Heimlich heimisch – Vier

Mein Auszug aus dem Heim ist typisch, wenn nicht symptomatisch. Zu dieser Zeit habe ich begonnen, Krisen- und Bilanzprosa für Leser 40+ geradezu zu verschlingen. Dies aus zwei völlig unbewussten Antrieben heraus. Ich versuche zu erkennen, warum die sogenannten Erwachsenen derart unverständlich, komisch sind, wie sie sind. Zweitens wünsche ich mir immer noch und schon wieder und kann und will auch das nicht ausdrücken, so schnell wie möglich erwachsen zu werden, um nicht mehr hilflos diesen scheiß Gefühlen ausgesetzt zu sein.

Ich bin heute noch ein bisschen stolz darauf, damals nicht nur Juri Trifonow entdeckt zu haben, sondern auch das Empfinden entwickelt, dass es sich um einen der herausragenden, wenn nicht sogar den typischen Autoren der damaligen Sowjetunion handeln würde. Diese Wahrnehmung finde ich etliche Jahre nach der Wende bestätigt von westlichen Literaturwissenschaftlern.

Meine Vorlieben bei der Lektüre kommen mir selbst merkwürdig vor, was ich aber niemandem gegenüber äußere. Meinem damaligem Alter adäquate Bücher wie etwa „Die Schatzinsel“ habe ich bis heute nicht gelesen. Die Lektüre Jack Londons ist die berühmte Ausnahme von der Regel. Stattdessen lese ich diese Bücher für Erwachsene in Lebenskrisen mit derartiger Spannung wie andere Leser Krimis.

Eine der nicht nur meiner Meinung nach herausragenden Erzählungen Trifonows heißt gar „Zwischenbilanz“. Eine Zeit lang trage ich seine „Moskauer Novellen“, zu denen auch „Zwischenbilanz“ gehört, wie eine Bibel oder dergleichen mit mir herum, vor allem in meiner Schultasche. Es ist eine Taschenbuch-Ausgabe des Reclam-Verlags, damals bereits mit weißer Schrift auf schwarzem Grund auf der Titelseite, die laminiert ist und daher abgewischt werden kann.

Einmal lese ich das Buch sogar nach dem Unterrichtstag in der Produktion, auf einer Bank des Busbahnhofes meiner Heimatstadt, den es heute noch gibt. Nördlich dieses Busbahnhofes stehen damals Baracken, in denen auf spätere Werktätigkeiten gut vorbereitender Unterricht etwa im Technischem Zeichnen oder in der Bedienung echter Drehmaschinen stattfindet. Mir scheint, dass meine Lektüre zu diesen erwachsenen Unterweisungen passt. Es geht in den Baracken wie in meinem Buch um eine Zukunft in Freiheit, ohne diese lästigen Empfindungen wie vor allem Schmerz sowie Schuld- und Verlassenheitsgefühle.

Dass diese meine Wahrnehmung den Intentionen des Autors nicht nur nicht entspricht, sondern ihnen eigentlich konträr entgegengesetzt ist, unterschlage ich, ohne es zu bemerken. Natürlich sind auch die erwachsenen Helden bzw. „Helden“ derartiger Stories oft festgefahren in belastenden Situationen, aber es sind eben erwachsene Probleme in einer Erwachsenenwelt, für die es vor allem Lösungen zu geben scheint.

In einer weiteren Novelle Trifonows, „Langer Abschied“, scheint mir das augenfällig vorgeführt. Der Held der Geschichte befreit sich in einem mühe-, ja qualvollem Prozess aus der symbiotischen Beziehung zu seiner Freundin, um dann nach dieser Befreiung die Fähigkeiten zu entwickeln und Erfolge zu erleben, die diese Freundin bis zum für solche Paarungen typisch erscheinendem notorischem Nörgeln von ihm erwartet und verlangt hat. Dass ich für diese Lektüre nicht reif genug bin, zeigt sich einige Jahre später in meiner ersten Partnerschaft. Weder meine Freundin noch ich begreifen, dass die Realisierung der Veränderungen meines Wesens, die sie in unserer Beziehung fordert, durch eben diese Beziehung verunmöglicht wird.

Ebenfalls viele Jahre später schnappe ich beim häppchenweisem Erwerb meiner Viertelbildung den Begriff „Parentifizierung“ auf. Gemeint ist damit die Übernahme sozialer Rollen und Funktionen durch Kinder, deren Ausfüllen oder Ausführen eigentlich Sache der Erwachsenen wäre, insbesondere der Eltern. Mir scheint, dass meine fast fieberhafte Lektüre eine Art subtile Parentifizierung darstellt. Etwa „Zwischenbilanz“ wäre eigentlich geradezu bibliotherapeutische Lektüre für meine Eltern, insbesondere für meinen Vater.

Noch deutlicher zeigt sich diese Tendenz bei meiner Lektüre von Erzählungen Juri Nagibins. In der Geschichte „Graues Menschenhaar dringend gesucht“ befreit sich der Held Gustschin aus dem fürchterlichem neurotischem Arrangement seiner Ehe, die mittlerweile zu seinem bloßem Funktionieren in einer Art leistungsfähigem Schlafwandel in allen Lebensbereichen geführt hat, vor allem im Job. Ausgelöst wird diese Entwicklung durch die zufällige Begegnung mit einer deutlich jüngeren Frau, die ihm vor allem beglückende Sexualität ermöglicht, von der er aufgehört hat zu glauben, dass es sie gäbe. – Bis hierhin dürfte diese Geschichte tausenden Männern sehr bekannt vorkommen, wenn auch vielleicht oft nur aus ihren sehnsüchtigen Träumen.

