Letzte Begegnung

In die Briefkästen unseres Hauses kann der Zusteller die Post von außen einwerfen und die Briefe und Zeitungen kann man dann vom Hausflur aus entnehmen. Ich habe jedoch meist keinen Schlüssel für den Briefkasten, aber irgendwann die Fähigkeit entwickelt, den Kasten zu leeren, indem ich die Post von außen zutage fördere. Da ich dabei nach kurzer Zeit derartige Perfektion erreiche, dass selbst die Zeitungen unbeschädigt bleiben, lassen meine Eltern mich schließlich gewähren.

Natürlich haben sie zunächst etwas dagegen. Das ist um so seltsamer, als ich meist der Einzige in der Familie bin, der die Zeitungen liest. Es ist eine Frauenzeitschrift dabei, die sehr gute Beiträge enthält, und ich lese deren Ausgaben fast alle von vorn bis hinten. Meine Eltern lösen meist nur das Fernsehprogramm heraus und legen es separat. Auch das stört mich nicht, da ich ohnehin nur selten fern sehe. Wenn meine Stiefmutter im Wohnzimmer sitzt, verkrampfe ich körperlich und irgendwann sehe ich nur noch bei den seltenen Gelegenheiten fern, wenn sie nicht da ist. Das fällt mir nicht schwer, denn der virtuelle Raum der Bücher erwartet mich.

Zeitungen sind für mich die Verheißung einer anderen Welt außerhalb der sehr geschlossenen Gesellschaft, in der ich lebe. Eine Welt größeren und wesentlicheren Geschehens als das unseres Alltags, in die irgendwann aufbrechen zu können ich zu hoffen nicht aufhöre. Dabei könnte ich nicht sagen, was ich unter „größer“ und „wesentlicher“ konkret verstehe. Selbst bei den wenigen Gelegenheiten jedoch, bei denen ich wenigstens räumlich aus meiner Lebenswelt heraus komme, bei meinen Fahrten ins Ferienlager, treffe ich dort ausnahmslos Kinder von Berufssoldaten, wie sie in unserem Haus wohnen. Einigen begegne ich im folgendem Jahr wieder. Es bleiben Ausflüge innerhalb einer in gewissem Maße geschlossenen Gesellschaft. Vielleicht erzeugt meine Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften die Verheißung, aus dieser Sphäre irgendwann mühelos und wie selbstverständlich heraus treten zu können.

Dann ist da die Hoffnung auf eine geradezu wunderbare Veränderung, die in Gestalt eines unerwartet an mich gerichteten Schreibens in mein Leben treten könnte. Dieses magische Denken vermag ich allerdings nicht einmal vor mir selbst zuzugeben.

Es ist daher zumindest merkwürdig, dass meine Eltern nicht sehr angetan scheinen von meinem ungewohnt geschicktem Hantieren. Rechtfertigungsversuche, in denen es vor allem um verlorene Schlüssel ging, sind nur Vorwände, wie ich deutlich spüre, was aber auszusprechen ich weit entfernt bin.

An diesem Morgen kann ich nichts Besonderes aus dem Briefkasten zutage fördern. Als ich jedoch abends meinen Vater begrüße, merke ich gleich, dass etwas nicht stimmt. Ich nehme auch durchaus wahr, dass dies nichts mit einer eventuellen Verfehlung von mir zu tun haben dürfte.

Hier wirkt eine weitere meiner inzwischen perfektionierten Fähigkeiten, die außerhalb meiner kleinen Welt nur von geringem Nutzen zu sein scheinen. Ich habe mich derart daran gewöhnt, in dieser Wohnung in fast ständiger Spannung zu leben, dass ich mir gar nichts Anderes mehr vorstellen kann. Nur manchmal versuche ich, das Lebensgefühl zu empfinden, dass ich bei Leuten in Filmszenen beobachte; dieses sich wohlig Rekeln im Bett, das genüsslich-lässige In-das-Bad-Schlurfen, das offensichtliche Behagen beim unendlich langsamen und ruhigem Frühstücken, das Filmhelden vorführen. Wenn ich einmal versuchen würde, in ähnlicher Weise ins Bad zu schlurfen, würde ich sehr wahrscheinlich Eine geschossen bekommen.

Es geht um das Gefühl, richtig und in Ordnung und zu Recht anwesend zu sein. Das scheint nur in einer anderen Welt erlebbar. Ich versuche aber immer wieder, diese innere Befindlichkeit durch Nachspielen derartiger Szenen zu erreichen.

