Kleine Schritte nach draußen – beinahe…

Wie soll ich diese Atmosphäre zu benennen versuchen? „Anheimelnd“? Aber dieser Versuch der Benennung kommt mir selbst kitschig vor und würde ohnehin als nicht passend für unsere sozialistischen Menschen kritisiert werden, wenn ich ihn laut aussprechen würde.

Da ist zunächst das Umfeld. Die Heinrich-Heine-Allee, an deren nordöstlicher Ecke die Gaststätte im Parterre des Wohnblocks eingebaut ist, hat etwas Weitläufiges, manche würden gar sagen, etwas Prächtiges. Vor dem Eingang ist eine Art kleiner Säulengang, nur wenige Meter breit und lang. Die großen Fenster sind bunt verglast.

Diese Gaststätte hat eine atmosphärische Ausstrahlung, die ich schon deshalb in Worten auszudrücken nicht einmal versuche, weil ich auch hier wieder keinen Ort sehe, an dem derartige Verbalisierung sinnvoll erscheinen könnte oder gar erwartet würde. „Ort“ im doppeltem Sinne, im wörtlichem und im metaphorischem. Die Wände in der Gaststätte sind mit Holz getäfelt und auch die Bänke und Tische sind aus massivem Holz. Mir fällt das Wort „gediegen“ dazu ein.

Dieses Atmosphärische scheint unklar auf etwas kontinuierlich Entwickeltes hinzuweisen, zu dem der Zugang versperrt scheint und das ich in der Altstadt spüre oder bei der einzigen Urlaubsfahrt mit meinem Vater in den Städten im Süden des Landes. Unter anderem deshalb würde hier auch die gewissermaßen offizielle Etikettierung als Überbleibsel erfolgen.

Vor allem ist diese Gaststätte in gewissem Sinn und Maß ein öffentlicher Raum. Ich erlebe die berühmte Ausnahme von der Regel. Wir gehen weg, wir gehen aus, die Familie unternimmt etwas. Ich bin mir sicher, dass meine Stiefmutter dieses Sonntagsessen in einer Gaststätte initiiert hat. Sie hat sehr wahrscheinlich bemerkt, dass in dieser Familie nie etwas zusammen unternommen wird und dass das nicht normal sein könnte.

Dies ist eine der wenigen Episoden, in denen meine Stiefmutter mich dermaßen verblüfft, dass ich wenigstens für einige Augenblicke innehalte im Lauf der Dinge. Die stärkste dieser Episoden liegt zu diesem Zeitpunkt bereits einige Monate zurück. Ich besuche meine Stiefmutter, als sie in der Wohngebietsgaststätte, in der sie als stellvertretende Chefin arbeitet, eine Art Betriebsversammlung leitet. Meine Mutter tritt energisch, engagiert und motivierend auf und ich bin beeindruckt, ja, bewundere sie insgeheim. So kenne ich sie nicht und ich habe gar nicht für möglich gehalten, dass sie so sein könnte.

Einer der Augenblicke, in denen ein kleiner Schritt, eine kleine Geste, ein paar Worte gereicht hätten – und es wäre ein wirklicher Kontakt da gewesen statt des jahrelangen Kampfes bis zu täglichen körperlichen Zusammenstößen. Aber ich gehe den Schritt nicht, vollführe die Geste nicht, sage die Worte nicht und auch meine Mutter unterlässt dergleichen. Ich weiß jedoch nicht, ob sie meine verblüffte Bewunderung bemerkt.

Nach wenigen Jahren dieser Ehe ist ohnehin von diesem Engagement und diesem unabhängig von Mustern ideologischer Wahrnehmung und Wertung konstruktivem Aktivismus kaum noch etwas übrig. Auf Betreiben meines Vaters wechselt meine Stiefmutter als Sachbearbeiterin ins Wehrkreiskommando. Das hat weniger mit seiner Eifersucht zu tun, sondern ist eine Vorsichtsmaßnahme meines Vaters, der als vermeintliche Vollwaise das abrupte Verschwinden aller Bezugspersonen bei der Flucht aus Königsberg erlebt.

Dass diese Motive unbewusst bleiben, macht die daraus folgenden Handlungen umso wirksamer. Andererseits ist das Psycho-Club und kann weg. Zwar waren bei der Gründung der DDR ein Viertel der Bevölkerung Vertriebene, aber das Thema ist tabu. Es gibt auch in diesem Kontext keinen Ort, und auch hier „Ort“ im wörtlichem und im übertragenem Sinne, an dem auch nur das Ansprechen der Thematik möglich wäre. Man geht darüber hinweg, man macht dicht, man brettert drüber und das wird zudem meist als proletarisch-zupackend usw. lobend umgedeutet.

Es geht jetzt bei diesem öffentlichem Mittagessen um aus der Spur kommen, wenigstens in winzigen Schritten. Meine Mutter überredet meinen Vater, es mit einer Zigarette zu versuchen. Mein Vater läuft mit dieser Zigarette derart affektiert durch den Raum, dass nicht nur meine Stiefmutter dieses Schaurauchen komisch findet. Unklar spüre ich jedoch, dass es ihm weniger peinlich ist zu rauchen, sondern gewissermaßen sichtbar zu werden. Dieses Unbehagen kenne ich sehr gut, wenngleich ich es wiederum nicht in Worte fassen kann und will.

Ich scheue mich davor, diese Wahrnehmung zuzulassen, denn dann müsste ich mich mit meiner Stiefmutter gemein machen oder zumindest ihr zustimmen. Aber zu meiner Verblüffung spornt sie mich jetzt dazu an, den Reaktionen auf den Auftritt meines Vaters gewissermaßen beizustimmen.

Eigentlich aber fordert sie mich dazu auf, aus der sinistren seelischen Symbiose mit meinem Vater heraus zu kommen im Bewusstsein der Sicherheit, nicht bestraft zu werden. Würde ich in der Wohnung, im Privatem, mich auch nur annähernd in der jetzt gewünschten Weise von meinem Vater abzugrenzen versuchen, indem ich mich harmlos mokieren würde über ihn, würde ich Eine geschossen bekommen.

Wendemarken und Kreuzwege im Leben scheinen oft nicht die gewissermaßen offiziell und meist deutlich sichtbar und lautstark propagierten Höhepunkte zu sein, sondern scheinbar banale, alltägliche, nebensächliche, kleine usw. Begebenheiten.

Hier ist ein solcher Wegstein des Lebenslaufs. Weg von der tranigen Trance in der milden Symbiose und ein bisschen hin zum Hier und Jetzt, im konkretem Fall zum konstruktivem Kontakt zu meiner Stiefmutter. Aber auch hier vollziehe ich diesen Schritt nicht. Dass ich den Sachverhalt nicht ausdrücken kann und will, spielt keine Rolle. Auch hier ist das psychische Geschehen umso wirksamer, weil es unbewusst bleibt.

Auch hier zeigt sich zudem ein Mechanismus, der mir immer wieder auffällt. Schreiben im literarischem Sinne scheint, unter anderem, der Versuch, in den geschriebenen Geschichten derart intensiv anwesend zu sein, wie man es in den entsprechenden Situationen in der sogenannten Realität nie war oder auch nur hätte sein können.

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