Jetzt beginnt der Ernst des Lebens

Viele kluge Leute haben sinngemäß festgestellt und ihre Feststellung geäußert, dass Leben wesentlich aus Trennungen bestünde, von der Geburt bis zum Tod. Bei den Versuchen, diese Trennungen zu bewältigen, könne man zudem erkennen, wes Geistes Kind der sich Trennende wäre. Genauer gesagt, würde sichtbar, welche emotionale Reife der Betreffende erreicht hätte.

Eine der seltsamsten Trennungen in meinem Leben ist die aus meinem Elternhaus bei der Einberufung zum Wehrdienst. Mir scheint heute, dass dies nicht der erste, aber der erste wichtige offizielle Anlass ist, bei dem Verantwortliche mich nicht einordnen und bewerten zu können scheinen.

Alle in Frage kommenden Schüler meiner Abiturklasse haben längst ihren Einberufungsbefehl, nur ich nicht. Das muss umso mehr auffallen, als meine Stiefmutter im Wehrkreiskommando arbeitet. Sie kann oder darf oder will mir jedoch keine Auskunft geben. Aber das beunruhigt mich nicht, ja, es beschäftigt mich gar nicht. Es geht alles seinen Gang. Schließlich erhalte ich wenige Wochen vor dem Termin der Einberufung eine Vorladung.

Der zuständige Sachbearbeiter im Wehrkreiskommando, ein Ober- oder Stabsfeldwebel, wirkt deutlich ratlos und äußert das auch ausdrücklich. Ich scheine nirgends vermerkt zu sein, es gibt keine Hinweise auf Ort oder Zeitpunkt meiner Einberufung. Der Feldwebel erklärt schließlich fast wörtlich, er müsse und werde mal wo anrufen.

Dieses „Wo“ ist offensichtlich die Kreisverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit. Mir ist das gleich. Nach etwa einer Viertelstunde erscheint ein Kradmelder und übergibt dem Feldwebel einen Hefter mit einigen Dutzend Seiten. Über mich?!

Nach meiner Anfrage bei der damaligen Gauck-Behörde einige Jahre nach der Wende erhalte ich die Kopie einer 1988 angelegten DIN-A-6-Karteikarte mit meinem Namen und meinem Geburtsdatum zugesandt. Das sind alle über mich gefundenen schriftlichen Aufzeichnungen. Ein derartiger operativer Vorlauf wäre angelegt worden, wenn jemand gewissermaßen unverbindlich vorgemerkt worden wäre, ohne dass man bereits Pläne zu seiner Überwachung oder seiner Werbung entwickelt hätte.

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Er sieht aus wie John Lennon. Das allein würde ihn schon auffällig machen. Mir ist damals noch nicht klar, obwohl es buchstäblich augenfällig ist, dass ich durch Menschen mit roten Haaren unter anderem deshalb magisch angezogen werde, weil diese Haare eine Art Signalcharakter haben. Da ich große Teile meines Lebens in einem leichtem Dämmerzustand verbringe, werde ich durch diese roten Haare aufmerksam auf ihre Träger. Andere Menschen nehme ich dagegen oft nur gewissermaßen als Huschreiz in der Kulisse wahr.

Es ist nicht nur die leuchtende Mähne, die Wolle, wie mein Vater sagen würde. Der fällt mir natürlich ein, wenn ich diesen Schüler aus einer sogenannten Parallelklasse sehe. Mein Vater würde mir abraten von diesem Kontakt. Es bestünde die Gefahr, dass ich gewissermaßen ins Freie kommen könnte, aus der symbiotischen Blase der Familie heraus oder gar in eine andere Symbiose hinein. Anders scheint Beziehung nicht zu gehen als symbiotisch.

Derartiges „Abraten“ habe ich schon mehrfach erlebt, zuweilen in deutlich drohendem Ton. Mehrfach betrifft diese diskrete Warnung den Mitschüler, der in dem Block schräg gegenüber dem unserem wohnt und mich immer wieder raus aus der Spur bringen und rocken will. Einmal kommt es dabei zu einer Art Handgemenge mit einem anderem Mitschüler vor unserer Haustür, bei dem deren Scheibe zu Bruch geht. Obwohl das Geschehen irgendwie mich betrifft, schirmt mich mein Vater davor ab. Ich bleibe in der magischen Blase. Filterblasen und Echokammern gibt es nicht erst seit dem Erfolg des Internets. Darin nimmt man diese Blasen und Kammern nur schneller und klarer wahr, weil sie deutlicher abgegrenzt wahrnehmbar sind als in der sogenannten Realität.

