Hirschgarten – Drei

Ich kenne das Gelände nur vom Hörensagen, d. h., vor allem von der Lektüre eines Artikels in der Zeitschrift „Deine Gesundheit“. In der Reportage ist von einem parkartigem großem Grundstück die Rede bzw. Schrift. Zudem merkt einer der interviewten Klienten der Station sinngemäß an, er wolle nun in seinem normalem Umfeld, insbesondere dem beruflichem, behutsam eine aufrichtige und vertrauensvolle Atmosphäre zu erzeugen versuchen.

Das beeindruckt mich und gibt mir den letzten Anstoß, endlich etwas zu machen und zum Beklopptenverein ins Haus der Gesundheit zu gehen. Erst einige Zeit nach der Wende wird mir bewusst, was der Mann da eigentlich gesagt hat und dass es gewissermaßen subtil subversiv ist. Er hat mit seiner Äußerung unterstellt, dass eine solche Atmosphäre in seinem sozialistischem Kollektiv nicht vorhanden wäre, was offiziellen Verlautbarungen über unsere Menschen konträr entgegen gesetzt ist.

Wie immer in diesem Kontext kommt mir auch hier das Gruseln nachträglich. Es ist sehr wahrscheinlich, dass im Haus der Gesundheit inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit zugange sind. Ich lese jedoch nach der Wende zu meiner Verblüffung in einer Zeitung, dass in der stationären Abteilung in Hirschgarten auch ein Offizier im besonderem Einsatz gearbeitet hätte. Dann fällt mir diese Frau mit raspelkurzem Bürstenhaarschnitt ein. Sie trägt vor allem einen dieser legendären Leder-Mäntel, die man als eine Art Kult bezeichnen würde, wenn das Wort „Kult“ nicht eine typische Vokabel des Gegners wäre. Offenbar ist es ein echter Mantel der sowjetischen Tscheka. Hier zeigt sich wieder die berüchtigte Schere im Kopf, indem ich Details an Menschen und Dingen wahrnehme, die mich durchaus aufmerken lassen, die ich aber sofort verdränge und deren Einordnung oder gar Wertung ich wie selbstverständlich vermeide.

Das ist paradoxe Dialektik, die von den Nossinnunnossen eher nicht gesehen wird. Ihrem Namen entsprechend haben bewusste Vertreter der Arbeiterklasse kein Unbewusstes. Unsere Menschen haben überhaupt und grundsätzlich keine Neurosen, vielmehr handelt es sich um Überbleibsel der alten Gesellschaft, die wir im Zuge unserer gesetzmäßigen Entwicklung überwinden werden usw. Trotzdem ist in einer kleinen therapeutischen Station mit höchstens 30 Patienten und ebenso viel Mitarbeitern, einschließlich Sekretärin und Hausmeister, ein OibE zugange.

Jemand muss in seinem offiziell nicht vorhandenem Unbewusstem gespürt haben, dass diese Station verdächtiger sein könnte als etwa eine Horde Skinheads oder Grufties. Minister Mielke spricht von „Schiehänds“ und „Gruffits“, wie ich der lawinenartig auf den Rezipienten einstürzenden Flut von Enthüllungs-Reportagen nach der Wende entnehme. Die Glatzen sind für die Genossen Tschekisten ohnehin Brüder im Geiste, weil symbiotische Verschmelzung in der Gruppe als Abwehr im klassisch-freudianisch analytischem Sinne gegen die psychischen Auswirkungen der Umbrüche des XX. Jahrhunderts anstrebend.

