Jetzt beginnt der Ernst des Lebens, ha!

Viele kluge Leute haben sinngemäß festgestellt, und ihre Feststellung geäußert, dass Leben wesentlich aus Trennungen bestünde, von der Geburt bis zum Tod, bei denen man erkennen könne, wes Geistes Kind der sich Trennende wäre, oder besser gesagt, welche emotionale Reife er erreicht hätte.

Eine der seltsamsten Trennungen in meinem Leben ist die aus meinem Elternhaus bei der Einberufung zum Wehrdienst. Mir scheint heute, dass dies nicht der erste, aber der erste offizielle Anlass ist, bei dem Verantwortliche mich nicht einordnen und bewerten zu können scheinen, in gewissem Maße nichts mit mir anzufangen wissen.

Alle in Frage kommenden Schüler meiner Abiturklasse haben längst ihren Einberufungsbefehl erhalten, nur ich nicht. Das muss umso mehr auffallen, als meine Stiefmutter im Wehrkreiskommando arbeitet. Sie kann oder darf oder will mir jedoch keine Auskunft geben. Aber das beunruhigt mich nicht, ja, es beschäftigt mich gar nicht – es geht alles seinen Gang. Schließlich erhalte ich wenige Wochen vor dem Einberufungstermin eine Vorladung.

Der zuständige Sachbearbeiter im Wehrkreiskommando, ein Ober- oder Stabsfeldwebel, wirkt deutlich ratlos und äußert das auch ausdrücklich. Ich scheine nirgends vermerkt zu sein, es gibt keine Hinweise auf Ort oder Zeitpunkt meiner Einberufung. Der Feldwebel erklärt schließlich fast wörtlich, er müsse und werde mal wo anrufen.

Dieses „Wo“ ist offensichtlich die Kreisverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit. Mir ist das gleichgültig. Nach etwa einer Viertelstunde erscheint ein Kradmelder und übergibt dem Feldwebel einen Hefter mit einigen Dutzend Seiten. Über mich?!

Bei ersten Nachforschungen der damaligen Gauck-Behörde einige Jahre nach der Wende wird mir mitgeteilt, dass man nichts über mich gefunden hätte als einen sogenannten operativen Vorlauf, der zudem erst 1988 angelegt worden wäre. Diese Unterlage besteht in einer DIN-A-6-Karteikarte mit meinem Namen und meinem Geburtsdatum. Ein derartiger Vorlauf wäre angelegt worden, wenn jemand gewissermaßen unverbindlich vorgemerkt worden wäre, ohne dass man bereits Pläne zu seiner Überwachung oder seiner Werbung zu realisieren begonnen hatte. Die Frage aber, wo dieser Hefter abgeblieben wäre, habe ich nie gestellt, nicht einmal mir selbst.

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Er sieht aus wie John Lennon. Das allein würde ihn schon auffällig machen. Mir ist damals noch nicht klar, obwohl es buchstäblich augenfällig ist, dass ich durch Menschen mit roten Haaren deshalb magisch angezogen werde, unter anderem, weil diese Haare eine Art Signalcharakter haben. Da ich große Teile meines Lebens in einer Art Trance verbringe, in einem leichtem Dämmerzustand, werde ich durch diese roten Haare aufmerksam auf ihre Träger, während ich andere Menschen oft nur gewissermaßen als Huschreiz in der Kulisse wahrnehme.

Es ist nicht nur die leuchtende Mähne, die Wolle, wie mein Vater sagen würde. Der fällt mir natürlich ein, wenn ich diesen Schüler aus einer sogenannten Parallelklasse sehe. Mein Vater würde mir abraten von diesem Kontakt. Es bestünde die Gefahr, dass ich ins Freie kommen könnte, aus der symbiotischen Blase der Familie heraus, oder gar in eine andere Symbiose hinein. Anders scheint Beziehung nicht zu gehen als symbiotisch.

Der Mitschüler hat auch eine Nickelbrille mit sehr kleinen, kreisrunden Gläsern wie Lennon, mit Sicherheit ein Produkt aus dem nichtsozialistischem Wirtschaftsgebiet. Er hat zudem oft diesen Gesichtsausdruck Lennons, den ich als schelmisch oder verschmitzt bezeichnen würde, wenn ich mir dabei nicht noch ältlicher vorkommen würde, als ich ohnehin zu wirken scheine. Es könnte sein, dass es ihm ähnlich geht wie mir, indem diese Mimik oft als spöttisch, hochmütig und arrogant gesehen wird, obwohl sie eher auf müde Distanz beim lust- und ratlosem Abarbeiten von Alltagsabläufen zurückzuführen ist.

