Ich werde zum Glück abkommandiert

Einige Monate nach meiner Dienstantritt in der Truppe, nach der einjährigen Militärschule, als ich mich bereits so weit eingelebt habe, dass meine irrationalen Ängste fast verschwunden sind und ich mich beinahe angekommen fühle, brüllt der Unteroffizier vom Dienst derart laut nach mir, dass ich ihn selbst in meinem mindestens 60 Meter entferntem Zimmer mühelos verstehe.

Der Aufruf hat etwas Demonstratives, aber das passt zu dem Mann; unter anderen mit ihm erreiche ich in der Kulturarbeit einen lokalen Erfolg mit der Erstellung und Vorführung eines Bühnenprogramms. Er ist mir sympathisch, obwohl er nicht nur mich manchmal durch leicht zwanghaft-pathetisches Auftreten nervt, auch oder gerade in weltanschaulichen Fragen. Daher nehme ich es ihm nicht übel, dass er mich jetzt offensichtlich verarschen will.

Das überrascht mich alles nicht – ich habe es insgeheim erwartet. Ich bin einfach dran. Ein Mitschüler in meinem Ausbildungsjahr, der als eine Art ruhender Pol in stressigen Situationen bekannt und beliebt ist, wird einmal völlig aus der Fassung gebracht mit über hundert Zuschriften von Mädchen, die sich mit ihm treffen wollen, und natürlich haben seine Zimmergenossen diese Massensendung initiiert.

Nun bin offensichtlich ich an der Reihe. Dass ich weniger beunruhigt bin davon, zur Zielscheibe des Spottes werden zu können, sondern eher davon, in den Fokus der Aufmerksamkeit einer Gruppe zu geraten, gesehen zu werden, kann und will ich nicht wahrnehmen. Ich ärgere mich jedoch durchaus über den plumpen Versuch, mich zur Regimentswache zu locken, weil dort meine Freundin auf mich warten würde, denn der Versuch ist ein Volltreffer, weil ich nicht nur keine Freundin habe, sondern noch nie eine hatte.

Eben erst, mit 21, habe ich begriffen, wie Mann sich erleichtert. Da ich aber dergleichen selbst nicht als wichtig ansehe, bleibe ich bis zu diesem Aufruf des UvDs verschont von Anspielungen und Angriffen. Inzwischen ist eine Art Ritual daraus geworden, dem ich mich mehrfach wöchentlich widme, wenn ich allein auf dem Zimmer bin. Ich ejakuliere genüßlich auf meinen Waschlappen, spüle ihn anschließend aus und hänge ihn neben mein Handtuch über das Gestänge des Feldbettes, was nicht weiter auffällt, weil viele Kasernierte ihre Handtücher dort trocknen lassen. Meist stelle ich mir die Friseurazubinen vor, die oft mit diesen metallisch glitzernden Strumpfhosen und immer mit sehr kurzen Kittelschürzen am Unterkunftsgebäude geradezu vorbei paradieren, da sich die Friseurstube hinter diesem Unterkunftsgebäude befindet.

Der Auslöser für diese sehr verspätete Erkundung meines Körpers ist – Angst. Ich habe irre Geschichten gehört von Feldwebeln, die sich beim Stubendurchgang einen Spaß daraus machen, ihrer Meinung nach nicht vorschriftsmäßig gebaute Betten einzureißen und dann Spermaflecken auf dem Laken höhnisch zu kommentieren, die „Landkarten“ genannt werden. Zwar bin ich als Unteroffizier auf Zeit einigermaßen sicher vor derartigen Kontrollattacken, aber nicht völlig. Weil ich nicht gelernt habe, Hand anzulegen, fürchte ich die Entdeckung meiner „Landkarten“, da mir in unregelmäßigen Abständen im Schlaf Einer abgeht.

Dann ruft mich der UvD zum zweitem Mal auf, und jetzt deutlich verärgert, und mir geht die Muffe eins zu tausend. Offensichtlich wartet wirklich jemand an der Wache auf mich, und möglicherweise tatsächlich ein Mädchen. Ich unterdrücke eine Welle des Frohlockens darüber, dass womöglich eine Art Wunder geschehen ist, ziehe mir hastig Ausgangsuniform an und eile in den Besucherraum des Wachgebäudes. Ich bin verblüfft über die Mimik und Gestik einiger mir völlig unbekannter Genossen des Wachzugs, die eine Art anerkennendes Einverständnis zu signalisieren scheinen. Bin ich im Begriff, ein richtiger Mann zu werden? Ist doch alles Käse, wird doch sowieso nichts!

Sie ist – apart… Das ist das erste Wort, das mir zu ihr einfällt, und ich benutze es auch bei selbstverständlich folgenden Versuchen, sie Tagesgenossen zu beschreiben. Sie sitzt allein im Besucherraum, was mich erleichtert. An der Wand hängt ein Bild des ewig jungen Staatsoberhauptes, dessen Blicke mich in jeden Winkel des Zimmers verfolgen und mich spöttisch zu ermuntern scheinen. Sie ist recht groß und recht dünn, was ich zu meiner Überraschung nicht unerotisch finde.