Alles das aber kommt später, als es die Station nicht mehr gibt. Jetzt stehe ich wütend und schwitzend vor dem Eingang zum Klinikgelände und sehe meine Erwartungen weit übertroffen. Dies ist nicht nur ein parkartiges Grundstück, es ist eine Idylle, die ich vielleicht gar kitschig nennen müsste, würde ich sie etwa auf einer Postkarte sehen. Aber ich habe sie real vor Augen. Allein der Garten rechts vom Eingang ist deutlich größer als die meisten der Schrebergärten, an denen ich auch auf dem Weg zur Klinik vorbei gekommen bin. Das Hauptgebäude ist eine Art große Doppelhaushälfte, die wie aus der spätbürgerlichen Kulisse eines Films wie etwa „Der Leidensweg“ nach Alexej Tolstoi erscheint. Das Gelände ist leicht abfallend und durch parkartigen und an einigen Stellen urwaldartigen Bewuchs sehe ich das Wasser der Dahme-Spree im hochsommerlichen Septembersonnenschein blinken. Am Wasser gibt es Bänke und ungewöhnlich geformte Lampen. Ein Bootssteg führt in den schmalen Flussarm.

Fast in der Mitte des Geländes, neben einer Art Baracke aus Holz, offenbar dem im Artikel in „Deine Gesundheit“ erwähntem Raum für therapeutische Übungen und Großgruppensitzungen, sehe ich durch dichtes Laub gar eine künstliche Ruine. Neben der Baracke wächst ein Birnbaum, dessen Früchte bald reif sind. Verschlungene Wege führen durchs Gelände und viele der Sträucher und Bäumchen sind offensichtlich bewusst angepflanzt worden wie von einem Landschaftsgärtner. Große Kugellampen mit Milchglas stehen an den Wegen, neben einigen Bänken. Man sieht zudem einige Ergebnisse von Gruppenprojekten, etwa einen großen Marterpfahl. Rechts neben dem Eingang zum Grundstück, fast genau in der Mitte zwischen Haupthaus, Gruppenbaracke und Eingang, steht ein sehr großer Baum. Eine Eiche, wenn ich mich recht entsinne, die das vordere Gelände an der Straße majestätisch beherrscht.

Kurzum – ein Stück Paradies, das bereits durch seine auf den ersten Blick erkennbaren Details heilsam wirken muss. Ich denke aber keineswegs an Kur und Sanatorium und dgl. Vielmehr scheint mir, dass ich etwas gefunden hätte, von dem mir nicht klar ist, dass ich es suche.

Im Haupthaus verstärken sich die bisher erlebten Eindrücke. Hier gibt es sogar diese weißlackierten Treppengeländer und Einbauschränke auf den Etagen und in den Zwischengeschossen, die Thomas Mann in mehreren Werken beschreibt. Die kleinen Wandschränke im Treppenhaus sind alle offen und werden als Regale genutzt, in denen offenbar in den Therapien angefertigte Exponate aus Papier, Holz und Ton stehen. Beim Anblick der ausgestellten Stücke scheint mir, dass ich, wieder einmal und selbst oder gerade hier, nicht nur Mittelmaß, sondern noch darunter bin. Ich frage mich, warum bei Leuten, die derlei kleine Kunstwerke zustande bringen, psychische Probleme derart eskalieren, dass sie in eine stationäre Therapie gehen. Ich bin mir sicher, dass ich, wenn ich so was zustande bringen würde, quasi Therapie erfolgreich absolviert hätte.

Alle diese Gedanken und Gefühle spreche ich nie und nirgends aus. Erst etliche Jahre später wird mir klar, dass dies einer der wesentlichen Gründe dafür sein dürfte, dass ich die Therapie nicht als erfolgreich empfinden kann. Würde ich meine Wahrnehmungen beim Erreichen des Geländes verbalisieren, könnte man mir zum Beispiel rückmelden, was ich wirklich suche und gefunden zu haben meine. Vielleicht will ich, wie mein beinahe infantiles sich Verlaufen zeigt, nicht eigentlich in eine Therapie, sondern raus aus der Spur. Vor allem scheint es mir im Unbewussten um den Anschluss an abrupt, ja, brutal abgebrochene kontinuierliche Entwicklungen zu gehen, die hier allerdings in geradezu erdrückend prächtigen architektonischen und landschaftsgärtnerischen Artefakten verkörpert scheinen.

