Lange Leitung

Ich nehme den Deckel von dem Kasten ab, der auch hier auf einem Betonsockel direkt an der Straße steht, hier aber frisch und besonders sorgfältig gestrichen ist, und stelle ihn neben den Kasten. In diesem Augenblick hält ein Lada neben mir, in dem bei brütender Sommerhitze vier Männer in Anzügen mit weißen Hemden und Krawatten sitzen. „Was machnsen hier?“, schnauzt mich der Fahrer an. Ich bin mehr verblüfft als erschrocken und insgeheim einerseits belustigt, andererseits enttäuscht von für abgeklärt-überlegen gehaltenen Autoritäten an der unsichtbaren Front. Was ist das denn für eine drittklassige Kleinkunst-Einlage? Ich erkläre wahrheitsgemäß, Schaltwart beim Fernsprechamt zu sein und hier einen neuen Teilnehmer aufschalten zu müssen und zeige meinen Schaltauftrag vor.

Wie oft im Umgang mit offiziellen Personen nicht nur vor der Wende höre ich Wortgruppen, die man beinahe als Textbausteine bezeichnen kann oder gar muss. Hier heißt es: „Sehnse zu, dasse fertich wern! Und denn haunse ab!“ Dann rauscht der Lada davon.

Ich stehe an einem Kabelverzweiger an der Dottistraße, Ecke Ruschestraße, und schräg gegenüber ist die Haupteinfahrt zum Hauptquartier des MfS.

Na, und? Ich bin ein unbescholtener Bürger und engagierter FDJler und gehe meiner geregelten Tätigkeit nach! Was soll dieses Männchengehabe, dieses Getue, wie mein Vater sagen würde, wie aus einem westlichen Thriller? „Ab hier übernehmen wir vom FBI – wegtreten, Fußvolk und Provinzbullerei!“ Wir sind eingeweiht in höhere Zusammenhänge, die ihr nicht überblicken könnt! Wir sind eingebunden in die Gruppe, die reiner und klarer als alle lebt, was angesagt ist, den Zeitgeist verkörpert, den Zeitstrom bestimmt usw. Sehr viel später scheint mir, dass die Sehnsucht, zu der im eigenem Soziotop tonangebenden Gruppe gehören zu wollen, ein menschliches Grundbedürfnis auf einer geistigen Ebene sein könnte.

Den Begriff „nützlicher Idiot“ kreiert Dr. Uljanow in anderem Zusammenhang. Er scheint mir aber auch und gerade hier sehr zutreffend. Es muss viele derartige nützliche Idioten wie mich geben, die aufrichtig fest überzeugt sind, in der besten aller Welten zu leben. Ich bin doch Einer von uns!? Ich gehöre doch dazu, ich bin doch auf derselben Seite!? Ich stehe doch voll und ganz hinter dem Großem und Ganzem!?

Was ich nicht wahrnehme und zu diesem Zeitpunkt nicht wahrnehmen kann, ist meine auch bei dieser banalen und dennoch und erst recht bezeichnenden Episode wieder einmal starke Ausstrahlung unbewusster Schuldgefühle. Auf diese Ausstrahlung reagieren die, Zitat Fühmann, Kameraden Volksschützer immer wieder gleichfalls unbewusst und daher umso stärker. Zweitens schließlich ist mir nicht klar, dass meine Wahrnehmung der Situation regressiv-kindlich ist. Sie resultiert aus Staatsbürgerkunde-Lehrbuch-Romantik, die ich gewissermaßen eins zu eins übernehme. Wir sind doch alle eine große Familie! Warum schimpft denn der Genosse Vaterfigur mit mir nur seine Pflicht erfüllendem vorbildlich werktätigem Jugendlichem? Dass diese Sehnsucht nach einer Art Großfamilie neuen Typus weniger mit Sozialismus zu tun haben als vielmehr aus massenhaften Traumatisierungen resultieren könnte wie denen meines vertriebenen Vaters, kann ich zu diesem Zeitpunkt gleichfalls nicht verstehen. Aber das ist ohnehin alles Psycho-Club und kann weg.

Die eigentliche Pointe aber ist, dass ich mich jetzt selbst zu beschwichtigen versuche mit Textbausteinen. Ich sage mir etwa, dass es sich bei dem gehabtem Erlebnis um Ausdruck eines der Überbleibsel der alten Gesellschaft handeln würde, die wir gesetzmäßig überwinden werden usw. usf.

