Ich sehe eine Gruppe wie noch nie, aber dann sehe ich „sie“

Schließlich werde ich in den Gruppenraum geholt. Er ist relativ klein und mit dem Kreis aus etwa einem Dutzend Stühlen fast ausgefüllt. An der Wand links von der Tür ist eine Glasscheibe, die mir etwas merkwürdig erscheint. Es handelt sich, wie Dr. R. nachher erklärt, um eine Art verstellbares Glas, das entweder in eine oder in zwei Richtungen durchsichtig ist. Dahinter befindet sich ein noch kleinerer Raum, zu dem man offenbar durch die erste Tür links im Foyer gelangt. Hier könnten und würden ein oder mehrere Mitarbeiter immer wieder das Geschehen in der Gruppe aus einer Supervisor-Position beobachten.

Die Gruppe besteht aus sieben Frauen und mit mir drei Männern. Die Sitzordnung würde mir auch auffallen, wenn ich nicht in dem Fachbuch des Klinikchefs gelesen hätte, dass es oft etwas aussagen würde, wer sich in der Gruppe wo hinsetzt insbesondere bei den ersten Sitzungen. Allerdings erfahre ich, dass die Gruppe bereits zwei oder drei Treffen gewissermaßen zur Probe im Haus der Gesundheit absolviert hat. Diese hätten jedoch eher informativen Charakter gehabt, indem Mitarbeiter vor allem als Vortragende und zur Beantwortung von organisatorischen Fragen erlebbar gewesen wären.

Die drei Frauen, die deutlich älter sind als ich, sitzen links auf den Stühlen an der Tür, die vier etwa in meinem Alter befindlichen zum Fenster hin. Die Männer sitzen auf der rechten Seite, mit einigen Stühlen Abstand zwischen sich. Zwischen den zwei Stühlen unterm Fenster, die offenbar für den oder die Therapeuten reserviert sind, und der Frauenreihe ist kein Stuhl frei. Auf der rechten Seite, wo die Männer sitzen, sind sogar zwei oder drei leere Stühle zwischen Klienten und der für die Leitung reservierten Stirnseite.

Die älteste der Frauen hat etwas wie fernöstliche Züge. Sie ist klein und zierlich, ihre Haut ist sehr blass und erinnert an eine Porzellanfigur. Zudem hat sie eine Pagenfrisur, wie sie Asiatinnen oft tragen und bei deren Anblick ich die Assoziation trippelnder kleiner Japanerinnen in bodenlangen Gewändern entwickle, was mich insgeheim selbst belustigt. Ihre Haare sind, obwohl sie bereits über 50 ist, wie ich nachher erfahre, fast vollständig blauschwarz. Die Frau macht einen beflissen-konzentrierten Eindruck, als erwarte sie die Verteilung von Aufgaben, in die sie sich geradezu lustvoll stürzen will.

Eine weitere Frau etwa im Alter meiner Stiefmutter hat diese Rubensfigur, die als beunruhigend wahrzunehmen ich mich nach wie vor weigere. Ich pflege die äußere Erscheinung solcher Frauen immer wieder mit den Worten zu umschreiben, sie wären nicht eigentlich dick oder gar fett, sondern kräftig. Ich würde diese Frau als Klischeefigur einer zupackenden und hart arbeitenden Bäuerin sehen, wenn sie nicht ebenfalls eine Frisur aus kurzen schwarzen Haaren hätte, die mir gewissermaßen französisch mondän erscheint.

Auf die Frau, die sich altersmäßig etwa in der Mitte zwischen meiner Elterngeneration und meiner Generation zu bewegen scheint, trifft dieses „kräftig“ noch mehr zu, da sie relativ klein ist und ihre weiblichen Rundungen noch ausgeprägter sind. Sie trägt eine dieser Brillen mit getönten Gläsern, die mich immer wieder sehr faszinieren, ohne dass ich auch nur versuche, mir eine solche Brille zu besorgen. Diese mollige Frau sieht mich mit Blicken an, die zu sagen scheinen, dass sie etwas in mir wahrnehmen würde, das sie vorerst noch nicht äußern wolle. Die Frau hat gewissermaßen etwas in petto und ich darf gespannt sein, aber das bin ich in dieser Situation natürlich ohnehin.

