Kontakte und Fütterungen. Im wörtlichem und im übertragenem Sinne.

Mein Vater und ich hocken wie Verschwörer hinter dem Herd und unter dem Ausguss an der linken Küchenwand und naschen von großen, silbern glänzenden Platten mit Aufschnitt aus Wurst, Fleisch und Käse. Das geschieht in meiner Vorschulzeit einige Tage vor einem Weihnachtsfest. Es gibt auf diesen Platten kleine Würfel köstlichen Schmelzkäses unter anderem mit Paprikageschmack. Wir putzen alle oder fast alle dieser in Stanniol verpackten Würfelchen weg und steigern uns dabei in Begeisterung nicht nur über den Geschmack des Käses hinein.

Dies ist eines der unzähligen kleinen Erlebnisse mit meinem Vater, nach denen er sofort sein sozusagen Dienstgesicht aufsetzt. Damit teilt er ohne Worte und damit wirksamer als mit Worten etwas mit wie: „Das hast Du jetzt alles nur geträumt! Diese Momente der Nähe und Verbundenheit haben gar nicht stattgefunden!“

Das ist meine einzige Erinnerung an Nahrungsaufnahme in meiner Vorschulzeit in unserer Wohnung. Man könnte das merkwürdig finden. Ich selbst finde das erst später und nur hin und wieder ein bisschen komisch.

Immer wieder versuchen Leute, mich gewissermaßen zu füttern. Dies umso mehr, als man bei mir die Rippen zählen kann. Meine Mutter benutzt diese Redewendung immer wieder halb mitleidig, halb vorwurfsvoll. Dabei wäre das gar nicht nötig, denn man sieht, dass ich außerordentlich mager bin.

Einer der wenigen sogenannten Bekannten meiner Eltern ist Friseurmeister. Die Bekannten werden innerhalb eines Jahres vielleicht drei oder vier Mal besucht, meist nur von meiner Mutter und mir. Ich kann mich jedoch nicht an Besuche von Bekannten in unserer Wohnung erinnern. Dieses von meinen Eltern unzählige Male benutzte Wort „Bekannte“ ist tragikomisch, was sie aber nicht wahrnehmen wollen oder können. Sie sagen damit, dass sie eigentlich keine Freunde haben.

Sowohl der Laden als auch die Wohnung des Friseurs befinden sich nur wenige Minuten Fußwegs von unserer Wohnung entfernt. Wir gehen an unserem Wohnblock und den südlich angrenzendem entlang und an der kleinen Ladenzeile vorbei, die den Platz hinter dem Theater an der Westseite abgrenzt. Auf diesem Platz ist regelmäßig Bauernmarkt. Wir steigen die Treppen hinter dem Theater hinauf, gehen über einen der beiden kleinen Plätze neben diesem Theater und durch eine Art Tor neben den Sportwaren und stehen auf der Magistrale der Stadt. Gleich rechts neben dem Sportkaufhaus ist der große Friseurladen, zu dessen Erreichen man die Treppen des Theatervorplatzes hinab gehen muss.

Ich sitze immer völlig steif auf dem Friseursessel, wenn der Meister mir einen Igel oder einen Rundschnitt schneidet. Aus irgendwelchen Gründen finde ich den Begriff „Rundschnitt“ überaus lustig. Aus mir gleichfalls nicht verständlichen Gründen muss ich mich zusammen reißen, um nicht auf die Tränendrüsen zu drücken, wie mein Vater sagen würde.

Diese seltsame Erstarrung scheint auf die emotionale Annäherung Fremder zurückzuführen, die noch dazu verbunden ist mit Körperkontakt. Schon recht früh stelle ich fest, dass ich kaum Angst vor dem Zahnarzt habe. Im Gegenteil kann ich hier Nähe und sogar körperlichen Kontakt zulassen, weil ich augenblicklich mit mindestens unangenehmen Empfindungen oder gar Schmerzen sozusagen bestraft werde. Mir ist klar, dass viele das als grotesk oder gar makaber ansehen würden und wahrscheinlich vor allem deshalb erzähle ich nie jemanden etwas von diesem Erleben.

Die Wohnung des Friseurmeisters liegt nur etwa 50 Meter von seinem Laden entfernt am Anfang einer der beiden östlichen Querstraßen der Magistrale. Wenn meine Mutter und ich ihn besuchen, versucht er immer wieder, mich geradezu zu füttern. Auf großen Tellern werden mir drei oder gar vier halbe Scheiben Mischbrot mit reichlich Butter und Wurst vorgesetzt. Eine Wurst ist Teewurst, und auch diese Bezeichnung finde ich aus unerfindlichen Gründen sehr witzig. Dabei ist mir durchaus klar, dass sie nicht etwa Tee enthält.