Rückt dann der Zeitpunkt heran, zu dem meine Eltern von der Arbeit kommen, werde ich immer unruhiger. Meist sitze ich in meiner Ecke am Fenster und lese, kann mich aber nun immer schwerer konzentrieren. Höre ich dann Schritte auf der Treppe, errate ich mit ziemlicher Sicherheit, ob meine Mutter, mein Vater oder Fremde erscheinen.

Völlige Gewissheit bringen schließlich die Geräusche beim Einschieben und Drehen des Schlüssels. Allein die Art, die Wohnung zu betreten, die Schuhe abzustellen und die Sachen an die Garderobe zu hängen, lassen Rückschlüsse darauf zu, in welcher Stimmung sich Mutter oder Vater befinden.

Ich fühle mich ständig ertappt, obwohl ich mir keinerlei Übertretungen von realen oder neurotischen Ge- und Verboten bewusst bin. Schuldgefühle wegen Selbstbefriedigung kann ich nicht haben, da ich erst mit über Zwanzig lerne, wie Mann entspannend Hand an sich legt. Jedoch weiß ich nach diesen Geräuschen sich annähernder Personen, ob ich wie ein freundlich wedelnder Hund um meinen Vater herum scharwenzeln kann in der Hoffnung, etwas mich Bewegendes wenigstens versuchsweise anbringen zu können, oder ob ich mich nach männlich-militärisch knapper und korrekter Begrüßung schnellstens aus der Schusslinie bringen sollte.

Mit einer Mischung aus Schroffheit und Verlegenheit, die mir Angst macht, da ich sie an meinem Vater nicht kenne, reicht er mir an diesem Abend eine Postkarte. Ich weiß schon nach flüchtigem Überlesen des Textes, in welchem Zwiespalt er sich jetzt befindet. Eigentlich würde er mir am liebsten sofort und strikt verbieten, der darin enthaltenen Aufforderung zu folgen.

Meine Mutter lädt mich zu meinem zehnten Geburtstag ein, sie zu besuchen und mir vor allem ihre Geschenke abzuholen.

Mein Vater weiß, dass er dieses Verbot aus rechtlichen Gründen eigentlich nicht aussprechen darf. Es ist festgelegt, dass ich meine Mutter regelmäßig sehen darf, solange ich es will. Eben dieses „solange ich will“ aber scheint die delikate Klausel zu sein. Die einzige Möglichkeit für meinen Vater, diese Wiedersehen zu unterbinden, scheint demnach darin zu bestehen, dass er mich zu überzeugen versucht, freiwillig davon abzusehen.

Das ist ihm zu diesem Zeitpunkt, wenige Monate nach der rechtsgültigen Trennung von Mutter und Sohn, keineswegs gelungen. Allerdings bemüht er sich heftig darum, und zwar vor allem aus vorgeblicher Rücksicht auf seine zweite Frau. Diese Rücksicht erscheint mir schon damals unsinnig, denn meine Stiefmutter bemüht sich zunächst deutlich um unparteiisches Verhalten. Erst einige Zeit später scheint sie leider, nun ihrerseits um guten Willen zum Frieden bemüht, zunehmend den Vorstellungen meines Vaters folgen zu wollen.

Ich bin trotz allem überrascht und bedrückt von der Ablehnung, die meinem Besuch entgegengestellt wird. Er wird auch nur unter scharfen Instruktionen gestattet. Ich habe zu einem bestimmtem Zeitpunkt unbedingt wieder zu Hause zu sein, durch dessen Festlegung die Dauer meines Besuches demonstrativ erheblich eingeschränkt wird. Demzufolge habe ich schon vorab Schuldgefühle, kann aber dennoch halb kindliche, halb kindische frohe Erwartung nicht unterdrücken.

Es ist nicht nur die Erwartung des Sohnes, seine Mutter wiedersehen zu dürfen, sondern auch das diebisch vergnügte Frohlocken, als Hauptdarsteller in einem aufregend vom Alltag abweichendem Drama agieren zu können. Dessen oft tragische Akzente beobachte ich in vielen Variationen bei einer zunehmenden Anzahl von Mitschülern manchmal gar mit einer Art Neid. Das ist unvorhergesehenes Abweichen vom Weg. Eltern lassen sich scheiden, ein neuer Vater oder eine neue Mutter erscheinen. Die Vorsilbe „Stief“ wird seltsamerweise nicht gern benutzt. Oft erscheinen auch neue Geschwister. Dies alles ist mehr als nur Stoff für lärmend erregte Pausengespräche.

