Ich unterrichte (nicht nur) mich

Natürlich faszinieren mich seine Mimik und Gestik und natürlich ahme ich sie nach und natürlich bemerke ich das nicht. Er ist unser neuer Klassenlehrer ab der fünften Klasse, und er unterrichtet Mathematik und Sport – dementsprechend interessiere ich mich jetzt für Mathematik.

Er streicht des Öfteren mit einer sehr energischen Handbewegung die Haare aus der Stirn, nun vollziehe auch ich des Öfteren diese Bewegung. Wenn er sich konzentriert, hält er meist einen Zeigefinger parallel zu ihrem Rücken an seine Nase. Diese Geste übe ich nur sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber sie gefällt mir. Man konzentriert sich tatsächlich, weil man unwillkürlich auf die Fingerspitze sieht. Der Rahmen seiner Hornbrille ist noch dicker als der meiner, und ich habe nun keine Bedenken mehr, wie ein Professor an meiner Brille zu rücken. Das tue ich zwar schon, seit ich eine Brille tragen muss, weil ich mich an diesen Fremdkörper nicht zu gewöhnen vermag, aber jetzt hat der nervöse Handgriff etwas beinahe Genießerisches. Dieses gewissermaßen Chamäleonhafte ist mir nicht bewusst.

Sport habe ich bereits innerlich abgehakt, aber es passiert etwas mindestens Merkwürdiges. Der Mann wünscht unsere beinahe berüchtigte Rabaukenbande zu ertüchtigen, was er sinngemäß auch ausspricht. Er ist Judoka und Judotrainer und zu dieser Zeit, wenn ich mich recht entsinne, bereits Träger eines schwarzen Gürtels und hat demnach einen Meistergrad erreicht.

Wir führen Erwärmungsübungen aus, wie sie offensichtlich beim Judo üblich sind, und zwar nicht nur bis zur Erwärmung, sondern bis zur Erhitzung. So schnell wie möglich von einer Mattenkante zur anderen und zurück, von einer Mattenkante zur Wand und zurück usw., im Laufen, im Hüpfen auf einem Bein, im Entengang, in Hock-Streck-Sprüngen usf.

Dies ist das erste Schuljahr, in dem Mädchen und Jungen den Sportunterricht getrennt absolvieren, und derlei Ertüchtigung bietet sich auch daher an. Es ist anstrengend, es ist nervend, es schlaucht und man kommt an die Grenzen und kann die Wut raus lassen. Ich spüre das, ich kann das nicht aussprechen.

Merkwürdig aber scheinen mir zwei Beobachtungen. Erstens hängen die eher kompakten als drahtigen Typen, vor denen ich manchmal insgeheim Angst habe, oft als erste durch. Zweitens und vor allem aber steigt während dieser Übungen eine unbestimmte starke Hoffnung in mir auf, die ich mir nicht erklären kann. Da scheint eine Grenze zu sein, über die ich drüber muss, und was dahinter lockt, ist womöglich ins Freie kommen. Leider spreche ich diese Empfindungen nirgends aus; ich führe zu dieser Zeit auch noch kein Tagebuch.

Auch das vermag ich nicht zu verbalisieren und ich sehe keinen Ort im wörtlichem oder übertragenem Sinne, wo ich das könnte, aber ich ahne, dass hier ein Problem oder vielleicht gar das Problem meines Lebens offenbar wird. Es geht nicht darum, dass ich faul bin, träge, schlaff – „Du bist nie richtig da!“ usw. Es geht darum, dass ich offensichtlich das Mehrfache des sogenannten Normalen zu benötigen scheine, um überhaupt in die Gänge zu kommen. Das ist unfair und ungerecht, aber es ist halt so.

Es bleibt bei der Ahnung, beim halb Ausgesprochenem oder Unausgesprochenem, Vorbewusstem. Leider wird der Sportunterricht nach einigen Monaten von anderen Lehrern übernommen, bei denen ich diese positive Erwartung nicht spüre, vielmehr ich wieder in meine übliche Gleichgültigkeit versinke, in der ich lustlos die Pflichtübungen zu zelebrieren versuche. Dann verschwindet der Lehrer ganz, er wird versetzt oder zum Fachberater für Mathematik befördert oder dergleichen.

