In der Kindheit in den Urlaub in Kindheiten

Meine Mutter ist geradezu wie ausgewechselt. Sie macht mir sogar Angst, weil sie sich mir zuwendet in einer Art, die ich nur von außenstehenden Erwachsenen kenne. Es ist, als wäre sie aus einer Art Schlaf erwacht. Sie scheint leicht schuldbewusst Tatsachen ihres Lebens ernsthaft wahrzunehmen wie die Existenz eines Sohnes.

Natürlich bin ich als etwa Fünfjähriger völlig unfähig zu begreifen, dass meine Wahrnehmung der Stadt etwas mit dem Auftauchen meiner Mutter aus ihrer Depression zu tun hat. Von dieser einzigen Reise mit meiner Mutter bleibt jedoch zuerst und vor allem eine Art magische und durch nichts zu erschütternde Erkenntnis. Ich erlebe beinahe eine Art Erleuchtung. Berlin ist der Ort der Erfüllung! Irgendwann muss ich dort hin, denn dort ist das wirkliche Leben. In Berlin werde ich landen, ankommen, Erfolg haben, Glück erleben usw.!

An Details erinnere mich dagegen kaum. Einmal begleite ich meine Mutter in die Kleingartenanlage, in der ein Onkel eine Parzelle besitzt. Den stärksten Eindruck machen auf mich zahlreiche sich über den erstaunlich breiten Hauptweg der Kolonie wie in Zeitlupe bewegende Schnecken sowie ein Vogel in einem großem Käfig vor der Datsche. Er ist bis zu diesem Urlaub das farbenprächtigste von mir erlebte Tier. Es könnte ein Papagei sein. Der Onkel macht sich darüber lustig, dass ich mich vor den Nacktschnecken ekle.

Dann erlebe ich eine Episode, die zu einer der in den meisten Familien umgehenden privaten Legenden wird. Ich habe beim Spielen irgendwo Kissen herunter geworfen. Es sind bedeutsame, offenbar weniger zum Gebrauch als zur Zierde und zur Repräsentation gedachte Kissen.

Aber es wird schnell klar, dass es nicht um die Kissen geht. Es geht um Grundsätzliches, das eigentlich schon immer klar war und sich nun wieder einmal exemplarisch bestätigt hat und daher ausführlich diskutiert werden muss. Deswegen hat dieses Erlebnis auch nichts Negatives für mich, obwohl ich der Urheber des Sturms im Wasserglas bin. Vor allem bestraft mein Vater mich keineswegs, als meine Mutter wie üblich zum Rapport erscheint. Sie bewertet wie fast täglich den Grad der Ausprägung, in dem ich artig war. Mein Vater triumphiert zu meiner Verblüffung geradezu.

Diese dürfte eine der wenigen weiteren Gelegenheiten sein, bei denen ich etwas erlebe, dass auch in anderen Familien vorzukommen scheint. Mit Worten, sinngemäß, und vor allem ohne Worte teilt mein Vater geradezu hämisch erfreut etwas mit wie „Habe ich doch gleich gesagt – Du und Deine Verwandtschaft!“ Womöglich deshalb bleibt diese auch meine einzige Begegnung mit Verwandten meiner Mutter.

Aber ein weiteres Wort prägt sich mir nachhaltig ein – Köpenick. Auch das hat weniger mit konkreten Eindrücken und mehr mit dem sich auch hier schwer in Worte zu fassendem atmosphärischem Erleben zu tun. „Köpenick“ steht für nicht vermutete und bisher nicht erlebte Weite, Großräumigkeit und Großzügigkeit von bebauter Stadtlandschaft selbst in der Großstadt. Es steht für Grünstücken wie Parks, Wäldchen und vor allem die langen, von riesigen alten Bäumen beschatteten Alleen mitten in der Stadt.

Es könnte sein, dass mein Erleben dieser Alleen deshalb geradezu aufwühlend ist, weil sie mich an die legendären Baumalleen Ostpreußens erinnern. Deren Existenz deutet mein Vater in seinen stereotypen Textfetzen über seine Heimat immer wieder an. Hier bin ich mir aber nicht sicher, ob ich konstruiere, etwas an den Haaren herbei ziehe usw. Ich halte es jedoch nicht für ausgeschlossen, dass meine erlebten Eindrücke von den erzählten meines Vaters verstärkt werden.

