Janz weit draußen

Der Bahnhof hat für mich etwas anheimelnd Vorstädtisches, fast Idyllisches. Auch dieses Empfinden behalte ich für mich. Es ist der Bahnhof Spindlersfeld als Endhaltestelle der von Schöneweide abgehenden Zweigbahn. Auch dieses Empfinden ist mit einer Art inneren Bildern verbunden, die manchmal nur momentweise vor meinem geistigen Auge aufblitzen. Dieses Phänomen erlebe ich jedoch als etwas Angenehmes; es handelt sich nicht um Flashbacks wie nach traumatisierenden Erlebnissen.

Diese freundlichen Bilder sind womöglich aus meiner Kindheit und dann sehr wahrscheinlich aus der einzigen allein mit meiner Mutter unternommenen Urlaubsreise zu ihren in der Hauptstadt wohnenden Verwandten. Ich bin etwa fünf und Berlin ist seit diesem Urlaub ein Synonym für ins Lichte, Leichte, Freie, Weite, Heitere kommen.

Als Fünfjähriger konnte ich nicht verstehen, dass dieser nachhaltige Eindruck darauf zurückzuführen gewesen sein dürfte, dass ich meine Mutter wie ausgewechselt zu erleben vermochte. Sie ist plötzlich präsent, ganz da, entspannt bis zum Übermütigen, und gebärdet sich, als würde sie mich überhaupt wirklich wahrnehmen. Das macht mir manchmal Angst, was aber dazu beiträgt, dass diese Eindrücke bleibend und sozusagen leuchtkräftig in meinem Gedächtnis gespeichert werden.

Es sind manchmal nur eine Art Bilderfetzen, die von wo auch immer vor meinem geistigen Auge erscheinen, als würde eine Kamera einen Rissschwenk vollziehen. Jahrhundertealte Kopfsteinpflasterstraßen mit ebenso alten und vor allem altehrwürdigen Häusern. Alte Alleebäume, durch die der warme Sommerwind fährt und durch dessen dichte Belaubung die Sonne blinkt; ein Erleben, das für mich seit frühester Kindheit eine Art Symbol darstellt, das für Sehnsucht nach etwas nicht hinreichend Benennbarem steht. Diese unklare Sehnsucht zieht sich durch meine ganze Kindheit und gehört zu deren stärksten Empfindungen.

Es wirkt an den Haaren herbei gezogen, zuallererst für mich selbst, aber es ist, als würden Bilder aus einer untergegangenen Welt aufblitzen, in der die Welt noch in Ordnung war. Sehr wahrscheinlich wirken in diese atmosphärischen Wahrnehmungen auch Einstellungen aus Filmen hinein, die gesehen zu haben ich vergessen habe, deren Bilder aber in meinem Kopf sind.

Auch an diesem Abend schaffe ich es, den letzten Zug zu erreichen. Wieder einmal war ich bei einem der wenigen Freunde, die mir aus der Zeit meines freiwillig dreijährigen Ehrendienstes geblieben sind. Wir haben ein paar Gläser Wein getrunken und ein Album von „Silly“ gehört.

Der Freund verdient gut und kann sich den Kauf einer hochwertigen Stereoanlage sowie begehrter Platten leisten. Er lädt mich immer wieder zu deren Anhören ein. Dieses Album von „Silly“ empfinde nicht nur ich als eine Sensation. Ich bin geradezu aufgewühlt, was zum gewissermaßen Ausblenden der sogenannten Realität beitragen dürfte. Eine gewisse Ironie des Schicksals könnte man hier darin sehen, dass etliche Songs dieses Albums deutlich auf eben unbemerkt von mir in der Realität geschehende Ereignisse zu verweisen scheinen, obwohl die Platte bereits vor über einem halbem Jahr veröffentlicht worden ist.

Im Nachhinein sehe ich diese Stunden als diejenigen in meinem Leben, in denen mein immer erneutes seltsames Erstarren in einer Art unsichtbarem Kokon von mir am stärksten erlebt wird und für Außenstehende am offensichtlichsten scheint. Ich kriege nichts mit, obwohl ich nicht nur anwesend bin, sondern mitten im Geschehen.