In jener Zeit beginnen überall erste Anzeichen des Wohlstandes bemerkbar zu werden. Es geht längst nicht mehr ums Überleben nach dem Zusammenbruch des letzten deutschen Aufschwungs, um ein festes Dach über dem Kopf und das tägliche Brot und hinreichenden Aufstrich dazu. Langsam, fast unmerklich tauchen immer mehr Gegenstände und Güter im Alltag auf, die für dessen menschenwürdige Bewältigung nicht unbedingt notwendig sind.

Es ist eine kleine Sensation, als die ersten Mitschüler Faserstifte mit zwölf, vierundzwanzig und gar sechsunddreißig oder achtundvierzig Farbnuancen aus dem Westen in die Schule mitbringen. Es beginnt ein schwunghafter Tauschhandel, „Kaupeln“ genannt. Wir kaupeln auch mit Kaugummibildern von drüben sowie vor allem mit Froschern, Glasern und Buggern, die keineswegs nur blendend aussehen, sondern auch entschieden haltbarer sind als einheimische Murmeln. Unsere Lehrer beginnen sich zuerst verunsichert und schließlich gezwungenermaßen „einen klassenmäßigen Standpunkt zu erarbeiten“, wie der bei solchen Gelegenheiten verwendete, geradezu standardisierungsfähige Textbaustein lautet.

Womöglich haben diese schleichenden Veränderungen in der Lebensart auch eine Neubestimmung von Werten und Zielen in den Beziehungen zur Folge. Möglicherweise auch deshalb gehen Ehen zu Bruch. Man ist ganz woanders hingekommen, als man gewollt hat auch in diesen Beziehungen, damals, in dieser mythischen Frühzeit, als man angetreten ist, eine neue Welt mit neuen Menschen errichten zu wollen, eine bessere Welt.

Ich bin in geradezu abenteuerlicher Stimmung, als ich nun meine Mutter zum erstem Mal in ihrer neuen Wohnung besuche. Es ist die Wohnung, in der meine Stiefmutter gelebt hat. Auch in diesem Sinne haben beide getauscht. An den genauen Ablauf kann ich mich jedoch nicht mehr erinnern. Meine Mutter muss einige Monate lang eine andere Unterkunft gefunden haben, da während dieser Zeit mein Vater und ich unsere Wohnung allein bewohnen.

Die Wohnung ist etwa eine Viertelstunde Fußwegs entfernt. Sie liegt in einem der älteren Wohngebiete, vor dem errichtet, in dem wir jetzt wohnen. Es handelt sich um so genannte Stalinbauten, bei denen man auch von „Zuckerbäckerstil“ spricht. Allerdings sind diese Wohnkomplexe nicht so wuchtig prunkend wie die in der Hauptstadt. Sie haben eher etwas von vorstädtischer Weitläufigkeit. Die Häuser sind nur drei- oder vierstöckig und in Form von Ringen, d. h. eigentlich Rechtecken, um gewaltige Innenhöfe gebaut, in denen gepflegte Rasenflächen, Spielplätze mit Klettergerüsten, Baumgruppen, Blumenbeete- und Töpfe sowie Hecken mit Bänken, Springbrunnen, Planschbecken und vielen Plastiken abwechseln. Nach etwa zehn Jahren des Hinauswachsens dieser Bäume über die Häuser haben diese Wohnhöfe gar etwas von einer Gartenstadt.

Ein bisschen ist es, als käme ich in eine andere Welt. Überhaupt scheinen die vier Wohnkomplexe, aus denen das Zentrum der Neustadt besteht, wie in vier unterschiedlichen Epochen errichtet, obwohl ihr Bau nur etwa ein Dutzend Jahre gedauert hat.

Ich überquere die Straße vor unserem Haus und laufe an dem westlichem der vier Wohnblocks vorbei, die zwischen dem großem Hof meiner Schule und meinem Wohnblock im rechten Winkel zu diesem stehen. Dieser Straßenabschnitt erscheint Jahrzehnte später viele Male in meinen mindestens seltsamen luziden Träumen. Dort ist ein kleiner Platz mit einem bungalowartigem Flachbau, in dem unter anderem eine Annahmestelle für Altstoffe und ein Laden mit einer in Selbstbedienung nutzbaren Wäschemangel untergebracht sind.

Weiter westlich befindet sich an die Ladenzeile anschließend ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswertes evangelisches Gemeindezentrum. Da Walter Ulbricht persönlich darauf gedrungen hat, dass es keine Kirchtürme in der ersten sozialistischen Stadt geben dürfe, hat es nicht nur für mich etwas Anheimelndes, an jedem Sonntag vom kunstvollem durcheinander Dröhnen der in einem vor der Gemeindebaracke stehendem Gerüst aus massivem Stahl hängenden Glocken begrüßt zu werden.