All dies ist natürlich nicht aussprechbar, würde aber auch nicht angesprochen werden, wenn man Worte dafür hätte und wenn vor allem eine Ebene existieren würde, auf der diese Sachverhalte wahrgenommen und diskutiert werden könnten.

Ich weiß, dass der Mann nicht nur für mich eine lokale Legende ist. Er hat etwas von den komplizierten, aber interessanten Typen, wie sie beispielsweise Hermann Hesse beschreibt, dessen Lektüre er mir dann auch, milde formuliert, empfiehlt.

Er ist einer der Schüler, deren mäßige bis schlechte schulische Leistungen den Durchschnitt jeder Abiturklasse drücken. Nichtsdestotrotz gibt es in jeder Klasse ein oder zwei solcher Schüler, die oft mitgeschleppt werden, weil sie sich als Offizier verpflichtet haben. Das ist keinesfalls zynisch oder abwertend gemeint und es wissen auch alle Bescheid und es ist in Ordnung.

Dieser Schüler ist gewissermaßen das Gegenteil eines Offiziersbewerbers. Das wird paradoxerweise besonders deutlich im Sommerlager der GST, der „Gesellschaft für Sport und Technik“, die mit der vormilitärischen Ausbildung beauftragt ist. Zur Überraschung von Lehrern, Schülern und GST-Funktionären fährt der junge Mann mit den Wehrpflichtigen seiner Klasse in dieses Lager. Erst nach einigen Tagen fällt einem Verantwortlichem auf, dass die Texte, die er abends vorträgt, unter anderem an den klischeemäßigen Lagerfeuern, von mindestens unerwünschten Autoren wie Reiner Kunze sind. Natürlich hat er die Lacher auf seiner Seite.

Manchmal beginnt er die Schulwoche erst am Dienstag und erscheint am Sonnabend oft nicht mehr. Einmal treffe ich ihn, als er an einem Dienstag oder Mittwoch nach der ersten Hofpause zur Schule kommt. Er hat nicht nur zerdrückte Grashalme im Haar, sondern riecht auch nach Heuboden. Es ist bekannt, dass er in Kreisen verkehrt, die mindestens misstrauisch gesehen werden nicht nur von zuständigen Organen. Viele Gerüchte um ihn gehen um, beispielsweise die Behauptung, seine Mutter hätte mit Biermann in einer Seminargruppe studiert und hätte von daher mühelosen Zugang zu Werken von Dissidenten.

Bei einer weiteren Pflichtveranstaltung während der Abiturstufe, einem Ernteeinsatz, zeigt sich, und nicht nur für mich, dass der Mann nicht angeblich männlich aufschneidet, was seine sogenannten Frauengeschichten angeht. Bei einer der wenigen Diskotheken, bei denen ich in meinem Leben zumindest körperlich anwesend bin, tun etliche meiner männlichen Altersgenossen so, nicht nur ich, als würden sie nicht hinsehen. Der Rothaarige tanzt mit einer Mitschülerin eng, nicht auseinander, d. h. er wiegt sich eng umschlungen mit dem Mädchen im Takt eines langsamen Titels, und hat dabei beide Hände auf ihren Pobacken, die er gelegentlich zärtlich streichelt. Nicht nur ich erwarte Intervention, es passiert aber nichts.

Es ist jedoch nicht irgendeine Schülerin, sondern eine der besten Absolventinnen meines Jahrgangs, die das Abi mit 1.0 macht und diese Medaille erhält, als deren Träger man dem Vernehmen nach zu freier Wahl des Studienplatzes berechtigt ist. Wieder wird mir klar, und wieder viele Jahre später, dass sich hier diese womöglich grundsätzliche menschliche Sehnsucht zeigt, an scheinbar banaler Stelle, die Wirklichkeit ganz zu erfassen und zu erleben, gerade jenseits der Bereiche, die Einem durch Herkunft, Erziehung usw. sozusagen zugewiesen werden. Es ist, als wenn Huckleberry Finn, in seiner Straßenkleidung, mit Becky Thatcher tanzt, und sie sehr einverstanden ist, obwohl seine bloße Berührung ihren Sonntagsstaat ruiniert.

