Ich könnte ohne Symbiose nicht leben (nicht nach Wencke Myhre)

Eines seiner Rituale ist, dass er am Ende jeder Stunde seinen Unterricht nicht einfach in der üblichen Weise abschließt, indem er sich verabschiedet und noch buchstäblich zwischen Tür und Angel ein paar Anweisungen gibt, etwa zum Öffnen der Fenster und dgl. Vielmehr zelebriert er eine Art kurzes Innehalten, das ich geradezu bestaunen würde, wenn ich in der Lage und bereit wäre, Gefühle derart offen und deutlich zu zeigen. Ich bemerke aber, dass auch etliche Mitschüler mitgehen in der Erwartung durchaus angenehmer Darbietungen jenseits des Stoffes.

Da er, wie es bei Vertretungen häufig der Fall ist, oft in der letzten Stunde unterrichtet, haben wir als erstes die Stühle hoch zu stellen. Er selbst stellt gleichfalls seinen Stuhl mit der Sitzfläche auf den Tisch, damit die Reinigungskräfte ungehindert den Fußboden säubern können. Dann stellt er behutsam, ja, beinahe genüsslich seine Aktentasche daneben. Allein die beeindruckt mich bereits, da sie zwar abgegriffen wirkt, aber wohl aus echtem Leder und handgearbeitet ist.

Er lehnt sich mit dem rechten Ellenbogen darauf, grient auf diese unvergleichliche Weise in die Runde und beginnt dann, mit einer weiteren Fähigkeit zu glänzen, die ihn schon fast zur Legende hat werden lassen. Dieses Grienen ist nicht etwa abfällig oder gar hämisch, sondern voller Vorfreude auf die sich gleich bietende Gelegenheit, sich nicht nur produzieren, sondern durch diese Produktion auch etwas geben zu können. Er spricht im Plauderton, aber rhetorisch gewandt, ja, nahezu druckreif, etliche persönliche Sätze abseits des Unterrichtsstoffes an die Klasse insgesamt sowie an einzelne Schüler. Dies ist umso erstaunlicher, als er nicht unser Klassenleiter ist, der gewissermaßen für solche nicht fachlichen Anmerkungen verantwortlich ist. Er ist nicht einmal einer „unserer“ Fachlehrer, sondern nur Vertretung.

Diese kurzen Ansprachen aber bewirken zweierlei und ganz augenfällig nicht nur bei mir. Erstens wird auch manchem Deutsch-Muffel klar, dass dieser Lehrer die Liebe zu seiner Muttersprache nicht nur als vorgeschriebene Pflichtübung praktiziert durch Abarbeiten des Unterrichtsstoffes. Zweitens erweist er sich durch diese von guter Beobachtungsgabe und psychologischem Geschick zeugenden Schlussworte als Erzieher, nicht nur als Fachlehrer, der Inhalte vermittelt. Von „Gruppendynamik“ ist dabei nie die Rede, aber mit der scheint er gut umgehen zu können.

Wenn man derart in sich drin sein könnte! Sich selbst derart genießen können, jede Handbewegung und jede gelungene Wendung im Vortrag, und gerade dadurch wirken und überzeugen können! Ich hoffe und erwarte immer noch, dass auch ich dergleichen als Erwachsener erleben werde. Nach wie vor scheint mir, dass es da draußen, im richtigem Leben, in der Welt der sogenannten Erwachsenen, Freiheiten geben wird, Möglichkeiten des Erlebens und Lebens, die ich nur erahnen kann.

Dieses Gefühl heftiger Verlockung und Erwartung steigt wieder auf, wie schwaches Würgen und unterdrücktes Jubeln. Es geht alles seinen Gang. Das wird schon, das kommt alles! In dem Bereich jedoch, den man mangels treffender Versuche der Benennung als ganz tief drin zu verorten pflegt, ahne ich zu dieser Zeit bereits, dass die Erwartung sich nicht erfüllen wird. Aber es gelingt mir sofort mühelos, diese Wahrnehmung zu verdrängen.

Dieser Lehrer, nennen wir ihn Herr S., weist schon in der ersten Stunde, in der er bei uns als Vertretung unterrichtet, ausdrücklich darauf hin, dass er eigentlich die Großen unterrichten würde, d. h., Schüler der achten bis zehnten Klasse. Deswegen bittet er darum, dass wir entschuldigen mögen, wenn er das mit den Anreden immer wieder durcheinander bringt und uns siezt. Am besten wäre es, wenn wir einfach darüber hinweg sehen bzw. hören und uns auf die fachlich-inhaltliche Aussage seiner Darlegungen konzentrieren.