Obwohl ich das Problem mit meiner unbewussten und damit umso wirksameren inneren Kündigung mit etwa 13 selbst tragikomisch löse, muss mein Vater immer einmal wieder nachbessern. Er muss vermeiden, dass ich wirklich in meiner Generation, in der Peergroup, ankomme. Dieser Antrieb ist noch unbewusster und damit noch wirksamer. Ihm ist diese Integration auf furchtbare Weise verwehrt worden. Er muss, anstatt eingeschult zu werden, auf Treck und verliert den Kontakt zu allen seinen Angehörigen.

Der rothaarige Mitschüler aus der Parallelklasse trägt wie John eine Nickelbrille mit sehr kleinen, kreisrunden Gläsern. Offensichtlich ist sie ein Produkt aus dem nichtsozialistischem Wirtschaftsgebiet. Er hat zudem oft diesen Gesichtsausdruck Lennons, den ich als schelmisch oder verschmitzt bezeichnen würde, wenn ich mir dabei nicht noch ältlicher vorkommen würde, als ich ohnehin zu wirken scheine. Es könnte sein, dass es ihm ähnlich geht wie mir. Man könnte diese Mimik oft als spöttisch, hochmütig und arrogant empfinden. Sie scheint jedoch eher auf müde Distanz beim lust- und ratlosem Abarbeiten von beinahe standardisierten Alltagsabläufen zurückzuführen.

All dies ist nicht aussprechbar. Es würde jedoch auch nicht ausgesprochen werden, wenn man Worte dafür hätte und wenn vor allem eine Ebene existieren würde, auf der diese Sachverhalte wahrgenommen und diskutiert werden könnten.

Ich weiß, dass der Mann nicht nur für mich eine lokale Legende ist. Er hat etwas von den komplizierten, aber interessanten Typen, wie sie beispielsweise Hermann Hesse beschreibt. Milde formuliert, empfiehlt er mir dessen Lektüre dann auch.

Er ist einer der Schüler, deren mäßige bis schlechte schulische Leistungen den Durchschnitt jeder Abiturklasse drücken. Nichtsdestotrotz gibt es in jeder Klasse ein oder zwei solcher Schüler. Ich bin einer dieser Schüler. Das ist mir jedoch gleichgültig. Es geht alles seinen Gang. Oft werden diese Schüler mitgeschleppt, weil sie sich als Offizier verpflichten. Das ist keinesfalls zynisch oder abwertend gemeint und es wissen auch alle Bescheid und es ist in Ordnung.

Dieser Schüler ist gewissermaßen das Gegenteil eines Offiziersbewerbers. Das wird paradoxerweise besonders deutlich im Sommerlager der mit vormilitärischer Ausbildung beauftragten „Gesellschaft für Sport und Technik“. Zur Überraschung von Lehrern, Schülern und GST-Funktionären fährt der junge Mann mit den Wehrpflichtigen seiner Klasse in dieses Lager. Erst nach einigen Tagen fällt einem Verantwortlichem auf, dass die Texte, die er unter anderem an den klischeemäßigen Lagerfeuern vorträgt, von mindestens unerwünschten Autoren wie Reiner Kunze sind. Natürlich hat er die Lacher auf seiner Seite.

Manchmal beginnt er die Schulwoche erst am Dienstag und erscheint am Sonnabend oft nicht mehr. Einmal treffe ich ihn, als er an einem Dienstag oder Mittwoch nach der ersten Hofpause zur Schule kommt. Er hat nicht nur zerdrückte Grashalme im Haar, sondern riecht auch nach Heuboden. Es ist bekannt, dass er in Kreisen verkehrt, die mindestens misstrauisch gesehen werden nicht nur von zuständigen Organen. Viele Gerüchte um ihn gehen um. Beispielsweise wird behauptet, seine Mutter hätte mit Biermann in einer Seminargruppe studiert und hätte von daher mühelosen Zugang zu Werken von Dissidenten.