Neuerlich erlebe ich, und ich bin fast geneigt zu sagen „Natürlich!“, einen Menschen in meiner Umgebung, der versucht, mich aus der Spur zu bringen, mich zu rocken usw. Der Kollege, der nicht nur äußerlich an einen verhinderten 68er erinnert, führt mir vor, wie er Leute verarscht. Dies in einer Art und Weise, die mir erst nach der Wende als ebenso banal wie bezeichnend erscheint.

Die Tätigkeit des Schaltwartes ist die am längsten ausgeführte während der etwa sechs Jahre in Wohnhaft in meiner Prenzlauerberghütte, wie ich des Öfteren bemüht witzele. Ich habe dabei die Aufgabe, ankommende Leitungen aus Kabeln mit beispielsweise tausend Doppeladern auf abzweigende Kabel zu schalten, die in Wohngebiete, Wohnblocks und schließlich Hausaufgänge sowie einzelne Wohnungen führen. Dieses Schalten erfolgt per Anbringen von Klingeldraht, mit dem die Fernsprechsignale von einem Kontakt des eingehenden zu einem Kontakt des abgehenden Kabels geleitet werden. Dies erfolgt in Verteilerräumen- und Kästen, die in der Größe nach absteigender Reihenfolge LVs, KVs und EVs genannt werden – Leitungsverzweiger, Kabelverzweiger und Endverzweiger. LVs sind manchmal gut belüftete und beleuchtete moderne Kellerräume mit tausenden Anschlüssen, insbesondere in den Neubaublocks in Marzahn, Hohenschönhausen und Hellersdorf. Am häufigsten arbeite ich an diesen hellblaugrauen KVs, die entweder an der Straße stehen oder in den Kellern von Wohn- und Gewerbebauten.

Das Erleben des Ost-Berliner Fernsprechnetzes kommt meinem jugendlichem oder infantilem Hang zu romantischer Verklärung eigentlich deprimierender Umstände sehr entgegen. Diese Verklärung erweist sich zu dieser Zeit, vor dem Wendepunkt meines Lebens, als eine durchaus befriedigende Strategie zur Bewältigung der sogenannten Realität. In Mitte etwa oder in der Frankfurter Allee, in den Abschnitten mit Altblaublocks aus der Gründerzeit, muten die großen Kellergewölbe manchmal wie römische Katakomben an. Es riecht muffig und modrig und immer wieder mühen wir uns durch verdreckte Kellerräume in schlecht beleuchtete Ecken. Dort stehen oder hängen, oft unter einem Laubhaufen oder Sperrmüll versteckt, Kabelverzweiger oder Endverzweiger. Teilweise sind die EVs mit Beschriftungen versehen wie „Siemens & Halske“ sowie einer Jahreszahl zwischen 1920 und 1930. Die Pointe ist hier, dass die Teile oft ausgezeichnet funktionieren. Die Dämpfungswerte sind sehr gut. Viele Kollegen nehmen das wahr, kaum einer spricht es aus.

Selbstverständlich wirkt sofort diese sich geradezu selbst generierende Fähigkeit zum gewissermaßen Abspalten von Wirklichkeit. Ich habe auch hier nicht gesehen, was ich gesehen habe. Dann aber beginnt die angenehm verklärende Romantisierung und wir amüsieren uns köstlich. Selbst einer unserer Chefs muss sich bei einer der üblichen Arbeitsschutzbelehrungen das Grinsen verbeißen. Wir könnten mit keinen Versicherungsleistungen rechnen, wenn wir bei Versuchen, an geradezu prähistorische Endverzweiger in Berliner Hinterhöfen zu gelangen, Simse, Fassadenelemente oder etwa Mülltonnen nutzen und uns dabei verletzen oder gar abstürzen würden. Anders kommen wir aber nicht heran an die EVs, da wir zu Fuß, d. h., vor allem unter Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs, in ganz Ostberlin unterwegs sind. Dabei führen wir natürlich nur unsere Werkzeugtaschen mit und keine Leitern oder dergleichen.

