Ganz kurzer Blick auf ein anderes Leben

Wie alle wahren Geschichten beginnt auch die meines „Budenzaubers“ lange vor ihrem Anfang. Vielleicht bezeichnender Weise ist mir das erst Jahrzehnte nach dem Geschehen eingefallen, als ich an eine meiner jugendlichen Verliebtheiten denken musste.

Diese Liebesgeschichte war eine der seltsamsten, die ich erlebt habe. Ich muss eigentlich nicht hinzufügen, dass meine Liebesgeschichten immer irgendwie seltsam waren. Allerdings sollte ich vielleicht den aufgegriffenen Gedanken zu Ende denken und die Frage zulassen, ob nicht alle Liebesgeschichten seltsam wären, weil das in der Natur der Sache läge. „Neurotik und Erotik klingen nicht nur ähnlich!“ hat ein kluger Mensch gesagt.

Ich traf sie jeden Morgen an der Bushaltestelle. Aber was heißt „traf“? Sie erschien. Seltsam fand ich damals schon, dass ich für ihre Erscheinung jeden Morgen bereit zu sein versuchte und dann doch jedes Mal überrascht war, wenn sie auf die Bushaltestelle zukam und damit immerhin unter anderem auf mich. Es war, als würde sie in einem Bereich meines Gesichtsfeldes erscheinen, zu dem ich bis zu ihrem Erscheinen keinen Zugang hatte.

Das Mädchen war keine strahlende Schönheit. Sie war hübsch und hatte zudem dieses gewisse Etwas. Jedermann und insbesondere jeder Mann dürfte wissen, was ich meine. Diese Ausstrahlung hatte auch bei ihr nicht zuerst mit dem Äußeren zu tun, sondern mit ihrer Persönlichkeit. Auch wenn das geschwollen klingt – ich habe das damals schon ähnlich empfunden. Ich hätte dieses Empfinden nur nicht auszudrücken vermocht. Warum sollte ich das auch gewollt haben, und vor allem wem gegenüber? Alles, was mit Erotik, Liebe oder gar Sex zu tun hatte, war tabu in meiner Lebenswelt. Das würde sich irgendwie ergeben. Es ging alles seinen Gang, wenn vielleicht auch nicht wirklich seinen sozialistischen. Unsere neuen Menschen – befreit von Unterdrückung!

Nach etlichen Monaten des Nicht-Geschehens dieser Geschichte habe ich einige Worte mit ihr gewechselt. Dabei hatte sie diese Ausstrahlung einer Person, die in sich ruhte auf eine für mich vollends nicht artikulierbare Art und in einer Intensität, die mir Angst machten. Es schien gerade bei solchen Begegnungen scheinbar banaler Art immer die Gefahr zu bestehen, dass ich mich gewissermaßen seelisch auflösen könnte.

Meine Wahrnehmung des in sich Ruhens war keineswegs verzerrt durch meinen sehnsüchtigen Fernblick aus der Nähe. Vielmehr war das Mädchen eine der besten Schülerinnen der Schule, machte das Abitur mit 1.0 und studierte dann im Ausland. Mit anderen Worten war sie damals schon erwachsener, als ich womöglich je sein werde. Etliche Frauen scheinen anzuzweifeln, dass Männer überhaupt erwachsen werden.

Sie grüßte mich!!! Das hatte irgendwann angefangen quasi aus heiterem Himmel. Eines Tages kam sie um die Ecke des Wohnblocks hinter der Wohngebiets-Gaststätte, überquerte die Wendeschleife diagonal in Richtung des Wartehäuschens an der Haltestelle und nickte mir aus etwa zehn Meter Entfernung lächelnd und offenbar mit einem Morgengruß zu, um dann irgendwo seitwärts anmutig in Wartehaltung zu verharren. Das alles mit einer mich sprachlos machenden Selbstverständlichkeit, als würden wir uns von irgendwoher kennen und zwar sehr lange. Dabei hatte ich sie erst nach vielen Monaten in der Abiturstufe überhaupt wahrgenommen.