Während einer weiteren Pflichtveranstaltung der Abiturstufe zeigt sich, dass er bei seinen sogenannten Frauengeschichten keineswegs aufschneidet. Dieser Ernteeinsatz ist frustrierend. Wenn man in praller Mittagshitze die strawberry fields forever verlässt, sind am Anfang der am frühem Morgen betretenen Reihen bereits wieder tausende Früchte reif. Ich habe einen ungewohnten und eher peinlichen Lacherfolg bei den Mädchen meiner Klasse. In einer Pause pinkle ich gegen einen hölzernen Leitungsmast. Selbstvergessen hinterlasse ich eine durchgehende rechteckige Markierung bis zu einer Höhe von etwa 1.20 Metern. Insbesondere die Favoritin der Klasse und wahrscheinlich nicht nur der Klasse schüttelt sich vor Lachen. Ich nenne sie später insgeheim „die Arbeiterprinzessin“, denn sie ist feinsten proletarischen Adels. Aber ich reagiere nicht auf die Lachsalven der jungen Mädchen. Sie kommen nicht in Frage, denn sie sind zu dicht dran.

Bei diesem Ernteeinsatz findet eine der wenigen Diskotheken statt, bei denen ich in meinem Leben zumindest körperlich anwesend bin. Etliche meiner männlichen Altersgenossen tun so, nicht nur ich, als würden sie nicht hinsehen. Der Rothaarige tanzt mit einer Mitschülerin eng, nicht auseinander. Er wiegt sich umschlungen mit dem Mädchen im Takt eines langsamen Titels und hat dabei beide Hände auf ihren Pobacken, die er gelegentlich zärtlich und demonstrativ genießerisch streichelt. Nicht nur ich erwarte Intervention anwesender Lehrer, die aber ausbleibt.

Seine Tanzpartnerin ist jedoch nicht irgendeine Schülerin, sondern eine der besten Absolventinnen meines Jahrgangs. Sie macht das Abi mit 1.0 und erhält diese Medaille, als deren Träger man dem Vernehmen nach zu freier Wahl des Studienplatzes berechtigt ist. Wieder scheint sich hier an scheinbar banaler Stelle eine womöglich grundsätzliche menschliche Sehnsucht zu zeigen. Man versucht die Wirklichkeit ganz zu erfassen und zu erleben, gerade jenseits der Bereiche, die Einem insbesondere durch frühe Prägung sozusagen zugewiesen werden. Es ist, als wenn Huckleberry Finn in seiner zerlumpten Straßenkleidung mit Becky Thatcher tanzt und sie damit sehr einverstanden ist, obwohl seine bloße Berührung ihren Sonntagsstaat ruiniert.

Natürlich fällt dem Mann auf, dass ich einer der Mitschüler bin, die ihn geradezu anhimmeln. Zu meiner Verblüffung scheint er in meinem Fall darauf eingehen zu wollen. Er spricht mich mehrfach überraschend an. Unter anderem stürzt er einmal vor dem Werktor auf mich zu, um mir, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, eindringlich die Lektüre des „Steppenwolfs“ zu empfehlen. Das Verblüffendste aber ist für mich, dass er diese Empfehlung im Vorübergehen in einem Ton tätigt, der hinter den Worten seine Erleichterung zeigt, mir diese Empfehlung endlich geben zu können.

Er scheint mich also durchaus wahrgenommen zu haben. Ich bin danach allerdings weder geschmeichelt noch auch zu eigenen Versuchen der Kontaktaufnahme motiviert. Das Geschehen grenzt ans Unwahrscheinliche. Aber immerhin fällt mir die Geschichte von Tonio Kröger und Hans Hansen ein, die sich hier unter grotesk veränderten Vorzeichen zu wiederholen scheint. Damit habe ich auch diese Geschichte gewissermaßen literarisch eingeordnet – und sie quasi erledigt.

Mit einem Wort – eine Art Blumenkind im realen Sozialismus. Da ich inzwischen kein Interesse an meiner äußeren Erscheinung mehr habe, begreife ich die landesweit immer wieder aufkommenden Diskussionen über gewisse Kleidungsstücke nicht. Die scheinen gerade im Zusammenhang mit seiner Person heftig geführt zu werden. Der Mann erscheint fast immer in richtigen Levis, was allein schon von vielen Altersgenossen als bemerkenswert empfunden zu werden scheint. Zudem trägt er bei kälterer Witterung einen Parka des US-Marinecorps.

Er ist einer der wenigen Originale, wie nicht nur ich sie in der ersten sozialistischen Stadt nicht vermutet hätte. Dass ich mich nicht um Anschluss an diese Kreise bemühe, obwohl ich sie oft als authentischer und lebendiger wahrnehme als offizielle Gemeinschaftsangebote, hat nichts mit Feigheit zu tun. Ich erliege auch und erst recht hier aus längst erfolgter innerer Kündigung resultierender Resignation, die umso wirksamer ist, weil sie unbewusst bleibt.

