächen, Blumenbeete und Hecken mit Bänken, Springbrunnen, Planschbecken und Plastiken abwechselten. Nach den vielen Jahren, in denen die Bäume oft über die Wohnbauten hinaus gewachsen waren, hatten diese Wohnhöfe gar etwas von der freundlichen Pracht einer Gartenstadt.

Ein bisschen war es, als käme ich in eine andere Welt. Ich überquerte eine Straße, lief noch an zwei Wohnblocks vorbei und benutzte dann einen langen schmalen Weg. Links von ihm befand sich die parkartige Anlage einer Fachschule, rechts waren der Schulhof und der ebenso große Garten meiner Schule. An beiden Seiten war der Weg geradezu überwuchert von halb verwilderten Sträuchern und Bäumen. Es waren viele Robinienbäume darunter, die wir fälschlicherweise, wie die Schulgartenlehrerin uns zu erklären nicht müde wurde, immer Akazien nannten, und deren süße weiße Blüten wir als Leckerbissen schätzten.

Dort war die Grenze der zwei Welten. Am Ende des Weges stand links noch ein typischer Neubau der Art, die später in die berüchtigten Plattenbauten ausartete, in dem ein Kindergarten untergebracht war. Rechts aber thronte das Gebäude meiner Schule. Es war repräsentativ, ja, nahezu monumental. Besonders im Sommer, wenn es in der Sonne weithin weiß leuchtete, wirkte es mit seinen in weit gestreckten Dreiecken angelegten Dächern und den vielen Säulen wie ein antiker Tempel.

Auf der anderen Straßenseite begann dann der „alte“ Wohnkomplex, in dem meine Mutter jetzt wohnte. Die Häuser hatten dort bereits leicht verwitterte Fassaden, was ihnen in meinen Augen eine gewisse historische Ausstrahlung verlieh, obwohl sie erst wenige Jahre vor meiner Geburt errichtet worden waren.

Ich musste jetzt noch etwa fünfzig Meter nach rechts laufen. Gegenüber der riesigen Eingangshalle meiner Schule mit der ausladenden Treppe und den großen Säulen musste ich in einen Dutzende Meter breiten und etliche Minuten Fußwegs langen Durchgang, der den Blick auf den nächsten Wohnkomplex freigab. Diese Promenade war prächtig. An den Ecken der Wohnblock-„Ringe“ waren kleine Passagen, wiederum mit Säulen geziert, in denen jeweils vier, fünf Läden untergebracht waren. Gepflegte Blumenanlagen wechselten mit Zierbrunnen- und Becken, Bankgruppen und bunten Holzgerüsten mit Kletterpflanzen.

In der Mitte dieser alleeartigen Anlage musste ich nach rechts abbiegen und war nach wenigen Schritten auf dem von vielen Bäumen schattig-dunklen Innenhof, in dem meine Mutter wohnte.

Mir schien, dass es meine Mutter sehr gut getroffen hatte mit diesem Umzug. Ich war gar etwas neidisch, weil ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass sie hier besser wohnte als vorher, wenngleich es sich um mit Kohleöfen beheizte Wohnungen handelte. Dergleichen bewertete ich ohnehin nicht vom Standpunkt des Wohnkomforts, sondern sah es eher romantisch. Unsere Wohnblöcke standen alle frei, man konnte in alle Richtungen zwischen ihnen hindurch sehen- und laufen und im Winter pfiff der Wind dazwischen. Es war hier irgendwie traulicher und vertraulicher, heimeliger und häuslicher, wo meine Mutter jetzt wohnte. Zudem wohnten dort vornehmlich ältere Leute, die zur Zeit der Errichtung der Stadt eingezogen waren und sie mit aufgebaut hatten, während die jüngeren Leute mit Kindern in die jeweils neuen Wohnkomplexe mit Vollkomfort strebten, so dass in diesen Wohnhöfen eine seltsame Ruhe herrschte.

Die Wohnung selbst fand ich noch viel romantischer. Es gab dort einen Badeofen! Die Küche gar war nur ein winziges Geviert, in das man gelangte, indem man durch das Wohnzimmer lief.

Meine Mutter hatte allerdings die beiden Zimmer links und rechts vom kleinem Flur getauscht insofern, als sie das Wohnzimmer nun im Zimmer rechter Hand eingerichtet hatte, während in diesem Durchgangszimmer zur Küche ihr Bett und der Kleiderschrank standen. Ich fand diese Entscheidung sehr gut. Mir schien dieses rechte Zimmer viel geeigneter als Wohnzimmer, weil es dort eine Tür weniger und damit mehr Platz zum Aufstellen der Möbel gab.