Ich will gar nicht ernsthaft versuchen, ihr Lächeln zu beschreiben. Dieses paradoxer Weise von angenehmer leichter Benommenheit begleitete Unvermögen kennt auch jeder. Diese ist eine der Stellen, an denen man feststellen muss, dass selbst in den Arbeiten etwa von Hedwig Courths-Mahler dieser berühmte Funken Wahrheit ist, von Schlagertexten ganz zu schweigen. Ich unternehme hier aber immerhin den Versuch, ihr Lächeln vorläufig und sehr provisorisch zu beschreiben als gleichzeitig melancholisch-milde, wissend-verzeihend und leise ermunternd. Sie lächelte, als wüsste sie etwas über mich, oder gar vieles, das ich nicht wahrzunehmen vermochte.

Ich wurde als vorhanden wahrgenommen. Das war beängstigend, zumal es völlig unerwartet geschah und die Wahrnehmung vor allem von einem solchem Mädchen kam. Auch das hätte ich nicht ausdrücken wollen und vielleicht gar nicht können. Wäre jedoch zuerst ich auf sie aufmerksam geworden, hätte ich sie einzuordnen versucht etwa mit den Worten, sie wäre ein paar Nummern zu groß für mich.

Wie sie auf mich aufmerksam geworden ist, weiß ich nicht. Eine Vermutung ist, dass sie wie etliche Frauen meinen Vater retten wollte. Ein Geheimnis lag über dem Mann. Eines Tages würde er sich entpuppen und entfalten usw. Dieses unbestimmte Verhalten hatte ich wie selbstverständlich und daher unbewusst von ihm übernommen.

Die Endhaltestelle der Buslinie, die an der Wendeschleife begann, war fast vor unserem Hausaufgang. Ich hatte durchaus wahrgenommen, dass mein Vater des Öfteren wie suchend aus einem der zur Straße gehenden Fenster gesehen hatte, wenn unten die Abiturienten in Massen ausgestiegen waren. Einmal hatte ich auch beobachtet, dass das Haltestellen-Mädchen nach oben gesehen hatte, und offenbar nicht zufällig.

Heute verstehe ich das. Ich war offensichtlich nicht der Einzige, der sich wenigstens insgeheim gefragt hat, warum dieser Mann diese Frauen geheiratet hatte. Ich meine das keineswegs zynisch und es ist auch nicht lustig. Zudem hat mir eine zur Zeit dieser Geschichte in der Nachbarschaft wohnende Frau meine Wahrnehmung viele Jahre später völlig überraschend bestätigt, ohne dass ich das Thema auch nur angeschnitten hätte.

Was tat ich nun, nachdem ich einmal, fünfmal, zwanzig Mal von dem Mädchen gegrüßt worden war? – Natürlich nichts! Dies nicht etwa, weil ich verklemmt gewesen wäre oder, wie immer wieder vermutet wurde, schwul, sondern aus meinem Selbstbild als Unsichtbarer heraus. Spätestens bei Partnerwahlversuchen kollidierte dieses natürlich mindestens neurotische Selbstbild mit der Realität, weil ich spätestens hier aus meiner Schutzblase heraus treten und aktiv hätte handeln müssen. In fast allen anderen Situationen des Lebens konnte ich den nicht teilnehmenden Beobachter geben und trotzdem im Wesentlichen Aufgaben und Erwartungen erfüllen.

Ich benahm mich wie der Leser einer Geschichte und begriff nicht, dass ich in der Realität vom Leser, also Beobachtendem, zum Handelndem hätte werden müssen. Wenn aber ein Mädchen zur Handelnden wurde und auf mich zukam, knallte ich es natürlich im übertragenem Sinne weg. Oft glaube ich, dass auch diese seelische Schieflage über meine Person hinaus von Bedeutung sein könnte.

Irgendwann sprach ich das Mädchen dann doch an, auf dem Weg quer durch die Stadt und über die Insel, auf dem man zu Fuß mindestens ebenso schnell zur Penne kam wie in dem großem Bogen per Bus. Deshalb war diese Abkürzung eine beliebte Notlösung im Falle, dass man den Bus verpasst hatte.

