Ins Freie und zurück

Sogar auf einer Bank des Busbahnhofes am Nordrand der Stadt und damit eigentlich bereits auf dem Werkgelände lese ich Trifonow, der gar nicht behandelt wird. Das hat gewiss etwas Gestelltes. Ich versuche mich an einer Art Attitüde. Wieder einmal wäre ich gern derart locker, wie beispielsweise Leute zu sein scheinen, die lesend in Zeitschriften abgebildet werden. Es muss dieses andere Leben geben, in der Menschen irgendwie ganz bei sich sind, in sich drin, voll bei der Sache usw. Die Redewendung „hier und jetzt“ kenne ich noch nicht; ohnehin dürfte sie als eine Formulierung des Gegners verpönt sein.

Der Busbahnhof besteht zu dieser Zeit aus einer großen Kiesfläche mit Haltepunkten und Bänken. Selbst schwache Windstöße wirbeln Staubwolken auf. Insgeheim bin ich selbst ein bisschen belustigt, weil mich das an Prärie denken lässt. Beim Bau des Werkes und seiner gewissermaßen Peripheriebetriebe hat man überall Gruppen von Kiefern stehen gelassen und manchmal kleine Wäldchen und das lange vor der allgemeinen Geläufigkeit des Wortes „ökologisch“. Diese Baumgruppen erinnern mich immer wieder an Szenen meiner Kindheit, von der ich unbewusst immer noch nicht aufgegeben habe zu glauben, das sie irgendwann einmal noch richtig losgehen wird.

Das Gelände hat in der Tat etwa von Western-Filmen, von denen ich nur minutenlange Ausschnitte kenne, zu denen jedoch mein Vater immer wieder anmerkt, dies wären die typischen Szenen wie in Texas, wenn die Reiter kommen. Wahrscheinlich hat er auch diese Redewendung von einer ihn beeindruckt habenden männlichen Autorität übernommen und strapaziert sie jetzt immer wieder geradezu genüsslich in der Echokammer dieser Familie.

Es ist still und leer auf dem Platz, und friedlich, aber es liegt was in der Luft. Meine öffentliche Lektüre wenigstens ein bisschen abseits der Spur hat mit diesem Ort zu tun und das spüre ich auch unklar. Ein Bahnhof dürfte für die meisten Menschen für das stehen, was ich immer wieder im virtuellen Raum der Bücher suche und oft finde; Ferne, Weite, Ausflug, Aufbruch, Erkundung, Erweiterung des Horizontes und dgl.

Das gilt auch für diesen Busbahnhof, von dem eine Art Netz von Busverbindungen in den gesamten Landkreis ausgeht. Durch viele der Dörfer bin ich immer wieder mit dem Fahrrad unterwegs und habe dabei diese fast schmerzhaft ziehende und bereits halb bewusst als unstillbar erkannte Sehnsucht nach irgendwas.

Später denke ich immer öfter, dass ich Landschaften Ostpreußens gesucht habe, zumal diese heftigen Anwandlungen von einer Art Heimweh nach nirgendwo am stärksten sind beim Durchfahren von Baumalleen sowie mancher Orts-Ein- und Ausgänge. Ostpreußen ist für seine Baumalleen berühmt. Diese Ein- und Ausfahrten jedoch könnten an das Quartier am Rande Königsbergs erinnern, in dem mein Vater seine Vorschulkindheit bis zur Flucht und Vertreibung verbracht hat. Selbstverständlich erscheint mir diese Assoziation häufig selbst als konstruiert, wenn nicht bekloppt. Das ändert jedoch nichts daran, dass sie immer öfter und stärker auftritt.

Eine gewissermaßen Ausweitung des Gesichtsfeldes oder zumindest die stets verfügbare Möglichkeit dazu ist jedoch auch im übertragenem Sinne mit diesem Busbahnhof verbunden und sehr wahrscheinlich nicht nur für mich. Östlich schließen große Gebäude der Betriebsberufsschule an. Ich bin beeindruckt, als ich feststelle, dass hier Lehrlinge in vielen Dutzend Berufen ausgebildet werden. Hier geht es im übertragenem Sinne ins Freie, in diese sinistere Welt der sogenannten Erwachsenen, von der ich bereits zumindest ahne, dass sie nichts für mich zu sein scheint.

Wenige Dutzend Meter nordöstlich des Busbahnhofs aber steht die Baracke, in der die Unterrichtstage in der Produktion mit auf spätere Werktätigkeiten sehr gut vorbereitendem Unterricht etwa im Technischen Zeichnen, in der Montage von Leuchtstofflampen oder in der Bedienung von Drehmaschinen stattfinden. Auch hier finde ich diese Atmosphäre des Anderen, der bald zwangsläufig zu betretenden Lebens-, weil Arbeitswelt der Erwachsenen.