Wir sind weit entfernt davon, diese Mängel als solche zu empfinden. Sie sind vielmehr Details eines großen Abenteuerspielplatzes, der nur auf uns gewartet zu haben scheint. Für mich sind es vor allem Abenteuer in bestenfalls aus Büchern und Filmen bekannten und in dieser Größe oder Ausbreitung nicht für möglich gehaltenen Arealen voller vor allem architektonischer und technischer Relikte einer kontinuierlichen Entwicklung vor der nationalsozialistischen und der realsozialistischen Lebenswelt. Da war etwas, das jetzt weg ist. Das Atmosphärische jedoch, die Anmutung, ist noch spürbar. Ich bin in meinem Element. Unbewusst und daher umso sehnsüchtiger suche ich nach dem Anschluss an über längere Zeit kontinuierliche Entwicklungen in untergegangenen Lebenswelten und Kulturräumen. Ich traumwandle in der üblichen leichten Trance durch eine Art inoffizielles Freilichtmuseum und verrichte nebenbei meine Arbeit.

Schließlich führt mir der besagte, mich immer wieder mental ertüchtigen wollende Kollege vor, wie er sich zu unterhalten pflegt, wenn es ihm langweilig wird. Das geschieht schnell, denn nicht selten haben wir die Schaltaufträge für einen Tag bereits vormittags erledigt. Wir melden uns dann mit unseren Prüf-Handapparaten, die sich überall aufschalten lassen, regelmäßig von zu Hause aus im Stützpunkt mit der Angabe des angeblichen Arbeitsortes. Pech hat man, wenn der Chef dann etwa anweist, an den Nachbar-KV in Marzahn zu gehen, während man bereits in seiner Prenzlauerberghütte abmattet oder an der Dahme in Friedrichshagen.

Wir kauern in einem der beinahe musealen Kellergewölbe unter einem Laden in Friedrichshain an einem dieser schier antiken Kabelkästen. Um neu geschaltete Verbindungen prüfen und messen zu lassen, müssen wir im Amt anrufen, im Hauptverteiler der jeweiligen Ortsvermittlungsstelle. Dazu begeben wir uns neuerlich oft in eine Art Grauzone der Halblegalität, indem wir bestehende und genutzte Leitungen anzapfen. Hier geht mein Kollege auf den Anschluss des Ladens über uns. Er hält mir seinen Hörer hin, bereits geradezu diebisch grinsend. Eine Frau schimpft wie ein Rohrspatz über irgendetwas oder irgend wen. Nach ein paar Augenblicken entfernt mein Kollege die Klemmen des Prüfhörers von den Kontakten und klemmt sie sofort wieder an. Das vollzieht er derart brachial, dass es oben in der Leitung knacken muss. Nach einigen Sekunden Stille in der Leitung wechselt die Frau nicht nur das Thema, sondern auch den Tonfall. Es hört sich jetzt an, als unterhielten sich freundliche Großmütter über Kuchenrezepte.

Mein Kollege bemüht sich mit sichtbarer Anstrengung, nicht laut zu lachen, weil man das eventuell oben im Laden hören könnte. Er erklärt mir, dass die Frau offensichtlich überzeugt wäre, die Firma hätte in ihre Leitung gelauscht. Zumal es sich um einen Laden für Waren des täglichen Bedarfs handelt, halte ich das für absurd, obwohl die eben von mir erlebte Reaktion der Verkäuferin die Aussage meines Kollegen bestätigt.

Trotz dieser und weiterer eigener Erfahrungen kann und will ich nicht glauben, dass die über die Stasi im Umlauf befindlichen Legenden auch nur annähernd der Wahrheit entsprechen könnten. Ich halte insbesondere Behauptungen, Memphis Tennessee würde Telefone abhören, für paranoide Phantasien.

Ein nützlicher Idiot… Später finde ich bei Christa Wolf die sinngemäße Behauptung, viele Deutsche hätten im 20. Jahrhundert die sinistre Fähigkeit entwickelt, irgendwo zu sein und doch nicht da zu sein.

Wer in der unmittelbaren Umgebung meiner Prenzlauerberghütte lebt, interessiert mich nicht. Mein Aufenthalt ist geheim. Dies über mein mindestens neurotisches Wahrnehmungsmuster hinaus, das aus meinem monatelangem Status als Schwarzmieter resultiert. Nach und nach erfahre ich trotzdem Einiges über meine Nachbarn.

Unter mir wohnt ein älteres Ehepaar. Die Frau sieht aus wie eine Schwester meiner Mutter. Das vermag ich zunächst nicht wahrzunehmen. Ich habe vergessen, wie meine Mutter aussieht oder kann zumindest in wesentlichen Details ihr Äußeres nicht mehr beschreiben. Die Ähnlichkeit wird mir erst bewusst, als ich kurz vor der Jahrtausendwende meine Mutter wiedertreffe. Aber die Frau begegnet mir, was mich immer wieder verblüfft, freundlich zugewandt. Diese Zuwendung verursacht bei mir ein komisches Gefühl, halb angenehm und halb lästig.