Natürlich ist es müßig, darüber zu lamentieren, aber ich frage mich oft, was aus mir geworden wäre, hätte mich dieser Mann im übertragenem Sinne gepackt und mitgeschleift, bis ich sozusagen von selbst gelaufen wäre. Einer der Kreuzwege im Leben, die man als solche nicht wahrnimmt oder erst sehr viel später.

Im wörtlichem Sinne packt er mich am Schlawittchen. Als ich mich einmal nach der Begrüßung zu Beginn der Unterrichtsstunde betont langsam und wohl gar mit leisem Stöhnen auf meinen Stuhl bugsiere, springt der Mann zu mir, packt mich an Kragen und Hosenbund und setzt mich hin, zur Erheiterung mehrerer Mitschüler. Schwarze Pädagogik, rot übermalt, aus Hilflosigkeit, die wahrzunehmen ich erst recht weit entfernt bin. Ich bin selbst hilflos, und vor allem sprachlos. Ich verstehe nicht, geschweige denn, dass ich das ausdrücken kann, warum sich Lehrer offenbar angegriffen fühlen von einem Verhalten, das ich halb reflektorisch ausführe, um einer Art lähmenden inneren Leere auszuweichen.

Dies ist keine Wertung – es ist eine Feststellung. Dieser Lehrer ist nicht nur begeistert von der Mathematik, sondern vermag auch zumindest ähnlich intensives Interesse für sein Fach zu erzeugen, d. h., was das Fachliche angeht, ist er sehr gut.

Das muss umso mehr auffallen, als er sich dialektischer oder paradoxer Weise und im Widerspruch zu derartigen Zugriffen auf vermeintlich gelangweilte Schüler wie mich um das rein Menschliche ganz offensichtlich mehr Gedanken macht, als es seiner Rolle als Klassenleiter entspricht, und als es möglicherweise erwünscht ist.

In einer sogenannten Klassenleiterstunde verteilt er Fragebögen, die ich zu meiner Verblüffung etliche Jahre später als Soziogramme nach Moreno in der Psychotherapie wiederfinde. Es geht um Fragen wie die, mit wem man am liebsten zusammen arbeiten würde, mit wem gar nicht, an wen man sich wenden würde mit seinen Problemen, an wen nicht, zu wem man mehr Kontakt haben möchte, zu wem nicht usw. Die graphische Darstellung der Antworten auf diese Fragen mit schwarzen Pfeilen für bejahende und rote Pfeile für ablehnende Antworten sorgt regelmäßig für Überraschungen bis zu emotionalen Durchbrüchen.

Es muss demnach Menschen gegeben haben, die zumindest gespürt haben, dass die Befreiung des Menschen usw. nicht mit der Umgestaltung der ökonomischen Basis bewältigt ist, sondern nach deren Umbau eigentlich erst beginnen muss, auf den Ebenen, die Menschen zu Menschen machen, auf der geistigen Ebene, auf der von Kontakt, Beziehung, Bindung usw. Aber das bleibt alles Ahnung und Ansatz. Nach der Wende stoße ich auf das Paradoxon, dass im Kapitalismus vieles getan zu werden scheint, was im „realen Sozialismus“ hätte getan werden sollen, um daraus realen Sozialismus werden zu lassen, und dies eben auf dieser Ebene gewissermaßen psychischer Befreiungsversuche von Esoterik bis Therapie.

Durch die Auswertung dieser Fragebögen erfahre ich unter anderem, dass das Mädchen, das seit mehreren Schuljahren in vielen Unterrichtsstunden vor mir sitzt, sehr interessiert am Kontakt zu mir ist. Ich nehme das zur Kenntnis und weiß nicht weiter. Dass diese Wahrnehmung typisch tragikomisch ist, weil sie mir ohne den Fragebogen nicht möglich scheint, obwohl das Mädchen buchstäblich vor meiner Nase sitzt, begreife ich nicht. „Merkt nich‘, dissa schwul is‘!“, lautet eine der sich wiederholenden Feedbacks in den folgenden Jahren meines körperlichen Erwachsenseins.