Dieser kleine Platz ist eines der Areale der Stadt, die für mich über die vergleichsweise weitläufige Bebauung hinaus symbolischen Charakter haben. Zwischen der freien Fläche vor der Ladenzeile und unserer Straße sind große Beete mit speziellen Zierrosen, deren Früchte an kirschgroße Tomaten erinnern. Diese Beete strömen einen starken charakteristischen Duft aus.

Wenn ich insbesondere an Sommersamstagnachmittagen im strahlendem Sonnenschein bei blauem Himmel durch das dann fast menschenleere Quartier laufe, kommt in heftigen Wogen diese wohlbekannte Verheißung von einem dauernd von Weite, Helle, Leichtigkeit und Heiterkeit bestimmtem Leben auf. Irgendwann wird diese Verheißung sich erfüllen; das wird sich ergeben.

Nördlich der Ladenzeile und parallel zu unserem, also fast waagerecht in West-Ost-Richtung gebaut, steht an der nordwestlichen Ecke dieses Wohnkomplexes 5 ein weiterer Wohnblock. Dort lebt ein Mann, von dem mein Vater immer wieder in beinahe raunenden Andeutungen erzählt und vor allem in diesem Ton, der mich einerseits zu höchster Aufmerksamkeit auffordert, andererseits aber vermittelt, dass es sich bei dem von ihm Erörtertem um gewissermaßen höhere und nicht für jedermann zugängliche Informationen handelt. In diesem Fall aber scheint diese nonverbale Mitteilung über die mir unwohl bekannte Eigenart meines Vaters hinaus angemessen, denn der Mann war Kundschafter im Operationsgebiet.

Vor allem aber wohnt in diesem Block ein gleichaltriges Mädchen aus einer Parallelklasse, mit dem ich fast ein ganzes Schuljahr lang zusammen den Nachhauseweg bewältige. Es ist mir peinlich, wieder einmal von sogenannten Erwachsenen mit meiner vermeintlichen Freundin aufgezogen zu werden. Noch unangenehmer ist mir mein Empfinden, dass sie mir fehlt, wenn ich allein nach Hause laufe. Selbstverständlich gelingt es mir als Acht- und Neunjähriger scheinbar mühelos, diese Gefühle weg zu drücken.

Ich wechsle in den ersten vier Schuljahren vier Mal die Klasse und drei Mal die Schule und agiere wie selbstverständlich nach der manchmal makabren Maxime „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Hier entsteht der bindungslose Psychopath, der ich nach den Rückmeldungen von Leuten wäre, die über dergleichen gültig urteilen zu können scheinen. Wieder einmal scheint alles nur geträumt.

Nördlich dieses Wohnblocks und im rechtem Winkel zu ihm muss ich nun einen etwa 175 Meter langen Weg passieren, was ich häufig geradezu genieße. Ich kenne das Wort „Flanieren“ noch nicht, praktiziere aber die damit bezeichnete Gangart des Öfteren zuweilen geradezu belustigt. Östlich dieses Weges ist neben einem kleinem Grünstreifen der Zaun des großen Schulhofs. Der Streifen ist künstlich bepflanzt, aber zum Teil geradezu wild überwuchert. Es gibt dort mehrere zum Klettern sehr geeignete Bäume. Es sind Robinienbäume darunter, die wir fälschlicherweise, wie die Schulgartenlehrerin uns zu erklären nicht müde wird, immer wieder Akazien nennen. Deren weiße Blüten sind süß und saftig. Auch ich klettere immer einmal wieder auf einen dieser Bäume, aber nur, wenn ich allein bin und mir einigermaßen sicher sein kann, von niemandem gesehen zu werden, der mich kennt. Wie immer ist alles geheim. Der Schulgarten ist nördlich des Schulhofs auf der Fläche zwischen diesem langem Weg und dem Westflügel der Schule mit der Sporthalle.

Links vom langem Weg erstreckt sich ein ebenfalls eingezäuntes und mit einem Grünstreifen abgegrenztes parkartiges Areal, das an einigen Stellen gar wie ein Wäldchen wirkt. Auch hier hat man wieder beim Errichten von Neubauten Baumgruppen stehen lassen, obwohl das Wort „ökologisch“ noch gar nicht geläufig ist. An den Park schließt sich ein ebenso wie die beiden mir bisher bekannten Schulen großzügig-weitläufiges Gebäude an; ein weiteres der Gebäude der Stadt, die für mich für „die Welt da draußen“ stehen. Darin ist eine Medizinische Fachschule untergebracht, die vor und nach der Wende einen derart guten Ruf hat, dass man die Absolventen der pflegerischen und pharmazeutischen Studiengänge den Ausbildern förmlich aus den Händen reißt.