Dann ist da eine vermeintliche Macherin, vor der Angst zu haben mir sogar bewusst ist. Sie ist blond und blauäugig wie meine Stiefmutter, sieht ihr aber kaum ähnlich, zumal sie kleine Locken trägt, die man bei jungen Mädchen niedlich genannt hätte. Das könnte ein Widerspruch sein, denn sie scheint meiner Stiefmutter charakterlich insofern ähnlich, als sie zum zu machen, hart werden und drüber brettern zu neigen scheint. Ein solcher Mensch muss erheblichen Leidensdruck haben, um zu einer Therapie zu gehen, und es dürfte ihn dennoch Überwindung kosten.

Eine Frau ist groß und schlank und erinnert mich an meine Freundin. Sie hat etwas Nervös-Gespanntes, als wolle sie entweder flüchten oder energisch-entschlossen dazwischen gehen, um endlich wahrgenommen zu werden. Die Bewegungen ihrer Arme und Beine sind oft ruckartig-schlaksig, was erotisierend wirkt, was ich völlig ausblende. Mir fällt schon in den ersten Minuten ihr leichter Silberblick auf, der weniger mit ihren Augen zu tun haben scheint, da sie ihn immer entwickelt in Momenten, in denen sie angesprochen wird.

Die Frau, die offenbar das Nesthäkchen ist, hat etwas Schelmisch-Schalkhaftes. Sie scheint am meisten dem Klischee des braven Mädchens zu entsprechen, obwohl sie ein sehr markantes Profil hat, das Energie und Entschlossenheit verkörpern könnte. Dennoch erinnert sie mich auch an das abgenutzte Bild des stillen Wassers, das bekanntlich tief wäre.

Schließlich ist da die Frau, die buchstäblich ins Auge fällt durch die feuerrote Mähne, die sie wenig erfolgreich durch Bänder und dergleichen zu ordnen versucht. Diese Versuche des Frisierens haben etwas Unbeholfenes, als wäre sie bei der Morgentoilette unterbrochen worden oder hätte sie genervt aufgegeben. Die Frau hat ein hageres, gewissermaßen sportliches Gesicht mit hervorstehenden Wangenknochen, das mit Sommersprossen übersät ist und alle paar Augenblicke rot anläuft. Sie hat etwas Vorwurfsvolles in ihrer Mimik, das an ein schmollendes Kind erinnert und das im gleichfalls augenfälligem Gegensatz zu ihren langen Beinen und vor allem ihrem ausladendem Becken steht, das manche Männer, die ich gleichzeitig ablehne und bewundere, als „sehr gebärfreudig“ bezeichnen würden. Diese Art Männer würden diese Art Frau auch etwa „rassig“ nennen, was ich erst recht nicht hören will.

Der eine der beiden anderen Männer meiner Gruppe hat seltsamerweise eine Frisur, die der meiner japanisch anmutenden Gruppengenossin entspricht, aber auch diese schlaksige Gestik der Frau mit dem gelegentlichem Silberblick, die mich an meine Freundin erinnert. Er trägt ein groß kariertes Sakko, das mich an englische Krimis denken lässt. Ich vermute bereits bei seinem erstem Anblick, dass ich mit ihm Probleme bekommen, ja, recht schnell recht heftig zusammen rasseln könnte. Der Mann scheint einer der von mir insgeheim glühend beneideten Menschen zu sein, die gewissermaßen von Natur aus reich ausgestattet sind mit dem, was man sehr viel später „emotionale Intelligenz“ nennt. Wie bei der Besichtigung der kleinen Kunstwerke im Treppenhaus frage ich mich, warum derart begabte Menschen in Therapie gehen. Meiner unguten Erfahrung nach können solche Leute distanzierte und zu dieser Abgrenzung häufig Ironie oder gar Sarkasmus nutzende Leute wie mich nicht riechen. Ich bin von der ersten Begegnung mit diesem Mann an auf alles gefasst.