Auf diesem Weg hatte ich sie auch des Öfteren getroffen, zumal sie auf der anderen Seite der Straße wohnte, die an die Westbrücke der Insel grenzte. Auch dort hatte sie mich mit dieser im Sinne C. G. Jungs nicht zu verbalisierenden entwaffnenden Selbstverständlichkeit lieblich angelächelt und melancholisch verheißungsvoll gegrüßt. Ich hatte dann abends zu Hause Gedichte darüber geschrieben. Jung kannte ich damals noch nicht und das konnte ich auch gar nicht als typischer in einer Nische weg geduckter Insasse der DaDaeR. Aber Thomas Mann hatte ich bereits gelesen – Literatur als sanfte Rache der Verlierer am Leben usw.

Inzwischen hatte ich immerhin Einiges über sie heraus gefunden, natürlich über fünf Ecken und unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit. Sie lebte ohne Vater – vielleicht auch deshalb dieser Blick nach meinem. Sie war mit einem Typen zusammen, der gesessen hatte oder auf Bewährung draußen war oder dergleichen. Auch hier wieder diese menschliche Grund-Sehnsucht, die Wirklichkeit ganz zu erfahren und zu erfassen, auch oder gerade bis in die nicht der eigenen Prägung entsprechenden Bereiche hinein. Die Musterschülerin und trotzdem Superbraut machte mit einem Knacki rum!

„Trotzdem“ deshalb, weil „Musterschülerin“ keineswegs abwertend gemeint ist. Das Mädchen war alles andere als die typische Hermine. Außerdem war sie nicht nur nach meinem Empfinden eine super gut gebaute Braut. Einmal hatte ich sie in einem Anfall von Mut der Verzweiflung zu Hause besucht. Sie war beim Wäsche aufhängen und trug einen knappen Hauskittel und darunter Blümchen-Schlüpfer, sicher von VEB Malimo. Sie erklärte freundlich, sie hätte jetzt keine Zeit. Ich nahm das gar nicht als momentane Absage wahr, sondern war berauscht von ihrer Nähe und vor allem von dem Gefühl, einen Sprung über den Rand geschafft zu haben.

Ich hätte auf Anhieb mindestens ein halbes Dutzend Pennäler angeben können, die sie mehr oder weniger offen anhimmelten, ganz zu schweigen von so genannten Erwachsenen, die sich nach ihr den Hals verrenkten. Das Mädchen war einer dieser begnadeten Menschen, deren Vorzüge und Gaben nach Goethe derart erdrückend sind, dass man gar nicht anders kann, als sie zu mögen. Viel zu gut für mich – zum Glück!

Das für mich historische und für alle Anderen eher histrionische Treffen ergab sich an einem Nachmittag im Sommer. Es passte alles, die äußeren Umstände und meine Stimmung. Es war dies einer der Momente, die ich aus mir noch unverständlichen Gründen seit Jahrzehnten eigentlich an Samstagnachmittagen erlebe. Alles ist offen, alles ist möglich und selbst die Stimmung im öffentlichem Raum und das Wetter scheinen das zu bestätigen. Die Stadt prangte und flimmerte entgegen allen sich bei ihrem Namen aufdrängenden Assoziationen in goldenem Grün. Dann war da dieses Rauschen des Sommerwindes im wie Lametta flatterndem Laub der Bäume, das für mich immer mit Jugend, Verheißung, Sommer und Glück verbunden war.

Wir standen auf der Brücke, die die Insel mit dem Neubaugebiet verband, und auch das hatte etwas Symbolisches. Ich hatte mich ans Geländer gelehnt und das war mein letzter kläglicher Versuch, lässig zu wirken. Ich fing nicht an zu stottern oder zu schwitzen oder dergleichen, sondern versicherte mir selbst innerlich lautlos betend, dass dies jetzt Realität war. Diese Augen endlich ganz aus der Nähe und ganz bewusst nur auf mich gerichtet! „Kaukasische Augen“ hatte ich sie in meinem Tagebuch genannt, denn natürlich führte ich störungsspezifisch Tagebuch. Korrekt, „Der Zauberberg“, Madame Clawdia Chauchat. Immerhin war mein Verhalten insofern adäquat, als ich diesen Vergleich für mich behielt.