Zudem sind meine schönsten Erlebnisse während der späteren vielen Ferienlageraufenthalte unter anderem die Wanderungen durch solche Alleen. Sie beschwingen mich derart, dass ich manchmal laut zu singen beginne. Das tue ich während meiner gesamten Vorschulzeit nicht, schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

Schließlich erlebe ich dieses starke, aber kaum zu beschreibende Empfinden bis zum aufgewühlt Sein bei Märschen durch derartige Alleen während meiner Armeezeit. Da ist irgend etwas, da lockt und ruft etwas. Ich nehme mir vor, nach der Rückkehr in die Freiheit, d. h., nach der Entlassung aus meinem Wehrdienst, alle diese Orte ländlicher Schönheit wie aus einer vergangenen Epoche noch einmal freiwillig und allein aufzusuchen. Ich tue das jedoch nicht ein einziges Mal.

Nachdem ich mit 22 eine Prenzlauer Berghütte besetze, um am höherem Leben im Ort der Erfüllung Berlin endlich teilhaben zu können, wandere ich immer wieder nach und durch Köpenick. Diese eher Fußmärsche als Spaziergänge zu nennenden Ausflüge zelebriere ich ähnlich zwanghaft und traumhaft-tranceartig, wie ich die Sonntagsspaziergänge mit meinem Vater in meiner Vorschulzeit erlebe.

Ich suche dort offensichtlich etwas, geradezu getrieben. Ich suche eine Art Anschluss an die Kindheit? Oder überhaupt eine wirkliche Kindheit, in der die Mutter derart offen und zugewandt sein würde, wie ich sie bei dem einzigem mit ihr verbrachtem Urlaub erlebe? Ich suche den Ort, an dem ich nicht immer wieder aus der sogenannten Realität kippen, gewissermaßen in Trance gehen muss? – Ich weiß es nicht…

Zweimal in meiner Vorschulzeit fahre ich in den Urlaub, einmal mit der Mutter nach Berlin und einmal mit dem Vater ins Dreiländereck im Süden des Landes. Meine Mutter hat in Berlin Verwandte; ich glaube, Geschwister. Mein Vater besucht mit mir seine Stieftante. Es scheint sich um die Frau zu handeln, die nach seiner Flucht aus Königsberg und seiner Zeit als Kompaniekind einer Einheit der Roten Armee rechtliche Verantwortung für ihn übernommen hat.

Genauer weiß ich das bis heute nicht. Hier wirkt wieder diese Barriere, hinter der sich viele Kriegskinder zu sichern versuchen und die mittlerweile Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen ist. Es bleibt bei Andeutungen, die oft in geradezu stereotypen Wendungen wiederholt werden. Wenn man mehr wissen will, werden Angehörige dieser Generation wütend, machen dicht. Das erlebe ich auch bei meinem Vater und unterlasse es selbst dann, ihn nach seinen Erlebnissen bei Flucht und Vertreibung zu fragen, wenn er seine Textbruchstücke dazu ohne Aufforderung ins Gespräch zu rücken beginnt.

Hinzu kommt, dass er, wenn er denn schon einmal seine gewissermaßen standardisierten Andeutungen etwa über Königsberg macht, immer wieder in diesen Ton mystischen Raunens gerät. Es hat den Anschein, als wolle er hinter den Worten mitteilen, dass es sich um schreckliches, aber gewissermaßen erhabenes Erleben handele, zu dem mir der Zugang verwehrt bleiben müsse. Es ist etwas ganz Eigenes, ganz Besonderes um seine Vergangenheit. Die Frau, zu der wir in den Urlaub fahren und die ich „Oma“ nennen soll, gehört dazu.

Was man als Kind im Kreis der nächsten Menschen, meist der Familienangehörigen erlebt, muss man umso mehr als normal sehen, desto weniger Vergleichsmöglichkeiten man hat. Erst als körperlich Pubertierender bemerke ich, was Familienleben sein kann und bei anderen Kindern in der Tat ist. Man unternimmt etwas gemeinsam, man lädt Leute ein, man feiert usw.

Alles das kenne ich aus meiner Familie nicht. Verwandte meiner Mutter gibt es offenbar, aber die wohnen weit weg und haben uns nie besucht. Es gibt gelegentliche gegenseitige Kartengrüße zu Weihnachten und dergleichen. Mein Vater ist berechtigt überzeugt, Vollwaise zu sein. Erst wenige Jahre vor dem Mauerfall erfährt er, dass seine Familie nach der Vertreibung in der damaligen BRD lebt. Freundeskreise erlebe ich bei meinen Eltern nicht. Es gibt einige wenige Bekannte. Die werden in unregelmäßigen Abständen aufgesucht, in der Regel aber nur von meiner Mutter und mir.