Dann gelange ich an eine Art Grenze von zwei Welten. Am Ende des Weges steht links noch ein typischer Neubau, in dem ein Kindergarten untergebracht ist. Auch der Kindergarten hat dieses gewisse Atmosphärische, das ich umso schwerer in Worte fassen zu können scheine, desto ausgeprägter es ist. Von diesem langem Weg aus kommt man zum Wirtschaftseingang, vor dem ich oft Lieferfahrzeuge sehe, die beladen oder entladen werden. Es gibt sogar eine Art Miniatur-Wendeschleife für diese Wagen, in deren Mitte ein bunt bepflanztes Rondell prangt. Die Szenerie hat etwas Geschäftiges, Dynamisches. Ich würde sie gern malen können, um buchstäblich zu veranschaulichen, was ich meine.

Ich war nie in der Kinderkrippe und im Kindergarten und könnte nicht sagen, ob mir etwas fehlt. Es fragt aber ohnehin niemand danach. Zweimal jedoch werde ich von jungen Müttern in meinem Hausaufgang gebeten, weil sie aus verschiedenen Gründen verhindert sind, ihre Kinder aus dem Kindergarten abzuholen. Ich würde es nie zugeben, aber insgeheim bin ich ein bisschen stolz darauf, dass eines der Söhnchen nachher deutlich kundtut, lieber von Onkel Ronald abgeholt werden zu wollen als von der Mama.

Rechts aber thront das Gebäude meiner Schule. Es erscheint besonders beim Blick auf seinen Haupteingang wie die erste von mir besuchte Schule geradezu schlossartig repräsentativ. Auf der anderen Straßenseite gegenüber dem Haupteingang der Schule beginnt dann der gewissermaßen alte Wohnkomplex 2, in dem meine Mutter jetzt wohnt. Die Häuser haben dort bereits leicht verwitterte Fassaden, was ihnen in meinen Augen eine gewisse historische Ausstrahlung verleiht, obwohl sie erst wenige Jahre vor meiner Geburt errichtet wurden.

Ich muss jetzt noch etwa fünfzig Meter nach Osten laufen. Gegenüber dem kleinem Platz vor der Eingangshalle meiner Schule mit den großen Säulen muss ich in einen Dutzende Meter breiten und etliche Minuten Fußwegs langen promenadenartig weitläufigen Durchgang, der den Blick auf den nächsten Ring freigibt. An den Ecken der Wohnblock-„Ringe“ sind gegenüber der Schule kleine Passagen, wiederum mit Säulen geziert, in denen jeweils vier, fünf Läden untergebracht sind. In der westlichen Passage gibt es einen Friseurladen, in dem ich mir wie im Film vorkomme. Gepflegte Blumenanlagen wechseln mit Zierbrunnen- und Becken, Bankgruppen und bunten Holzgerüsten mit Kletterpflanzen.

In der Mitte dieser alleeartigen Anlage muss ich nach rechts abbiegen und erreiche nach wenigen Schritten den von vielen Bäumen schattig-dunklen Innenhof, in dem meine Mutter wohnt.

Mir scheint, dass es meine Mutter sehr gut getroffen hat mit diesem Umzug. Ich bin gar etwas neidisch, weil ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass sie besser wohnt als vorher, wenngleich die Wohnungen hier mit Kohleöfen geheizt werden. Dergleichen bewerte ich ohnehin nicht vom Standpunkt des Wohnkomforts, sondern sehe es eher romantisch. Unsere Wohnblöcke stehen alle frei, man kann in alle Richtungen zwischen ihnen hindurch sehen und laufen und im Winter pfeift der Wind dazwischen.

Es ist hier, wo meine Mutter jetzt wohnt, irgendwie traulicher und vertraulicher, heimeliger und häuslicher. Zudem wohnen dort immer mehr ältere Leute, die zur Zeit der Errichtung der Stadt eingezogen sind und sie mit aufgebaut haben, während die jüngeren Leute mit Kindern in die jeweils neuen Wohnkomplexe mit Vollkomfort streben. In diesen Wohnhöfen herrscht daher oft eine seltsame, aber nicht unangenehme Ruhe.

Die Wohnung selbst finde ich noch viel romantischer. Es gibt dort einen Badeofen! Die Küche gar ist nur ein winziges Geviert, in das man durch das Wohnzimmer gelangt.

Meine Mutter hat allerdings die beiden Zimmer links und rechts vom kleinem Flur getauscht, indem sie das Wohnzimmer nun im Zimmer rechter Hand eingerichtet hat, während in diesem Durchgangszimmer zur Küche ihr Bett und der Kleiderschrank stehen. Ich finde diese Entscheidung sehr gut. Mir scheint dieses rechte Zimmer viel geeigneter als Wohnzimmer, weil es dort nur eine Tür und damit mehr Platz zum Aufstellen der Möbel gibt.