Mit diesem Lennon-Doppelgänger zusammen werde ich nun eingeteilt für Tätigkeit in der Produktion. Ich weiß nicht mehr, ob während freiwilliger Arbeit in den Sommerferien nach dem Abitur oder während der für Abiturienten im Anschluss an diese Sommerferien obligatorischen zwei Monate Arbeit in Betrieben. Ich bin verblüfft und insgeheim begeistert. Wieder einmal habe ich dieses seltsame Gefühl, an höherem, bedeutsameren, intensiverem Geschehen teilhaben zu dürfen als dem meines Alltags.

Wir schippen Berge von puderzuckerfeinem Staub unter den Förderbändern weg, mit denen Rohstoffe von der Sinteranlage zu den Hochöfen transportiert werden.

Nur selten vermag ich auf mimische Äußerungen anderer Menschen in einer Art zu reagieren, die als angemessen empfunden zu werden scheint. Das wird mir nur gelegentlich bewusst und ich verdränge es sofort. Wenn mich jemand etwa anlächelt, insbesondere ein Mädchen, bin ich versucht, mich um zu sehen, wer gemeint sein könnte. Wenn ich dann realisiert habe, dass offenbar ich der Adressat der lieblichen Grimasse bin, ist natürlich alles vorbei.

Zu meiner Überraschung werde ich jedoch von den Kicher-Anfällen angesteckt, von denen mein zeitweiliger Kollege geradezu gebeutelt wird während unserer produktiven Tätigkeit. Diese Art emotionale Ansteckung erlebe ich vor allem bei einer kleinen kabarettistischen Einlage, die er zu meiner Verblüffung in einer Art der Darbietung wiederholt, wie ich sie von meinem Vater kenne. Ich weiß aus der begeistert gelesenen Monografie über Thomas Mann, dass humoristische Effekte oft erzielt werden durch die Zuordnung bestimmter Wortgruppen an einzelne Personen. Diese Wortgruppen werden von diesen Personen geradezu formelhaft stereotyp wiederholt insbesondere dann, wenn man es nicht erwartet.

Der Rothaarige parodiert immer wieder Manfred Krug, der Sostschenko liest. In der Satire dieses Schriftstellers geht es um einen Grigori Kossonossow, der die frühen sowjetischen Bauern von den Vorzügen des Flugwesens zu überzeugen wünscht. Die Bauern fragen, ob denn nicht Kühe oder gar Hunde in die Propeller der Flugzeuge geraten würden. „Auch Hunde, Genossen Bauern, auch Hunde – das kommt oft vor!“, erwidert Kossonnossow leidenschaftlich. Diese Passage repetiert der lokale Lennon in der Produktion immer wieder und läuft rot an vor Lachen. Immer wieder werde ich zu meiner Überraschung davon angesteckt. Dass und wie sehr dieses Zitat zu unserer Werktätigkeit passt, wird mir nicht bewusst. Erst recht nicht realisiere ich, dass der nicht nur im Vergleich zu mir relativ lebenserfahrene Mitschüler womöglich bereits dieses gewisse Hündische meines Charakters wahrnimmt, das sich bei hoher Begabung und Intelligenz vor allem am Fehlen von Eigeninitiative zeigt. Chamäleonhaftes Verschmelzen mit meiner jeweiligen Umwelt gelingt mir bereits grotesk gut.

Mein mich selbst überraschendes Mitschwingen verringert meine ehrfürchtige innere Distanz zu der von mir insgeheim angebeteten Legende. Aber das beunruhigt mich gleichzeitig. Auch oder gerade bei dieser für mich besonderen Begegnung ängstigt mich die Möglichkeit des Kontaktes mehr als dessen Unmöglichkeit. Es scheint immer ein letzter Schritt zu fehlen, vor dem ich zurückschrecke, um aus durchaus gewünschtem Kontakt Bindung werden zu lassen.

Beim Gang zur Kantine in einer Mittagspause beobachten wir eine Szene, von der ich bereits ganz bewusst wahrnehme, dass ich sie sofort sozusagen ungeschehen machen möchte. Den Begriff „verdrängen“ kenne ich noch nicht.