Dort wurde ich nun von meiner Mutter, die sich sichtlich freute, da sie zu Recht befürchtet hatte, dass ich vielleicht gar nicht kommen könnte, in einen Sessel am Fenster genötigt. Es war ein seltsames Gefühl, die gewohnten Möbel an anderem Ort in völlig ungewohnter Anordnung vorzufinden. Der Raum wirkte sehr anheimelnd, da er viel kleiner war als unser Wohnzimmer im Neubau und die Möbel ihn viel mehr füllten. Greller Sonnenschein drang herein. Ich wunderte mich über mein Empfinden, diesen Raum schon immer mit dieser Einrichtung zu kennen, was nicht zutraf, und gleichzeitig fremd zu sein. Ein Teil dieser Stimmung war wohl auch die Sehnsucht, ein Zuhause, ein Nest zu finden vor allem im räumlichem, wohnungsmäßigem Sinne. Dabei begriff ich nicht, dass dieser Mangel am Gefühl des zuhause Seins weniger mit lokalen Bedingungen zu tun hatte, sondern vor allem mit dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein gefühlsmäßiger Bindungen.

Meine Mutter machte einen deutlich entspannten, ja, erleichterten Eindruck. Vielleicht war sie tatsächlich erleichtert, dass das jahrelange hässliche Gezerre und Gezänk zwischen ihr und meinem Vater und die ständig im Raum hängende Drohung mit Trennung endlich durch eine wirkliche Entscheidung abgeschlossen worden war, wenngleich sie danach als vielleicht am meisten Benachteiligte allein zurück geblieben war.

Wir vermieden es tunlichst, dieses prekäre Thema auch nur anzudeuten. Meine Mutter erkundigte sich nur in zaghaften Andeutungen danach, wie es denn meinem Vater ginge, was ich mit ebenso halbherzigen Aussagen erwiderte. Ich schämte mich innerlich immer mehr. Ich hatte vom Betreten der Wohnung an wütende Sätze meines Vaters im Hinterkopf, vor allem die empörte Erklärung, als wir, d. h., meine Mutter und er und ich, noch zusammen gelebt hätten, hätte sie um meinen Geburtstag nie solches Gewese und Getue gemacht, wie er es verächtlich ausdrückte. Was er dabei wie selbstverständlich ausblendete, war der Status meiner Mutter als Hausfrau, als die sie auf das von ihm verdiente Geld angewiesen war.

Nun stellte ich fest, dass sich meine Mutter im Kontakt zu mir benahm, als hätte sie darin eine Art Freiheit erreicht, als wäre eine Art magischer Bann von ihr genommen, der ihr endlich ermöglichte, das zu tun, was sie vielleicht schon immer tun zu können gehofft hatte. Ich war natürlich damals weit entfernt davon, das alles so klar aussprechen zu können oder gar zu wollen, aber ich empfand es deutlich.

Meine Mutter schenkte mir keine „Eisenautos“, diese kleinen Matchbox-Spielzeug-Wagen, die unter uns Schulkindern in schwindelerregendem Kurs standen. Ich weiß allerdings nicht mehr genau, ob ich dergleichen erwartet hatte. Ich glaube aber ziemlich sicher daran. Ich konnte nicht einmal leere Getränkedosen in den Klassenraum- und Schulhof-Schwarzmarkt einbringen. Diese Dosen wurden dann wie Reliquien eines untergegangenen Glaubens in Schrankwände und auf Regale gestellt. Auch in unserem Kinderzimmer standen auf dem Regal je eine leere Dose der Dortmunder Aktienbrauerei und von Coca-Cola, auf denen ich jeden Morgen Staub wischte.

Meine Mutter schenkte mir ein auch im räumlichem Sinne großes Buch mit Tiergeschichten, das mich sofort begeisterte, obwohl ich nicht im mindesten mit einem solchem Geschenk gerechnet hatte. Dabei lag es schon als übliche Verlegenheitslösung nahe, denn zu jener Zeit hatte ich begonnen, mich in Bücher zu vergraben.