Dort werde ich nun von meiner Mutter, die sich sichtlich freut, da sie zu Recht befürchtet hat, dass ich sie nicht besuchen darf, in einen Sessel am Fenster genötigt. Es ist ein seltsames Gefühl, gewohnte Möbel an anderem Ort in völlig ungewohnter Anordnung vorzufinden. Der Raum ist kleiner als unser Wohnzimmer im Neubau und die Möbel füllen ihn viel mehr aus.

Greller Sonnenschein dringt herein. Ich wundere mich über mein Empfinden, diesen Raum schon immer mit dieser Einrichtung zu kennen, was nicht zutrifft, und gleichzeitig fremd zu sein. Ein Teil dieser Stimmung ist wohl auch die Sehnsucht, ein Zuhause, ein Nest zu finden vor allem im räumlichem, wohnungsmäßigem Sinne. Dabei begreife ich nicht, dass dieser Mangel am Gefühl des zu Hause Seins weniger mit äußeren Bedingungen zu tun hat, sondern vor allem mit dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein gefühlsmäßiger Bindungen.

Meine Mutter macht einen deutlich entspannten, ja, erleichterten Eindruck. Vielleicht ist sie erleichtert, dass das jahrelange hässliche Gezerre und Gezänk zwischen ihr und meinem Vater und die ständig im Raum hängende Drohung mit Trennung endlich durch eine wirkliche Entscheidung abgeschlossen ist, wenngleich sie danach als vielleicht am meisten Benachteiligte allein zurück bleibt.

Wir vermeiden es, dieses Thema auch nur anzudeuten. Meine Mutter erkundigt sich nur in zaghaften Andeutungen danach, wie es meinem Vater ginge, was ich mit ebenso halbherzigen Aussagen erwidere. Ich schäme mich innerlich immer mehr. Ich habe vom Betreten der Wohnung an wütende Sätze meines Vaters im Hinterkopf, vor allem die empörte Erklärung, als wir, d. h., meine Mutter und er und ich, noch zusammen gelebt hätten, hätte sie um meinen Geburtstag nie solches Gewese und Getue gemacht, wie er es verächtlich ausdrückt.

Was er dabei wie selbstverständlich ausblendet, ist der Status meiner Mutter als Hausfrau, als die sie auf das von ihm verdiente Geld angewiesen ist. Dass er meine Mutter andererseits nicht arbeiten gehen lassen will, weil er nach seinen Erlebnissen bei der Vertreibung mit dem Verlust aller familiären Kontakte zu heftigen Eifersuchtsattacken neigt und unterschwellig klammert, kann mir erst Jahrzehnte später klar sein.

Nun benimmt sich meine Mutter im Kontakt zu mir, als hätte sie darin eine Art Freiheit erreicht, als wäre eine Art magischer Bann von ihr genommen, der ihr endlich ermöglicht, sich so zu verhalten, wie sie es vielleicht schon immer tun zu können gehofft hat. Ich bin natürlich damals weit entfernt davon, das klar aussprechen zu können oder gar zu wollen, aber ich empfinde es unklar.

Meine Mutter schenkt mir keine Eisenautos, diese kleinen Matchbox-Spielzeug-Wagen, die unter uns Schulkindern in schwindelerregendem Kurs stehen. Ich weiß allerdings nicht mehr, ob ich dergleichen erwarte. Ich glaube aber ziemlich sicher daran. Ich kann nicht einmal leere Getränkedosen in die Klassenraum- und Schulhof-Tauschbörse einbringen. Diese Dosen werden dann wie Reliquien eines untergegangenen Glaubens in Schrankwände und auf Regale gestellt. Nach dem Einzug meiner Stiefmutter stehen allerdings auch in unserem Kinderzimmer auf dem Regal je eine leere Dose der Dortmunder Aktienbrauerei und von Coca-Cola, auf denen ich jeden Morgen Staub wische.

Mit einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit bittet mich meine Mutter, ihr Päckchen zu öffnen. Ich beeile mich, der Bitte nachzukommen. Ihre Verlegenheit, die sie ein bisschen hinter völlig ungewöhnlichem barschem Ton zu verstecken sucht, ganz wie mein Vater, als er mir ihre Einladungskarte überreicht, ist mir ebenso wie bei ihm peinlich.