In dem großem Werk arbeiten häufig Gastarbeiter aus insgesamt über einem Dutzend Nationen. Die Arbeiter, die wir in dieser Mittagspause beobachten, sind, wenn ich mich recht entsinne, aus Frankreich. Sie sind, während wir in die Kantine gehen, mit dem Ausheben eines Kabelschachtes oder dergleichen beschäftigt.

Als wir nach dem Mittag aus der Kantine kommen, ist dieser Graben zu unserer Verblüffung fast hundert Meter weiter getrieben. Wäre der Graben, wie oft üblich, von einer Jugendbrigade angelegt worden, hätte es sich um eine Art Baugrube gehandelt, die man über Bretter hätte überqueren müssen. Dieser Graben hat jedoch senkrechte Wände, trotz seiner Tiefe von mindestens anderthalb Metern. Er ist nur einige Handflächen breit, d. h., er hat wahrscheinlich die Breite der darin zu verlegenden Kabel oder Rohre oder dergleichen. Zudem verläuft er wie mit der Schnur gezogen. Schließlich wurde er nicht von Dutzenden mit Spaten ausgestatteten Arbeitern im Schweiße ihres Angesichts in vielen Stunden ausgehoben, sondern von drei oder vier Arbeitern auf Mini-Baggern und ähnlichen Baugeräten, die wir noch nie gesehen haben. Der kleinste Bagger würde auf einen Auto-Anhänger passen. Die hundert Meter Graben haben sie in nicht einmal einer Dreiviertelstunde ausgehoben.

Diese kleine Beobachtung in einer Mittagspause lässt in mir erstmals deutlich die Frage aufkommen, ob alles stimmen könne an den offiziellen Verlautbarungen über das Weltniveau der Wirtschaft usw. Aber auch diese Frage entwickle ich gar nicht erst bis zu dem Stadium, in dem ich sie formulieren oder gar laut aussprechen könnte. Ich habe nicht gesehen, was ich gesehen habe. Das hat nichts mit Duckmäusertum und Untertanengeist zu tun – es ist einfach alles in Ordnung. Es geht alles seinen Gang! Jedoch kenne ich diese Redewendung zu diesem Zeitpunkt noch nicht als eine Art realsozialistischen running gag bis zu gleich oder ähnlich lautenden Buchtiteln.

Im Zusammenhang mit diesem erstem Job meines Lebens stelle ich mir sehr verspätet eine weitere Frage, die ich allerdings immer wieder gleich abwerte mit dem Selbstvorwurf, sie wäre paranoid. Ich frage mich, ob meine Einteilung zur Produktionsarbeit zusammen mit dem rothaarigen Mitabiturienten gewissermaßen eine Inszenierung sein könnte.

Sollte dies der Fall sein, unterlaufe ich die erzieherische Absicht dieser Maßnahme nicht nur, sondern verkehre sie ins Gegenteil. Es gelingt mir nicht, den Mann gewissermaßen auf den rechten, sprich linken Weg zu führen. Vielmehr beeinflußt er mich dergestalt, dass ich Hermann Hesse jetzt vorsätzlich intensiv zu lesen beginne. Einige kurze Texte von Hesse kenne ich bereits. Zudem wird er zwar im Unterricht nicht durch genommen, aber zumindest erwähnt. Auch er findet nicht zu den bewussten Teilen der siegreichen Arbeiterklasse, wird aber als herausragender Vertreter einer bürgerlich-humanistischen Grundhaltung lobend erwähnt. Wäre er noch am Leben, würde man ihn in eine Jugendstunde einladen und ihm ein Halstuch überreichen. Ich finde in seiner Prosa dieses schwer zu benennende, im Altstadtteil meiner Heimatstadt oder bei den mit Mutter oder Vater in meiner Vorschulkindheit unternommenen Urlaubsreisen erlebte Atmosphärische meisterhaft dargestellt.

Damit könnte ich mein seltsames quasi Nichtvorhandensein zu erklären versuchen, das ich beim vergeblichem Warten auf meinen Einberufungsbefehl zum erstem Mal sozusagen offiziell erlebe. Den mürrischen Andeutungen meiner Stiefmutter nach soll ich zunächst in einer Schreibstube eingesetzt werden. Das entspräche auch den Vermerken in meinem Musterungsbescheid. Auf dem sind von knapp 40 Kästchen, die für mögliche Verwendungen in den Streitkräften stehen, nur noch einige für mich in Frage kommende nicht durchgestrichen. Stattdessen werde ich jetzt zu den Nachrichtentruppen eingezogen und mache alles mit, einschließlich Härtetest, Brandbahn usw.