Seltsam war die Identität der Atmosphäre, die meine Lektüre dieser Tiergeschichten bei mir erzeugte, mit dem Weltempfinden, das meine Mutter womöglich unbewusst als das ihr gemäße empfunden und gesucht zu haben schien. Das war dieses in Muße und Melancholie sich Ergehen in einem Fluidum untergegangener Lebenswelten. Der Autor dieser Tiergeschichten war zu Hause in dieser Welt der warm gesessenen Bürger vor dem Erstem Weltkrieg. Es war eine Welt der Gründerzeitpracht, der Literaten-Cafés, Varietés, Konditoreien, Promenaden, Kurhotels, in der in unvorstellbarer Weise alltägliche Werte und Prinzipien sicher gewesen schienen, die nun erst recht in der neuen Gesellschaft verschwunden waren. Es war jedoch nur ein schwer benennbares, aber deutlich spürbares Vakuum geblieben, das durch nichts Neues ausgefüllt wurde, geschweige denn durch etwas Besseres.

Vielleicht hatte ich erwartet, meine Mutter nun gänzlich in dieser Welt „verschwunden“ zu sehen, als ich sie damals besuchte, als sollte eine unausgesprochene Verheißung endlich in Erfüllung gehen. Es war, als könnte ich sie zum erstem Mal ernst nehmen, als hätte sie endlich eine derart konsequente Handlung zuwege gebracht, wie sie eigentlich für Erwachsene selbstverständlich hätte sein sollen.

Mit einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit bat mich meine Mutter, ihr Päckchen zu öffnen. Ich beeilte mich, der Bitte nachzukommen. Ihre Verlegenheit, die sie ein bisschen hinter völlig ungewöhnlichem barschem Ton zu verstecken suchte, ganz wie mein Vater, als er mir ihre Einladungskarte überreicht hatte, war mir peinlich.

Ich hatte, wie gesagt, keineswegs mit diesem Buch gerechnet. Ich weiß aber noch genau, dass ich bei seinem Anblick augenblicklich das Gefühl hatte, dieses und kein anderes Geschenk wäre das richtige.

Vielleicht war es ein Versuch der Fortführung meiner gewohnten Taktik, meine Mutter und meinen Vater gegeneinander aus zu spielen, wenn ich mit dem Gefühl maßloser Überlegenheit wieder zu Hause eintraf. Allerdings hatten beide diese Taktik immer höchst eigennützig gefördert. Ich war der Einsatz in ihrem Spiel, das sich über lange, quälende Jahre hinzog. Aber jetzt hatte ich ein Erlebnis ganz für mich allein, fast ein geheimes Bündnis, das niemanden etwas anging.

Ich kam auch pünktlich wieder nach Hause, sogar vor dem vereinbartem Zeitpunkt. Wir hatten schließlich eingesehen, dass wir uns nur noch Belanglosigkeiten zu sagen hatten. Vielleicht ergab sich diese Sprachlosigkeit aus der sich plötzlich aufdrängenden Notwendigkeit, überhaupt einmal miteinander zu reden. Wir hatten das offensichtlich nie getan. Ein einander gewahr Werden, das sich aus der ungewohnten Distanz ergab und das mir Angst machte. Ich habe später immer wieder die Beobachtung machen können, dass alltägliche Gespräche vieler Leute an genau dieser Stelle abbrachen, wenn sie nämlich wirkliche Gespräche zu werden „drohten“. Eine meiner zahllosen Beobachtungen und Einsichten, die ich nirgendwo nutzbringend zu artikulieren vermochte. Mir scheint manchmal, dass sich dieser Mangel eben aus den nicht stattgefundenen Gesprächen zwischen Mutter und Sohn ergeben haben könnte.

Die sich dann abspielende Szene werde ich nie vergessen. Mit keiner leisen Andeutung wurde auf meinen Besuch bei meiner Mutter oder auf das erfolgte Geschenk eingegangen. Ich tat es auch nicht.

Mit diesem unerklärlichem Gefühl ungeheurer Überlegenheit jedoch machte ich die Bemerkung, die wie eine Bombe einschlug. Vater und Stiefmutter saßen im Wohnzimmer und waren selten übermütig und ausgelassen. Mich überkam in solchen Augenblicken nicht nur das Gefühl des ausgeschlossen Seins, sondern auch das unheimliche Empfinden, diese elterliche Stimmung wäre gegen mich gerichtet. Allerdings war dieses Gefühl nach meinem Besuch bei meiner Mutter derart abgeschwächt, dass es nicht weh tat. Ich hatte ja nun etwas erlebt, das mich immun machte. Ich konnte wenigstens spielerisch den Gedanken zulassen, dass in dieser familiären Konstellation etwas nicht passte und dass ich das vielleicht im tiefstem Herzen auch gar nicht wollte.