Meine Mutter schenkt mir ein nicht nur im räumlichem Sinne großes Buch mit Tiergeschichten, das mich sofort begeistert, obwohl ich nicht im mindesten mit einem solchem Geschenk gerechnet habe. Dabei liegt es schon als übliche Verlegenheitslösung nahe, denn zu dieser Zeit beginne ich, mich in Bücher zu vergraben. Ich weiß aber noch genau, dass ich bei seinem Anblick augenblicklich das Gefühl habe, dieses und kein anderes Geschenk wäre das richtige.

Seltsam ist die Identität der Atmosphäre, die meine Lektüre dieser Tiergeschichten bei mir erzeugt, mit dem Weltempfinden, das meine Mutter womöglich unbewusst als das ihr gemäße zu empfinden und zu suchen scheint. Das ist dieses in Muße und Melancholie sich Ergehen in einem Fluidum untergegangener Lebenswelten.

Der Autor dieser Tiergeschichten ist zu Hause in dieser Welt der warm gesessenen Bürger vor dem Erstem Weltkrieg, vor dem Fallen des Vorhangs nach Thomas Mann. Es ist eine Welt der Gründerzeitpracht, der Literaten-Cafés, Varietés, Konditoreien, Promenaden, Kurhotels, in der alltägliche Werte und Prinzipien derart sicher gewesen scheinen, wie es in der neuen Gesellschaft kaum nachvollziehbar ist. Es ist ein schwer benennbares, jedoch deutlich spürbares Vakuum geblieben, das durch nichts Anderes ausgefüllt wird, geschweige denn durch etwas Besseres.

Vielleicht habe ich erwartet, meine Mutter bei meinem Besuch nun gänzlich in dieser Welt gewissermaßen verschwunden zu sehen, als ginge eine unausgesprochene Verheißung in Erfüllung. Es ist, als könnte ich sie zum erstem Mal ernst nehmen, als hätte sie endlich eine derart konsequente Handlung zuwege gebracht, wie sie eigentlich für Erwachsene selbstverständlich sein sollte.

Möglicherweise ist es ein Versuch der Fortführung meiner gewohnten Taktik, meine Mutter und meinen Vater gegeneinander auszuspielen, wenn ich mit dem Gefühl maßloser Überlegenheit wieder zu Hause eintreffe. Allerdings haben beide diese Taktik immer höchst eigennützig gefördert. Ich bin der Einsatz in ihrem sich über lange, quälende Jahre hinziehendem Spiel. Aber jetzt habe ich ein Erlebnis ganz für mich allein.

Ich komme pünktlich wieder nach Hause, sogar vor dem vereinbartem Zeitpunkt. Meine Mutter und ich sehen schließlich ein, dass wir uns nur noch Belanglosigkeiten zu sagen haben. Vielleicht ergibt sich diese Sprachlosigkeit aus der sich plötzlich aufdrängenden Notwendigkeit, überhaupt einmal miteinander zu reden. Wir haben das offensichtlich nie getan. Ein einander gewahr Werden, das sich aus der ungewohnten Distanz ergibt und das mir Angst macht. Ich beobachte später immer wieder, dass alltägliche Gespräche vieler Leute an genau dieser Stelle abbrechen, wenn sie Gespräche jenseits von Tratsch und Geplänkel werden könnten.

Eine meiner zahllosen Beobachtungen und Einsichten, die ich nirgendwo nutzbringend einzubringen vermag. Aber das ist nur die berühmte eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass es bei diesen auf den ersten Augenblick banalen Gesprächen etwa über das Wetter immer auch jenseits derartigen sachlichen Inhalts um das sich Vergewissern, Erneuern und Auffrischen von Kontakten zu gehen scheint. Dass ich dieses gewissermaßen Inhalts zwischen den Zeilen erst mit über 50 Jahren gewahr werde, dürfte dazu beitragen, dass ich es im Leben zu nichts bringe.

Die sich dann abspielende Szene werde ich nie vergessen. Mit keiner leisen Andeutung wird auf meinen Besuch bei meiner Mutter oder auf das erfolgte Geschenk eingegangen. Ich versuche es auch nicht.

Mit dem unerklärlichem Gefühl von Überlegenheit mache ich jedoch die Bemerkung, die wie eine Bombe einschlägt. Vater und Stiefmutter sitzen im Wohnzimmer und sind selten übermütig und ausgelassen. Mich überkommt nicht nur das Gefühl des ausgeschlossen Seins, sondern auch das unheimliche Empfinden, diese elterliche Stimmung wäre demonstrativ gegen mich gerichtet. Allerdings ist dieses Gefühl nach meinem Besuch bei meiner Mutter abgeschwächt. Ich kann wenigstens spielerisch den Gedanken zulassen, dass in dieser familiären Konstellation etwas nicht passt und dass ich das vielleicht im tiefstem Herzen auch gar nicht will.