Erst Jahrzehnte später kommt mir der Gedanke, dass der im mehrfachem Sinne Auftritt des unfreiwilligen John-Lennon-Doubles gewissermaßen eine Lehrvorführung sein soll – für mich… Natürlich fällt dem Mann auf, dass ich einer der Mitschüler bin, die ihn geradezu anhimmeln, aber nicht nur zu meiner Verblüffung scheint er in meinem Fall darauf eingehen zu wollen. Er spricht mich mehrfach an, völlig überraschend, unter anderem einmal vor dem Werktor, um mir, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, eindringlich die Lektüre des „Steppenwolfs“ zu empfehlen. Das Verblüffendste aber ist für mich, dass er diese Empfehlung im Vorübergehen in einem Ton tätigt, der hinter den Worten seine Erleichterung zeigt, mir diese Empfehlung endlich geben zu können. Er scheint mich also durchaus wahrgenommen zu haben! Ich bin danach allerdings weder geschmeichelt noch auch zu eigenen Versuchen der Kontaktaufnahme motiviert. Das ist alles sehr unwirklich, ans Unwahrscheinliche grenzend, aber immerhin fällt mir die Geschichte von Tonio Kröger und Hans Hansen ein, die sich hier unter grotesk veränderten Vorzeichen zu wiederholen scheint. Damit habe ich die Geschichte gewissermaßen eingeordnet – und sie quasi erledigt.

Mit einem Wort – eine Art Blumenkind im realen Sozialismus! Da ich inzwischen kein Interesse an meiner äußeren Erscheinung mehr habe, begreife ich die landesweit immer wieder aufkommenden Diskussionen über gewisse Kleidungsstücke nicht, die auch im Zusammenhang mit seiner Person heftig geführt zu werden scheinen. Der Mann trägt nicht nur echte Jeans, was allein schon von vielen Altersgenossen als bemerkenswert empfunden zu werden scheint, sondern auch einen Original Parka des US-Militärs.

Er ist einer der wenigen Originale, wie nicht nur ich sie in der ersten sozialistischen Stadt nicht vermutet hätte. Dass ich mich nicht um Anschluss an diese Kreise bemühe, obwohl ich sie deutlich als authentischer und lebendiger wahrnehme als offizielle Gemeinschaftsangebote, hat nichts mit Feigheit zu tun, sondern mit der aus längst erfolgter innerer Kündigung resultierenden Resignation, die umso wirksamer ist, weil sie unbewusst bleibt.

Mit diesem Lennon-Doppelgänger zusammen werde ich nun eingeteilt für Tätigkeit in der Produktion. Ich weiß aber nicht mehr, ob während freiwilliger Arbeit in den Sommerferien nach dem Abitur oder während der zwei Monate Arbeit in Betrieben, die für Abiturienten im Anschluss an diese Sommerferien obligatorisch sind. Ich bin verblüfft und insgeheim begeistert und habe wieder einmal dieses seltsame Gefühl, an höherem, bedeutsameren, intensiverem Geschehen teilhaben zu dürfen als dem meines Alltags.

Wir schippen Berge von puderzuckerfeinem Staub weg, der von den Förderbändern gefallen ist, mit denen Rohstoffe von der Sinteranlage zu den Hochöfen transportiert werden.

Nur selten vermag ich auf mimische Äußerungen anderer Menschen in einer Art zu reagieren, die als angemessen empfunden zu werden scheint, und das wird mir nur gelegentlich bewusst und ich verdränge es sofort. Wenn mich jemand etwa anlächelt, insbesondere ein Mädchen, bin ich versucht, mich umzusehen, wer gemeint sein könnte. Wenn ich dann realisiert habe, dass offenbar ich der Adressat der lieblichen Grimasse bin, ist natürlich alles vorbei. Zu meiner Überraschung werde ich jedoch von den Kicher-Anfällen angesteckt, von denen mein zeitweiliger Kollege geradezu gebeutelt wird während unserer produktiven Tätigkeit. Dies verringert zwar meine ehrfürchtige innere Distanz zu der von mir insgeheim angebeteten Legende, aber das beunruhigt mich gleichzeitig. Auch oder gerade bei dieser für mich besonderen Begegnung ängstigt mich die Möglichkeit des Kontaktes mehr als dessen Unmöglichkeit. Es scheint immer ein letzter Schritt zu fehlen, vor dem ich zurückschrecke, um aus durchaus gewünschtem Kontakt Bindung werden zu lassen.

