Hier entsteht ein „bindungsloser Psychopath“ (O-Ton vox populi)

Der abgenutzte Satz, alles hätte seine zwei Seiten, scheint zum Beispiel auch auf die Begrenztheit meines sozusagen Aktionsradius zuzutreffen. Sie kann schon deshalb nicht auffallen, weil das ganze Land nicht nur im metaphorischem Sinne eingemauert ist. Später finde ich diese Wahrnehmung bestätigt durch ein Bonmot. Jemand äußert sinngemäß, es gäbe zwei Arten, Abenteuer zu erleben. Man könne sich gewissermaßen in den Trubel der Welt stürzen, man könne aber auch seine Erlebnisse, Kontakte, Begegnungen usw. auf ein Minimum begrenzen und würde damit die kleinste Episode gewissermaßen als Abenteuer erleben.

Das erscheint mir sehr zutreffend. Schon als etwa 10jähriger ermöglicht mir diese Neigung zur Beschränkung eine Art Verklärung auf den ersten Blick nebensächlicher Details. Hinter dem gegenüberliegendem Wohnblock auf dem Hof etwa ist ein Gestrüpp aus einer der in der Stadt an mehreren Stellen gepflanzten Ziersträucher besonders dicht bis zur Undurchdringlichkeit. Für mich hat das halb verwilderte Gehölz etwas von Urwald, was ich immerhin für mich behalte. Ich nehme mir immer wieder vor, in diese höchstens ein Dutzend Quadratmeter große Fläche imaginierten Regenwalds einzudringen. Natürlich tue ich es nie.

Auch die schmale und kurze Straße etwa 20 Meter nördlich von der Straße vor unserem Wohnblock und südlich des großen Schulhofs der Schule, in der ich in der zweiten und dritten Klasse lerne, hat was. Was genau, kann und will ich nicht sagen. Diese Straße führt hinter den Wohnblocks entlang, die im rechten Winkel zu unserem auf der Grünanlage stehen, auf die ich wie von einem Logenplatz aus herab sehen kann beim Blick aus den Fenstern von Schlafzimmer, Küche oder Bad.

Ich habe den Verdacht, dass auch mein Vater wenigstens in winzigen Ansätzen raus aus der Spur zu kommen versucht und sogar im wörtlichem Sinne und bewusst, als er einmal mit mir dort spazieren geht. Fast immer benutzen wir den von unserer Wohnung aus gesehen vor den vier Querblocks angelegten Weg aus großen Steinplatten. Er führt an der Wendeschleife der Buslinie mit deren erster Haltestelle und einer kleinen Nische mit einer Litfaßsäule vorbei zu dem großem Platz vor dem Wohngebietszentrum mit Schule, Mehrzweckgaststätte, Kaufhalle und einer kleinen Ladenpassage.

Am Ende dieser kleinen Straße, an dem wir direkt vor meiner jetzigen Schule stehen, treffen wir einen Bekannten oder gar Kollegen bzw. Genossen meines Vaters aus der Kaserne.

Diese ist eine der Szenen, die auf den ersten Blick banal, ja, völlig unbedeutend erscheinen müssen, die aber mein Unbewusstes erstaunlicherweise sozusagen hinter meinem Rücken für Jahrzehnte speichert. Während des Geschehens habe ich nur unklare, allerdings bereits leicht quälende Empfindungen. Erst bei der sehr späten Erinnerung an die längst für vergessen gehaltene Szene gelingt die Verbalisierung emotionalen Inhalts.

Mein Vater versucht den Mann zu überzeugen, dass und warum mein vierter Wechsel der Schulklasse und dritter Wechsel der Schule in vier Schuljahren sinnvoll wäre. Er spricht im Ton der Rechtfertigung, ja, der Verteidigung, was ich mit leiser Verwunderung deutlich wahrnehme. Mein Vater ist keineswegs kritisiert oder gar angegriffen worden von dem Mann, vielmehr der das Thema gar nicht eingebracht hat.

Wenn sein Sohn zwei Schulen quasi vor der Nase hätte, argumentiert mein Vater, müsste er nicht auf eine weit entfernte.

Diese Aussage könnte aus mehreren Gründen fragwürdig erscheinen. Ich spüre das auch, sage aber nichts, und zwar nicht aus Unterwürfigkeit oder Angst, sondern weil meine Wahrnehmungen gewissermaßen vor den Worten sind. Nichtsdestotrotz sind sie deutlich und ich erinnere mich noch sehr lange Zeit später daran.

Aus meiner ersten Schule an dem repräsentativem Platz im Zentrum der Neustadt wechsele ich nach unserem Umzug vom nördlichen Rand der Neustadt fast an ihren südlichen Rand auf die große Schule hinter dem Weg, auf dem dieses Gespräch stattfindet. Von der neuen Wohnung aus ist mein Vater nach fünf Minuten Fußweg in der Kaserne.

Bereits hier könnte man das mehrfach angebrachte Argument anfechten, mein Schulweg wäre zu lang. Von der neuen Wohnung bräuchte ich zu meiner ersten Schule bei langsamen Gehen höchstens 15 Minuten. Zwar müsste ich eine stark befahrene Straße queren, aber mein Schulweg in der ersten Klasse führt über die noch stärker frequentierte Hauptstraße der Stadt und es passiert nichts.

Im drittem Schuljahr wechsele ich innerhalb der Schule in eine andere Klasse, weil meine zweite Klasse nicht in den Schulhort eingebunden ist. Den Hort muss ich zunächst nicht besuchen, weil meine Mutter Hausfrau ist. Jetzt aber haben sich meine Eltern scheiden lassen und ich muss in die Nachmittagsbetreuung. Dies scheint nicht nur mir der plausibelste Grund für einen Wechsel der Schulklasse.