Wieder gelangen meine atmosphärisch, im Hintergrund wirkenden Wahrnehmungen jedoch nicht bis zu den Bereichen, in denen Worte gebildet werden. Insbesondere das Empfinden des gelandet und angekommen Seins ist eigentlich unsinnig, da dieser Aufenthalt auf sechs Wochen befristet ist. Wie immer, insbesondere in entscheidenden Situationen meines Lebens, sind alle meine Gefühle und Gedanken geheim. Ich bin natürlich noch weit entfernt davon, auch nur mir selbst die Frage zu stellen, ob und inwiefern diese zunächst banal erscheinende individuelle Eigenart mit dem Stasi-Staat zusammen hängen und wirken könnte.

Ich gehe einen Treppenabsatz hinauf und in die kleine Vorhalle. Hier ist offenbar eine Raucherinsel. Das Fenster rechts erstreckt sich fast über die gesamte Breite und Höhe der Wand. Darunter und im rechten Winkel der Wand gegenüber entlang ist eine mit Kunstleder überzogene Sitzbank. Davor steht ein flacher Tisch, auf dem Zeitungen liegen. An der Wand links vom Eingang ist eine Tür und in der Wand dem Fenster gegenüber sind zwei Türen. Die rechte ist eine schwere zweiflüglige Tür. Etliche Topfpflanzen bis zur Größe von Zimmerpalmen stehen in diesem Vorraum.

Hinten links neben dem längerem Teil der Sitzbank ist ein kleiner Gang, aus dem ich Stimmen höre. Hier ist je eine Tür rechts und geradeaus. Hinter der Wand links ist offenbar der Raum, durch den man vom Foyer aus durch die große Tür mit zwei Flügeln gelangt. Es scheint ein großer, ja, saalartiger Raum zu sein, der zur Zeit der Errichtung des Hauses der Salon gewesen sein dürfte. Ich klopfe an der Tür geradeaus, weil mir scheint, dass die Stimmen von dort kommen. Außerdem höre ich Lachen und bilde mir einen Moment ein, dass man über mich lachen würde. Damals kann ich solche Empfindungen jedoch mühelos augenblicklich verdrängen. Auf ein geradezu stürmisches „Herein!“ öffne ich die Tür und erblicke in der Tat erheiterte, aber durchaus freundlich zugewandte Männer, die alle beinahe patriarchalische Vollbärte sowie sogenannte Jesus-Latschen tragen.

Ein Mann kommt heraus, bei dessen Anblick ich insgeheim überzeugt bin, bereits auf den ersten Blick des therapeutischen Mechanismus‘ “Übertragung“ gewahr zu werden. In dem von mir gelesenem Fachbuch wird angemerkt, dass in gruppentherapeutischen Kontexten die Übertragung oft nicht bis in die frühe Kindheit zurück gehen würde wie in der klassischen Einzelanalyse, sondern meist bis in die Pubertät. Das halte ich bei der Begegnung mit diesem Mann für sofort bestätigt. Er erinnert mich an den Biologielehrer der Schule, in der ich in meinem Leben am längsten in einer Gruppe verbringe, von der vierten Klasse bis zum erstem Halbjahr der zehnten.

Dieser Lehrer wird insbesondere von den Jungen nicht nur meiner Klasse nach dem Helden der dem Leben einer authentischen Person folgenden Fernsehserie „Daniel Boone“ genannt. Er schafft es, ohne Beschiss, dass in seinem Fach kein Schüler eine schlechtere Note als Drei auf dem Zeugnis hat, obwohl er manchmal fast eine ganze Unterrichtsstunde lang nur Geschichten erzählt und den Lehrstoff gewissermaßen im Schnelldurchlauf in den letzten zehn Minuten durchnimmt. Er verfügt über Menschenkenntnis und vor allem Einblicke in das Unbewusste, die kaum bei einem Fachlehrerstudium zu vermitteln scheinen und die nur wenige andere Lehrer beweisen und dies nur sporadisch.