Der andere Mann ist ungesund rot im Gesicht und schwitzt derart, dass er fortwährend die Innenseiten seiner Brille abwischt. Es ist eine dieser kleinen runden Nickelbrillen von früher, wie es sie im Westen noch gibt. Ich bin mir augenblicklich sicher, dass Gesichtsrötung und Schweißausbruch weniger mit körperlichen Eigenheiten des Mannes zu tun haben, sondern mit der Gruppensituation. Der Mann sieht mich immer wieder hilflos fragend, aber auch auffordernd an, als würde er ganz selbstverständlich Aktion und Initiative von mir erwarten. Diese unausgesprochene, aber deutliche Forderung macht mir Angst, weil sie die bequeme Tarnung meines unbestimmten Verhaltens gefährdet. Andererseits belustigt es mich, dass der Mann immer wieder geradezu neugierig, als würde er dabei mit überraschenden Funden rechnen, durch seinen silbergrauen Bart streicht. Bart und ebenso silbergraue Haupthaare wirken wild bis verfilzt, was den Eindruck verstärkt, den ich mit der Bezeichnung „Alt-68er“ zu benennen versuche. Es wird nicht deutlich, ob dieses sich geradezu genüsslich durch den Vollbart streichen eine gewissermaßen eigene Geste des Mannes ist oder ob auch er bereits unbewusst den Therapeuten spiegelnd kopiert.

Dass ich mich unters Fenster neben den Therapeuten setze, will oder kann ich nicht als bezeichnend oder gar symptomatisch wahrnehmen. Wie mir später klar wird, geht es dabei gar nicht um meine vermeintliche Selbstüberhebung zum Co-Therapeuten oder dergleichen, sondern um eine Art symbiotische psychische Verschmelzung, wie ich sie unter Ausblendung jeden eigenen Antriebs in der Vorschulkindheit mit dem jeweils anwesendem Elternteil, vor allem mit meinem Vater erlebt habe. Das wird deutlich viele Monate später bei einem der einmal wöchentlich stattfindenden Gruppentreffen im Haus der Gesundheit. Dort hospitiert dann eine Mitarbeiterin eines Forschungsteams, eine Doktorandin oder dergleichen. Plötzlich habe ich das Gefühl, mir hätte jemand vor den Kopf geschlagen, ich müsste mir die Augen reiben, um im übertragenem Sinne völlig wach zu werden usw. Mit einem Ruck ist alles anders, alles fremd. Ich bemerke, dass die Hospitantin und Dr. R. dieses mein Erleben deutlich wahrnehmen und bedeutungsvolle Blicke tauschen, als wollten sie etwas sagen wie „Siehste – das isses!“ Die Blicke der Frau, die mich erreichen, sind von etwas wie Grauen erfüllt. Das Grundmotiv scheint angeschlagen – ich bin ein Monstrum.

Was geschieht? Dr. R. tritt völlig unerwartet aus seiner extrem passiven und abwartenden Haltung heraus, aus seinem unbestimmtem Verhalten, das seit Freud bewusst in therapeutischen Kontexten eingesetzt wird. Er spricht für alle überraschend mit geradezu leidenschaftlicher Emotionalität zu einem der beiden anderen Männer meiner Gruppe, der sich an einem entscheidendem Punkt seines Therapieprozesses befindet. Das plötzliche sichtbar und erlebbar Werden des Therapeuten als normaler Mensch löst bei mir das grässliche Gefühl völlig fremd werdender Wirklichkeit aus. Offenbar ist das mindestens merkwürdige sich geborgen Fühlen in der symbiotischen Verschmelzung mit einer Person mit unbestimmtem Verhalten eine, wenn nicht die Strategie meiner Bemühungen um Bewältigung der Realität. Auch das wird mir erst viele Jahre später klar, als dieser Therapieversuch längst beendet ist.

Jedoch bereits in dieser ersten Stunde in meiner ersten Therapiegruppe habe ich eine Art singuläres Erlebnis, das mit derartigen Phänomenen psychischen Geschehens zu tun hat. Der Therapeut hat es sich neben mir bequem gemacht in einer Art, die ich insgeheim bewundere. Insbesondere der Klang seiner Stimme zeigt, dass er völlig frei ist von der vor allem von Angst bestimmten Spannung, in der alle Klienten in einer Intensität verharren, dass es im Raum geradezu zu knistern scheint.