Am Ende geschieht jedoch etwas sehr Seltsames, mit dessen Schilderung Nagibin beweist, dass gute Schriftsteller immer auch gute Psychologen sind. Gustschin hat sich im mehrfachem Sinne gelöst und ist im Begriff, im mehrfachem Sinne ins Freie zu kommen. Er dreht sich noch einmal um zu seiner Frau, die ihm zufrieden und entspannt nachsieht, als würde gerade etwas geschehen, das eigentlich selbstverständlich und schon lange fällig wäre, was in gewissem Sinn auch zutrifft.

Plötzlich gibt Gustschin einen seltsamen Laut von sich – und dreht um, und auch dies im sowohl wörtlichem als auch im übertragenem Sinne. Offensichtlich ist die lange und tiefgehende Prägung stärker als aktuelles Erleben mit heftigen positiven Emotionen. Der Mann kommt nicht mehr raus aus der Spur

Dass mein Auszug aus dem Heim aus einem ähnlichem, zunächst unerklärlichem Impuls heraus erfolgt, wird mir nicht bewusst. Alle haben inzwischen wahrgenommen, wenn sie es vielleicht auch nicht zugeben können oder wollen, dass mir dieser Heimaufenthalt sehr gut tut, und dies nicht nur der bemerkenswerten Leistungssteigerung in der Schule wegen. Ich bin nach der schon damals befremdlich langen Anwärm-Phase geradezu aufgeblüht und empfinde das auch selbst.

Natürlich will diese augenfällige Entwicklung niemand thematisieren. Es stimmt etwas nicht, diese Entwicklung ist nicht typisch. Man müsste schon beim ansatzweisen Reflektieren dieser Entwicklung an Dinge rühren, die man lieber ruhen lässt, zum Beispiel an die Traumata, die mein Vater bei der Vertreibung erlitten hat und nachhaltig an mich weiter gegeben. Es gibt keine Vertriebenen, hier ist ein Tabu. Usw.

Einige Wochen, nachdem mein Vater den im Direktstudium zu absolvierendem Abschnitt seiner Ingenieursausbildung beendet hat und wieder in unserer Wohnung lebt, fragt er mich eher beiläufig, ob ich nicht auch wieder in diese Wohnung zurückziehen wolle, da der Grund meines Auszuges nun nicht mehr bestehen würde.

Ich stimme sofort zu, wie aus der Pistole geschossen. Einen Moment stutze ich zwar, aber verdränge dann mein Befremden sofort und nachhaltig. Diese Zustimmung wider besseren Wissens oder vielmehr wider besseren Erlebens ist völlig irrational und verblüfft verständlicherweise nicht nur Mitschüler, sondern auch Erwachsene.

Es gibt im Leben jedes Menschen diese Entscheidungen an Wegkreuzungen im metaphorischem Sinne, die sich leider sehr häufig erst sehr viel später als Wendepunkte erweisen. Dies ist ein solcher Punkt in meinem Lebenslauf. Ich habe mich selbst ohne Motiv, ohne vernünftigen Grund und ohne eine echte Alternative aus einer Situation der Integration herausgerissen oder zumindest aus der Annäherung an einen mir überhaupt möglichen Grad der Integration. Ich bin nicht ganz da, anwesend im Hier und Jetzt, wie ich es in meiner Hoch-Zeit in der dritten Klasse erleben durfte, aber es ist für jedermann offensichtlich, dass ich gelandet, geerdet, angekommen scheine. Meine wie nicht mehr zu unterdrückendes Niesen herausgeplatzte Zustimmung zum ohnehin nur halbherzigem Vorschlag meines Vaters ist im Wortsinn ver-rückt. Jedoch scheint das niemand zu bemerken, ich auch nicht.

Inzwischen habe ich durch den über anderthalb Jahre dauernden Heimaufenthalt den Kontakt zu Gleichaltrigen und überhaupt allen Spielgefährten meines häuslichen Umfelds völlig verloren und den außerschulischen Kontakt zu meinen Klassenkameraden fast völlig, da ich diese nach dem Unterricht nur noch bei gelegentlichen Pflichtveranstaltungen treffe.

Ich vermute, dass diese Formulierung leicht komisch klingen könnte, aber ich glaube, von hier an geht es bergab. Soll heißen, meine Entwicklung geht in eine Richtung, die eine Therapie wenn nicht notwendig, so doch angezeigt erscheinen lassen muss. Allein, etwas wie Therapie gibt es damals nicht, schon gar nicht in der DDR. Zudem geht diese Entwicklung derart schleichend vonstatten, dass sie kaum bemerkt wird, schon gar nicht von mir. Zudem „retten“ mich wiederum bis zum Erwerb der Mittleren Reife meine guten Leistungen.

Mein Verhalten nach dem Auszug aus dem Heim ist jedoch noch irrationaler als mein plötzlicher Entschluss zu diesem Auszug. Auch mehrere Erzieher äußern ihr Bedauern über meinen Auszug, bitten mich zudem jedoch geradezu, wenigstens zu offiziellen Anlässen wie Festen, Jubiläen usw. vorbei zu kommen.

Ich halte mich nicht nur nicht an diese freundlichen Abmachungen, sondern meide nach meinem Auszug das Heim, ja, das ganze Quartier, in dem sich das Heim befindet, als hätte ich dort ein Verbrechen begangen. Dies ist keineswegs auf meine in den ersten Wochen meines Heimaufenthaltes entwickelte Scham darüber zurückzuführen, dass ich nun ein Heimkind wäre, zumal dieses Empfinden nach meinem Auftauen sogar in eine Art Stolz übergegangen ist.