Beim Gang zur Kantine in einer Mittagspause beobachten wir eine Szene, von der ich bereits ganz bewusst wahrnehme, dass ich sie sofort sozusagen ungeschehen machen möchte. Den Begriff „verdrängen“ kenne ich damals noch nicht.

In dem großem Werk arbeiten immer wieder Gastarbeiter aus insgesamt über einem Dutzend Nationen. Die Arbeiter, die wir in dieser Mittagspause beobachten, sind, wenn ich mich recht entsinne, aus Frankreich. Sie sind, während wir in die Kantine gehen, mit dem Ausheben eines Kabelschachtes oder dergleichen beschäftigt.

Als wir nach dem Mittag aus der Kantine kommen, ist dieser Graben zu unserer Verblüffung fast hundert Meter weiter getrieben. Wäre der Graben, wie oft üblich, von einer Jugendbrigade angelegt worden, hätte es sich zudem um eine Art Baugrube gehandelt, die man über Brückensteige hätte überqueren müssen. Dieser Graben hat jedoch senkrechte Wände, trotz seiner Tiefe von mindestens anderthalb Metern, und ist nur einige Handflächen breit, d. h., er hat wahrscheinlich die Breite der darin zu verlegenden Kabel oder Rohre oder dergleichen. Er verläuft zudem wie mit der Schnur gezogen. Schließlich wurde er nicht von Dutzenden mit Spaten ausgestatteten Arbeitern im Schweiße ihres Angesichts in vielen Stunden ausgehoben, sondern von drei oder vier Arbeitern auf Mini-Baggern und ähnlichen Baugeräten, die wir noch nie gesehen haben. Der kleinste Bagger würde auf einen Auto-Anhänger passen. Die hundert Meter Graben haben sie in nicht einmal einer Dreiviertelstunde ausgehoben.

Diese kleine Beobachtung in einer Mittagspause scheint eine der Episoden, bei deren Erleben ich mich insgeheim frage, ob alles stimmen würde an den offiziellen Verlautbarungen über Arbeitsproduktivität, Weltniveau usw. Aber auch diese Frage entwickle ich gar nicht erst bis zu dem Stadium, in dem ich sie formulieren oder gar laut aussprechen könnte. Ich habe nicht gesehen, was ich gesehen habe. Das hat überhaupt nichts mit Duckmäusertum und Untertanengeist zu tun – es ist einfach alles in Ordnung. Es geht alles seinen Gang! Jedoch kenne ich diese Redewendung zu diesem Zeitpunkt noch nicht als eine Art realsozialistischen running gag bis zu gleich oder ähnlich lautenden Romantiteln.

Auch im Zusammenhang mit diesem erstem Job meines Lebens stelle ich mir sehr verspätet die Frage, die ich ohnehin immer wieder abwerte mit dem Selbstvorwurf, sie wäre paranoid, ob meine Einteilung zur Produktionsarbeit zusammen mit dem rothaarigen Mitabiturienten gewissermaßen eine Inszenierung gewesen sein könnte.

Sollte dies der Fall gewesen sein, habe ich die erzieherische Absicht dieser Maßnahme nicht nur unterlaufen, sondern ins Gegenteil verkehrt. Es ist mir nicht nur nicht gelungen, den Mann gewissermaßen auf den rechten, sprich linken Weg zu führen, vielmehr hat er mich dergestalt indoktriniert, dass ich Hermann Hesse jetzt vorsätzlich intensiv zu lesen beginne. Einige kurze Texte von ihm kenne ich bereits; auch wird Hesse, wenn ich mich recht entsinne, zwar im Unterricht nicht durchgenommen, aber zumindest erwähnt. Ich finde in seiner Prosa dieses schwer zu benennende Atmosphärische meisterhaft dargestellt, das ich im altstädtischem Ortsteil meiner Heimatstadt oder bei den Urlaubsreisen mit meiner Mutter und meinem Vater in meiner Vorschulkindheit wahrgenommen habe.

Damit könnte ich mein seltsames quasi Nichtvorhandensein zu erklären versuchen, das ich beim vergeblichem Warten auf meinen Einberufungsbefehl zum erstem Mal sozusagen offiziell erlebe. Den mürrischen Andeutungen meiner Stiefmutter nach sollte ich zunächst in einer Schreibstube eingesetzt werden. Das hätte auch den Vermerken in meinem Musterungsbescheid entsprochen, in denen von knapp 40 Kästchen, die für mögliche Verwendungen in den Streitkräften stehen, nur noch einige für mich in Frage kommen. Stattdessen werde ich jetzt zu den Nachrichtentruppen eingezogen und mache alles mit, einschließlich Härtetest, Brandbahn usw.