Ich bin nicht appetitlos und das Essen schmeckt mir meist, aber ich habe irgendwie nicht wirklich Interesse an Nahrungsaufnahme. Erst mit 58 Jahren beginne ich, regelmäßig bewusst Nahrung für mich zuzubereiten und zu mir zu nehmen und stelle zu meiner Überraschung fest, dass diese Zubereitung gar Spaß machen kann. Bis dahin drehe ich irgendwas rein, weil man ja essen muss.

Ich habe nicht ein einziges Bild vor meinem geistigem Auge, in dem Mutter oder Stiefmutter am Herd stehen. Dort sehe ich in meinem Gedächtnis immer meinen Vater, über Jahre hinweg mit einer Schürze vor dem Bauch, auf der in einem halbem Dutzend Sprachen „Küchenchef“ steht. Die Beschriftung ist berechtigt, denn auch oder gerade hier bewähren sich seine goldenen Hände. Er kocht ausgezeichnet, aber er lässt keinen ran. Demzufolge kann ich nichts lernen. Auch hier denke ich manchmal, dass ich sauer sein müsste, bin es jedoch nicht.

Bei einem meiner misslungenen Versuche, in einer nicht therapeutischen WG zu leben, bemühen sich zwei durchaus begabte Hobbyköche geradezu wettbewerbsmäßig, sich gegenseitig zu übertreffen. Es sind immer Männer, die mich in gewissem Sinn und Maß füttern und ausgerechnet hier scheint mir immer wieder, dass es den Wiederholungszwang tatsächlich geben könnte, von dem ich in therapeutischen Zusammenhängen höre oder lese.

Ohne fordernd oder gar drohend zu werden, schafft es der Friseur, mich zum Verzehr der für mich riesigen Stullen zu bewegen. Meine Mutter berichtet das meinem Vater abends stolz und er äußert sich dazu mit einiger Mühe, aber doch anerkennend. Ich war artig.

Dieser Friseurmeister hat einen Sohn, über den mein Vater in dieser Art geheimnisvollen Raunens erzählt, mit der er signalisiert, dass ich jetzt aufmerken und Interesse entwickeln muss. Es ist wohl der Stiefsohn des Meisters. Es scheint eine milde Formulierung zu sagen, dass beide nicht gut miteinander klar kommen.

Der fast volljährige Junge bekommt nach den Erzählungen meines Vaters von seinem Stiefvater ein Motorrad geschenkt und zerlegt es völlig, um die Teile unter anderem in einem Gully zu entsorgen. Mein Vater ist geradezu begeistert. Mir ist klar, dass er sich mich so wünscht wie diesen Jungen. Gleichzeitig weiß ich, dass ich sofort hart bestraft werden würde bei auch nur ansatzweisen Bemühungen, dem Jungen nachzueifern. Schließlich halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass mein Vater trotzdem und erst recht derartige Bemühungen von mir erwartet.

Diese ist eine der Geschichten, die mir sehr viel später einfallen, als ich den Begriff „Double Bind“ entdecke. Das nützt mir zwar nichts, aber ich stelle fest, dass es einen Unterschied macht, derartige Begriffe etwa in akademischen Exerzitien vermittelt zu bekommen oder sie als überaus treffende Beschreibungen eigener Erlebnisse empfinden zu müssen.

Der Stiefsohn des Friseurmeisters schenkt mir in meiner Vorschulzeit einen Hamster mit einem voll ausgestattetem Terrarium. Das Tier ist alt und träge, aber ich bin begeistert und stürze mich geradezu in meine Pflichten als Tierpfleger. Als der Hamster in eine Schüssel Wasser fällt, bin ich tief erschrocken, bürste das Tier sorgfältig ab und lege es auf die Bad-Heizung zum Trocknen.

Ich heule wochenlang über den Tod des Hamsters. Dabei nehme ich durchaus wahr, dass mein Vater mich weder bestraft noch auch sich lustig macht oder schimpft über mein auf die Tränendrüsen Drücken. Aber ich denke nicht weiter darüber nach. Wieder einmal hat sich bestätigt, dass es sich nicht lohnt, sich zu freuen, schon gar nicht über unverhoffte Zuwendung aller Art. Es kommt was nach, das geht immer nach hinten los.

Diese Familie des Friseurs scheinen die einzigen wirklichen Bekannten meiner Eltern. Ich erinnere mich noch an einige andere Besuche, die jedoch in Abständen von Monaten oder gar Jahren stattfinden. Bei einem Besuch von Bekannten fünf Minuten Fußweg von der Wohnung des Friseurs entfernt erlebe ich es zum erstem und letztem Mal in meiner Vorschulzeit, dass ich in einer ganzen Gruppe von Kindern wirklich richtig spiele.

Meine Gefühle sind immer dieselben. Ich will erst gar nicht mitgehen, aber nach ein paar Stunden am liebsten da bleiben.

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