Ich kann mich nur an wenige Gelegenheiten erinnern, bei denen meine Eltern während meiner Vorschulzeit ausgehen. Ohnehin dürfte es sich meist um gewissermaßen offizielle Anlässe wie Empfänge und dgl. handeln, denn mein Väter trägt die Ausgangsuniform. Wir unternehmen auch fast nie etwas gemeinsam in der Wohnung oder draußen. Meine Mutter nimmt mich bei ihren mehrmals wöchentlich unternommenen Gängen in die Stadt mit. In der Regel geht sie einkaufen. Ich will fast nie und muss immer mitgehen, weil meine Mutter mich etwa bis zu meiner Einschulung nicht allein in der Wohnung lassen soll und will. Mein Vater zelebriert mit mir über viele Jahre hinweg an Wochenenden, meist an Sonntagen, diese beinahe ritualisierten Stadtrundgänge und vor allem Wanderungen durch Waldstücke auf der Insel und am Stadtrand.

Das Leben besteht darin, dass mein Vater unlustig bis widerwillig in die Kaserne geht, meine Mutter die Wohnung putzt, Wäsche wäscht und einkauft und ich, wenn ich nicht krank bin, immer einmal wieder Versuche unternehme, mit Kindern auf dem Hof zu spielen. Es sind dort selten Kinder außer mir, da ich das einzige Hauskind im Quartier zu sein scheine. Die anderen Kinder besuchen alle Kinderkrippen und Kindergärten. Gelegentlich begleite ich meine Mutter gezwungenermaßen zu Bekannten. Ich will nie dorthin, wenn ich dann aber da bin, will ich fast immer nicht mehr weg.

Ich kenne das, wie bereits angedeutet, nicht anders. Für mich ist das normal. Ich kann auch nicht sagen, ob mir etwas fehlt. Jahrzehnte später fallen mir zur Familienatmosphäre meiner ersten zehn Lebensjahre immer wieder die Worte „Schockstarre“ und „Wartesaal“ ein. Worauf gewartet wird, scheint nicht nur mir nicht hinreichend klar. Traumatisierte Lebewesen verharren in der Höhle und halten still. Dies ist jedoch wiederum keineswegs typisch für unsere sozialistischen Menschen.

Nun aber diese Urlaubsfahrten! Wahrscheinlich entwickeln beide Eltern angesichts der Erschütterungen ihres Alltags durch diese außergewöhnlichen Ausflüge Symptome. Von meinem Vater weiß ich früh, dass er Magengeschwüre hat. Ich entsinne mich auch deutlich seiner diesbezüglichen Anspielungen. Er würde seinen Ärger runter schlucken, erklärt er etwa missmutig. Ich bekomme sofort Schuldgefühle.

Beide Eltern wirken im Urlaub über das normale Maß von Ferien- und Feierlaune hinaus verändert, beinahe wie andere Personen als die von mir im Alltag erlebten. Bei meinem Vater kenne ich diese Gelöstheit, ja, Bekundungen von Lebensfreude zumindest andeutungsweise von den zeremoniellen Sonntagsspaziergängen.

Der erste und letzte Urlaub, in den ich allein mit meinem Vater fahre, steht dagegen am Anfang unter dem Zeichen vermeintlich männlicher Ertüchtigung und Abhärtung.

Mein Vater und ich werden von zwei Bekannten oder Verwandten der „Oma“ auf Mopeds vom Bahnhof abgeholt. Ich habe noch nie auf einem Zweirad gesessen, nicht einmal auf einem Fahrrad, und ich war noch nie in einer Stadtlandschaft mit derartigem Gefälle. Zwar gibt es unweit meiner Heimatstadt Hügel, die ähnlich hoch sind wie die jetzt am Beginn des Urlaubs rasant befahrenen, aber die sind nicht derart steil ansteigend oder abfallend und führen vor allem nicht durch dicht bebautes Gelände.

Wobei „Bebauung“ in diesem südlichem Städtchen etwas ganz Anderes ist als in meiner Heimatstadt. Hier kleben die Häuser und Häuschen geradezu aneinander und die Straßen sind derart eng, dass es mich wundert, dass zwei Autos nebeneinander fahren können und gar in entgegengesetzter Richtung. Dazu gibt es fast überall Kopfsteinpflaster und kaum asphaltierte Straßen.