Dr. R. fragt mich nun, wie denn mein erster Eindruck von der Gruppe wäre. Ich erkläre sinngemäß, und das platzt zu meinem Erstaunen förmlich aus mir heraus, dass ich die Gruppe so weit ganz okay fände, nur hätte sie für meine Begriffe zu viele ältere Frauen. Nach einem kurzem Augenblick der Verblüffung lacht die ganze Gruppe lauthals los, was wiederum mich verblüfft, weil ich diese Reaktion nicht verstehe. Auch der Arzt schüttelt sich vor Lachen. Es ist das erste und letzte Mal zumindest im stationärem Abschnitt der Therapie, dass ich ihn mir gegenüber derart spontan und authentisch reagierend erlebe. Es ist das erste und letzte Mal zumindest im stationärem Abschnitt der Therapie, dass ich spontan und authentisch agiere und gewissermaßen als Mensch sichtbar werde. Von nun an verharre ich in unbestimmtem Verhalten, psychisch symbiotisch verschmolzen mit dem Therapeuten. Das wird mir nicht bewusst und es ist daher umso wirksamer.

Dann bittet Dr. R. meinen Mitklienten mit dem altenglisch kariertem Sakko, mich ins Männerhaus zu begleiten, damit ich meine Tasche abstellen könne. Das Männerhaus, offenbar der um- und ausgebaute Pferdestall der ehemals herrschaftlichen Erstbesitzer des Anwesens, steht an der südwestlichen Ecke des Geländes, das einen Sprung weit dahinter von einem ans Wasser führendem öffentlichem Weg durch einen Bretterzaun abgegrenzt wird.

Auf dem Weg dorthin sehe ich fast genau in der Mitte des Geländes einige Klienten um eine große Kreissäge herum stehen und angeregt diskutieren. Es handelt sich offenbar um die älteste der drei Gruppen, d. h., um die in der fünften und sechsten Woche an einem gemeinsamen Projekt arbeitende Gruppe. Diese Projekte sind häufig aus geschälten Halbstämmen hergestellte und in Kinderkrippen, -gärten und -heimen Berlins sehr begehrte Spielplatzobjekte wie „Piratenschiffe“, „Goldgräber-Hütten“ oder Klettergerüste.

Eine junge Frau fällt mir sofort auf. Sie hat ein helles, lautes, in meinen Ohren jubilierendes Lachen, das nicht von Erheiterung ausgelöst scheint, sondern einfach nur ungestümer Ausdruck jugendlicher Lebensfreude. Es ist mir peinlich, obwohl das natürlich niemand bemerkt, dass ich neuerlich in nicht nur von mir als sentimental oder gar kitschig empfundenen Redewendungen diesen berühmten wahren Kern wahrnehmen muss. Hier trifft das zu auf mein Empfinden, etwas in mir wäre durch dieses Lachen berührt worden, in Schwingung versetzt oder dergleichen. Mit einem Mal überkommt mich die geradezu stürmische Erwartung von glücklicher Erfüllung, mit der ich zumindest bewusst nicht im Geringstem gerechnet habe.

Das Mädchen trägt ein großes Kopftuch aus grünem, mit kleinen Blüten verziertem dickem Stoff, das mich seltsamerweise an Trümmerfrauen denken lässt. Jedenfalls ist es ein Oma-Tuch, das auch deshalb nicht zu dem Mädchen passt, weil ihr Gesicht Züge dieses Kindchenschemas aufweist. Unter dem Kopftuch lugt auf jeder Seite in etwa zwei Finger breiten Strähnen dickes, goldrotes, in der Sonne leuchtendes Haar hervor.

Einige Stunden später, in der Mittagspause, treffe ich das Mädchen wieder, als es sich über den Volleyballplatz neben dem zum Wasser führendem Weg am Haupthaus bewegt. Sie trägt jetzt kein Kopftuch und die Haare offen. So was habe ich bisher noch nicht gesehen. Ihre goldroten Haare verdecken in der Art eines dick gepolsterten Ponchos nicht nur Kopf und Schultern, sondern den größten Teil ihres Körpers bis unter das Gesäß. Natürlich bemerke ich auch den kleinen, runden Po, zumal die junge Frau dieses gewisse Androgyne hat. Das würde Männer kirre machen, wie Männer erklären, die sich mit dergleichen auszukennen überzeugend vorgeben. Aber der Anblick dieser goldroten Haarflut hat etwas unwirklich Traumhaftes, das mich in blödem Gaffen fast erstarren lässt. Überhaupt hat das Mädchen etwas Elfenhaftes und Koboldartiges, das ganz offensichtlich nicht nur bei mir den Eindruck entstehen lässt, für einen Moment wäre etwas zauberhaft-märchenhaft Literarisches in den Alltag eingebrochen und mehr als prosaische Realität geworden.

