Ins Freie laufen

Einmal komme ich in der zweiten Klasse zu spät in die Schule. Das Besondere in dieser Situation ist, dass auch mein Vater verschlafen hat. Er bringt mich deshalb zur Schule, womit ich sogar mündlich glaubwürdig entschuldigt bin, nicht nur durch die üblichen Zettelchen oder Einträge der Eltern ins Hausaufgabenheft. Ich bin ganz aus dem Häuschen, dass mein Vater mich beim Bewältigen einer Schwellensituation begleitet.

Ich bemerke durchaus, dass sich irgendwie alles anders anfühlt. Anstatt schuldbewusst in Hektik oder gar Panik zu verfallen, bin ich heiter-gelassen-entspannt. Dass die gleichartige Reaktion von Lehrern und Schülern sich aus dieser Ausstrahlung ergeben könnte, ist mir nicht klar. Auch hier wieder kann ich das psychische Geschehen nicht in Worte fassen.

Es gibt vor allem keinen Personenkreis, keine Ebene, kein Milieu, kein Forum usw., wo dergleichen wahrgenommen, verbalisiert und analysiert werden könnte. Es scheint sich um nebensächliche Abläufe zu handeln, die man der Regulierung im Selbstlauf überlässt, da sich das bewährt hat und man das schon immer so gemacht hat.

Eine Art Durchbruch, den ich auch als solchen wahrnehme, erlebe ich einige Monate später in der dritten Klasse. Meine Leistungen im Sportunterricht sind, milde formuliert, schwach. Dies weniger aus Unvermögen, sondern aus Gleichgültigkeit. Ich ärgere oder schäme mich darüber nicht mehr. Ich habe mich mit meinem Unvermögen abgefunden und lache selbst über die Bezeichnung „Bewegungsidiot“, die ein Sportlehrer später eher mitleidig als bösartig zwar nicht mir gegenüber verwendet, aber ganz offensichtlich auch auf mich zutreffend.

Ohne mir dessen bewusst werden zu können und zu wollen, erledige ich den Sportunterricht als eine leidige, aber nicht zu umgehende Pflichtübung, bei der ich nichts will als die Stunde herum zu bringen, weil mich das Gehampel und Gehetze nervt. Die Sportlehrer spüren das und scheinen sich umso mehr bemühen, mich im doppeltem Sinne auf Trab zu bringen.

Es geschieht etwas Seltsames, aber Erfreuliches, oder vielmehr gelingt es mir. Eine der Übungen, die nicht nur ich fürchte, sind sogenannte Dauerläufe, bei denen es nicht vorrangig um Geschwindigkeit geht, sondern ums Durchhalten. Wir müssen eine bestimmte Zeit in Bewegung bleiben, wobei durchaus die Zahl der absolvierten Runden in die Bewertung eingeht, aber vor allem der festgelegte Zeitraum in ununterbrochener Bewegung bewältigt werden muss. Ich kann selbst nicht sagen, ob ich dabei immer schlapp mache aus körperlicher Schwäche oder aus meiner arroganten Gleichgültigkeit heraus.

Jetzt drehe ich im Wortsinne meine Runden, 20 oder 30 Minuten lang, und halte nicht nur bis zum Schlusspfiff durch, sondern spüre deutlich, dass sich da drin etwas löst, dass ich symbolisch über eine Hürde komme, dass ich über einen toten Punkt hinweg im übertragenem Sinn ins Freie gelange. Ich bin selbst verwundert darüber und kann es mir nicht erklären. Etwas wie lautloser Jubel steigt in mir hoch. Ich kann so was ja doch, es grenzt an ein Wunder! Mir scheint zudem, dass meine Füße mich immer weiter über die Rasenfläche westlich der Sporthalle tragen könnten.

Sowohl die Reaktionen einiger Mitschüler als auch und vor allem die des Lehrers bestätigen meine Empfindungen. Der bewältigten Rundenanzahl nach bin ich dicht an der Note Eins vorbei gelaufen, aber selbst die unter überrascht lobenden Worten erteilte Zwei plus ist für mich etwas Außerordentliches nicht nur bei Laufübungen, sondern im Sportunterricht überhaupt.