Ich habe Angst und mein Vater amüsiert sich darüber und ist leicht angewidert. Das kenne ich von den Sonntagsprüfungen. Ich entspreche wieder einmal nicht den Anforderungen, die mein Vater an einen Sohn stellt. Ich werde ihnen wohl auch nie entsprechen.

Die atmosphärischen Wahrnehmungen, oder wie immer man dieses psychische Phänomen nennen mag, sind auch hier stärker und nachhaltiger wirksam als einzelne Eindrücke von Landschaften, Gebäuden und sogenannten Sehenswürdigkeiten. Auf der langen Zugfahrt bin ich erst verwundert und dann zunehmend begeistert über die anhaltend gute Laune meines Vaters. Ich vermag sie nicht damit in Verbindung zu bringen, dass er nun für einige Wochen nicht jeden Morgen in den Saftladen muss.

Aber da ist noch etwas, das ich wiederum schwer in Worte fassen könnte, wenn mich jemand danach fragen würde. Das tut aber ohnehin niemand. Desto südlicher wir auf vor allem auf Regionalstrecken mit langsamer Fahrt kommen, desto ungewohnter wird die Landschaft. Ich erlebe bis zu dieser Urlaubsreise keine Erhebungen dieser Höhe, die man bald mit wirklicher Berechtigung „Berge“ nennen kann. Ich kenne zudem keine Waldstücke dieser Größe. Vor allem gibt es hier zunehmend Misch- und Laubwälder. Wenige Jahre nach dieser Urlaubsfahrt höre ich zum ersten Mal die offenbar verbreitet bekannte Verballhornung meiner Heimatlandschaft. Man spricht ironisch bis deutlich erheitert vom „Land der drei Meere – Kiefernmeer, Sandmeer, gar nichts mehr“.

Vor allem aber sind die Städte und Dörfer ganz anders als die mir aus meiner Heimatlandschaft bekannten. Es gibt auch einen Altstadtteil in meiner Heimatstadt sowie einen Ortsteil, der eigentlich ein Dorf ist, in das der Stadtkern nahtlos übergeht. Aber in diesem Dorf bin ich bis dahin noch nicht gewesen oder ich kann mich nicht an Besuche erinnern. Den altstädtischen Ortsteil besuche ich nur gelegentlich mit meiner Mutter zum Einkaufen. In dieser Altstadt gibt es Gebäude, ja, ganze Straßenzüge, die völlig anders aussehen als die Wohnkomplexe der Planstadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin.

Einmal bin ich mit meiner Mutter in einem Laden, der wie aus einer anderen Welt wirkt. Man geht einige Stufen nach unten. Die Eingangstür ist aus massivem Holz, so dass man sie nur mit einer gewissen körperlichen Anstrengung öffnen kann. Die Holzstufen der Treppe knarren und beim Eintreten in den Laden ertönt Geklingel von Glöckchen.

Vor allem aber – der Geruch! Etwas zwischen leichtem Modergeruch von feuchten Wänden, Gasgeruch und den Ausdünstungen von Inventar aus Holz, das über viele Jahre hinweg benutzt und beansprucht und unzählige Male mit Politur, Bohnerwachs usw. behandelt wird. Wenn ich etwas benennen sollte, das ich in meiner Kindheit als zauberhaft oder märchenhaft erlebe, dann wären es diese Räume in der Altstadt. Ein sogenannter Kurzwarenladen, ein altes Postgebäude, ein Bäcker, eine Buchhandlung. Eine Art bruchstückhaft zusammen gestellte Kulisse aus anderen Zeiten, anderen Räumen.

Die Dörfer und Städte, an denen vorbei ich nun mit meinem Vater in den Urlaub fahre, scheinen sozusagen geschlossene und vollendete Ausführungen dessen zu sein, was ich in dem ältestem Ortsteil meiner Heimatstadt als Überreste, Andeutungen oder Rückstände erlebe. Zudem gibt es hier im Süden unzählige Kirchen, Burgen, Schlösser und ähnliche immer mehr verfallende Überbleibsel einer versunkenen Zeit.