In düsterem und dramatischem Ton deklamierte ich den idiotischen Satz „Mutter macht Vater fertig, wie er es sonst nur in Romanen zu lesen bekommt!“

Ich hatte diesen Satz aus einem dünnem Roman-Heftchen heraus gepickt. Das enthielt eine drittklassige Kriminalgeschichte, von der ich aus durch lange Übung erwachsener Sicherheit wusste, dass sie meinen Vater auf für mich zwar schwer nachvollziehbare, für meine Zwecke aber desto nutzbarere Weise sehr zu beschäftigen schien. Lange hatte ich diesen Satz als eine texanisch cowboyhaft zwischen den Zähnen hervor zu zischende Sentenz bedeutungsvoll mit mir herum getragen.

Die Reaktion entsetzte mich. Die Empörung war groß. Ich hatte geglaubt, mich trotz allem in die gelöste Atmosphäre einbringen zu können. Stattdessen hatte ich sie offensichtlich zerstört. Ich habe meine Stiefmutter und meinen Vater selten so verstört erlebt. Ich hätte es wissen müssen, dass mein Vater keinen Versuch von mir vertragen würde, mich von ihm abzugrenzen, und sei er scherzhaft gemeint. Offensichtlich schien ich jetzt gar einen Punkt getroffen zu haben, wo ein Lindenblatt gelegen war.

Nun hatte ich doch den bitteren Nachgeschmack von dem Besuch meiner Mutter, den ich von vornherein erwartet hatte. Auf mir unerklärliche Weise deuteten beide meine „Frechheit“, die ich nicht im Geringstem als solche empfand, als Ergebnis meines Besuches bei ihr.

Alles endete mit wütendem Gebrüll, Tränen, strengen Ermahnungen und der nun leise triumphierend wiederholten Aufforderung, meinen Kontakt zu meiner Mutter vollends und endgültig abzubrechen. Es war mir unheimlich, dass Schläge ausblieben, da das in dieser Situation darauf hinzudeuten schien, in welchem Maße ich die Grenzen alles Vorstellbaren überschritten hatte.

Damit endete meine letzte Begegnung mit meiner Mutter in meiner Kindheit, ja, überhaupt der Kontakt zu ihr. Erst, als ich fast vierzig war, kam wieder ein Kontakt zustande, der dann jedoch im Sande verlief. Nachträglich bin ich mir sicher, dass meine Mutter auf die Wiederkehr meines Vaters an ihre Seite jahrzehntelang gewartet hatte und immer noch wartete. Diese Wahrnehmung war derart traurig, dass ich sie in den Momenten ihres ersten Auftretens sofort verdrängte.

Es erscheint mir des Öfteren unfassbar, dass diese letzte Begegnung so lange vergangen sein soll. Ich hatte mich als Zehnjähriger insgeheim durchaus gewundert, dass Kinder aus meiner Klasse von den Trennungen ihrer Eltern derart beeinträchtigt waren, dass sie unfähig zum Schulbesuch und gar krank geschrieben wurden. Ich hatte nach kurzer Zeit vergessen, wie der Auszug meiner Mutter eigentlich vonstatten gegangen war. Ich kann mich auch heute nicht daran erinnern. Sie war eines Tages einfach weg und ein großer Teil der Möbel fehlte in der Wohnung. Nach wenigen Jahren hatte ich vergessen, wie meine Mutter aussah. Ich hätte etwa nicht mehr mit Bestimmtheit ihre Augenfarbe angeben können. Mich schien diese ganze Geschichte kaum zu beeindrucken.

Es war makabrer Schein. Ohne mir dessen im Geringstem bewusst zu werden, war nach dieser letzten Begegnung ein magisches Versprechen geblieben. Es blieb die Verheißung im Raum, dass meine Mutter irgendwann zurückkehren und dass sie dann dauernd derart emotional präsent sein würde, wie ich es bei dieser letzten Begegnung in Ansätzen erlebt hatte. Schließlich, so phantasierte ich völlig unbewusst, würden wir eine richtige Familie werden und meine wirkliche Kindheit würde beginnen.

In dieser Verheißung habe ich mindestens ein Vierteljahrhundert gelebt, ohne das wahrzunehmen. Bei meinem erstem Therapie-Versuch mit 22 wurde mir meine Rolle in Gruppen als „das Kind“ gespiegelt.

Vielleicht wäre es treffender zu sagen, ich wäre im metaphorischem Sinne gestorben und hätte auf eine wie auch immer geartete Wiederbelebung gewartet. In der Tat scheint Leben auch immer sich Trennen zu sein, und am schwersten trennt es sich nicht von dem, was war, sondern von dem, was nicht war.

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