Das fällt uns nicht immer leicht. Besonders die Mädchen reizt es natürlich zu angeblich mädchenhaftem Gekicher, plötzlich gesiezt zu werden. Zudem hat der Mann nicht nur diese gewisse Attraktivität jenseits von Schönheit, die bei Frauen anzukommen scheint. Das bemerke ich immerhin schon. Was diese Dinge angeht, bin ich denkbar unreif und blockiert. Der Mann ist bekannt als derjenige Lehrer, der bei seinen Kolleginnen beliebt ist, weil in seinem gewissermaßen altertümlich galantem Verhalten dem anderem Geschlecht gegenüber dessen echte Verehrung und Achtung sichtbar und wirksam wird.

Das allein macht mir schon Angst, die ich natürlich nicht wahrnehme und nicht wahrnehmen will. Das hat etwas von diesem geheimnisvollem Erwachsensein, das bald auch auf mich zukommt, spätestens mit der Jugendweihe, und dem ich trotz hochfahrender Hoffnungen sehr ambivalent entgegen sehe.

Kurzum, ich bin schwer beeindruckt. Ein Vorteil ist, dass zu dieser Zeit Deutsche Sprache und Literatur bereits zu meinen Lieblingsfächern gehört, so dass ich bei diesem Lehrer im positivem Sinne auffallen kann. Das dürfte, milde formuliert, zu dieser Zeit nicht in allen Unterrichtsfächern von mir gesagt werden.

In einer dieser letzten Stunden erlebe ich die kleine Episode, die mich schwer erschüttert und an die ich mich daher bezeichnenderweise als eine der heftigsten Irritationen meiner Schulzeit deutlich erinnere.

Zunächst macht Herr S. nur die üblichen ironischen Anmerkungen mir gegenüber, die aber immer freundlich und von Achtung dem Angegriffenem gegenüber geprägt sind.

„Sie machen… – Du machst das schon sehr gut!“, merkt er an, und grient. Aber seine Augen lächeln nicht.

Schon das macht mich stutzig. Ich verstehe nicht, was er meint. Ich bemerke jedoch, und dies bereits mit leisem Unbehagen, dass er das eben nicht bemerkt.

Dann verschwindet dieses freundliche Lächeln. Herr S. fordert mich auf, noch da zu bleiben, nachdem meine Klassenkameraden alle gegangen sein werden. Er unterlässt für dieses Mal seine üblichen abschließenden Worte an die Klasse, die wir mittlerweile als besonderen kleinen Höhepunkt zu schätzen gelernt haben.

Mit einem Wort – dicke Luft! Das bemerken natürlich auch meine Mitschüler, die ungewohnt schnell und geräuschlos und vor allem ohne die üblichen unbeholfenen Versuche, auf sein gekonntes verbales Geplänkel einzugehen, den Raum verlassen.

Mir geht die Muffe eins zu tausend. Es ist idiotisch, aber ich erwarte ernsthaft tätliche Bestrafung. Eine Vorstellung, die aus mehreren Gründen beinahe wahnhaft ist, die aber etwas mit meinem Vater zu tun hat, woran ich in diesem Moment allerdings überhaupt nicht denke. Vor allem aber weiß ich immer noch nicht, worum es eigentlich geht. Ich bin mir keiner Verfehlung bewusst.

Herr S. scheint zu meiner Verblüffung ernsthaft getroffen und wütend. Er fasst mein Verhalten offensichtlich als absichtsvolle Provokation auf, mit dem ich seine typische Haltung gewissermaßen spiegelbildlich nachahme. Ich habe meine Mappe neben den hoch gestellten Stuhl gelehnt, meinen Ellenbogen darauf gelegt und mich um dieses weltmännische Lächeln bemüht, mit dem Herr S. die Leute für sich einzunehmen weiß.

Die eigentliche Pointe aber ist, dass ich diese Handlungen nicht nur nicht absichtlich oder gar provokativ ausgeführt habe – ich habe sie gar nicht bemerkt. Die von Herrn S. offenbar als von mir bewusst in der Manier eines Möchtegerne-Eulenspiegels nachgeahmte Einnahme seiner Haltung ist geradezu reflektorisch abgelaufen, wie einer meiner Tics wie etwa das Brille rücken…

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