Ich huste Euch was

Es gibt beim Husten mehrere Phasen, die nicht nur ich zu unterscheiden vermag. Zunächst tritt der Husten nur sporadisch auf, sozusagen überraschend. Er ist jetzt noch kaum zu unterscheiden vom Husten etwa beim Verschlucken oder beim sich Räuspern. Dann beginnt die quälende Phase. In zunehmend kürzeren und schließlich regelmäßigen Abständen belle ich, wie mein Vater halb belustigt, halb mitleidig zu sagen pflegt. Häufig kommen mir vor Wut besonders nachts die Tränen, weil ich nicht mehr husten will, aber husten muss. Hinzu kommt, dass mir im Laufe der Jahre derartige Mengen krampf- und schleimlösender Medikamente verabfolgt werden, dass die für den Durchschnittsbürger des Ost-Blocks erreichbaren Präparate kaum noch lindernd wirken. Schließlich aber erreiche ich die beglückende dritte Phase des Hustens. Es löst sich was in der Lunge, wie meine Mutter das nennt. Die Genesungsphase mit der wohligen Ermattung beim Abklingen des Fiebers beginnt.

Diese Phase ist oft damit verbunden, dass ich eine Art Galgenhumor entwickle. Erwachsene nehmen ihn mit einer Art verblüffter Anerkennung wahr. Aus Gründen, an die ich mich nicht erinnern kann, ist einmal ein Maler in unserer Wohnung zu Gange. Normaler Weise führt mein Vater alle Renovierungsarbeiten selbst aus. Meine Mutter beauftragt mich nun, den Maler, der in meinem Zimmer bei der Arbeit ist, zum Mittagessen einzuladen. Ich versuche das mit einer sehr sorgfältig artikulierten Formulierung. Im Hinterkopf habe ich dabei die ständigen Vorwürfe meines Vaters über mein „Genuschel“. An den genauen Wortlaut entsinne ich mich nicht mehr. Ich deklamiere etwas wie „Du sollst in die Küche kommen, das alte Mädchen hat die Pfanne heiß!“ Diese Formulierung habe ich irgendwo aufgeschnappt. Vermutlich kenne ich sie von einem der seltenen Besuche bei anderen Familien, in deren Wohnzimmer bereits eines dieser Fernsehgeräte steht.

Der Maler lacht verblüfft. Meine Mutter und mein Vater tun es ihm später nach. Ich merke durchaus, was da geschieht. Auch das ist kein nachträgliches hinein Deuten. Ich vermag den Sachverhalt zwar noch nicht klar auszudrücken, empfinde ihn aber deutlich. Irgend etwas spreche ich an, was die großen Leute förmlich aufscheucht. Vermutlich hat es etwas mit dieser komischen Sexualität zu tun. Auch scheine ich einmal als das pfiffige Kerlchen zu agieren, das zu sein insbesondere mein Vater immer wieder vergeblich von mir erwartet.

Derartige mich selbst überraschende Teilnahme am Geschehen entwickle ich regelmäßig in diesen Genesungsphasen. Ich habe keine Geschwister und besuche keine Kinderkrippe und keinen Kindergarten. Mein Tagesablauf besteht in großen Teilen in der Bewältigung dieser in Wellen wiederkehrenden Erkrankungen. Ich absolviere sie wie Bergsteigen oder sich einen Weg durch einen Dschungel bahnen. Am Ende ist dann immer dieses wie eine kleine Geburt anmutende Auftauchen aus Schmerz und Fieber. Meist sehne ich es sogar herbei, wenn ich wieder einmal in der Phase des Bellens bin. In gewissem Masse genieße ich dieses Auftauchen.

Krankheit ist ein wesentlicher, vielleicht der bestimmende Teil meiner Kindheit bis etwa zur dritten Klasse. Auch durch die häufigen Erkrankungen ist meine gewohnte Perspektive beim Blick auf die Welt die vom Bett aus. In diesem Bett verbringe ich insgesamt bestimmt vier Jahre meiner Vorschulkindheit; hustend, niesend und fiebernd.