Ich bin mir sicher, nicht nachträglich zu verfälschen mit der Behauptung, dass ich schon beim Vorbeifahren an diesen Landschaften und Orten und erst recht bei ihrem in den nächsten Wochen erfolgendem Durchwandern mit meinem Vater das Gefühl von Weite, Größe, Helle, von ins Freie kommen habe. Das hat natürlich etwas mit der wunderbaren Aufgekratztheit meines Vaters zu tun. Aber das ist es nicht allein. In einer Art Wellen, die ich insbesondere aus den Genesungsphasen meiner Krankheiten kenne, steigt mächtige, fast schmerzhafte und dennoch angenehme Sehnsucht in mir hoch, die zu benennen ich vollends unfähig bin.

Meine „Oma“ erweist sich als sehr milde und freundliche Frau. Sie reiht sich beim Anblick meines mageren Körpers in die Gruppe der Erwachsenen ein, die sich verpflichtet zu fühlen scheinen, mich aufpäppeln zu müssen, mich im wörtlichem und im übertragenem Sinne füttern zu wollen. Auch sie hat dabei keinen Erfolg, zumindest nicht, was die angestrebte Gewichtszunahme angeht. Ihre Zuwendung ist mir unangenehm.

Die „Oma“ bewegt sich jedoch, obwohl sie kein wirkliches Großelternteil ist, in dieser Supervisor-Position, wie sie viele Großeltern einnehmen. Weil sie gewissermaßen bereits einen Generationsdurchlauf bewältigt haben, sind sie lockerer, freier, toleranter usw. in allem, was Kinder und die mit deren Erziehung verbundenen kleinen Katastrophen angeht.

Wahrscheinlich erzeugt diese gelassene Grundhaltung viel mehr einen gewissen Urlaubseffekt als die schöne Landschaft und die sprichwörtlich gute Luft, die gerade mir als von Lungenkrankheiten gebeuteltem Vorschuljungen natürlich gut tut. Einige Kilometer vom Dorf meiner „Oma“ entfernt ist ein bekannter, ja in gewissem Maße berühmter Luftkurort.

Einzigartig ist und bleibt ihre selbst gebackene Käsetorte. Ich habe nie wieder derart hohe aus Quark gebackene Kuchen gesehen, geschweige denn gegessen, und mir ist es bei zahlreichen Versuchen nicht gelungen, ein derartiges Meisterstück im doppeltem Sinne hoher Backkunst herzustellen.

Auch hier sind wieder die Gerüche das Wichtigste! Das ganze Haus, in dem meine „Oma“ zwei große Räume bewohnt, riecht ein bisschen wie ein Verkaufsraum in den Läden des altstädtischen Ortsteils meiner Heimatstadt. Es riecht gewissermaßen nach langer Vergangenheit. Die Wohnblöcke, die ich kenne, und die oft jünger sind als ich, riechen eigentlich nach gar nichts. Das ändert sich erst mit dem Beginn der industriellen Wohnungsbaues in Plattenbauweise. Insbesondere in den dann errichteten Hochhäusern mieft es nach Müllschlucker.

Die große Wohnküche duftet jeden Morgen nach Kaffee, viel intensiver als unsere Küche, wenn mein Vater früh seinen gewissermaßen obligatorischen Becher Kaffee trinkt. Meine „Oma“ verwendet Würfelzucker, den ich geradezu sensationell finde. Um ihn umzurühren, benutzt man schwere Kaffeelöffel mit geschwungenen und verzierten Griffen. Diese kleinen, scheinbar banalen Details führen wiederum viel intensiver zum Empfinden einer Art angenehmen Ausnahmezustands im Sinne von Urlaub als gewaltige Kirchen und andere historische Gebäude, in die mich mein Vater führt.

Aber dann ist da auch der Geruch der Tannen- und Fichtenwälder. Richtige Wälder, wie ich sie insgeheim nenne. Ich kenne aus meiner Heimatstadt nur Waldstücke, für deren Durchquerung man eine Viertelstunde, höchstens eine halbe Stunde braucht. Hier kann man stundenlang durch eine Art natürlich gebildetes schwarzgrünes Gewölbe wandern, ohne dass ein Ende des Waldes abzusehen ist.

Auch die mit verschiedenen Getreidesorten bepflanzten Felder duften stark, insbesondere nach heftigem Sommerregen nach langer Hitze. Schließlich ist der Garten vor dem Haus meiner „Oma“ ein kleiner Paradiesgarten, in dem zahllose Sträucher und Blumen blühen, die ich noch nie gesehen habe.