Das beginnt damit, dass mein Freund auf seiner Stereoanlage mehrfach vom Plattenspieler- in den Radiomodus wechselt. Ich bemerke zwar, dass etwas los ist, aber wie aus einem Nachbarraum, in dem ich kaum etwas von den Worten der Reporter verstehe. Allerdings scheint es meinem Freund ähnlich zu gehen. Auch heute ist mir nicht hinreichend klar, ob dieses Abspalten von Erleben meinem üblichen neurotischen Widerstand durch in leichte Trance Gehen entspricht oder ob ich unbewusst auf das reagiere, was buchstäblich in der Luft liegt.

Dann fällt mir auf, dass dieser letzte Zug auf dieser Strecke ungewöhnlich viele Fahrgäste hat. Meist bin ich der letzte Kunde in dieser letzten Bahn. Sie ist zwar jetzt nicht voll, aber in jedem Wagen sind kleinere Gruppen von deutlich aufgekratzten Leuten. Dass ich immer noch nichts vom denkbar außergewöhnlichen Geschehen wahrnehme, das diese Passagiere in diese Stimmung versetzt, führe ich darauf zurück, dass ich ordentlich Einen sitzen habe. Ich bin voll aus der Übung und daher schon nach einigen Gläsern Wein leicht breit.

Beim Verlassen des Bahnhofs Schönhauser Allee etwa um 23.30 Uhr habe ich einen der skurrilsten Gedanken meines Lebens. ‚Es ist Krieg!‘, denke ich.

Hunderte, wenn nicht tausende Menschen stürmen geradezu in Richtung Westen. Immerhin bemerke ich, dass die Stimmung keineswegs gewalttätig-aggressiv aufgeheizt scheint, sondern eher volksfestlich beschwingt. Diese Wahrnehmung macht das Geschehen für mich jedoch noch unverständlicher bis zum Surrealen. Nach einigen Minuten wird mir klar, dass die Leute offenbar zum Grenzübergang Bornholmer Straße wollen, denn an der Ecke Dänenstraße/Malmöer Straße ist das Ende der am Grenzübergang beginnenden Schlange.

In diesen Augenblicken erweist sich der sarkastische Witz als besonders realitätsnah, auch oder gerade die Leute wären immer die Anderen. Ausgerechnet jetzt weiche ich von einem der für DDR-Bürger typischen Verhaltensmuster ab. Ich stelle mich nicht hinten an. Das kann ich gar nicht, denn ich wohne fast am Anfang der Schlange. Nach einer Eingabe habe ich zu meiner Verblüffung eine kleine Einraumwohnung im obersten Stockwerk des sanierten gründerzeitlichen Eckgebäudes Malmöer Straße/Finnländische Straße zugewiesen bekommen.

Alle haben mir vom Einzug in diese Wohnung abgeraten, weil dort nur Stasi wohnen würde. Mir ist das gleich, weil ich die Geschichten von Überwachung und dergleichen für paranoide Räuberpistolen halte. Nach wie vor und immer wieder bewähre ich mich als nützlicher Idiot. Einige Monate nach der Wende erfahre ich aus einer der dann in Printmedien veröffentlichten Listen, dass allein im Seitenflügel meines Hauses mehrere Hauptamtliche wohnen, Offiziere mit bereits höheren Dienstgraden.

Aber auch das trifft mich nicht. „Das Kind spielt!“, hätte Dr. R. nicht zu Unrecht angemerkt, der Leiter meiner Therapiegruppe in Hirschgarten. Er hat nicht verstanden und konnte vielleicht nicht verstehen, dass ich im landläufigem Sinne gar nicht erwachsen werden kann. Wie entsprechende Bemühungen welcher Leute auch immer bei meiner Montagswende 1986 gezeigt haben, käme das aus Gründen einer Art psychischem Tod gleich.

Nicht nur von meinem Balkon aus, sondern schon beim Blick aus den geschlossenen Fenstern der Küche und des Wohnzimmers habe ich einen geradezu strategischen Überblick über die Grenzanlagen. Jetzt habe ich allerdings das Problem, in mein Haus zu kommen. Viele in der Schlange denken naheliegender Weise, ich wolle vordrängeln.

