Hirschgarten – Eins

Ich umkreise das Ost-Berliner „Haus der Gesundheit“ in immer engerem Radius, und nach dem drittem oder viertem Anlauf betrete ich es. Die Schwester in der Anmeldung im Erdgeschoss reagiert, wie ich es erwartet habe. Sie ist mindestens erstaunt. Sie scheint ohne Worte die Frage formulieren zu wollen: „Was will der denn in der Psychotherapie?“

Nachdem mein märchenhaftes Stiefmütterchen mich bei meinem letztem Urlaub von der Fahne quasi vor die Tür gesetzt hat, habe ich den Kontakt zu meinen Eltern nicht einmal wirklich abgebrochen, sondern einfach sein lassen. Es gibt nichts zu sagen und ich will nichts sagen. Alles nur geträumt. Ich könnte selbst nicht sagen, ob ich erwarte, dass meine Eltern sich nach mir erkundigen würden, aber sie tun es ohnehin nicht. Zu dieser Zeit ist mir noch nicht klar, dass sie gar nicht anders können, weil sie das nicht anders kennen.

Immer mehr des halben Dutzends Freunde verschwinden aus meinem Gesichtsfeld, indem sie heiraten, zum Studium weg ziehen usw. Zudem unternehme ich nichts Vernünftiges mit ihnen, sondern wir gehen fast immer nur bechern. Diese Kontakte sind alle aus der Armeezeit und nicht auf meine Initiative zustande gekommen. Es hat sich so ergeben. Es geht alles seinen Gang!

Im Betrieb versichert man mir immer wieder, dass man eigentlich mit mir zufrieden wäre, im Großen und Ganzem. Ich bin jedoch mit meiner Arbeit völlig unzufrieden. Das liegt zum Teil an einem unterschwelligem dumpfem Unbehagen, das ich zu verdrängen versuche, meistens erfolgreich. Vor allem aber unterlaufen mir ständig alberne und dumme Schusselfehler, die ich mir nicht erklären kann. Ich habe trotz der Rückmeldungen von Leitern und Kollegen das deutliche Empfinden, bei einfachsten Tätigkeiten zu versagen.

Mich um die Aufnahme eines Studiums zu bemühen, habe ich längst innerlich abgehakt und auch das ist mir nicht bewusst.

Meine Wohnung sieht nach wie vor aus wie eine Gerümpelkammer, obwohl ich inzwischen über einen Mietvertrag verfüge. Über die Tagesgenossen aus meiner Armeezeit und den werktäglichen Umgang mit meinen Kollegen hinaus habe ich keine Kontakte, auch nicht oder erst recht nicht im Haus meiner Prenzlauerberghütte.

Schließlich hat meine Freundin ultimativ gefordert, dass ich etwas tun müsste, etwa eine Therapie beginnen oder zumindest einen Psychologen aufsuchen, andernfalls sie sich von mir trennen würde.

Ich bin nicht fähig, mich aus dieser Situation selbst heraus zu arbeiten. Ich begreife vielmehr nicht nur nicht, wie mir geschieht, sondern blende meine selbst erschaffene Kleinwelt in der Weise aus, wie ich es erlernt habe. Ich verdränge die sogenannte Realität und schwelge nach der Arbeit stundenlang auf der nicht analytischen Couch in Wachphantasien mit Musikbegleitung, wie ich es jahrelang in einem Wohnzimmersessel schaukelnd während meiner Kindheit getan habe.

Kurz gesagt müsste ich, als ich schließlich tatsächlich zum Psychologen gehe, mich eigentlich hin setzen und losheulen. Dass ich eben dies nicht kann und dass vor allem mein Unvermögen zu angemessener emotionaler Reaktion überhaupt eines meiner Grundprobleme sein könnte, ist mir nicht bewusst. Ein paar Wochen später wird ein Therapeut in der Großgruppe der stationären Abteilung sich theatralisch übertrieben die Haare raufen und in halb gespielter Verzweiflung ausrufen: „Herr Koske – Kopf, Kopf, Kopf!“ Ich lache zwar wie viele meiner Mitklienten über die spontane theatertherapeutische Einlage, begreife aber nicht wirklich, was gemeint ist.