Ich bin heute noch ein bisschen stolz darauf, als etwa 15jähriger nicht nur Juri Trifonow entdeckt zu haben, sondern auch das Empfinden entwickelt, dass es sich um einen der herausragenden, wenn nicht sogar den typischen Autoren der damaligen Sowjetunion handeln könnte. Diese Wahrnehmung finde ich zu meiner Verblüffung etliche Jahre nach der Wende bestätigt von vor allem westlichen Literaturwissenschaftlern. Ich scheine nicht in allen Punkten derart weltfremd zu sein, wie manche Erwachsene offenbar überzeugt sind.

Meine Vorlieben bei der Lektüre kommen mir zuweilen selbst merkwürdig vor. Meinem damaligen Alter entsprechende Bücher wie etwa „Die Schatzinsel“ habe ich bis heute nicht gelesen. Die Lektüre Jack Londons ist die berühmte Ausnahme von der Regel. Stattdessen verschlinge ich diese Bücher für Erwachsene in Lebenskrisen mit derartiger Spannung wie andere Leser etwa Krimis.

Eine der nicht nur meiner Meinung nach herausragenden Erzählungen Trifonows heißt gar „Zwischenbilanz“. Eine Zeit lang trage ich seine „Moskauer Novellen“, zu denen auch „Zwischenbilanz“ gehört, wie eine Bibel oder dergleichen mit mir herum, vor allem in meiner Schultasche. Es ist eine Taschenbuch-Ausgabe des Reclam-Verlags Ost, damals bereits mit weißer Schrift auf schwarzem Grund auf der Titelseite.

In diesem Buch lese ich auf der Bank des Busbahnhofs nach einem dieser Unterrichtstage in der Produktion. Mir scheint, dass meine Lektüre zu diesen erwachsenen Unterweisungen passt. Es geht in der Lehr-Baracke wie in meinem Buch um eine Zukunft in Freiheit im Sinne des Aufhörens dieser lästigen Empfindungen wie vor allem Schmerz und Schuld- und Verlassenheitsgefühle.

Natürlich sind auch die erwachsenen Helden derartiger Stories oft festgefahren in belastenden Situationen. Es sind jedoch erwachsene Probleme in einer Erwachsenenwelt, für die es vor allem Lösungen zu geben scheint. In einer weiteren Novelle Trifonows, „Langer Abschied“, scheint mir das augenfällig vorgeführt.

Der Held dieser Geschichte befreit sich in einem sich über Jahre hinziehenden mühe-, ja qualvollem Prozess aus der symbiotischen Beziehung zu seiner Freundin. Nach dieser Loslösung aber entwickelt er eben jene Fähigkeiten und erreicht eben jene Erfolge, die diese Freundin bis zum für solche Paarungen typisch erscheinenden notorischem Nörgeln von ihm erwartet und verlangt hat. Dass ich für diese Lektüre nicht reif genug bin, zeigt sich einige Jahre später in meiner ersten Partnerschaft. Weder meine Freundin noch ich begreifen, dass die Veränderungen meines Wesens, die sie in unserer Beziehung zunehmend mehr fordert als wünscht, durch eben diese Beziehung verunmöglicht werden.

Ebenfalls viele Jahre später schnappe ich beim häppchenweisem Erwerb meiner fürchterlichen Viertelbildung den Begriff „Parentifizierung“ auf. Gemeint ist damit die Übernahme sozialer Rollen und Funktionen durch Kinder, deren Ausfüllen oder Ausführen eigentlich Sache der Erwachsenen wäre, insbesondere der Eltern. Mir scheint, dass meine fast fieberhafte Lektüre eine Art subtile Parentifizierung darstellt. Etwa „Zwischenbilanz“ wäre eigentlich geradezu bibliotherapeutische Lektüre für meine Eltern, vor allem für meinen Vater.

Noch deutlicher zeigt sich diese Tendenz bei meiner Lektüre von Erzählungen Juri Nagibins. In der Geschichte „Graues Menschenhaar dringend gesucht“ befreit sich der Held Gustschin aus dem deprimierenden neurotischem Arrangement seiner Ehe, die mittlerweile zu seinem bloßem Funktionieren in einer Art leistungsfähigen Schlafwandelns in allen Lebensbereichen geführt hat. Das verstehe ich sehr gut. Dennoch verdränge ich die Wahrnehmung sofort, dass diese Art halbautomatischen Lebensvollzugs von vielen sogenannten Erwachsenen offenbar als normal empfunden wird, was mir ein weiterer triftiger Grund zu sein scheint, diese Welt der Erwachsenen mindestens mit Misstrauen zu betrachten. Ausgelöst wird Gustschins Entwicklung durch die zufällige Begegnung mit einer deutlich jüngeren Frau, die ihm vor allem beglückende Sexualität ermöglicht, von der er aufgehört hat zu glauben, dass es sie geben könnte.