Kurzum – es hat mich voll erwischt. Zwar wird mir die Wahrnehmung des Ausagierens durch Pärchenbildung erst vermittelt in der dritten therapeutischen Gemeinschaft, in der ich anzukommen und zu landen versuche, aber ich könnte jetzt eigentlich meine Sachen packen und nach Hause fahren. Die Therapie ist hiermit im Grunde beendet, bevor sie wirklich angefangen hat. Andererseits habe ich in einem durchgearbeitetem Fachbuch eine Formulierung gefunden, die mich fasziniert lange vor dem Zeitpunkt, zu dem ich sie als zutreffend erlebe. Es heißt dort sinngemäß, Pärchenbildung in Gruppen, insbesondere in therapeutischen, wäre Ausdruck hoffnungsfroher Erwartung vor allem in der letzten, der Heilungsphase der Gruppenentwicklung. Mein Festhängen in ambivalenten oder sich gar ausschließenden Gefühlen und Gedanken ist jedoch unabhängig davon, dass ich es nicht verbalisieren kann, nichts Neues für mich.

Was ich nicht wahrnehme, und vielleicht nicht wahrnehmen kann, ist, dass dieses Mädchen für etwas steht. Auch diese beinahe einen Textbaustein darstellende Formulierung erlebe ich erst im übernächstem Therapieversuch, über ein Dutzend Jahre später und in einer anderen Lebenswelt. Dennoch empfinde ich ihren Inhalt als zutreffend auch oder erst recht in meinen ersten Stunden in Hirschgarten. Das Mädchen ist gewissermaßen die Personifizierung von Kindlichkeit im positivem Sinne, von Phantasie und Schöpfertum, von Spinnen und Dichten und Spielen. Sie steht in gewissem Sinn und Maß für ein anderes Leben, ein erfülltes Leben, erfüllt vor allem von Lebensfreude. Dass da was fehlt, ist mir meist nicht bewusst, eigentlich erst in diesen märchenhaft unwirklichen Momenten der Abweichung vom Normalem. Mir fällt meine Stiefmutter ein, die in unregelmäßigen Abständen empört wiederholt, der würde sich über gar nichts mehr freuen.

Zudem flüchte ich natürlich vor dem Kontakt mit der rothaarigen Vollfrau in meiner Gruppe, die mir vom Anfang an signalisiert, dass sie mir geneigt ist, und auch das ist mir nicht bewusst.

Schließlich bemerke ich nicht, dass mich das Mädchen an ein signifikantes Erlebnis der prägenden Phase der Kindheit erinnert. In meiner Vorschulzeit bin ich immer wieder wütend, weil Erwachsene mich immer wieder mit meiner vermeintlichen kleinen Freundin aufziehen. Das Mädchen verblüfft mich dadurch, dass sie sich im übertragenem, emotionalem Sinne nicht von mir weg knallen lässt, was mir fast immer gelingt bei Kindern und Erwachsenen, die mir nach meinem Empfinden zu sehr auf die Pelle rücken. Sie kommt immer wieder und bleibt dabei freundlich und zugewandt. Dies nicht, weil sie ein bisschen doof wäre, sondern, weil sie in einer Art und Intensität in sich ruht, die mir Angst macht.

Das Mädchen hat dicke rote Locken, die ihren Kopf wie ein Astronautenhelm umgeben und schon von weitem derart leuchten, dass selbst immer wieder weg Getretene wie ich aufmerksam, ja, aufgeschreckt werden. Dieses Mädchen aus meiner Vorschulzeit habe ich zur Zeit meines Landeversuchs in Hirschgarten jedoch völlig „vergessen“, und dies, obwohl ich es in meiner Abiturklasse im zweitem Halbjahr der Zehnten wiedertreffe. Das ist eher tragisch als tragikomisch. Ich bin ein Monstrum.