An diesen Lehrer erinnert mich Dr. R., als der sich der Mann vorstellt, der mich ins Foyer zurück begleitet. Allerdings sind R’s. Haupt- und Barthaare nicht mehr tiefschwarz, sondern silbergrau. Dass diese Erinnerung auf Äußerlichkeiten beruht, während die tatsächlich einsetzende Übertragung einen anderen, gewissermaßen tieferen Inhalt hat, vermag ich noch nicht zu erkennen.

Philosemitische Klischees sind natürlich nicht annähernd so gefährlich wie antisemitische, aber oft ebenso schwach bis schwachsinnig. Der Rabbi wackelt mit dem Kopf, er blitzt verschmitzt mit seinen Mandelaugen, er zupft sich nachdenklich an seiner edel gebogenen Nase, er streicht sich genüsslich-versonnen den prächtigen Bart usw. All dies tut Dr. R. des Öfteren. Er äußert auch immer wieder in alttestamentarisch kanonischem Ton Sprüche, über die oft alle Gruppenmitglieder offensichtlich tagelang nachdenken, weil immer wieder diskutieren. Später höre ich, wie jemand Dr. R. eher ehrerbietig als spöttisch „Hemingway“ nennt. Auch dem sieht er ähnlich. Ich nenne ihn irgendwann den „Teilzeit-Chassiden“, spreche das aber nie aus. Es ist alles geheim. Er wirkt wie eine Figur aus Erzählungen von Bernard Malamud oder Isaac Singer.

Der Mann ist, natürlich, leise erheitert, ohne jedoch spöttisch zu sein. Ich muss einen geradezu aufgelösten Eindruck erwecken, verschwitzt und zerzaust und wütend verzweifelt, dass ich es wieder einmal nicht geschafft habe, zu einem wirklich wichtigem Termin pünktlich zu erschienen, obwohl ich mich in scheinbar weiser Voraussicht bereits sehr viel früher als nötig auf den Weg gemacht habe.

Aber jetzt wird alles gut. Ich bin gerettet. Mit dem Handschlag und den paar freundlichen Worten von Dr. R. bin ich angekommen. Meine Fluchtimpulse und die körperliche Spannung ebben ab. Das erinnert mich später an eine unzählige Male sich wiederholende Episode, die ich nicht verstehe, obwohl sie eindeutig angenehm getönt ist. Häufig spüre ich auch Spannung in mir aufsteigen, wenn ich in meiner Lese-Ecke am Fenster des Kinderzimmers einige Stunden in ein Buch vertieft unrhythmisch auf dem Hocker vor mich hin kippele. Dann kommt immer wieder mein Vater ins Zimmer, murmelt eine seiner melancholischen Floskeln wie „Ach ja!“ und klopft mir den Kopf, wie man es bei einem Hund tut. Augenblicklich ist alle körperliche Spannung abgebaut. Ich habe durch gnädigen Handstreich Absolution erhalten und bin berechtigt zur Anwesenheit.

Der Therapeut erklärt, dass meine Gruppe in dem Raum hinter der linken Tür in der Wand gegenüber des Foyer-Fensters wäre. Ich müsste mich aber noch einige Minuten gedulden, bis er mich herein bitten würde. Ich bin verblüfft, weil die Gruppe offenbar schweigend in dem Raum sitzt, was sich nachher bestätigt. Im Foyer ist jetzt eine hagere, geradezu knochige Frau. Sie bewegt sich zwar hektisch getrieben, aber eher hochenergetisch als fahrig. Das hat durchaus etwas Erotisches, was ich jedoch nicht wahrhaben kann und will. Ich bin beim Anblick ihrer etwas vorstehenden Augen stolz auf meine insgeheime Schnelldiagnose Basedow, die sich später als zutreffend erweist.