Was ist geschehen? – Zunächst ist die familiäre Atmosphäre geradezu verdächtig entspannt. Die Drohung mit Scheidung hängt wie ein Damokles-Schwert im Raum, so weit ich zurück denken kann. Ich bin der Einsatz in dem endlosem Spiel mit der Frage, wer das Kind zugesprochen bekommt, bei dem natürlich mein Narzissmus ungut gefüttert wird. Nun ist die Scheidung endlich vollzogen und die Reaktionen müssen auf den ersten Blick paradox erscheinen. Alle sind erleichtert, entspannt, ja, heiter gelöst, sowohl Mutter und Vater als auch ich. Das ist nicht nur meine Wahrnehmung, vielmehr dieser Eindruck von etlichen Außenstehenden mehr oder weniger deutlich bestätigt wird. Irgendwer äußert gar sinngemäß, dass man doch jetzt zusammen leben könnte. Jetzt scheint Familienleben möglich ohne ständiges gedrückt und getrieben Sein von Spannung, Angst, dumpfem Unbehagen und aggressiv gereiztem sitzen Bleiben auf einem immer größer werdendem Berg von Unausgesprochenem.

Erst bei meinem drittem Therapieversuch, fast dreißig Jahre später, wird mir das Vokabular zur Verfügung gestellt, der Zeichenvorrat, um dieses innere Erleben zu benennen. Es werden die Beziehungen geklärt, es ist Abgrenzung erreicht – und damit überhaupt echter Kontakt. In der Tat könnte jetzt wirkliches Familienleben beginnen, aber die Familie ist in Auflösung. Zudem sind diese seelischen Tatsachen offenbar nebensächlich und im Sinne des Wortes nicht der Rede wert.

Dann ist da diese Horterzieherin. Da meine Mutter, nach wie vor Hausfrau, bald aus der Wohnung ausziehen wird, soll ich den Schulhort besuchen, aber meine zweite Klasse ist nicht in den Schulhort eingebunden. Deshalb wechsele ich zu Beginn der dritten Klasse zum drittem Mal in meiner Schulzeit das Klassenkollektiv, dieses Mal aber nicht die Schule.

Die Horterzieherin ist eine richtige dicke Mama. Sie hat nie etwas von nachholender Ich-Entwicklung oder Nachbeelterung gehört, praktiziert diese aber erfolgreich. Auch dieses Erleben kann ich natürlich erst viele Jahre später benennen, nichtsdestoweniger es deutlich wirksam ist, und deutlich nicht nur für mich. Insbesondere Erwachsene scheinen wahrzunehmen, und sprechen es auch aus, dass ich aufgewacht bin. Mein Stiefbruder bestätigt mein Empfinden indirekt und ohne, dass ich die Rede darauf bringe, als er sieben Jahre nach mir bei dieser Frau im Hort ist und mir davon erzählt. Sie kann sich deutlich an mich erinnern, obwohl sie hunderte Kinder nach mir betreut hat und ich völlig aus ihrem Gesichtskreis verschwunden bin, weil ab der vierten Klasse neuerlich an einer anderen Schule.

Ich bin da und ich bleibe es fast ständig – es lohnt sich zum erstem Mal! Ich spüre etwas wie zaghafte Neugier auf Klassen- und Altersgenossen und überhaupt auf Menschen, freue mich auf gemeinsam absolvierte Abläufe des Schulbetriebs und kann es kaum erwarten, unterbrochene Spiele wieder aufzunehmen.

Diese paar Monate der dritten Klasse, insbesondere der Sommer 1971, sind die Hoch-Zeit meines Lebens. Einige Monate fast ohne Druck und Angst und Schuldgefühle, erfüllt von Lebensfreude zumindest in immer wieder erlebten stürmischen Aufwallungen. Derart leicht und frei kann sich Leben offenbar anfühlen! Man fühlt sich berechtigt zur Anwesenheit in der Welt und unter seinen Alters- und Zeitgenossen, ohne darüber nachdenken oder daran zweifeln zu müssen und immer wieder zwanghaft bei sich selbst die Schuld zu suchen für die drückende Atmosphäre.