Am Ende des dritten Schuljahrs wird bekannt gegeben, dass meine ganze Klasse umgeschult werden soll. Die jetzige Schule ist völlig überfüllt. In manchen Klassenstufen gibt es sechs Klassen mit jeweils 30 und mehr Schülern.

Hier nun setzt mein Vater mit der Argumentation ein, die er im nicht nur mir völlig unangemessen erscheinendem Ton empörter Verteidigung ohne erfolgten Angriff diesem Bekanntem erörtert. Er setzt sich durch und ich wechsele in den ersten vier Schuljahren zum viertem Mal die Klasse. Gleichfalls erst sehr viel später wird mir klar, wie ungewöhnlich dieses immer erneute heraus gerissen Werden aus dem Klassenkollektiv gerade in dieser Stadt erscheinen muss. Das scheint aber zum Zeitpunkt des Geschehens nicht nur mir nicht aufzufallen.

Zudem kann das Argument des langen Schulwegs hier noch weniger überzeugen, weil die nun für meine ganze Klasse neue Schule nur etwa fünf Minuten Fußweg von der bisherigen entfernt liegt und man sie nicht über eine der beiden Magistralen, sondern über eine Kreuzung mit Ampelregelung oder über einen oft mit Schülerlotsen gesicherten Fußgängerüberweg erreicht. Wieder einmal stimmt etwas nicht und wieder einmal nehme ich das nur schwach wahr und scheine zudem der Einzige mit dieser Wahrnehmung zu sein.

In der dritten Klasse erlebe ich die Hoch-Zeit meines Lebens. Aus heutiger Sicht bin ich auch hier nicht völlig integriert in meine Gruppen, aber in erfreulicher Annäherung. Ich erlebe einige Monate lang zumindest eine deutliche Ahnung von Kindheit ohne ständige unerklärliche Spannung und fast ohne oft irrationale Ängste, Zwänge und Schuldgefühle. Das nehme nicht nur ich derart wahr, sondern auch Erwachsene, vor allem meine Horterzieherin. Die ist eine richtige dicke Mama, der nachholende Ich-Entwicklung oder Nachbeelterung gelingt, ohne dass sie diese Fachbegriffe kennt und kennen kann.

In der ehrlichen Überzeugung, mir helfen zu wollen, versucht mein Vater zu vermeiden, dass ich lande, indem ich aus den symbiotischen Arrangements dieser Familie heraus und in meiner Peergroup an komme. Ich bin zumindest dicht vor einer derartigen Landung und spüre das auch. Er selbst kommt als Kind nicht zur Schule, sondern muss aus seiner brennenden Heimatstadt flüchten und verliert auf dem Treck den Kontakt zu allen seinen Angehörigen.

Das Thema „Vertriebene“ wird in der DDR, milde formuliert, kaum erörtert. Es ist tabu. Nach der Wende erfahre ich, dass knapp 25% der Bevölkerung der sowjetisch besetzten Zone, aus der die DDR entsteht, Vertriebene sind. Schließlich ist das Nach-Wende-Deutschland eines der Länder, das auffällig spät zum Thema Traumatisierung zu forschen und entsprechende Therapien zu etablieren beginnt.

Mein Vater ist makaber erfolgreich. Nach dieser neuerlichen Umschulung komme ich in allen weiteren Gruppen bestenfalls annähernd in der im drittem Schuljahr erlebten beglückenden Intensität im Hier und Jetzt an. Im Gegenteil verblüffe oder gar entsetze ich bereits in der vierten Klasse Mitschüler und Lehrer dadurch, dass ich mich schon am erstem Tag dem Klassenclown anschließe und ihn nicht ohne Erfolg zu übertrumpfen suche. Im Weiteren entwickle ich Verhaltensauffälligkeiten wie das volltrunkene Erscheinen in dieser vierten Klasse oder später eine fahrlässige Brandstiftung.

Bis zur zehnten Klasse, bis zu der ich im Grunde mitgeschleppt werde, obwohl ich bereits abdrehe, retten mich meine relativ guten Leistungen. Ich bin immer unter den drei, vier Besten in der Klasse. Jedoch bleibe ich unter meinen Möglichkeiten, was einige Lehrer durchaus wahrnehmen und mich spüren lassen.

Es geht nicht um das gleichfalls abgenutzte Klischee „Die Eltern sind schuld!“ Vielmehr scheint sich hier eine weit über meine Person hinaus oft verhängnisvoll nachhaltige psychische Dynamik zu entfalten. Alle oder fast alle Eltern, Lehrer, Erzieher usw. wollen nur das Beste für die Kinder, natürlich. Sie scheinen jedoch überall und immer wieder das Unbewusste auszublenden, das die Eigenart hat, umso wirksamer zu sein, desto mehr es verdrängt und verächtlich und lächerlich gemacht zu werden versucht wird.

Dementsprechend scheinen Erziehungsberechtigte aller Art oft nicht nur von ihren ehrlich gemeinten besten Vorsätzen abzukommen, sondern sie durch ungewollte und unbemerkte Weitergabe ihrer unbewältigten seelischen Inhalte ins Gegenteil zu verkehren. Dieser Mechanismus scheint in jeder neuen Generation wieder von vorn anzulaufen und dies völlig unabhängig von ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen.

Ich frage mich allerdings später oft, ob ich es anders machen würde oder ob nicht auch mir trotz aller festen Vorsätze die Hand ausrutschen würde usw. usf. Allein, das ist müßiges Theoretisieren, denn ich habe keine Kinder.

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