Das Paar trägt den Familiennamen des Mannes. Diesen Namen gibt es in Ostpreußen bereits vor den Ordensrittern, vermutlich schon im Prussischen. Ein wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs als Stadtteil eingegliederter Vorort Königsbergs trägt bis zum Kriegsende diesen Namen.

Ich erfahre nicht, ob der Mann ein Vertriebener ist. Ohnehin beschäftige ich mich erst nach der Wende bewusst mit Ostpreußen und der Vertriebenenproblematik und finde dann diesen Namen wieder. Insofern mir Ankommen im metaphorischem, seelischem Sinne überhaupt möglich ist, komme ich ausgerechnet als Nachbar dieses Mannes an beim halb bewusstem Versuch, aus der von den Traumata meines Vaters geprägten Atmosphäre meiner Familie zu fliehen.

Schließlich ist der Mann Immobilienverwalter oder gar Makler und einer der ganz wenigen Ostberliner, die diesen Beruf privat ausüben. Er ist quasi ein richtiger Kapitalist.

In der Wohnung gegenüber wohnt eine Studentin der Theologie. Ich erfahre erst bei einem flüchtigem Gespräch etliche Monate nach meiner Wohnungsbesetzung, dass es in der DDR überhaupt die Möglichkeit zum Theologiestudium gibt. Ich finde dieses Studium passend zu der Frau. Sie wirkt hager-asketisch-asexuell. Diese reaktionär klischeelastige Wahrnehmung behalte ich immerhin für mich. Die Studentin erklärt jedoch sinngemäß, halb flapsig und halb ernst, dass sie katholische Theologie studieren würde und dass dies ja noch schlimmer wäre.

In der Wohnung mit dem Eingang geradezu der Treppe lebt ein junger Mann meines Alters, den ich nicht einzuordnen weiß. Er erscheint als der typische unauffällige Bürger, der immer freundlich grüßt, von dem man aber nie sagen könnte, ob er überhaupt im Haus ist. Er wirkt gewissermaßen Kontakte vermeidend oder gar abwehrend. Dass ich mit dieser Wahrnehmung eine Art Spiegeleffekt erlebe, ist mir nicht bewusst. Ebenso wenig ist mir die hohe Wahrscheinlichkeit klar, dass nicht nur ich ihn irgendwann für einen von Horch und Guck halte, sondern er mich gleichfalls für Einen von der Firma hält.

In der winzigen Wohnung im Winkel meines Flurs und meiner Küche lebt ein junger Mann, den ich irgendwann sowohl in der U-Haft in dem berüchtigtem Haus in der Keibelstraße als auch in der geschlossenen forensischen Abteilung des Klinikums Berlin-Buch besuche. Dann zieht ein Schwuler ein. Ich weiß jedoch die Reihenfolge nicht mehr, in der die beiden Nachbarn in dieser Wohnung leben.

Der später Inhaftierte nutzt längere Zeit seine Wohnung als Zwischenlager für von einer Art Bande vor allem aus Villenvierteln und Kleingartenanlagen im Norden Berlins geklaute Radios, Kassettenrecorder und Fernseher.

Die Bewerbung des Schwulen zum Pädagogik-Studium wird nach seinem zur Erhöhung der Studienchancen freiwillig dreijährigem Dienst bei den Fallschirmjägern abgelehnt. Diese Ablehnung erfolgt mit der fast wörtlichen Begründung, seine sexuelle Orientierung entspräche nicht den Werten und Normen der sozialistischen Gesellschaft. Ich bin nicht der Einzige, der überzeugt ist, dass er ein guter Lehrer werden könnte. Der Mann erscheint nicht wütend oder gar in Anti-DDR-Haltung, sondern still resigniert. Er schlägt sich wie ich mit Hilfsjobs unter seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten durch, hat aber weitaus mehr Spaß dabei und verdient zudem deutlich mehr Geld als ich.

Ich halte es nicht für paranoid zu vermuten, dass die Stasi ein Auge auf diesem Haus hat. Im Rückblick halte ich es sogar für wahrscheinlich, dass Genossen Tschekisten in diesem Haus einen Hort der Konterrevolution ausmachen konnten.

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