Als ich schließlich einem sich eher halbherzig, weil resigniert um Ordnung in der etwa einen halben Kilometer langen Schlange bemühenden Volkspolizisten meinen Ausweis zeige, ist mein Problem nicht behoben, sondern ich habe es verschärft. Umstehende bekommen mit, wo ich wohne. Wenn der aber da wohnt, dann muss er bei der Firma sein.

Ich erreiche jedoch unangefochten meinen Hausaufgang. Ich lasse das Licht aus, sitze bis etwa halb vier Uhr morgens an meinem Wohnzimmerfenster und rauche zwei Schachteln „Cabinet“. Nicht nur deshalb oder weil mir kalt ist, zittere ich am ganzen Leibe. Dieses bis zu einer Art Schüttelfrostattacken gehende Zittern habe ich in meinem Leben bisher nur einmal erlebt, als ich mit etwa 15 das regelmäßig als Kino genutzte Theater meiner Heimatstadt nach der Vorführung von Bergmans „Herbstsonate“ verlassen habe.

Deutlich wie noch nie habe ich das Gefühl, die Welt nicht mehr zu verstehen. Da ich aus Prinzip keinen Fernseher besitze, weiß ich nichts von Schabowskis grandiosem Versprecher. Er ist eine Fehlleistung auch im Freudschem Sinne. In einem Augenblick höchster psychischer Anspannung äußert sich in ihr die völlig verdrängte Wahrnehmung, dass es im zwanzigstem Jahrhundert mindestens unsinnig ist, eine Stadt einzumauern. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich bei ausgeschaltetem Licht Kette rauchend hinter meinem Fenster hocke wie die klischeehafte Karikatur eines lauernden Spitzels, dürfte der Grenzübergang auf Anweisung des doch noch couragiert eigenmächtig handelnden kommandierenden Oberstleutnants bereits geöffnet worden sein.

Es sind kleine Beobachtungen, die das Geschehen für mich surreal erscheinen lassen, als wäre ich in einer Geschichte von Kafka oder in einem Gemälde von Dalí. Ein etwa vierzigjähriger Mann in langen Unterhosen und Bademantel, mit Schlafmütze auf dem Kopf und einer Kerze in der Hand, passiert den Grenzübergang, kommt nach etwa einer Stunde zurück und ruft quietschvergnügt etwas wie: „Ich war im Westen, ich war im Westen!“

An normalen Tagen würde ich mich bei einer solchen Beobachtung scheckig lachen. Jetzt sitze ich wie eine vibrierende Statue an meinem Fenster und traue nicht nur meinen Augen nicht, sondern keinem meiner Sinnesorgane. Hier bestätigt sich zudem eine Wahrnehmung, die ich in den folgenden Tagen in einer Zeitung erörtert finde. Die meisten DDR-Bürger wollen gar nicht abhauen, sondern einfach mal in den Westen.

In dem wenige Meter von meinem Hausaufgang entfernt hinter Stacheldraht stehenden Wachturm haben die Grenzer das Licht ausgeschalten und alle Rollos herunter gelassen. Ich sehe sie sich immer wieder wie Schattenrisse mit den neben den Köpfen aufragenden Läufen der über die Schultern gehängten AK 47 bewegen.

Um Mitternacht erscheinen westliche Fernsehteams in meiner Straße. Ein Kameramann versucht zur Erheiterung einer Gruppe seiner Kollegen auf eine fast in der Mitte zwischen meinem Hausaufgang und dem Wachturm stehende Straßenlaterne zu klettern, um die Schattenspiele in dem Turm zu filmen.

Erst am nächsten Morgen fällt mir ein, dass ich die Kamerateams auf meinen Balkon hätte bitten können, von wo aus sie einen im mehrfachen Sinne phantastischen Überblick über das ganz und gar unwahrscheinliche Geschehen gehabt hätten. Wieder einmal erliege ich dem Mechanismus der sogenannten Treppwörter, die Einem erst hinterher einfallen, wenn die Situation vorbei ist, in der man hätte handeln sollen oder gar müssen. Dieses Erleben dürfte jedoch nie so grotesk zugespitzt sein wie in diesen weltgeschichtlich wichtigen Momenten.