Wiederum sehr viel später wurde mir klar, dass sie auch oder gerade in dieser Situation weitaus reifer reagierte als viele ihrer Altersgenossinnen. Sie war solche Verliebtheiten gewohnt, aber sie kokettierte nicht, zickte nicht und machte sich nicht lustig über arme Kerle wie mich, die sie hoffnungslos anschmachteten. Ich hatte ganz andere Reaktionen ähnlich umschwärmter Mädchen in ähnlichen Situationen erlebt und keineswegs nur mir gegenüber. Sie war echt, authentisch, in sich ruhend, was alles Männchen-Getue sofort hinfällig machte. Heute würde ich sogar sagen, sie hatte etwas mütterlich verständnisvoll Verzeihendes.

Es stellte sich heraus, dass dies ihr letzter Besuch in der Schule war, mit dem sie sich innerlich trennen wollte. Sie würde das Abitur an einer Spezialschule für spätere Auslandsstudenten erwerben. Wieder war ich beinahe erschüttert von der Reife dieses jungen Mädchens. Dass es etwas wie Trennungsrituale gab, die Entwicklungsschritte ermöglichen, habe ich erst viele Jahre später begriffen und dann eigentlich auch nur theoretisch.

Natürlich – das Unbewusste! Ähnliche Geschichten habe ich noch mehrfach erlebt, etwa einige Jahre später mit einem anderem Mädchen, das nach einer im Freundeskreis durchdiskutierten Nacht bei unserer Verabschiedung erklärte, an diesem Tag 150 Kilometer weit entfernt mit dem Studium zu beginnen. Jetzt konnte ich mich ran schmeißen, es bestand nicht mehr die „Gefahr“, dass etwas daraus werden konnte. „Neurotik und Erotik klingen nicht nur ähnlich!“

Auch das ist nicht die Episode, mit der die Geschichte meines „Budenzaubers“ wie alle wahren Geschichten lange vor ihrem Anfang begann. Diese Episode erlebte ich an einem Sommerabend. Wieder einmal hatte ich mich in einer langen Stadtwanderung geradezu rauschartig in innere Bilder hinein gesteigert. Ich war in diesem an Trance erinnernden Zustand, der immer wieder zu Rückmeldungen führte wie „Schon wieder full wie ’ne Radehacke!“ Dabei hatte ich keinen Tropfen getrunken geschweige denn andere mental illuminierende Substanzen zu mir genommen.

Natürlich träumte ich an jenem Abend von diesem Mädchen. Dabei gingen diese Phantasien höchstens bis zu platonischen erotischen Erkundungen. Meistens schwelgte ich in Wachträumen von bedeutungsvollen Dialogen, die ich im „nüchternem“ Zustand mühelos als überaus kitschig und untypisch für unsere sozialistischen Menschen erkannt hätte.

Berauscht von diesen Träumen bog ich gegen dreiundzwanzig Uhr um die Ecke des Wohnblocks, hinter dem sie an vielen Morgen gegen sechs Uhr dreißig erschienen war.

Sie kam mir tatsächlich entgegen! – Hätte mir einer diese Geschichte erzählt, hätte ich sie als schlecht ausgedacht verlacht.

Es liefen nun wie vom Band die üblichen Rituale ab. Sie erkannte mich, lächelte nicht verbalisierbar, nickte freundlich und grüßte. Ich nuschelte etwas, das ebenfalls einen Gruß darstellen sollte und wir entfernten uns in entgegengesetzten Richtungen. Ich glaube, sie war sogar kurz zusammen gezuckt, aber es war eher ein freudiges Erschrecken. Jack London hätte etwas geschrieben wie „Es durchfuhr sie beide, und sie spürten es!“ oder dergleichen.

Ja, und das war es dann. Danach habe ich sie nie wiedergesehen. – Dies aber war das erste Mal in meinem Leben, dass ich diese ungeheure Wut in mir spürte, zu der fähig zu sein ich nie für möglich gehalten hätte…

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