Ich knalle das Mädchen nicht weg, im übertragenem oder gar im wörtlichem Sinne, wie ich es in meiner Vorschulkindheit immer wieder praktiziere, aber ich lasse ihre Bemühungen ins Leere laufen, keineswegs hämisch oder bösartig, sondern eben ratlos. Zu dicht dran

Einmal, in den Sommerferien, klingelt es an der Wohnungstür, und als ich sie öffne, finde ich eine Tüte Bonbons auf dem Abtreter. Ich stürze ans Badfenster, das nach vorn raus geht, und dann ans Kinderzimmerfenster, das nach hinten raus geht, und sehe das Mädchen die Straße entlang huschen. Sie hat etwas Verhuschtes, Ältliches, sie läuft leicht gekrümmt ohne einen organischen Schaden und wird von den meisten Mitschülern als irgendwie komisch gesehen, ohne ausgegrenzt oder gemobbt zu werden. Ich schäme mich, es ist mir peinlich, dass ausgerechnet dieses Mädchen sich für mich interessiert, und dabei bin ich ständig verliebt in im mehrfachem Sinne Abwesende. Das Grundmotiv ist wieder angeschlagen – ich bin ein Monstrum…

So viel nicht gelebtes Leben, und irgendwann kommt die Rechnung; zudem scheint der Textbaustein aus der Therapieszene zuzutreffen, laut dem Schulden Schuldgefühle ausdrücken würden.

Etwas oder jemand hindert mich, am Leben teilzunehmen, und dies umso mehr, umso dichter dran ich bin. Außerdem und vor allem aber – die Wirklichkeit ist nicht genug, sie stimmt nicht, sie reicht nicht. Aber das wird sich alles regeln, kein Grund zur Sorge – es geht alles seinen Gang.

Während einiger Monate der zwei Jahre, in denen dieser Mathematiklehrer unser Klassenleiter ist, lebe ich im Schülerwochenheim. Während der Art inneren Aufschwungs, den ich dort erlebe und den ich nicht damit in Zusammenhang zu bringen vermag, dass ich jetzt in einer Gruppe lebe, verspüre ich zum ersten Mal den Drang, etwas Außerordentliches zu leisten, etwas, das über den Durchschnitt, über das Geforderte hinaus geht. Ich fange an, mir den Stoffkomplex „Rationale Zahlen“ selbst beizubringen, bevor er durchgenommen wird, und spüre geradezu diebisches Vergnügen bei der Feststellung, dass in mir etwas schlummert, und zwar im positivem, konstruktivem Sinne, von dem ich nichts geahnt habe.

Der Klassenleiter packt mich erneut, und jetzt im übertragenem Sinne. Da er nach einigen Stunden der Heiserkeit schließlich völlig stimmlos ist, sich aber nicht krank schreiben lassen will mit dem berechtigtem Hintergedanken, dass wir ohnehin zu viel Ausfall hätten, stellt er mich vor die Klasse und fordert mich auf, mit der Einführung in die rationalen Zahlen zu beginnen. Ich bin dermaßen platt, dass ich meine üblichen Blödeleien unterlasse und stattdessen mit dem Unterricht beginne. Es läuft auch ganz anständig, der Lehrer greift nur einige Male eher dirigierend als korrigierend ein.

Eine weitere der seltenen Sternstunden in meinem Leben, ganz klar! Für einen Moment blitzt da ein anderes Leben auf, jenseits der dumpf ungeklärten Atmosphäre im Elternhaus, jenseits der Faxen und Mätzchen, die ich als Abenteuer wahrzunehmen gezwungen scheine, obwohl sie im Grunde Dummheiten sind usw.

Aber es ist nur ein kurzes Aufblitzen, es ist nur ein Augenblick, und er ist schnell vorbei, und schnell ist alles nur geträumt, und es ist alles Haschen nach Wind

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