Etwa gegen vier Uhr morgens gehe ich vor allem deshalb ins Bett, weil mir die Zigaretten ausgegangen sind. Kurz denke ich an eine Szene bei Feuchtwanger, in der sich einer seiner Helden während eines revolutionären Umbruchs schlafen legt. Aber auch diese Assoziation ruft nicht die Reaktionen hervor, die ich normaler Weise entwickelt hätte, wie vor allem verstohlenes Kichern.

Auch und gerade hier ist das Atmosphärische das Entscheidende, nicht das Politische. Natürlich nehme ich nach kurzer Zeit fassungslos wahr, dass ich nicht nur als Augenzeuge, sondern gewissermaßen hautnah Ereignisse erlebe, die in Geschichtsbüchern stehen werden. Das ist das eigentlich Unglaubliche am Geschehen. Derartige Erlebnisse sollten in einer schier versunkenen Vergangenheit stattgefunden haben. Sie sind bis zu diesem Abend wahrscheinlich nicht nur für mich undenkbar in der zwar langweiliger, aber beruhigender, weil scheinbar endgültig gesichert friedlicher Weise alles seinen Gang gehen lassenden Gegenwart.

Wie lange bin ich schon weg von allem Lebendigen, gewissermaßen sowohl heraus getreten als auch gefallen aus dem Strom der Zeit, mit dem nicht das kurze Zeit später als „Mainstream“ bezeichnete Phänomen gemeint ist? Als eine Art Ahnung steigen längst versunken geglaubte Stimmungen auf, wie etwa die der von uns als Heimkinder in halb durchwachten Nächten beim Ausmalen unserer Zukunft entwickelten stürmisch-enthusiastischen Wachphantasien. Diese Nächte sind ein Gipfel jugendlicher Lebendigkeit, den selbst ich erlebt habe. Sie sind über ein Dutzend Jahre vergangen.

Wo war so was die ganze Zeit über? Wo war ich die ganze Zeit über? Es war alles sicher und in Ordnung und jetzt werde ich überrollt von im mehrfachem Sinne phantastischen Ereignissen.

Ich schlafe ein mit dem infantil magischem Gedanken, dass ich vielleicht am nächsten Vormittag aufwachen werde mit der erleichterten Feststellung, alles nur geträumt zu haben.

Selbstverständlich bestätigt sich dieser Gedanke nicht, im Gegenteil geht es so weiter. Die Maueröffnung wird erzwungen in der Nacht von einem Donnerstag zum Freitag. Am Freitag habe ich das Gefühl zu schlafwandeln und nehme nur am Rande wahr, dass ganze Schulklassen den Unterricht schwänzen, um rüber zu fahren.

Am Samstag jedoch besuche ich einen weiteren mir von der Fahne verbliebenen Freund, der in der Nähe des Ostkreuzes wohnt. Das hatte ich ohnehin vor, sozusagen gewohnheits- oder gar turnusmäßig. Auf einem Wohnzimmerschrank liegen bunte ausländische Banknoten. Ich frage meinen Freund, warum er derart viel Geld aus seinem Urlaub mitgebracht hätte. Erst einige Tage vor dem Mauerfall ist er aus Bulgarien oder Rumänien zurück gekommen.

Der Mann ist erst verblüfft und dann heftig belustigt. Die Geldscheine sind ein großer Teil der hundert DM Begrüßungsgeld für Ossis. Von dem weiß ich nichts. Ich gehe schließlich auf seinen Vorschlag ein, rüber zu fahren. Wir benutzen den Grenzübergang Oberbaumbrücke. Das ist mir sehr recht, weil ich diese Brücke schon immer als eine Art fast märchenhaftes Relikt aus einer versunkenen Zeit bewundert habe.

Bis zu halb gelallten Redewendungen wie: „Die kommen jetzt alle rüber!“ ist vieles tatsächlich wie später etwa in „Herr Lehmann“ dargestellt. In einer Kneipe im Wrangelkiez trinken wir sehr schnell unser Bier aus und verlassen die kultige Kaschemme im Bemühen, nicht wie in jedem Augenblick in Laufschritt verfallende Verdächtige auf der Flucht zu wirken.