Bei meinem drittem Therapieversuch fünfzehn Jahre und eine Lebenswelt später lese ich bei Ammon etwas von emotionalen Fassaden und Klienten, die gesünder als gesund erscheinen. Mir fällt bei dieser Lektüre mein erster Kontakt mit Psycho-Club im Haus der Gesundheit ein. Eigentlich ist die Kacke am Dampfen, aber die Fassade auf Hochglanz. Wieso will der denn zur Therapie?

Das Haus der Gesundheit hat was. Das ganze Gebäude strahlt etwas wiederum in Worten schwer zu erfassendes Atmosphärisches aus, das deutlich positiv getönt ist. Ich scheine hier richtig zu sein in dem Sinne, dass diese Atmosphäre die realistische Verheißung von Helle, Weite, von ins Freie kommen hat. Das erleichtert es mir wahrzunehmen, dass ich irgendwie festsitze, was ich allerdings abstreiten, wenn mich jemand darauf ansprechen würde.

Die psychotherapeutische Abteilung befindet sich im oberstem Geschoss. Der für die Aufnahme zuständige Oberarzt erinnert mich äußerlich an Anthony Quinn in der Rolle des Sorbas. Jedenfalls hat er etwas dem Klischee entsprechendes Südländisch-Leidenschaftliches, das dem Klischee des Seelenklempners nicht entspricht. Er hat etwas Begütigendes und Beschwichtigendes in seinem Verhalten mir gegenüber, das mir gut tut. Gleichzeitig scheint er fast unmerklich belustigt über mein hektisches und verwirrtes Erscheinen. Diese leise Erheiterung habe ich zwar erwartet, weil ich sie kenne aus vielen anderen Situationen, in denen ich fremd bin, aber sie ärgert mich trotzdem.

Der Arzt sagt dann auch nach einiger Zeit in einem Ton, mit dem er mitteilen zu wollen scheint, es wäre alles halb so schlimm und man würde das schon noch hinkriegen: „Sie sind wohl etwas wirr im Kopf!“ Seine abschließende Bemerkung jedoch ist: „Sie kommen wohl weder mit Männern noch mit Frauen klar, ich stecke Sie mal in die gemischte Gruppe!“ Ich verstehe kein Wort, fühle mich aber angenehm erregt im Mittelpunkt seltsamen, aber wichtigen Geschehens.

Ich bin verblüfft, dass ich schon nach einem erstem Gespräch wie selbstverständlich für die sechswöchige stationäre Therapie eingeplant werde. Weil dieses aus einer Art innerem Gefängnis heraus Kommen nun endgültig gesichert scheint, bin ich jedoch gleichzeitig erleichtert. Auch das würde ich nicht zugeben können, würde man mich darauf ansprechen.

Schließlich aber, und diese scheint meine stärkste Empfindung nach diesem Erstkontakt, bin ich enttäuscht. Ich habe vor meinem Gang ins HdG die „Neurosenlehre und Psychotherapie“ von Höck und König aufmerksam gelesen. Dr. Höck ist der Chefarzt der psychotherapeutischen Abteilung. Was ich nicht bemerke, ist das Typische dieser Lektüre, das bereits eine Art Verhaltenssymptom darstellt. Da ich auf der sachlichen Ebene sehr gut informiert bin, erübrigen sich Bemühungen auf der Beziehungsebene. „Ihr könnt mich – ich weiß schon alles!“ Auch dieser seelische Mechanismus, dem ich schon des Öfteren erlegen bin, etwa als Schulanfänger, bleibt natürlich unbewusst.

Die Thesen und Definitionen in diesem als Standardwerk geltendem Fachbuch überzeugen auch oder gerade mich als Laien. Die Neurosendefinition kann ich auswendig – „Erlebnisbedingte Störung der Person-Umwelt-Beziehung mit körperlicher und/oder psychischer Symptomatik von Krankheitswert“. „Erlebnisbedingt“ bedeutet, nicht durch Infektion, Unfall usw. hervorgerufen. Dabei ist die Person-Umwelt-Beziehung das Entscheidende, nicht die genetische Disposition, der körperliche Allgemeinzustand, die Vorerkrankungen usw. Es müssen zudem Symptome auftreten und schließlich müssen diese Krankheitswert besitzen, d. h., es muss Leidensdruck bestehen. Manche Menschen haben zwar deutliche Defizite im Zwischenmenschlichem, entwickeln aber keine Beschwerden und somit auch keinen Leidensdruck. Es scheint ihnen gelungen, sich ein Milieu zu schaffen, das ihren frühen Prägungen und Konditionierungen entspricht, die unter anderen Umständen zur Entwicklung einer Symptomatik führen könnten oder gar müssten.