Bis hierhin dürfte diese Geschichte vielen Männern bekannt vorkommen, wenn auch vielleicht oft nur aus ihren sehnsüchtigen Träumen. Am Ende geschieht jedoch etwas Seltsames, ja erschreckend Skurriles, mit dessen Schilderung mir Nagibin zu beweisen scheint, dass gute Schriftsteller immer auch gute Psychologen sind. Gustschin hat sich im mehrfachem Sinn gelöst und ist im Begriff, im mehrfachem Sinn ins Freie zu kommen. Er dreht sich noch einmal um zu seiner ihm zufrieden und entspannt aus einem Fenster der bis eben gemeinsamen Wohnung nachsehenden Frau, als würde gerade etwas geschehen, das eigentlich selbstverständlich und schon lange fällig ist, was in gewissem Sinn auch zutrifft.

Plötzlich jedoch gibt Gustschin einen seltsamen Laut von sich und dreht um, und auch dies im sowohl wörtlichem wie übertragenem Sinne. Offensichtlich ist die lange und tiefgehende Prägung stärker als heftiges aktuelles Erleben von Glück und Erfüllung. Der Mann kommt nicht mehr raus aus der Spur.

Dass mein Auszug aus dem Heim aus einem ähnlichem, zunächst unerklärlichem Impuls heraus erfolgt, wird mir nicht bewusst. Diese Kluft zwischen gewissermaßen theoretischen Einsichten durch derartige Lektüre von Dichtung und meinem Handeln in der Wahrheit der Realität bemerke ich später durchaus, vermag aber nichts zu ihrer Überwindung zu tun.

Alle haben inzwischen wahrgenommen und können oder wollen es nicht zugeben, dass mir dieser Heimaufenthalt nicht nur der bemerkenswerten Leistungssteigerung in der Schule wegen gut tut. Ich bin nach der schon damals befremdlich langen Anwärm-Phase geradezu aufgeblüht und empfinde das auch selbst.

Natürlich will diese augenfällige Entwicklung niemand thematisieren. Es stimmt etwas nicht, diese Entwicklung ist nicht typisch für eine sozialistische Familie mit zwei bei den bewaffneten Organen tätigen Genossen Erziehungsberechtigten. Man müsste schon beim ansatzweisen Reflektieren dieser Entwicklung an Dinge rühren, die man lieber ruhen lässt, zum Beispiel an die Traumata, die mein Vater bei der Vertreibung erlitten hat und nachhaltig an mich weiter gegeben und die das Familienleben unterschwellig bestimmen. Eine erfahrene Analytikerin erklärt Jahrzehnte später, eigentlich wäre ich der Flüchtling. Es gibt jedoch offiziell keine Vertriebenen, hier wirkt ein Tabu. Nach der Wende erfahre ich, dass fast genau ein Viertel der Bevölkerung der Sowjetischen Besatzungszone, aus der die DDR gebildet wird, aus Vertriebenen besteht.

Einige Wochen, nachdem mein Vater den im Direktstudium zu absolvierenden Abschnitt seiner Ingenieursausbildung beendet hat und wieder in unserer Wohnung lebt, fragt er mich eher beiläufig, ob ich nicht auch wieder in diese Wohnung zurückziehen wolle. Der Grund meines Auszuges würde nun schließlich nicht mehr bestehen. Dabei ist der Dauerclinch zwischen meiner Stiefmutter und mir keineswegs beendet, er wurde nur durch räumliche Distanz ausgesetzt.

Ich stimme sofort zu, wie aus der Pistole geschossen. Einen Moment stutze ich zwar, aber verdränge dann mein Befremden sofort. Diese Zustimmung wider besseren Wissens oder vielmehr wider besseren Erlebens ist völlig irrational und verblüfft nicht nur andere Heimkinder, sondern auch Erwachsene. Bei der Lektüre Nagibins begreife ich sehr wohl, was uns der Dichter sagen wollte. In der sogenannten Realität vollziehe ich dagegen ähnliches reflektorisches Haken schlagen wie Nagibins Gustschin. Während der jedoch über vierzig ist, bin ich fünfzehn oder sechzehn.