Die Geschichte hat eine tragische, nicht tragikomische Pointe. Alle, die den lokalen Lennon-Doppelgänger kennen, halten es für selbstverständlich, dass er die Wende als Befreiung, ja, in gewissem Sinne als Rehabilitierung sehen muss. Wie ich jedoch von Leuten erfahre, die ich zumindest in diesem Zusammenhang als glaubwürdig ansehen kann, nimmt er sich einige Monate vor dem Mauerfall das Leben.

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Die Einberufung ist am 04.11.1980. Am Vorabend findet bei einem Klassenkameraden eine Abschiedsparty statt. Zu meiner Verwunderung bin ich dazu eingeladen. Nicht nur zu meiner Verwunderung erscheine ich auch. Man hat es längst aufgegeben, mich zu Partys und dergleichen einzuladen. Dies wohl zumindest unter anderem deshalb, weil ich immer absage, ohne genau angeben zu können und zu wollen, warum ich das tue. Aber es fragt ohnehin niemand. Ich suggeriere bei solchen Einladungen auch mir selbst überzeugend, dass ich noch etwas zu erledigen hätte. Das trifft nicht zu, allerdings nur im konkretem Sinne nicht, im Unbewusstem durchaus. Ich bemerke nicht, dass der blinde Fleck in meinem psychischem Gesichtsfeld stetig größer wird. Wieder habe ich Leben aus meinem Lebenskreis ausgeschlossen. Aber noch ist da diese unklare Hoffnung, dass sich alles regeln wird.

Vielleicht erwarte ich, dass jemand mein prekäres Dilemma längst unbewusst zunehmender Verweigerung wahrnimmt und mir daraus heraus hilft. Das geschieht natürlich nicht. Ebenso selbstverständlich habe ich auch hier wieder einen literarischen Vergleich, der mir die Situation halbwegs zu bewältigen hilft. Ich denke an Tonio Kröger, der im mehrfachem Sinne draußen vor einer herunter gelassenen Jalousie im Korridor steht und vergeblich hofft, dass jemand ihn holen kommt von den im mehrfachem Sinn drin Agierenden. Zudem befriedigt mich tragikomischer Weise die Feststellung, dass Thomas Mann auch Recht zu haben scheint mit seiner frühen Wahrnehmung von Literatur als Rache der Verlierer am Leben. All das äußere ich nirgends, auch nicht in meinen Tagebüchern.

Nicht nur zu meiner Überraschung erscheint zu dieser Abschiedsparty der in wenigen Stunden Uniformierten ein Mitschüler aus meiner alten, zur mittleren Reife führenden Klasse. Es ist der Junge, der unzählige Male versucht hat, mich aus der Spur zu bringen, mich zu rocken. Es gelingt ihm auch bei diesem in gewissem Sinne abschließendem Versuch nicht. Als wir weit nach Mitternacht schwer betankt nach Hause gehen, klaut er ein Fahrrad und wirft es von der Kanalbrücke zwischen dem sechstem Wohnkomplex und der Insel ins Wasser. Zwar muss ich wider Willen lachen, flüchte aber geradezu aus der Situation, weil ich deutlich spüre, dass sie eine Art Botschaft enthält.

Ich verbringe einige Stunden in einer Art Dämmer in meinem Bett. Dann weckt mich zu meiner Überraschung mein Vater in der Stimmung, in der ich ihn schon lange nicht mehr erlebt habe. Er ist leicht verlegen, scheint jedoch zu meiner Verblüffung ein wenig stolz auf mich zu sein. Er scheint mich ermuntern und mir eine Art Energiestoß geben zu wollen. Es ist für einen Moment wieder wie in alten Zeiten ohne diese durch die Wohnung bretternde Frau. Ich spüre deutlich, dass ich am Liebsten losheulen würde. Es gelingt mir wie immer, diesen Drang erfolgreich niederzukämpfen.