Die Geschichte hat eine tragische, nicht tragikomische Pointe. Alle, die den lokalen Lennon-Doppelgänger kennen, halten es für selbstverständlich, dass er die Wende als Befreiung, ja, in gewissem Sinne als Rehabilitierung sehen muss. Wie ich jedoch von Leuten erfahre, die ich zumindest in diesem Zusammenhang als glaubwürdig ansehen kann, nimmt er sich nach der Wende das Leben.

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Die Einberufung ist am 04.11.1980. Am Vorabend findet bei einem Klassenkameraden eine Abschiedsfete statt, zu der ich zu meiner Verwunderung nicht nur eingeladen bin, sondern auch erscheine. Man hat es längst aufgegeben, mich zu Feiern, Partys, Feten und Festen und dergleichen einzuladen, und dies wohl zumindest unter anderem deshalb, weil ich immer absage, ohne genau sagen zu können und zu wollen, warum ich das tue. Ich suggeriere bei solchen Einladungen auch mir selbst überzeugend, dass ich noch etwas zu erledigen hätte. Das trifft nicht zu, allerdings nur im konkretem Sinne nicht, im Unbewusstem sehr wohl.

Vielleicht erwarte ich, dass jemand mein prekäres Dilemma zunehmender Verweigerung wahrnimmt, die längst unbewusst abläuft, und mir daraus heraus hilft, aber das geschieht natürlich nicht. Ebenso selbstverständlich habe ich auch hier wieder einen literarischen Vergleich, der mir die Situation halbwegs zu bewältigen hilft. Ich denke an Tonio Kröger, der draußen auf dem Korridor vor einer herunter gelassenen Jalousie steht und vergeblich hofft, dass jemand ihn holen käme von denen, die im mehrfachem Sinn drin sind. Zudem befriedigt es mich tragikomischer Weise, feststellen zu können, dass Thomas Mann auch Recht zu haben scheint mit seiner frühen Wahrnehmung von Literatur als Rache der Verlierer am Leben. All das äußere ich nirgends, auch nicht in meinen Tagebüchern.

Nicht nur zu meiner Überraschung erscheint zu dieser Abschiedsfete der in wenigen Stunden Uniformierten ein Mitschüler aus meiner alten Klasse, in der ich bis zur zehnten Klasse gelernt habe. Es ist der Junge, der unzählige Male versucht hat, was mir gleichfalls erst viele Jahre später bewusst wird, mich aus der Spur zu bringen, mich zu rocken. Es gelingt ihm auch bei diesem in gewissem Sinn abschließendem Versuch nicht. Er klaut, als wir weit nach Mitternacht nach Hause wanken, ein Fahrrad, und wirft es von der Kanalbrücke ins Wasser. Zwar muss ich wider Willen lachen, flüchte aber geradezu aus der Situation, weil ich deutlich spüre, dass sie eine Art Botschaft enthält.

Ich verbringe einige Stunden in einer Art Dämmer in meinem Bett. Dann weckt mich zu meiner Überraschung mein Vater in der Stimmung, in der ich ihn schon lange nicht erlebt habe; er ist leicht verlegen, scheint jedoch zu meiner Verblüffung ein wenig stolz auf mich zu sein, und versucht mich zu ermuntern und mir eine Art Energiestoß geben zu wollen. Ich spüre deutlich, dass ich am Liebsten losheulen würde, aber es gelingt mir, wie immer, diesen Drang erfolgreich niederzukämpfen.

Es geht jedoch nicht darum, und zumindest das ist mir auch bewusst, dass ich mein Elternhaus und zum erstem Mal meine Heimatstadt für lange Zeit und vielleicht für immer verlassen muss, dass ich womöglich hart ran genommen werde, geprüft, zum Mann gemacht und was dergleichen Klischees mehr sind. Im Gegenteil bewege ich mich in gewohntem Milieu, nur an anderem Ort; ich habe schon in der Vorschulzeit in einer Waffenkammer und auf einem Schießplatz gestanden, kenne, seit ich lesen kann, Uniformen und Dienstgradabzeichen nicht nur der einheimischen Armee gewissermaßen auswendig usw. Es findet vor allem daher keine Initiation statt, die wohl auch mein Vater für möglich, ja, wahrscheinlich hält.