Es scheint im Leben der meisten Menschen diese sich erst später als Wendepunkte erweisenden und selten mit offiziellen Höhepunkten durchschnittlichen Lebenslaufs identisch scheinenden Entscheidungen an Wegkreuzungen im metaphorischem Sinne zu geben.

Dies ist ein solcher Punkt in meinem Leben. Ich habe mich selbst ohne eine echte Alternative aus einer Situation der Integration herausgerissen oder zumindest aus der Annäherung an einen mir überhaupt möglichen Grad der Integration. Ich bin nicht in dem Maße da, anwesend im Hier und Jetzt usw., wie ich es in meiner Hoch-Zeit in der dritten Klasse annähernd erleben durfte. Es ist jedoch nicht nur für mich offensichtlich, dass ich gelandet, geerdet, angekommen scheine. Meine wie nicht mehr zu unterdrückendes Niesen herausgeplatzte Zustimmung zum ohnehin nur halbherzigem Vorschlag meines Vaters ist im Wortsinn ver-rückt. Jedoch scheint das niemand zu bemerken, auch ich nicht.

Inzwischen habe ich durch den über anderthalb Jahre dauernden Heimaufenthalt den Kontakt zu Gleichaltrigen und überhaupt allen Spielgefährten meines häuslichen Umfelds völlig verloren und den außerschulischen Kontakt zu meinen Klassenkameraden fast völlig, da ich diese nach dem Unterricht nur noch bei gelegentlichen Pflichtveranstaltungen treffe.

Ich vermute, dass diese Formulierung leicht komisch klingt, aber ich glaube, von hier an geht es bergab. Meine Entwicklung geht in eine Richtung, die eine Therapie wenn nicht notwendig, so doch angezeigt erscheinen lassen dürfte. Allein, etwas wie Therapie gibt es damals nicht, schon gar nicht in der DDR. Zudem geht diese Entwicklung derart schleichend vonstatten, dass sie kaum bemerkt wird, auch und erst recht nicht von mir. Schließlich retten mich zumindest bis zum Erwerb der Mittleren Reife wiederum meine guten Leistungen, was man gleichfalls unabhängig von meiner Person mindestens merkwürdig finden könnte.

Mein Verhalten nach dem Auszug aus dem Heim ist jedoch noch irrationaler als dieser plötzliche unsinnig fluchtartige Auszug. Selbst mehrere Erzieher äußern ihr Bedauern über meinen Auszug. Sie bitten mich zudem jedoch wie Mitbewohner geradezu, wenigstens zu offiziellen Anlässen wie Festen, Jubiläen usw. vorbei zu kommen.

Ich halte mich nicht nur nicht an diese freundlichen Empfehlungen oder gar Wünsche, sondern meide nach meinem Auszug das Heim, ja, das ganze Quartier, in dem sich das Heim befindet, als wäre das Gebiet kontaminiert oder als hätte ich mich dort eines schweres Vergehen schuldig gemacht. Dies ist keineswegs auf meine in den ersten Wochen meines Heimaufenthaltes entwickelte Scham darüber zurückzuführen, dass ich nun ein Heimkind wäre. Dieses Empfinden ist nach meinem Auftauen ohnehin in eine Art Stolz übergegangen. Mein Vergehen scheint vielmehr darin zu bestehen, dass ich zumindest in erfreulicher Annäherung etwas wie Landung, Ankommen, Integration erleben durfte.

Bei meinem erstem Therapieversuch gibt mir mein Therapeut ein Feedback, an das ich mich bezeichnenderweise fast als einziges erinnern kann. Es geht in der Kunsttherapie um das Thema „Gefühl und Verstand“. Ich zeichne eine Reihe immer höherer werdender Hürden aus dicken roten und blauen Strichen. Rot soll für das Gefühl stehen und Blau für den Verstand.

Der Arzt bemerkt bei der Auswertung in der Gruppe sinngemäß und gar mit leichter Belustigung, dass ich sehr wohl über viele Hürden kommen, aber dann wieder zurück laufen würde. Ich bin weniger sauer, weil ich wieder einmal Bahnhof verstehe, sondern weil ich vor allem nach dem verblüfften Auflachen einiger anderer Klienten bei der Rückmeldung des Therapeuten ahne, dass der wieder einmal ins Schwarze getroffen zu haben scheint.

Kurze Zeit später fällt mir die Geschichte meines Auszuges aus dem Heim ein, mit dem ich offensichtlich dieses „wieder zurück Laufen“ grotesk beispielhaft vollführt habe.

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