Es geht jedoch nicht darum, dass ich mein Elternhaus und zum erstem Mal meine Heimatstadt für lange Zeit und vielleicht für immer verlassen muss und dass ich womöglich hart ran genommen werde, geprüft, zum Mann gemacht und was dergleichen Klischees mehr sind. Das ist mir auch bewusst. Im Gegenteil bewege ich mich in vertrautem Milieu, nur an anderem Ort. Ich habe schon in der Vorschulzeit in einer Waffenkammer und auf einem Schießplatz gestanden. Ich kenne vor allem, seit ich lesen kann, Uniformen, Dienstgrade und Dienststellungen nicht nur einheimischer militärischer Organisationen gewissermaßen auswendig. Es findet vor allem deshalb keine Initiation statt. Auch mein Vater scheint diese für möglich, vielleicht wahrscheinlich und jedenfalls wünschenswert zu halten.

Wieder bin ich weit entfernt davon, in für mich befriedigender Klarheit ausdrücken zu können und zu wollen, was da hoch kommt. Ich habe jedoch zumindest eine Ahnung davon, wie groß der berühmt-berüchtigte Berg des Unerledigten bereits ist. Es dürfte jetzt schon schwer sein, mit neunzehn, den abzuarbeiten. „Lad‘ Dir auf/so viel Du tragen kannst!“, heißt es nachher in einem Song von „Silly“. Ich beginne eine der großen Geschichten, die Männer in ihrem Leben zu bewältigen haben. Dabei muss ich jedoch viele kleine Geschichten unbeendet in der Schwebe lassen.

Ich bin ein sogenannter Selbststeller. Während tausende Rekruten vor ihren Wehrkreiskommandos antreten, muss ich mit der Bahn zu meiner ersten Dienststelle fahren. Das ist eine Militärschule in der Oberlausitz. Natürlich erlebe ich die quasi üblichen Fehlleistungen, die ich jedoch, obwohl sie es sind, nicht als Freudsche solche wahrnehme, weil ich Freud noch nicht kenne. Beim Umsteigen in Cottbus lasse ich meine schwarze Tasche im Zug liegen. Diese Tasche ist obligatorisch, ja, geradezu befohlen mitzuführen. Sie enthält mit einer Art Erstausstattung die einzigen einem Rekruten während der Grundausbildung verbleibenden privaten Gegenstände, aber auch wichtige amtliche Unterlagen. Vor allem führe ich den Einberufungsbefehl darin mit. Ich habe Glück, weil der Zug jetzt auf einem Abstellgleis steht und ich die Tasche darin finde. Womöglich denkt ein Reichsbahner mit. Natürlich ist das mit der schwarzen Tasche bekannt. An diesem Tag sind landesweit tausende kurz geschorene junge Männer mit derartigen Taschen unterwegs.

Meine Erleichterung über das Ausbleiben einer kleinen Katastrophe wird gedämpft nach meiner trotz allem pünktlichen Ankunft am Zielbahnhof. Es wiederholt sich, sozusagen als groteske Abrundung der Geschichte, was ich schon vor ihrem Beginn im Zusammenhang mit meinem Wehrdienst erlebe. Man scheint mich nicht einordnen, nichts mit mir anfangen zu können, ja, mich zu ignorieren.

Der Wirt der Bahnhofsgaststätte ist erklärtermaßen begeistert von dem hohem Umsatz an diesem Tag. Andererseits ist er sauer, weil schon vor dem Mittagstisch ein großer Teil der Getränke ausverkauft ist. Es gibt noch eine Sorte Bier sowie Kirsch-Whisky. Das Bier schmeckt nach nichts und der Kirsch-Whisky weder nach Kirschlikör noch nach Whisky. Ich trinke in einigen Stunden etliche Kleine und Kiwi. Wieder einmal scheine ich seltsame kleine Abenteuer gewissermaßen an der falschen Stelle zu erleben. Ich bin darüber ebenso beunruhigt wie erheitert. Ein Einberufener nach dem Anderem wird identifiziert und abgeholt von Berufssoldaten aus mehr als einem halben Dutzend Waffengattungen. Mit mir weiß keiner etwas anzufangen.

Erst am Nachmittag, als der Strom der kurz geschorenen Jungen versiegt ist, holt mich ein Berufsunteroffizier ab. Der Feldwebel ist offensichtlich verärgert, sich dieser Anstrengung unterziehen zu müssen. Ich bin jedoch inzwischen angenehm breit, ohne aufzufallen, so dass mich sein Gedröhne ungerührt lässt. Ohnehin sehe ich den Unteroffizier nie wieder. Immerhin sinniere ich noch in leicht trunkener Sentimentalität darüber, dass ich jetzt an dem Ort meiner ersten großen Liebe und damit der unerledigten Geschichte den Ernst des Lebens beginne.

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