Hirschgarten – Sechs

In jedem Bereich menschlichen Lebens gibt es in begrenztem Umfang eine Art eigene Sprache. Dies natürlich erst recht in psychotherapeutischen Lebens-, weil Arbeitswelten, in denen Sprache sozusagen ein Werkzeug täglicher Tätigkeit ist.

Eine beinahe stehende Redewendung im St.-Josephs-Krankenhaus lautet: „Nehmen Sie das rein, lassen Sie das stehen!“ In der dynamischen Psychiatrie höre ich unzählige Male, und nicht nur ich: „Das ist was ganz Altes – bringen Sie das in die Gruppe!“ In Berlin-Hirschgarten heißt es: „Bleiben Sie hier im Raum!“

Natürlich weiß ich, was diese manchmal beinahe zur Standardisierung geeignet erscheinenden Textbausteine zu bedeuten haben und natürlich nützt mein Wissen niemandem etwas, zumal es, natürlich, geheim ist.

Die Aufforderung, es rein zu nehmen, bezieht sich auf den typischen Widerstand, der Deutungen und Interpretationen durch Therapeuten und Klienten entgegengesetzt wird. Ich stelle zu meiner Verblüffung fest, dass es Menschen gibt, und offenbar nicht wenige, die in ihrem ganzem Leben noch nie gewissermaßen adäquat gespiegelt worden sind. Inwiefern das auf mich selbst zutrifft, ist mir natürlich nicht klar.

Als konstruiertes Beispiel ist eine Frau vierzig Jahre lang überzeugt, sich für Andere aufzuopfern. Die Beschreibung dieses ihres Selbstbildes wiederholt sie nun so lange, so oft und so energisch in der Therapie, dass selbst mit emotionaler Intelligenz defizitär ausgestattete Mitklienten wie ich mindestens misstrauisch werden. Im Alltag der Station oder Klinik ergibt sich ein Bild der Frau, das von ihrer Selbstdarstellung erheblich abweicht. Nachdem ihr zum erstem Mal im Leben und im geschütztem Rahmen rückgemeldet worden ist, dass sie herrschsüchtig ist und unsensibel über andere Menschen drüber brettert, läuft diese Frau dann im schlimmsten Fall zu Radiosendern und Zeitungsredaktionen, um empört zu berichten, dass sie in eine Sekte geraten wäre, in der Gehirnwäsche stattfindet usw. usf.

Das ist Widerstand sowohl im alltagssprachlichem Sinne als auch in dem der therapeutischen Sprachwelt. Mit dem beinahe in einer Art stereotypen herunter Betens wiederholtem Satz „Nehmen Sie das rein, lassen Sie das stehen!“ wird dieser Widerstand zu durchbrechen versucht. Das leuchtet ein, auch oder sogar mir. Wenn ich allerdings selbst dran bin, entwickle ich erheblichen Widerstand, bin gekränkt, getroffen, wütend.

Mir scheint jedoch, als würden es sehr viele Menschen als verletzenden Angriff empfinden, adäquate Rückmeldungen über ihr Wesen und Verhalten zu erleben. Warum aber sind diese Rückmeldungen nicht früher möglich, vor allem in der Familie, in der Schule, im Betrieb? Wäre das nicht eine Schule, in der wirklich fürs Leben gelernt wird? Warum sind dazu offenbar geschützte Milieus wie Klapsmühlen und Beklopptenvereine nötig, die ohnehin oft erst dann, und oft widerwillig, aufgesucht werden, wenn körperliche und psychische Beschwerden nicht mehr zu ignorieren sind?

Diese Fragen kommen schon sehr früh in mir auf, aber ich stelle sie nie laut. Dies nicht nur, weil sie natürlich geheim sind, sondern weil sie mir immer wieder ungeheuerlich erscheinen und vielleicht doch aus störungsspezifischen Symptomen wie Größenwahn und Theoriebildung resultierend. Dass das Verhaltenssymptom eher aus diesen Befürchtungen bestehen könnte, wird mir nicht klar.

Dieses „Das ist was ganz Altes – bringen Sie das in die Gruppe!“ der Dynamischen Psychiatrie, insbesondere im von mir so genanntem Haus der ewigen Kindheit, der Klinik Menterschwaige, beschreibt eine Arbeitsgrundlage dieser Therapieform- oder Schule oder Richtung. Die therapeutische Floskel weist auf den Ursprung von Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern des angesprochenen Klienten in der frühen Kindheit, in einer Zeit vor den Worten. Diese Muster sind daher nicht mehr nur mit Worten veränderbar, weswegen, unter anderem, viele nonverbale therapeutische Angebote in die Behandlung integriert sind.

Unter anderem deshalb wird von Frühstörungen gesprochen, die heute den größten Teil der psychotherapeutischen Klientel ausmachen. Zu Freuds Zeiten waren das die Neurotiker, bei denen eine Redekur, Zitat Freud, oft oder gar meist ausreicht, um Symptome auszuräumen.

Ich lese eine in diesen Zusammenhang passende Fallgeschichte, die mich stark beeindruckt. Ein Mann mit jahrelangen Asthma-Anfällen stellt in der Analyse, der Redekur, nach vielen Gesprächen überrascht fest, dass er diese Anfälle besonders häufig oder gar fast immer in der Wohnung der Schwiegereltern erleidet. Einige Sitzungen später wird ihm klar, dass ihn der Schwiegervater schon oder gerade in Kleinigkeiten an Personen seiner Vergangenheit erinnert, insbesondere der Kindheit, die er als verbietend, unterdrückend und ungerecht strafend erlebt hat, etwa den Vater und einen Vorgesetzten. Nach dieser Einsicht nach einigen Wochen therapeutischer Arbeit bleiben die Asthma-Anfälle aus.

Dies ist natürlich ein geradezu idealtypisches Fallbeispiel, das ich bei Dr. Höck geleast habe. So was wünsche ich mir jedoch für mich. Trotz meines völligen Mangels an Ehrgeiz, der mir ohnehin erst sehr viel später klar, genauer gesagt, klar gemacht wird, gebärde ich mich hier als eine Art Musterschüler, der eine lehrbuchreife Therapie absolvieren möchte. Gelingt mir diese nicht, setzt das sozusagen negative Pendant zum Größenwahn ein – ich kasteie mich zumindest mental selbst als totaler Versager.