In diesem Garten gibt es eine kleine Laube, in der ich eine der höchstens zehn kurzen Episoden meines Lebens erlebe, von denen ich mit heutigen Begriffen sagen würde, dass ich darin ganz da gewesen wäre, ganz im Hier und Jetzt anwesend.

Es ist August. Wahrscheinlich kann es gar nicht sein, trotz noch nicht eingeführter Sommerzeit, dass es abends bis gegen halb elf, elf Uhr hell ist, d. h., immerhin noch soviel Tageslicht wirkt, dass man etwa die Zeit von einer Uhr ohne Leuchtmarkierungen ablesen könnte oder etwas in einem Buch lesen. Lesen kann ich zu dieser Zeit noch nicht, ich kenne nur einzelne Buchstaben und errate häufig Wörter. Aber in meiner Erinnerung hält diese Art Dämmerung, die ich später in den Schilderungen etwa der Weißen Nächte in St. Petersburg wiederfinde, bis weit nach zweiundzwanzig Uhr an. Vielleicht handelt es sich tatsächlich um ein singuläres Wetterphänomen.

Eigentlich geschieht gar nichts – aber genau das ist das Eigentümliche, ja, Bezaubernde meines Aufenthaltes in dieser Laube. Ich sitze, ohne Ermahnung oder Drohung, still, ohne Zappeln, in dem paradiesischem Garten in dieser kleinen Hütte, die man auch ohne die Neigung zur Romantik als märchenhaft bezeichnen dürfte. Angenehm ungläubig, ja, in einer Art milden Betäubung, die ganz anders ist als meine tranceartigen Zustände während der vielen Krankheitsmonate, bade ich geradezu in diesen unwirklich schönen Lichtspielen eines Hochsommerabends in im mehrfachem Sinne heilsamer Landschaft. Immer wieder kommt in kurzen, schwachen Stößen warmer und sanfter Sommerwind auf, der die Bäume hinter dem Grundstück leise rauschen lässt und den Duft reifer Getreidefelder herüber weht und das Abendkonzert zahlloser Grillen und wahrscheinlich vieler anderer Insekten. Es könnte immer so bleiben, aber mir ist natürlich damals schon klar, dass das nicht geht.

Es ist, als wäre ich mit Allem und Jedem in guter Weise verbunden, als würde ich einen Augenblick völliger Harmonie erleben. Dies, obwohl ich für mindestens eine Stunde völlig allein bin. Ein Moment der Loslösung, des völligen „separat Seins“, paradoxerweise im Moment des Empfindens dieser seltsamen Verbundenheit mit allem über meine Person hinaus Gehendem. Ein Augenblick des sich als autonom und verbunden Empfindens ohne Ängste, Zwänge und Schuldgefühle.

***

Den letzten Höhepunkt dieser Reise erlebe ich in deren letzten Minuten und auf den letzten Kilometern der Heimfahrt. Im Bus vom Bahnhof meiner Heimatstadt zum heimischem Wohnkomplex scheint aus meinem Vater die in den vergangenen Urlaubswochen in bisher von mir nicht erlebtem Maße entwickelte Lebensfreude noch einmal in einer Art kleinen Eruption heraus zu sprudeln.

An der Haltestelle vor der letzten großen von der Buslinie gequerten Kreuzung gegenüber der nordöstlichen Ecke des großen Krankenhausgeländes stiert mein Vater theatralisch aus dem Busfenster und deklamiert in erhaben-getragenem Ton: „Die Äste vögeln von Hüpf zu Hüpf!“ Ich lache darüber minutenlang, bis zur Endhaltestelle, und auch noch nachher zu Hause. Meine Mutter ist, wie die meisten Frauen, wie ich in den folgenden Jahren feststellen muss, nicht angetan von dieser Wortverdreherei. Mein Vater bezeichnet sie mit wiederum komisch übertriebenem Gebaren eines beflissenen Dozenten als „Wechstaben verbuchseln“, was bei mir einen weiteren Lachanfall auslöst.

Von dieser kleinen Episode an bin ich beinahe zwanghafter Liebhaber von Wort- und Sprachspielen und später begeistert von Sprachzauberern wie etwa Raymond Queneau. Bei der Lektüre von „Zazie in der Metro“ einige Jahre nach diesem Urlaub werde ich in meiner Lese-Ecke am Kinderzimmerfenster derart von Lachsalven gebeutelt, dass es sogar mir selbst nicht geheuer ist.

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