In düster-dramatischem Ton deklamiere ich: „Mutter macht Vater fertig, wie er es sonst nur in Romanen zu lesen bekommt!“ Ich meine die Stiefmutter und das wird von den Eltern auch wahrgenommen.

Ich habe diesen Satz aus einem dünnem Roman-Heftchen zitiert. Das enthält eine Kriminalgeschichte, von der ich aus durch lange Übung erwachsener Sicherheit weiß, dass sie meinen Vater auf für mich zwar schwer nachvollziehbare, für meine Zwecke aber desto nutzbarere Weise sehr zu beschäftigen scheint. Lange habe ich diesen Satz als eine westernfilmisch cowboyhaft zwischen den Zähnen hervor zu zischende Sentenz bedeutungsvoll mit mir herum getragen.

Die Reaktion entsetzt mich. Die Empörung ist groß. Ich habe geglaubt, mich trotz allem in die Situation einbringen zu können, stattdessen habe ich sie offensichtlich gewaltsam aufgelöst. Ich erlebe meine Stiefmutter und meinen Vater selten derart verstört. Ich hätte es wissen müssen, dass mein Vater keinen von mir auch nur scherzhaft gemeinten Versuch der Abgrenzung ertragen würde. Offensichtlich scheine ich jetzt gar einen Punkt getroffen zu haben, auf dem ein Lindenblatt gelegen hat.

Nun habe ich doch noch den von vornherein erwarteten bitteren Nachgeschmack vom Besuch meiner Mutter. Auf mir unerklärliche Weise deuten beide meine Frechheit, die ich nicht im Geringstem als solche empfinde, als Ergebnis meines Besuches bei ihr.

Alles endet mit wütendem Gebrüll, Tränen, Türen knallen, strengen Ermahnungen und der nun leise triumphierend wiederholten Aufforderung, meinen Kontakt zu meiner Mutter vollends und endgültig abzubrechen. Es ist mir unheimlich, dass Schläge ausbleiben, da das in dieser Situation darauf hinzudeuten scheint, in welchem Maße ich die Grenzen alles Vorstellbaren überschritten habe.

Damit endet meine letzte Begegnung mit meiner Mutter in meiner Kindheit, ja, überhaupt der Kontakt zu ihr. Erst, als ich fast vierzig bin, kommt für einige Monate wieder ein Kontakt zustande. Mit leisem Entsetzen werde ich dann gewahr, dass meine Mutter jahrzehntelang auf die Rückkehr meines Vaters an ihre Seite wartet. Diese Wahrnehmung ist derart bitter, dass ich sie in den Momenten ihres ersten Auftretens sofort verdränge und den Kontakt im Sande verlaufen lasse.

Ich wundere mich als Zehnjähriger insgeheim durchaus, dass andere Schüler von den Trennungen ihrer Eltern derart beeinträchtigt werden, dass sie unfähig zum Schulbesuch und krank geschrieben werden. Ich habe nach kurzer Zeit vergessen, wie der Auszug meiner Mutter abläuft und kann mich auch heute nicht mehr daran erinnern. Sie ist eines Tages einfach weg und ein großer Teil der Möbel fehlt in der Wohnung. Nach wenigen Jahren habe ich vergessen, wie meine Mutter aussieht. Ich könnte etwa nicht mehr mit Bestimmtheit ihre Augenfarbe angeben. Ich bin nicht wütend und nicht traurig und nicht verwirrt oder ängstlich. Niemandem fällt das als wenigstens ungewöhnlich auf. Das Verschwinden meiner Mutter aus meinem Leben scheint mich nicht zu beeindrucken.

Es ist makabrer Schein. Nach dieser letzten Begegnung bleibt ein magisches Versprechen, dass meine Mutter irgendwann zurückkehren und dass sie dann dauernd derart emotional präsent sein würde, wie ich es bei unserer einzigen gemeinsamen Urlaubsfahrt in meiner Vorschulkindheit und bei dieser letzten Begegnung in Ansätzen erlebe. Schließlich würden wir eine richtige Familie werden und meine wirkliche Kindheit würde beginnen.

In dieser Verheißung lebe ich mindestens ein Vierteljahrhundert, ohne das wahrzunehmen. Bei meinem erstem Therapie-Versuch mit 22 wird mir meine Rolle in Gruppen als „das Kind“ gespiegelt.

In der Tat jedoch scheint Leben auch immer sich Trennen zu sein, und am schwersten trennt es sich nicht von dem, was war, sondern von dem, was nicht war.

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