In diesem Buch steht aber auch etwas über Kontraindikationen zur Psychotherapie, insbesondere zur stationären. Eine Kontraindikation wäre fehlender Leidensdruck, d. h. zum Beispiel, das zur Therapie gewissermaßen durch Dritte delegiert worden sein ohne eigenen Antrieb.

Ich bin quasi geschickt worden, weil meine Freundin mir die Pistole auf die Brust setzt. Anfangs noch halb scherzhaft, dann aber immer dringlicher und schließlich ultimativ fordernd legt sie mir in immer kürzeren Abständen nahe, mich um professionelle Hilfe zu bemühen, andernfalls sie Schluss machen würde.

Dennoch werde ich nach ersten Gesprächen für die stationäre Therapie eingeplant. Das enttäuscht mich, weil es nicht vollkommen lehrbuchgerecht scheint. Dabei blende ich eine andere wichtige Feststellung des Buches aus, die ich sehr wohl gelesen habe. Bei vorwiegend hysterisch Strukturierten würde die Symptomatik meist ausgelöst durch drohenden oder tatsächlichen Partnerverlust. Auch dies trifft buchstäblich zu, aber das bemerke ich nicht.

Zudem hat mein Verhalten etwas Stasimäßig-Kontrollierendes, in dessen Ausagieren ich als Hundertprozentiger die rote Linie prüfen zu wollen scheine. Hier zeigt sich jedoch diese gewisse Ausstrahlung eines Genossen Tschekisten, obwohl ich nicht im Geringsten beidastasi angebunden bin. Es wirken offenbar psychische Mechanismen, nicht Fakten der sogenannten Realität. Auch dies bleibt mir völlig unbewusst.

Nach einem kurzen einführendem und vor dem zusammenfassend abschließendem Gespräch schickt mich der Oberarzt zum Anamnese-Gespräch mit einer Diplom-Psychologin. Ohne auch nur im Ansatz dick oder fett zu sein, ist die Frau kräftig, was wie immer bei der Begegnung mit derartigen Vollfrauen Ängste in mir auslöst, die ich nicht wahrhaben kann und will.

Zudem ist die Psychologin mir unsympathisch, weil sie mir nicht zu trauen scheint. Nach der freundlichen Begrüßung durch den Oberarzt wird ein Muster meines Erlebens reproduziert, indem eine offizielle Person oder ein Amtsinhaber nicht wirklich etwas mit mir anfangen zu können scheint. Dies hat jedoch paradoxerweise zur Folge, dass ich in diesem Gespräch besonders aufmerksam und gewissenhaft bin.

Die Frau fragt mich unter anderem, ob ich während der Pubertät mit gleichaltrigen Jungen Spiele wie Weit- und Zielpinkeln sowie Masturbier-Wettbewerbe in der Gruppe ausgeführt hätte. Ich glaube, meinen Ohren nicht trauen zu können. Während ich seit meinem Erscheinen auf der Etage rede wie ein Wasserfall, bin ich für einige Augenblicke sprachlos. Zudem bin ich auch hier enttäuscht, weil die Frau zu meinem Entsetzen das fürchterliche Klischee zu bestätigen scheint, dass die Beklopptendoktoren alle selbst Einen an der Waffel haben.

Erst etliche Jahre später wird mir klar, dass die Psychologin auf ein trauriges Defizit verwiesen hat. Schon seit der körperlichen Pubertät scheine ich derart weg getreten, dass ich Entwicklungsschritte und die dabei normalen, alters- und reifegemäßen Empfindungen und Handlungen nicht nur habe ausfallen lassen, sondern sie tragikomischer Weise gar nicht kenne und allein den Gedanken daran empört von mir weise.