Gegen ein Uhr am Sonntagmorgen sind wir in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg, die schon damals eine Fußgängerzone in einem Ausmaß ist, das ich nicht für möglich gehalten hätte. Vor allem die Imbissbetreiber scheinen berechtigt geradezu euphorisch über ihre Umsätze nach der Maueröffnung. Ein Laden in der Wilmersdorfer hat den Dönerpreis inzwischen auf 99 Pfennig herab gesetzt. Ich esse den ersten Döner meines Lebens und bin nicht nur begeistert, sondern fortan geradezu süchtig. Der Verzicht auf Döner mit echtem Fleisch ist das Einzige, was mir nachher bei der Umstellung auf vegane Ernährung schwerfällt.

Als quasi übliches Kontrastprogramm bin ich schwer enttäuscht von der ersten Coca Cola meines Lebens aus der klassischen Dose. Diese Enttäuschung ist auch deshalb groß, weil auf dem Regal im Kinderzimmer eine jeden Tag von mir abgewischte Dose von Coca Cola gestanden hat wie eine Reliquie eines untergegangenen Glaubens und ich mir nie hätte träumen lassen, einmal eine solche Dose gewissermaßen aus erster Hand erwerben und leeren zu können. Das Getränk erscheint mir als Mund und Rachen verkleisterndes überzuckertes Rülpswasser, dessen Preis man größtenteils für Marketing und Markentradition zu entrichten scheint.

Den stärksten Eindruck aber erlebe ich beim samstagsnachmittäglichem Besuch einer Buchhandlung im Bikinihaus in der Budapester Straße. Ich erleide geradezu eine Art persönlichkeitsspezifischen Kulturschock. Direkt am Eingang steht ein Rollcontainer mit Schubern mit jeweils fünf bis zehn Büchern, die für 10 DM pro Schuber im Angebot sind. Ich glaube meinen Augen nicht zu trauen, als ich feststellen muss, dass hier keineswegs Ladenhüter verramscht werden sollen. Vielmehr enthält der Container gesammelte Prosa zum Beispiel von Herrmann Hesse oder Stefan Zweig.

Der Verkäufer, den ich nach den Schubern frage, winkt leicht genervt ab und sagt: „Kannste für fünf Mark ham!“ Das ist großartig, zweifellos. Aber mir fällt sofort ein, wie ich während meines Ehrendienstes monatelang auf bestellte Bücher gewartet habe. Die einen kleinen Buchstand betreibende Bibliothekarin der Kaserne hatte Beziehungen auch nach oben. Die Militärhandelsorganisation wurde ohnehin bevorzugt beliefert, so dass kurioser wie bezeichnender Weise manche Soldaten öfter Päckchen an ihre Angehörigen gesandt haben als umgekehrt. Man bekam hier nach langen Wartezeiten draußen selbst unter dem Ladentisch vergriffene Bücher. Es war ein gutes Gefühl, nach monatelangem Warten endlich Hesses „Unterm Rad“ in der Hand zu halten, in einer selbst für DDR-Verhältnisse teuren Ausgabe mit Leineneinband und Lesebändchen.

In dieser Buchhandlung jedoch gibt es allein von diesem einem Buch eines Schriftstellers ein halbes Dutzend Ausgaben verschiedener Verlage vom Prachtband bis zum Taschenbuch. Es ist augenfällig keine Legende, dass im Westen alles immer und überall in großen Mengen vorhanden ist. Selbst momentan nicht vorrätige Artikel kann man am nächsten Morgen abholen, wofür sich Verkäufer gar noch entschuldigen, wie wir auf Nachfrage erleben.

Dennoch und trotzdem und erst recht stimmt etwas nicht. Das jederzeit und überall Verfügbare scheint in gewissem Maße auch zu etwas in gewissem Sinne Wertlosem geworden.

Hinter allem nicht nur für mich unwahrscheinlichen Geschehen der Tage nach der Maueröffnung wirkt während unserer im Westen verbrachten Zeit wie eine Art Hintergrundstrahlung mein sozusagen existentielles Empfinden, dies alles wäre gewiss grandios, aber würde mich nicht mehr wirklich erreichen; es käme irgendwie alles zu spät.

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