Seltsamer Weise habe ich keine einzige sogenannte Kinderkrankheit. Erst mit etwa zehn Jahren bekomme ich die Masern, die sehr wahrscheinlich ausgelöst werden durch die Impfung mit Lebendvakzinen. Ich leide unter sogenannten Erkrankungen der Atemwege. Recht früh kenne ich den Begriff „chronische Bronchitis“. Häufig habe ich auch Lungenentzündung. Kinder haben in der DDR vier Pflichtimpfungen gegen Diphterie, Keuchhusten und Wundstarrkrampf zu absolvieren. Ich erhalte diese kombinierte Impfung bis zum 14. Lebensjahr insgesamt 12 Mal. Einmal kommt der bis zu mir durchdringende Verdacht auf, dass infolge der häufigen Gaben Penicillin keine hinreichende Wirkung mehr bei mir hat. Das erweist sich kurze Zeit später als unzutreffend. Ich soll irgendwann in meiner Vorschulkindheit zur Kur fahren, bin aber nicht transportfähig. Man kann bei mir die Rippen zählen, wie meine Mutter oft halb spöttisch, halb mitleidig sagt.

Möglicherweise reagiert mein System „Körper-Psyche-Energiefeld“ gewissermaßen ortsgebunden. Würde ich beispielsweise in einem Zentrum der Chemieindustrie wie Bitterfeld aufwachsen, könnte ich etwa schlecht heilenden Hautausschlag entwickeln. Vielleicht klingt dieser Gedanke an den Haaren herbei gezogen, aber er kommt mir immer wieder.

Hier jedoch ist die Luft eisenhaltig. Unzählige Male schimpft meine Mutter darüber. Jeden Tag würde sie die Fensterbretter wischen und abends würde wieder eine hauchdünne Schicht winziger, metallisch glitzernder Staubkörnchen darauf liegen. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Vor meinem geistigem Auge sehe ich einen Wischlappen mit glitzerndem Belag, den ich eher romantisch finde. Wir wohnen am nördlichem Rand der Stadt und wenige Minuten Fußweg von unserem Wohnblock entfernt beginnt die Werkstraße. Diese Werkstraße führt in einem kilometerlangem Bogen zum Haupteingang des Hüttenwerkes, das der Stadt den Namen gibt und das auch unter Nach-Wende-Maßstäben das größte Industrieunternehmen des Landes darstellt.

Durch die häufigen Erkrankungen erzwinge ich Zuwendung. Dieser Mechanismus entwickelt sich jedoch paradox. Da mein Husten sozusagen dazu gehört, werden die üblichen Maßnahmen ergriffen und ich werde ansonsten in Ruhe gelassen. Manchmal kommen Wochen lang jeden Tag nur drei oder vier Mal für ein paar Minuten Erwachsene ins Zimmer, meist die Mutter, oft der Vater. Regelmäßig erscheinen Schwestern und Ärzte, untersuchen mich und verschreiben mir zahlreiche, meist übel schmeckende Präparate. Nach einer alten Volksweisheit wirken sie angeblich gut, weil sie nicht gut riechen und schmecken. Ich kann das nicht bestätigen, schlucke aber brav alle Pillen und Mixturen. Ansonsten dämmere und döse ich vor mich hin.

Bei meinen Erkrankungen erlebe ich immer wieder dieses Phänomen des mir vom Schaukeln im Sessel bekannten in gewissem Sinne präsent Werdens. Ich huste mich sozusagen in die Gegenwart hinein. Dann beginnt mit dem Abklingen des größten Fieberschubes die körperliche Gesundung und vor allem diese Art geistige Erdung. Möglicherweise zeigt sich hier der Sinn des Symptoms. Für einige Augenblicke fühle ich mich präsent und berechtigt dazu.

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Meine sich aus diesen Umständen ergebende und für das weitere Leben grundlegende Prägung oder gar Konditionierung besteht darin, dass ich meine mit Wach-, Fieber- und Schlafträumen erfüllte Innenwelt als das Wesentliche im Leben wahrnehme. Die Welt da draußen scheint dagegen eine Art Kulisse darzustellen, in der lästige, aber nicht zu umgehende Pflichtübungen zu absolvieren sind. Diese Prägung ist nicht nur nicht typisch für unsere sozialistischen Menschen, sondern für abendländische Verhaltensmuster überhaupt. Ich bin von Anfang auf meine Innenwelt fokussiert, auf Kontemplation, nicht auf Handeln in der Welt da draußen.

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