Mir fällt Feuchtwangers Formulierung „leckere Magerkeit“ ein, was ich immerhin für mich behalte. Diese Assoziation scheint jedoch insofern passend, als wieder einmal die Hoffnung in mir wächst, dass ich endlich in einer Geschichte drin sein könnte, nicht nur ihr Leser oder Zuschauer.

Mir ist nicht klar, was das Mädchen eigentlich trägt und ob sie die Tunika oder das Kleid oder den Umhang oder was auch immer übergestreift, übergeschlagen oder um ihren schmalen Körper gewickelt hat, aber es ist alles sehr bunt, was sie trägt, und sie scheint über das Äußere hinaus ein bunter Vogel zu sein.

Schließlich schlägt sie die Beine übereinander, so dass sie fast völlig entblößt werden. Ihre Bewegungen erscheinen gewissermaßen genießerisch verzögert. Sie lässt dabei ihre Zunge über die Oberlippe spielen. Zu ihrem Auftreten, dem Gehabe, wie mein Vater sagen würde, fällt mir jetzt der Begriff „verrucht“ ein. Mit anderen Worten scheint sie sehr erfahren zu sein in dem Bereich der Wirklichkeit, der für mich ein Buch mit sieben Siegeln ist – Partnerschaft mit Sex, Sex, Sex.

Ich bin mir auch Monate nach diesem erstem Treffen nicht hinreichend darüber im Klaren, ob ich stolz darauf sein soll, dass ich diesen ersten Eindruck bestätigt finde. Auch empfinde ich meine Unerfahrenheit keineswegs, oder nur gelegentlich, als Defizit – es wird sich alles regeln, das wird sich alles ergeben, alles geht seinen Gang.

Ist die wegen mir hier? Meint die mich? Als wen sieht die mich? Wie kommt die dazu, mich nicht nur gewissermaßen als vorhanden, sondern gar als Ansprechpartner wahrzunehmen, als wäre ich gar nicht in dieser Schutzblase, deren Vorhandensein mir allerdings zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht bewusst ist?

Als ich feststelle, dass ihre Beine sehr lang, schlank und wohlgeformt sind, wage ich nicht zu prüfen, ob das Höschen zu sehen ist, sondern blicke nur scheinbar in das Gesicht des Mädchens, in Wahrheit aber dicht an ihm vorbei an die Wand. Von dort aber beobachtet mich das Staatsoberhaupt. Ich sage schließlich, d. h., es platzt aus mir heraus, dass das hier jetzt nicht ganz einfach wäre, und damit scheint das Eis gebrochen.

Ihre Stimme bestätigt vollends meinen Eindruck einer erotisch erfahrenen Künstlernatur; sie ist ein wenig rauchig heiser, und mir fällt jetzt ein weiteres Wort ein, das natürlich nicht typisch ist, „mondän“.

Sie hätte, wohlgemerkt mit dessen Erlaubnis, einen meiner Briefe an den Jungen gelesen, den ich zu dieser Zeit als meinen besten Freund ansehen und mit dem sie gerade gehen würde, und sie habe mich nach dieser Lektüre unbedingt kennenlernen wollen.

Meine Überraschung ist viel größer, als sie gewesen wäre, hätte das Mädchen plötzlich ihr schwer einzuordnendes Gewand abgestreift. Ich erlebe hier offensichtlich real die insgeheim ersehnte Singularität in meinen Kontakten. Ich werde gesehen, und zwar in den Anteilen meiner Person, die ich als die wichtigsten ansehe und bei deren gewahr Werden mir auch von Außenstehenden immer wieder bestätigt wird, dass ich damit etwas leisten könnte.

Zudem scheint eine Erwartung erfüllt zu werden, die ich noch mehr verdrängt habe als andere unerledigte Geschichten. Im Sinne der Freudschen These, dass Partnerwahlversuche immer auch Versuche der Wiederfindung des andersgeschlechtlichen Elternteils wären, ist gewissermaßen überraschend meine Mutter zurückgekehrt. Ich halte das auch heute noch für nicht konstruiert, an den Haaren herbei gezogen usw., zudem mir auch all dies erst etliche Jahre später, als die Geschichte vorbei ist, dergestalt bewusst wird, dass ich das Geschehen in Worte fassen könnte. Dann bemerke ich auch, dass das Mädchen deutlich Züge meiner Mutter hat, nicht nur äußerlich. Das kann ich im Moment des Geschehens nicht bemerken, weil ich mich nicht einmal an das Aussehen meiner Mutter mit hinreichender Deutlichkeit zu erinnern vermag. Gleichfalls oder erst recht unbewusst bleibt, dass diese Erinnerungslücke mindestens leicht makaber erscheinen könnte.