Was da hoch kommt, und ich bin natürlich wieder weit entfernt davon, dies ausdrücken zu können und zu wollen, ist vielmehr die Ahnung, wie groß der berühmt-berüchtigte Berg des Unerledigten jetzt bereits ist, mit neunzehn, und dass es jetzt schon schwer sein dürfte, den abzuarbeiten. „Lad‘ Dir auf/so viel Du tragen kannst!“, heißt es nachher in einem Song von „Silly“. Ich bin sozusagen im Begriff, eine der großen Geschichten zu beginnen, die Männer in ihrem Leben zu bewältigen haben, aber ich muss, um im dürftigem Bild zu bleiben, sehr viele kleine Geschichten unbeendet in der Schwebe zurück lassen.

Ich bin ein sogenannter Selbststeller, d. h., ich muss nicht mit Dutzenden anderen Rekruten vor dem Wehrkreiskommando antreten, sondern habe mich selbstständig zu meiner ersten Dienststelle zu begeben, einer Militärschule in der Oberlausitz. Natürlich erlebe ich die quasi üblichen Fehlleistungen, die ich jedoch, obwohl sie es sind, nicht als Freudsche solche wahrnehme, weil ich Freud noch nicht gelesen habe. Beim Umsteigen in Cottbus lasse ich meine schwarze Tasche im Zug liegen, die obligatorisch, ja, geradezu befohlenermaßen mitzuführen ist und die mit einer Art Erstausstattung die einzigen privaten Gegenstände enthält, die einem Rekruten während der Grundausbildung bleiben, aber auch wichtige amtliche Unterlagen, vor allem den Einberufungsbescheid. Ich habe Glück, weil der Zug, aus dem ich ausgestiegen bin, auf einem Abstellgleis steht, und ich die Tasche darin finde. Vermutlich hat ein Reichsbahner mitgedacht, denn natürlich ist das mit der schwarzen Tasche bekannt, da an diesem Tag landesweit tausende kurzgeschorene junge Männer mit derartigen Taschen unterwegs sind.

Meine Aufregung, die aus der durchaus berechtigten Sorge resultiert, dass ich eben einer kleinen Katastrophe entgangen wäre, wird allerdings erheblich gedämpft nach meiner trotz allem pünktlichen Ankunft am Zielbahnhof. Es wiederholt sich, sozusagen als groteske Abrundung der Geschichte, was ich schon vor ihrem Beginn im Zusammenhang mit meinem Wehrdienst erlebe – man kann mich nicht einordnen, weiß nichts mit mir anzufangen usw.

Der Wirt der Bahnhofsgaststätte ist einerseits, und erklärtermaßen, begeistert von dem hohem Umsatz, den er an diesem Tag macht, andererseits ist er sauer, weil schon vor dem Mittagsangebot ein großer Teil der Getränke ausverkauft ist. Es gibt noch eine Sorte Bier, die, milde formuliert, besonders aromaschwach ist, sowie Kirsch-Whisky, in dem ich keinerlei Spuren von Kirschgeschmack zu erkennen vermag. Ich sitze Stunde um Stunde in der Bahnhofsgaststätte, trinke ein Kleines und einen Kiwi nach dem Anderen, und sehe verblüfft zu, wie ein Einberufener nach dem Anderem identifiziert und abgeholt wird. Es sind viele Dutzende Rekruten, die erkannt und abgeholt werden von Berufssoldaten eines halben Dutzends Waffengattungen, nur mit mir weiß keiner etwas anzufangen.

Erst am Nachmittag, als der Strom der kurzgeschorenen Jungen versiegt ist, holt mich ein Feldwebel ab, der offensichtlich verärgert ist, sich dieser Anstrengung unterziehen zu müssen. Ich bin jedoch inzwischen angenehm bedröhnt, ohne aufzufallen, so dass mich sein Angeschnauze ungerührt lässt. Ohnehin sehe ich den Feldwebel nie wieder. Immerhin sinniere ich noch in trunkener Sentimentalität darüber, dass ich jetzt an dem Ort dienen werde, an dem ich eine der unerledigten Geschichten erlebt habe, oder eben vielmehr nicht erlebt, meine erste große Liebe.