Wir reden schließlich über Gott und die Welt und insbesondere über Bücher und Filme in der Art und Weise, die ein Leutnant meiner Einheit mit Wortgruppen wie „tendenziöse Sentenzen“ oder „halbgewalkte Intellektuelle“ sarkastisch kommentieren würde. Nach einer knappen Stunde gehen wir mit der Gewissheit auseinander, einen angenehmen und anregenden Kontakt erlebt zu haben, den zu halten sich lohnen dürfte.

Wie abgesprochen wechseln wir Briefe, die mir müheloser und freudvoller gelingen als meine bisher geschriebenen Episteln. Ich habe nun nicht nur einen realen, sondern auch erklärtermaßen begeisterten Adressaten für meine nach meinem Empfinden thomasmannhaft mäandernden, dem Empfinden etlicher Leser nach jedoch wirr kaskadierenden Texte.

Zwei oder drei Wochen später werde ich zum Kompaniechef befohlen, der mir in einer Weise begegnet, wie ich es noch nie erlebt habe. Er blödelt nicht scharf herum, um mein Geblödel zu parodieren, und hält sich zudem, gleichfalls gegen seine Gewohnheit, nicht lange mit Worten auf. Dass er mir am Vormittag eines normalen Diensttages Ausgangsuniform anzuziehen befiehlt, zeigt mir bereits, dass etwas Außergewöhnliches geschehen sein muss. Ich solle mich zur Wache begeben, ordnet er deutlich ratlos an, wo die Mutter meiner Freundin warten würde; sie hätte organisiert, dass auch ich ins Krankenhaus dürfe, obwohl ich kein Familienangehöriger wäre. Meine Freundin hätte einen Selbstmordversuch unternommen.

Ich bin fassungslos, denn ich habe mit dem Mädchen einmal gesprochen und höchstens ein halbes Dutzend Briefe gewechselt, die zudem nicht einmal andeutungsweise auf suizidale Tendenzen hinweisen.

Meine ständigen Schuldgefühle, die ich meist gar nicht mehr bemerke, weil ich mich an sie gewöhnt habe, werden nicht nur dadurch stärker, dass ich mich plötzlich in dramatisches Geschehen verwickelt finde, das als aufregend vom Trott abweichend wahrzunehmen ich nicht wage. Die Mutter des Mädchens, die ich bis dahin gar nicht kenne, bemüht sich rührend um mich; unter anderem erhalte ich ein großes Fresspaket zu Ostern. Ich bin verwirrt bis zur Unfähigkeit zu angemessener Reaktion. Zudem agitiert mich jetzt mein schwungvoll herbei geeilter bester Freund geradezu, in einer Intensität, die ich bisher nicht bei ihm erlebt habe. „Sie liebt Dich! Das Mädchen liebt Dich!!!“, beschwört er mich mit dem Gebaren eines großen Tragöden, und er stiert mir mit leidenschaftlich verzerrtem Gesicht in die Augen, als wolle er mich hypnotisieren.

Kurzum, ich fühle mich verpflichtet, in jeder Hinsicht, und beginne nun, offensichtlich den Erwartungen aller Beteiligten und unfreiwilligen Zuschauer entsprechend, einen Beziehungsversuch, den ich für meine erste Partnerschaft halten muss.

Alle scheinen geradezu begeistert!!! Die Eltern, weil sich jemand um ihre Tochter kümmert, die sie offenbar nicht unbegründet als schwierig ansehen, die Kollegen, weil sie unter Personalmangel leiden und das Mädchen relativ schnell an seinen Arbeitsplatz zurückkehren kann, etliche meiner Genossen, weil ich nicht so schwul sein dürfte, wie sie offenbar bereits geglaubt zu haben scheinen, und mein bester Freund, weil er froh ist, mit leicht makaberer Eleganz aus einer Beziehung heraus gekommen zu sein, die ihm zu anstrengend sein dürfte und vielleicht zu verbindlich, jedenfalls anders als seine bisherigen zahlreichen Eroberungen, von denen ich einige halb neidvoll-bewundernd, halb befremdet zumindest beobachtend miterlebt habe.

Letzteres wird mir, natürlich, erst längere Zeit nach dem Geschehen klar. Zudem vermute ich dann, oder bin mir sogar halbwegs sicher, dass der eigentliche Auslöser des Selbsttötungsversuchs die Erkenntnis der Einseitigkeit einer mädchenhaften Verliebtheit ist, etwa in ihren Chef oder einen anderen angebeteten Mitarbeiter. Schließlich handelt es sich, wie ich bereits aus meiner unpassend gründlichen, wenngleich natürlich nur Halbbildung erzeugenden Psycho-Lektüre weiß, um einen der demonstrativen Versuche, bei denen der oder die Betreffende rechtzeitig gefunden werden will. Das kann allerdings tragisch schief gehen – allein, in diesem Fall ist alles noch einmal gut gegangen.

Nur ich habe bei der Geschichte ein unangenehmes Gefühl, das ich nie und nirgends äußere. Mir scheint, dass etwas nicht stimmt, aber ich verdränge derartige Gefühle und Gedanken sofort und erfolgreich, denn immerhin – ich habe jetzt ’ne Freundin…